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Der Israelit · 1909-02-25 · Heft 8 (25.2.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 8 (25.2.1909)
Date
1909-02-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr 8 des „Israelit" Samuel da Nagiü. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. euilleton (Fortsetzung.) Sechstes Kapitel. Am anderen Morgen, bereits in den ersten Stunden des Tages erschien Bologguin, der Bruder des Königs bei Samuel in Begleitung einiger Freunde. Wie eine Katze schlich er an Samuel heran. „Nun, Freund Samuel, ist Deine Begeisterung für den König noch immer so groß? Das was Du gestern erlebtest, das war der Anfang, was noch kommt, kannst Du Dir wohl ausmalen, das Geschick scheint endlich auch Dich erreichen zu wollen. Eines Tages wird Badis in seiner Trunkenheit den Wurfspieß gegen seinen David schleudern, aber dieser David wird ihm nicht entrinnen. Auch sein unterirdischer Gang wird ihm wenig nützen, wenn der Khalif höchst selbst mit seiner geheiligten Hand, -die rötliche Waffe an seinem Vezier probieren will". Er stieß ein rohes Gelache aus. Samuel erschrack, nicht über die Sprache Bologguins, sondern darüber, daß man in der Familie des Königs von seiner Fluchtgelegenheit Kenntnis hatte. „Der Gang", sprach er, „dient nicht dem Zwecke, dem Du glaubst, abgesehendavon, daß ich ihn bei Kauf dieses Hauses bereits vorfand und ihn nur bis zu meiner Sommerwohnung erweitern ließ, kann er dem Könige einmal sehr nützlich werden. Schon einmal in der Geschichte unseres Volkes hat ein Rabbi mit einem Herrscher vermittels eines unterirdischen Ganges verkehrt und auf diese Weise dem Herrscher unschätzbare Dienste erwiesen".*) „Erschrick nicht, Samml, von uns erfährt der König kein Sterbenswörtchen von Deiner Höhle, wir sind im Gegenteil Dir für sie noch dankbar, denn wir haben die Katakombe seit Wochen für unsere Versammlung benutzt — mit Deiner freundlichen Erlaubnis, setzte er spottend hinzu. Und nun sollst Du erfahren, worum es sich handelt. Du selbst wirst von unserem Vorhaben, den größten Vorteil haben, denn wie jetzt Deine Stellung Dir unter den Füßen zu schwinden beginnt, so wird sie fester sein wie je vorher, wenn eist ich den mir rechtmäßig zukommenden. Trön meiner Väter bestiegen haben werde, wenn der Tyrann erst gefallen sein wird. Eine Tat, sonst vielleicht nur Frevel, durch Dich möge sie geadelt werden". „Um Gottes heiligen Namen willen", rief Samuel, „was habt Ihr vor?" „Den Tyrann recht bald in seinem Blute schwimmen zu lasten. Seinen Kopf recht bald am Tore der al-Hambrah prangen zu sehen, das ist unsere höchste Sehnsucht. Die Perlenkette seiner Köpfe wird dann um ein besonders feines Stück vermehrt sein". „Früher einmal schon", lief Samuel, „hattest Du die gräßliche Absicht, Deinen Bruder den König und mich zu ermorden, um Dir durch Blutvergießen Rechte zu erringen, die Dir nicht zukommen. Lange Jahre hindurch lebtest Du durch Zureden Deines Lebensretters Rabbi Nissim und auf meine Vorstellungen in Friede und *) Antoninus und Rabbi. frei von Sünde und jcht willst Du auf einmal Deine reinen Hände auf ewig beflecken?" „Heute", lachte Bologguin roh, „bin ich klüger geworden, heute können mich Deine salbungsvollen Redensarten nicht mehr rühren Einstmals hattet Ihr Juden es durch Eure Tücke fertig gebracht, mich van dem mir vvrgrschrirbrnrn