Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1909)
- Date
- 1909-02-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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B. die irrige Lehre, daß 8-Monatskinder sterben, 7-monatliche aber am Leben bleiben können. Auch die im Talmud nicht seltenen griechischen Bezeichnungen für medizinische Dinge sprechen hierfür. Trotzdem kann von einem unbesehenen Herübernehmen der fremden Medizin in den Talmud nicht die Rede sein, wie das fast alle bekannten Werke über Geschichte der Medizin angeben. Im Gegenteil, wir sehen, wie die Talmudisten selbständig untersuchen und so zu ganz anderen und richtigeren Resultaten gelangen, z. B. schon in der Anatomie. So stellt der Talmud die gynäkologisch-anatomischen Verhältnisseim Gegensatz zu Galen und Soranus richtig dar. Die Mischnah zählt 248 Knochen. Die Zahl wurde bei der erwähnten Sektion der Schüler des Rabbi Jsmael durch Kochen einzelner Glieder zur Entfernung der Weichteile, wie noch in unseren heutigen Anatomien gewonnen. Nach Hippocrates beträgt die Zahl der Knochen 91. Allerdings zählen wir heute nur 213 Knochen. Indes an' Embryonen und jugendlichen Personen (etwa vof dem 20. Jahre) bestehen eine Anzahl Knochen z. B. der Oberarmknochen aus Schaft- und Kopfstücken- (Uiaphysen und Epiphysen), welche durch eine Knorpelfuge aneinandergelötet sind und erst später verwachsen. Diese Knochen zerfallen aber beim Kochen, wie in dem zitierten Falle, in ihre Tellftücke und dann stimmt die Zahl. (Näheres hierüber bei Dr. med. Katzenelson aus St. Petersburg Die normale und pathologische Anatomie des Talmud. Historische Studien aus dem. pharmakolog. Institut der Universität Dorpat.) Aehnliche Selbständigkeit der Forschung beweisen die Kenntnisse der Talmudisten in Bezug auf Nerven und Gefäße, auf Gynaecologie und Seuchenkunde. Ja, wir sehen sie im Altertum kaum geahnte und nur hie und da zögernd und schrittweise betretene Bahnen der Forschung und Betrachtung einschlagen, welche unsere Wissenschaft erst seit ca. 200 Jahren wieder mit gleicher Gründlichkeit und gleichem Verständnis zu wandeln gewöhnt ist, ich meine die Wege pathologischanatomischer Forschung. Das anatomische Denken in der Medizin, welches in jeder Krankheit pathologische Vorgänge auf Grund bestimmter anatomischer Gewebsveränderungen der Organe sieht, datiert (nach Birchow) von Morgagin (1682—1771). Erst seitdem kann man von einer systematischen Durchsuchung von Leichen nach pathologisch-anatomischen Veränderungen reden, wodurch unter der Hand von Männern wie Kokitanski, und Birchow die glänzende Entwicklung der medizinischen Forschung in unserer Zeit heraufgeführt worden ist. Wohl sehen wir schon bei den Griechen und Römern Ansätze zu solcher Forschungsweise. Wohl wurden Sektionen gemacht, aber nur im Interesse des Studiums der normalen Anatomie und trotzdem mußte die Tieranatomie zumeist die menschliche ersetzen. ^Allerdings hat Hippocrates nach pathologisch anatomischen Veränderungen gesucht, z. B. zur Erforschung der Todesursache nach penetrierenden Bauchwunden und bei Brustfellergüssen, wohl hat auch Erisistratus (um 300 v. u.Z.) einzelne pathologisch-anatomische Sektionen gemacht und .auch Celsus in dieser Richtung gestrebt, wohl hat Galen, wie wir sehen, eine vielversprechende Krankheitseinteilung auf pathologisch-anatomischer Grundlage gegeben, aber darüber hinms kannte man pathologische Anatomie im ganzen Mittelalter nur in der Ansammlung von Monstrositäten und Kuriositäten. Wie anders im Talmud! Hier mußte auf Grund des Trephagesetzes, welches wir oben erwähnten, die Forschung naturnotwendig sich in pathologisch-anatomischer Richtung bewegen. Es war feftzustellen, welche Organveränderungen als harmlos und heilbar und welche als