Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1909)
- Date
- 1909-02-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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25. Februar' 1909 Ho. 8 Sette 9 orthodoxen „Betgenoffeuschaft" alle üblichen Chikanen zuteil, ihre Talmud-Thora-Schule wurde denunziert, durch die „liebevolle" Fürsorge der „Muttergemeinde" wurde es verursacht, daß die Orthodoxen wochenlang ohne ihren Anforderungen entsprechendes "IT2D Fleisch waren usw. Und nun ist auf einmal all dieser Tyrannei der „Muttergemeinde" ein jähes Ende gemacht worden . . . Und da ist der Aerger der alten „Muttergemeinde", die ihre steuerzahlenden Mitglieder verliert, begreiflich. - Türtret. Unter Sem neuen Regime. (Bon unserm Korrespondenten) Konstantinopel, 18. Februar. Wie zu erwarten war ist an Stelle des greisen Kiamil-Pascha Hussein Hilmi Pascha zum Großvesir ernannt worden. Kiamil-Pascha, der als Jude geboren und in seiner Kindheit — er soll damals 14 Jahre alt gewesen sein — mit seiner Familie zum Islam übergetreten ist, hat das türkische Staatsschiff durch die schwersten Stürme geleitet,- mit überwältigendem Beifall wurde unlängst noch sein Tätigkeitsbericht von der Kammer angehört und entgegengenommen. In seinem Bestreben jedoch, die Macht, des Komite's für Einigkeit und Fortschritt zu schwächen, um nicht einen Staat im Staate auskommen zu lasten, verlor er plötzlich die Gunst der Jungtürken — und er fiel. Für die Toleranz und das Feingefühl der Türken ist es bezeichnend, daß sie auf der Suche nach Anklagen gegen Kiam.l, um seinen Sturz zu beschleunigen, ihm seine Abstammung nicht zum Vorwurf machten. Um so lächerlicher erscheint uns das Programm, mit dem hier ein soeben gegründetes 'S&VöVt Vft ist — nämlich, den Antisemitismus abzuwehren. Zu diesem Behufe will man das bekannte Buch Israel ehez les Nation» übersetzen. Ein solches Blatt dürfte hier mehr den Antisemitismus verbreiten und die türkischen Leser in. eine ihnen ganz unbekannte Welt einführen Viel wichtiger erscheint uns die Gründung eines jüdischen Blattes hier, das auf die jüdischen Massen aufklärend wirken und ihr Selbstbewußtsein heben soll. Die jüd.-spaniolischen Blätter in Konstantinopel find zum großen Teil allgemeinen Charakters. Mit jüdischen Angelegenheiten befassen sie sich weniger oder gar nicht. Nur einmal griffen sie ein in die Gemeindeangelegenheiten, gelegentlich der Rabbinerfrage. Telegrafo, Bos, Patria, waren gegen Nah um, Tiempo für Nahum. Die drei ersteren mußten bald ihren Kampf wieder aufgeben, da sie von den Freunden Nahums mit allem Möglichen bedroht wurden. Neulich scheint ihnen aber ein Rächer erstanden zu sein. Ein türkisches Organ „Muse der" machte die jüdische Angelegenheit zu der seinigenin einem sachlichen Artikel über die Vorgänge bei der Wahl des Großrabbiners geißelt er die Parteilichkeit des Mischlisch wie des Kaimakams, findet es begreiflich, daß die Rabbiner des Auslandes in diese höchst wichtige religiöse Angelegenheit sich einmischten, wirft Nahum vor, die Ursache der Zugrunderichtrmg der Gabella zu sein, weswegen die armen Juden in so großem Elend sich befinden und rät ihm, im Interesse feiner Glaubensgenossen, doch endlich zu demissionieren. Die Zeitung verspricht feierlichst, nicht eher zu rasten, bis in dieser Sache Gerechtigkeit geschaffen ist. Daß die Gabella, die zu den Privilegien der Juden hier gehört, von der Regierung nicht gesichert wird, ist mehr als bedauerlich. Bis jetzt hatte der Chachambaschi die Macht, den 2'2Lp das Fleisch wegzunehmen, wenn sie nicht die Fleischsteuer entrichtet haben, heute kämpft