Wege abzubringen, heute ist Dein Mühen vergebens. Es ist unser felsenfester Beschluß, daß der Tyrann zum Wähle des Landes, zur Ruhe seiner Familie und zur Verhütung weiterer Grausamkeiten fallen muß. Du, Samuel, hast jetzt die Wahl, willst Du unsere Pläne fördern und uns zur Ausführung unseres Vorhabens behülflich fein, dann ist es gut, Du wirst dann größer als je dastehen. Weigerst Du Dich, dann wird der Kerker der al-Hambrah für den Rest Deines Lebens Dir gewiß sein, falls wir es nicht vorziehen sollten, Dein teures Haupt neben das Deines guten Freundes Badis aufzupflanzen". Samuel erhob sich nach diesen Worten von seinem Ruhedivan. Das überaus bewegte Geistes¬ und Gemütsleben des Veziers war durch die Hülle seines durch die jüdische Weltanschauung geläuterten Gleichmutes nicht zu erkennen. „Fern sei eS von. mir, meinem teuren Gebieter auch nur ein Haar zu krümmen und selbst wenn ich sofort des Todes wäre. Euch aber, Ihr Verblendeten, möge folgendes gesagt sein. Weniger in der Persönlichkeit Badis, als in der Entartung der Berber liegt die Gefahr für die Freiheit des Staates. Badis Herrschsucht und Ueberhebung ist nur der Wiederspiegel Eures Sklavensinnes, durch Badis Tod wird nicht die Wurzel des Uebels getroffen. Die Menschen sollen tun, was in der Gegenwart gut und gerecht ist, das Künftige aber der göttlichen Vorsehung überlassen. Hiergegen fehlte der Römer Brutus, indem er seinen Herrn und Wohltäter meuchlings ermordete, hiergegen möchte Samuel nicht fehlen. Sollte aber das ganze Volk wider den König aufstehen, ihn zu töten, so würde ich ihn zu retten suchen. Gegen einen Mann, von dem ich freiwillig Ehren- und Gunstbezeugungen angenommen habe, gegen einen solchen Mann habe ich nicht mehr die Freiheit treulos zu handeln, selbst wenn ich es wollte, ich muß ihn retten". „Diese Wendung kommt mir wie erwünscht", murmelte Bologguin leise, „mit niederen Gefühlen führt man bei ihm nichts aus, ihn müffen stets höhere edle Motive leiten, mag er fallen durch seinen Edelmut". Siebentes Kapitel. Auch viele andere Leute in Granada waren unzufrieden mit Badis. Im Anfänge seiner Regierung hatte dieser Fürst einige Hoffnungen erweckt, daß er gerecht und edel herrschen und sich ganz dem Einflüsse seines Veziers unterordnen werde, aber in der Folge erwies er sich immer mehr als grausam, meineidig und blutgierig und als der schamlosesten Sinnenlust ergeben. Zunächst beklagte man sich bei Samuel und als dieser nicht imstande war, den König von seinen üblen Gewohnheiten abzubringen, murrte man im Lande über den Tyrannen und endlich zettelte man Verschwörungen an. Samuel vermied es, soweit es möglich, Badis von den Regierungsgeschäften zu unterrichten, er suchte alle Angelegenheiten ohne den König zu erledigen, aber heute mußte er den König sprechen, es lag Wichtiges vor. „Was willst Du, Ju^e", schrie der betrunkene König, „ich entkleide Dich Deiner Aemter, lange genug hat ein Jude die höchste Würde nach dem Emir in einem mohammedanischen Reiche inne gehabt". „Gegen Deinen Willen", sagte Samuel, „regiert bei Dir ein Jude und gegen Deinen Wille-, erweisest Du den Verbündeten, die den Hischom als Khalifen anerkennen die unschätzbarsten Dienste". „Du sprichst in Rätseln. Erkläre Dich deutlicher, ich bin kein Freund Eurer dunklen Midraschim". Badis lachte roh. Er glaubte, er hätte einen vorzüglichen Scherz gemacht „Nun", sagte Samuel, „Du ließest Zohair belagern nnd töten, einen größeren Dienst konntest Du den Verbündeten, die den Hischam als Khalifen anerkennen, nicht erweisen. Zwar ist der Amiride Abdat-Aziz von Valencia, der das Fürstentum Almeria in Besitz genommen, nicht imstande seinem Freunde dem Kadi von Sevilla, Hilfe zu leisten, denn er wurde bald gezwungen, sich gegen Modschehid von Denia zu verteidigen, der mißgünstig.