lebensgefährlich anzusehen seien. Man mußte daher die Organe, in ihrer physiologischen Tätigkeit, in ihrer Stellung zum Gesamtorganismus und vor allsm in ihren pathologisch-anatomischen Veränderungen studieren und letztere klar, auch dem Laien verständlich, schildern, die physiologische Wirkung dieser krankhaften Veränderungen auf Gesundheit und Leben und die Art, wie sie symptomatisch in die Erscheinung treten, studieren, auch die Möglichkeit der Heilung eruieren, in vielen Fällen auch ihrer Ensstehung nachgehen. Alle diese Aufgaben wurden glänzend gelöst. Dr. med. Markus Hirsch hat im Jeschurum 1867 über die pathologische Anatomie der Lungen und des Brustfells, wie sie uns un Talmud entgegentritt, als Arzt Betrachtungen angestellt und die Rationalität der talmudischen Ansichten und Entscheidungen in Hinsicht auf diese Organe dargetan. Die Schilderungen an jener Stelle und bei Katzenelson (I. o.) zeigen unter anderem, wie diejenigen Prozesse, weiche wir unter dem Einstusse der Tuberkulose entstehen sehen, von den Talmudisten geschildert werden Die Schärfe der Beobachtung und die Schulung im pathologischanatomischen Denken mag folgende Stelle beweisen (Chulin 47 b) Rab Chünina und Rab Nachmann erklären eine Lunge, welche von Hohlräumen mit flüssigem Inhalt (Cavernen) durchsetzt ist, für koscher. Raba äußert sich aber dahin: Solche Cavernen sind nur dann koscher, wenn die lustführenden Röhren (Siwponotb) intakt sind, sind diese zerstört, so find sie trepho. Es handelt sich eben nach unseren modernen Begriffen offenbar im ersteren Falle um einfache höhlenartige Erweiterung der Bronchien (Bronchectasie), in letzterem Falle um tuberkulösen Gewebszerfall (tuberkulöse Cavernen). Schon eine einzige solche Stelle beweist die vollste Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Talmudisten auf diesem Forschungsgebiete. Man wird in der ganzen alten Medizin vergebens Aehnliches suchen. Hippocrates handelt, wie wir oben gesehen haben, diese beiden Krankheiten mit anders» zusammen ab, da er sie nur unter dem Gesichtspunkte ihrer Symptome (Husten rc.) betrachtet. Ganz besondere Lebensgefahr sah der Talmud in der Durchlöcherung der Lungenoberstäche, und mit Recht, da die dadurch in die Brustftllhöhle entweichende Luft den gefürchteten, fast immer tödlichen Pneumothorax (Anfüllung der Brustftllhöhle mit Luft) im Gefolge hat. Das Verständnis für diese Vorgänge ist um so bemerkenswerter, als Galen fälschlich die Brustfellhöhle normaler Weise mit Luft gefüllt sein läßt und dieser Luft eine Rolle bei dem Atmungsmechanismus^ zuweist. Eine ähnliche erstaunliche Sicherheit der Beobachtung läßt sich in den Anschauungen über die Rolle des Bauchfells bei Erkrankungen feftstellen. Die Gefahr einer Bauchfellentzündung haben wir in der Aera der Blinddarmentzündung Lebenden alle würdigen gelernt. Die alten Talmudgelehrten wußten so genau, wie wir heute, daß eine Durchlöcherung des Darmes oder der Gallenblase (Chulin 48») zur tödlichen Bauchfellentzündung führt (Chulin 49 b), sie wußten aber auch, daß diese Gefahr nicht besteht bei Durchlöcherung des Dickdarms unterhalb der Umschlagstelle des Bauchfellüberzugs (Chulin 50») (extraperitoneale Perforation) und daß die Gefahr ausgeschaltet ist, wenn an der Durchlöcherungsstelle eine Verwachsung mit einem anderen Organ oder einer anderen Darmschlinge eingetreten ist. Wenn ich in Folgenden nun einzelne im Talmud austretende Anschauungen und dort geschilderte Erkrankungen und Heilverfahren anfiihre, so macht diese Herzählung keinerlei Anspruch auf einige Vollständigkeit. Was den Zirkulationsapparat anlangt, über dessen anatomische und physiologische Betrachtung bei den Alten oben ausführlich gesprochen wurde, ist es interessant, die Meinung der Talmudisten zu hören. Die Lungenvene