der junge Karmakam vergebens. Die Gemeindekaffen sind leer. — Wie lange werden noch die Armen sich mit Hoffnung und Versprechungen abspeisen lassen? Der neue Großvesir versprach in seiner Programmrede, die er letzten Mittwoch vor der Kammer verlas, feierlichst, die Einheit des Reiches durch die Wahrung der Einzelrechte der verschiedenen Nattonen und Religionen zu ermög- I Der JSraelit. —\ ■ — ■ ■■■■ —■ - ■ ■—1 ----- lichen. Hoffentlich wird er auch für die erwünschte Wiederherstellung der Gabella Sorge tragen. Der Mischlisch bezog bereits das neugemietete Haus in Pera, das hübsch und modern eingerichtet wurde. Es wird geplant, dort auch den Sitzungssaal für das Beith-Din einzurichten. Mit Rücksicht auf die arme Bevölkerung in Haskey und Balat, die am meisten ihre Angelegenheiten glücklicher Weise vor das -|'2 bringt, sollte man doch die 2^21 wie bis jetzt in Balat ihre Sitzungen abhalten lassen. Wegen Raummangels mußte wiederum ein? Reihe von Artikeln und Korrespondenzen, darunter auch der Artikel „Die Schranken des Naturerkennens", bis zur nächsten Rümmer zurückgestellt werden. llemlscdtts. Prestburg, 18. Februar. Herrn JgnatzBreiner, der aus Anlaß des Kaiserjubtläums ein bebrätfches Huldigungsgedtcht verfaßt hat, wnrde dieser Tage von Herrn Obergesvann de'- Dank des Kaisers ausgesprochen und mitgereilt, das; das Manusprikt der Kaiser!. Bibliothek einverleibt wurde. Berlin, 16. Februar. Während des Jahres 1906 sind in Deutschland 1690 Ehejibiläumsnledailleii verliehen worden; davon entfallen aus di? Provinz Brandenburg mit, Berlin 216. 1069 Ehepaare gehörten dem evangelischen,'349 dem katholischen, 31 dem jüdisch, n Religionsbekenntnis an. Hamburg, 16. Februar. Zu Ehren des 40jäh rigen Dienstjubiläums der Oberlehr, rin an der Jsrae litischcn Töchterschule, Frl. Marl; Marcus, wurde bekanntlich vom Schulverstand, v)n ehemaligen Schülerinnen und Freunden der Jubilarin eine größer? Summe aufgebracht und der Jubilarin unter denr Rainen „Mary Marcus-Stiftung" für ihre Humanitären Bestrebungen übergeben. Frl. Marcus hat nun der Stiftung die folgende Bestimmung gegeben: Es sollen aus den Zinsen des Kapitals ehemalig? Schülerinnen der Israelitischen Töchterschule während ihrer Minderjährigkeit ein Stipendium oder in Fällen unverschuldeter Rot eine Unterstützung erhalten. Das Kapital der Stiftung ist bei der Depositenkaste für milde Stiftungen der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hinterlegt worden, lieber die Verteilung der Zinsen an die einzelnen Bewerberinnen entscheidet das Kuratorium, das aus zwei Mitgliedern des Schulvorstandes, den Herren Dr. Jul. L i p p m a n n , Dr. Norbert L a b o iv s k y , aus zwei Mitgliedern des Lehrerkillegiums, Frl. A. N e u st a d i und Herrn I. G olds ch m i d t und Frl. arcus als Vorsitzender, besteht. Die 'Stiftung wird mit dem l. dlpril d. I. zum ersten Mat in Wirksamkeit tretet!. Nürnberg, 16. Februar. Im neuen jüdische» Friedhose sind durch die hereingebrochenen Wasserwoge, i arge Verwüstungen angerichtet worden. Pilsen, 19. Febr. Am letzten Freitag Abend entstand während des Gottesdienstes in der Synagoge auf der linken Frauengalerie ein Balkendrand. Dunr der Besonnenheit aller Faktoren vollzog sich die Räuluuilg des Gotteshauses in vollster Ordnung und sehr rasch. Der erhebliche Materialschaden ist durch Versicherung gedeckt. Sprecbraai. Zur Revin'ousbeweguug i« Bayer«. Sulz bürg (Oberpfalz), 7. Febr. Geehrte Redaktion! Herr S. F. wendet fich mit Recht gegen die Schlagworte, die im Kampf um die Revision an Stelle der sachlichen Auffassung der gegebenen Tatsachen treten (Nr. 5 