« Auges die Vergrößerung des Nachbarstaates sah, aber der Kadi hatte wenigstens keinen Krieg gegen Almeria zu befürchten". „Ich verstehe Dich noch immer nicht, sprich deutlicher". „Nun da er von dieser Seite her beruhigt ist, denkt er jetzt daran zum Angriff gegen die Berbern zu rüsten". „Du siehst überall Gespenster, Samuel, Ihr Juden seid ein überaus ängstliches Völkchen". „Unser König und Sänger sagte schon vor. langer Zeit : Heil dem Manne, der immer siirchtet. Aber diesmal ist meine Furcht nur allzu begründet. Bereits hat der Kadi mit Mohammed von Carmona den Anfang gemacht. Mit einer Partei in Granada hält er ein Einverständnis und sucht hier eine Revolution zum Ausbruch zu bringen". Badis erblaßte. „Du weißt noch mehr, als das was Du bis jetzt geäußert, berichte alles was Du weißt, aber bei Deinem Kopfe verschweige nichts. Ich muß alles wissen". „Die Seele der Verschwörung", erzählte Samuel, „ist ein Abenteurer, Abu!-Fotuch, mit Nam n Weit von Spanien entfernt, in Dschordscham, dem früheren Hyrcanien, geboren, hat er Literatur, Philosophie und Astronomie bei den berühmtesten Lehrern Bagdads studiert. Aber er ist mehr als nur Gelehrter: als vortrefflicher Reiter und unerschrockener Krieger schätzt er einen edlen Renner und eine wohlgehärtete Klinge ebenso hoch wie ein schönes Gedicht oder eine gelehrte Abhandlung. Vor langer Zeit nach Spanien gekommen, wahrscheinlich um hier sein Glück zu machen, verbrachte er einige Zeit am Hofe Modschehids von Denia. Dort unterhielt er sich mit dem gelehrten Fürsten über Literatur, arbeitete an seinem Kommentar zu der grammatischen Abhandlung, welche den Titel Dschomal trägt, und kämpfte an der Seite des Fürsten in Sardinien,' dann wieder dachte er über die abstraktesten philosophischen Fragen nach oder suchte die Zukunft aus dem Lauf der Gestirne zu ergründen. Als er später nach Saragoffa, der Residenz Mondhirs, kam, schloß dieser Anfangs sehr intime Freundschaft mit ihm und vertraute ihm die Erziehung seines Sohnes an, als aber unser beider guter Freund Jbn Migas dorthin entfloh, verdrängte er diesen Menschen, um sich an dessen Stelle zu setzen und Mondhir gab ihm deshalb eines Tages zu verstehen, daß er seiner Dienste nicht mehr bedürfe und ihnr deshalb gestatte, Saragoffa zu verlassen. Seitdem weilt er hier". Samuel hielt inne in seinem Berichte. Er beobachtete den Eindruck, den feine Rede auf den König hervorrief. Dieser kam in eine immer höhere Spannung. „Was erzählst Du mir für eine langweilige Lebensbeschreibung eines Mannes, der mich nicht interessiert. Ich glaube, Du treibst Deinen Spott mit mir, sage kurz, was Abut-Fotuch hier macht". Samuel ließ sich aus seiner Ruhe nicht aufbringen. Die Erfahrungen der langen Jahre, in denen er mit dem Könige verkehrte, veranlaßten ihn, je hitziger sein Herr wurde, desto eisiger sich ihn« gegenüber zu zeigen. (Fortsetzung folgt.)

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