des „Israelis). Eines dieser Schlagworte, am grünen Tisch besprochen und unbeeinflußt von jedem objektiven Eindringen in die Wirklichkeit, ist „der Ruin der Landgemeinden" unter einer etwa kommenden Finanzzentrale. Herr S. F. steht merkwürdigerweise selbst noch mehr als der von ihm darob Angegriffene unter dem faszinierenden Eindruck dieses Argumentes. Untersuchen wir es etwas näher. Oberflächlich betrachtet, scheint eS tatsächlich etwaS für fich zu haben. Wenn die Landgemeinden immer nach der Zentrale blicken müssen, nach den Herren „Kommerzienräten und Justizräten", so heißt es, so besteht die große Gefahr, daß ste, um nicht den Unwillen dieser Gebieter zu erregen und finanzielle Borteile zu verscherzen, fich auch in der Organisation der religiösen Institutionen beeinflussen laffen könnten. Herr S. F. stimmt darum tatsächlich mit seinem Gegner darin überein, daß die obligatorische Hilfe zurücktreten solle zugunsten der bereits tm Landesverein bestehenden Wohltätigkettshilsszentrale. Man geht darüber leicht hinweg und ahnt nicht, wie zwei solch kluge Männer ihrer eigenen Auffassung ins Gesicht schlagen, welch furchtbare Verantwortung sie aus sich nehmen, wenn es ihnen gelingt, diesem Prinzip zur Sanktion zu verhelfen. Der Himmel bewahre unS vor dieser Wohltätigkeit — wenn irgend etwas geeignet sein könnte, dm Ruin und die Abhängigkeit der Landgemeinden von jmen angebltchm Mächten zu beschleunigen, so wäre es das Schielen nach dtefm Brockm, die ihnm von dm desti possidentes htngeworfen werden. ES ist einfache Korruptionich dächte, jeder, der daS Wesen dieser bisher gewähttm Unterstützungen kennm gelernt, hätte genugsam das Gefährliche ihrer Wirkung längst erkannt. Wem hatte nicht schon daS Herz geblutet bei dem Anblick, wie führmde orthodoxe Rabbiner sich in unerhörter Weise eine wegwerfende Kritik ihrer auf aufrichtigste njlÖK aufgebautm Amtsführung bieten lassen mußten ohne daß eingefchrittm wurde, wie man mit dm Achseln zuckte, wmn eine min ißp eine mpö zu reparieren war, wie man hinwieS daraus, daß der' bett. RabbinatSbezirk selbst nur wenig für dm LandeSvrrein aufbringe? Wem hätte nicht das Herz geblutet, wenn es da dm Angegriffenm kaum gelang, ein schwaches Wort der Verteidigung zu sprechm, — denn man wollte es nicht für „seine Gemeinden" verderbm, man beugte fich und bückte sich unter der Wucht der Herren, mit denen man mit Rücksicht auf die von ihnm zu ermattende Unterstützung «s nicht verderben wollte. Gar manchmal beschlich mich da der Gedanke: Ist dies nicht fast eine — selbstverständlich unbewußte — Charakterschwäche der führenden Geister? Geradezu ein „Ruin" der *1122 mmn? Ja, ich möchte behaupten, bas Ruinierende und Korrumpierende wirkt bei den naturgemäß in dm efährltchea Zusammenhang nicht so sehr als auf daS Nächstliegende, das Geld, blickenden, diesbezüglich also oentger urteilsfähigeren Landgemeinden, nicht so schädlich als bei einzelnm Rabbinern. Und ist eS nicht wirklich beschämend, daß wir bloß um des lieben Geldes willen uns ohne weiteren Zwang und ganz freiwillig unter die Führung und Leitung jmer Herren begeben, 'wie eS bisher gewesen? Gewiß, ich spreche es hier vor der Oeffentlichkeit tobend aus, die führmden Herren deS LandeSveretnS habm sich die unschätzbarsten Verdienste um die Landgemeindm erworbm, ste habm in edelster Abficht es fich angelegm sein laffm, sie finanziell zu mtlastm, tm Allgemeinen auch, die religiösen Jnstttmionm zu ermöglichen. /Selche Waffe gebm wir ihnen aber damit in die Hand! Wir geben ihnen die Macht, weil sie uns daS Geld gebm. Wir fitzen jedes Jahr einige Smndm als Bittende vor ihnen, — um dann vielleicht nach beendigter Sitzung extra muros gegm sie bezw. ihre religiösm Aeußenmgm zu protestieren Wahrlich, ein Zustand, der nicht geeignet ist, unser Renommee in ihrm Augen zu hevm. 2 ürfm ste 'licht sagen: „Sehet, wo eS fich um Geld handelt, da kommm ste zu uns, da schweigm für einige Stunden die elbstbewußten Prinzipien"? Ich schweige davon, daß wirklich Gemeinden, die recht wohl imstande wärm, ihre eigenen Ausgaben zu bestreiten, zu der Charakterlosigkeit direkt erzogen werden, als Bettler 's«. hw-vivottm. unä lüL wirklich dürftigen Gemeinden indirekt damit zu schädigen. Ich schweige auch davon, daß manche Gemeinde, die schwer zu kämpfen hat, Charakter genug besitzt, um nicht wegm lumpiger 5V oder 100 M. die „Wohltätigkeit" in Anspruch zu nehmen, un) die ehrbare Ueberlieferung der in Würbe alt gewordenen nhftp zu erschüttern. Und diesen Zustand wollen Sie konservieren helfen? Auf die Wohltätigkeit der Neologie bauen Sie? Die Liberalen und ihr gut.S Herz und ihr großer GeldveutÄ soll daS letzte Refugium sein, in welchesSle die religiösm Institutionen in Verwahrung gebm wollen! Also die Zukunst brr Otthodoxie liegt bei dm „Liberalen"! — M. H. Fügen Sie nicht zu der Unklugheit auch noch die Lächerlichkeit. Ich behaupte also, die Wohltätigkett ist der ficherstr Weg, dm letzten Rest religiösm SelbstbewußtfeinS, wie er fich gerade in die Landgemeinden geflüchtet, (zu ruinieren. Und die obltgawrtfche Finanzzmtrale? Run, diese ist meines ErachtenS recht wohl diskutierbar, ja wohl der springende Punkt der ganzen Revision. Wollm wir de« Ruin der Landgemeinden Vorbeugen, so gibt es nur ein Mittel: Ihnen die finanziellm Sorgen abnehmen! Wen» eine Gemeinde keine fflpb errichten, ihre eingefallene Synagoge nicht aufbaum, keinen Schulverweser länger al» ein Jahr erhalten kann, well die n cht einmal sehr bedeutendm Mittel dazu schien, so ist das sicherer „Ruin". Die Mittel dürfen auch nicht allzu knapp sein, wenn nicht dm „Baalebatttm" die Freude am Kehillolrben geraubt werden soll, wenn nicht die Mitglieder auS Furcht vor dm überaus drückenden Abgaben, die vielleicht durch eine GemetndeauSgabe von 100 M. dm Kultuszuschlag zu dm Staatsabgaben gleich um 30—40 Prozent emporschnellm laffen, immer mehr in die Großstadt flüchtm und als indifferentes urteilsloses Proletariat dott dm Abfall vom tradtttonellm Judentum vermehren helfen sollm. Doch woher soll diese Unterstützung kommm? Nun, auf kernen Fall durch „Wohltättgkeit". Nein, sie muß auf dem strengm Recht aufgebaut seinnicht Bitten, sondern Ansprüche erheben, fem von jeder Bettelei, die der gebendm Behörde jede Möglichkeit benehmen, fich als wohltätige Spender zu gerieren und zu fühlm. Der Weg dazu ist meines Erachtens nicht schwierig, er ist ünS in der mifl vorgezetchnet. es ist der streng jüdische Standpunkt BW kS SnrU WV i6l P'VWN, d. h. sämttiche Kultudgememdm werden zu diesen KuttuSsteuern gleichmäßig herangczogm, sie bringen in corpore ihrm Bedarf solidarisch selbst auf. Jede, auch die kleinste Gemeinde führt meinetwegen pro Kopf 2 M. an dieZentralkaffe von Gemeindewegen, daS ergibt jährlich 90000 M, welches genügmd ist, um,aller Not zu steuern. An die armm Gemeinden fließt ja das Geld reichlich wieder zurück, sie brauchen fich ebensowenig dafür zu bedanken, wie dem Staate gegenüber als Steuerzahler für trgmd eine Wohltat durch Staatsinstituttonen Dann kann für sämttiche Kultusbeamten ein Mtnimaifixum gleichmäßig von der Zentrale aus garantiert und das Fehlmde dm armen Gemeinden zugeschoffm werden, nicht als Wohltatz sondern als wohlerworbmeS Recht. Dann werdm die