Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1909)
- Date
- 1909-02-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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26. Februar 1909. Urteilen, welche diese Vorzüge bestreiten, schließt sich nunmehr auch die „Königliche Technische Deputation für das Beterinärwesen" an, deren Kompetenz auch der wütigste Schächtgegner widerstrebend anerkennen muß. Diese höchste fachzuständige Instanz von Preußen wurde anläßlich eine- Streites zwischen den Fleischermeistern und dem Schlachthofkuratorium mit der Erstattung eines Gutachtens über den Wert des S.chutzverfahrens betraut. Das Gutachten besagt u. a.: „1. Die Tötung mittels der Behrichen Schlacht- Pistole, des Stoffschen Kugelschuß-Apparates und anderer Sct ußapparate verdient, vom Standpunkt der Humani tät betrachtet, vor anderen Tötungc arten nach den bisherigen Erfahrungen nicht einen derartigen Borzug, daß ihre zwangsweise Einführung befürwortet werben kann. 3. Die Behrsche Pistole (Bolzenschuß-Apparat) bewirkt nur beim Kleinvieh, nicht aber bet schweren Bullen und Ochsen, eine vollständige Betäubung. Dagegen kann durch den Stoffschen und anderen Kugelschußapparaten das AuSbluten behindert und infolgedessen das Fleisch beeinträchtigt werden. Die Benutzung der Kugelschußapparate ist außerdem für den Menschen viel gefährlicher als der Gebrauch der Brhrfchen Pistole." Auf Grund dieses Gutachtens wurde nun die auf dem hiesigen Schlachthofe versuchsweise eingeführte Bolzenschuß-Pistole zum Töten des Großviehs wieder abgeschafft. > gar ■ —— - Berlin, 18. Febr. Durch die Blätter ging in der letzten Zeit eine Notiz, wonach ein ministerieller Erlaß existiere, der den Juden den Eintritt in die Karriere der mittleren Verwaltungsbeamten erschwere bezw. fast unmöglich mache. In einer der letzten Sitzungen der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses hat nun der Minister des Innern v. Moltke Gelegenheit erhalten, sich zur Sache zu äußern. Auf die Anfrage eines freisinnigen Abgeordneten erklärte er, ein Erlaß, nach welchem Juden zu Kreissekretären und Regierungssekretären nur mit ministerieller Genehmigung ernannt werden können, sei ihm nicht bekannt. Es sei ihm zwar mitgeteilt worden, daß ein Erlaß in dieser Beziehung im Jahre 1851 ergangen sei, aber er betrachte ihn als Antiquität und handhabe ihn nicht. Berlin, 25. Febr. Die am 21. Februar stattgehabte zweite Delegierten-Versammlung des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen' Glaubens war aus allen Teilen Deutschlands reichlich besucht. Es waren über 150 Herren erschienen, um an den Verhandlungen teilzunehmen. Den Hauptpunkt der Beratungen und Beschlußfassungen bildere der neue Satzungs-. entwurf des Vereins, nach dem eine alle zwei Jahre stattfindende Delegiertenversammlung aus Vertretern aller im ganzen Reiche bestehenden Unterverbände des Vereins in Zukunft an die Stelle der bisherigen Mitgliederversammlung tritt. Dadurch ist gewährleistet, daß sämtliche im ganzen Deutschen Reiche befindlichen Mitglieder eine Einflußnahme auf die Zusammensetzung des Vorstandes gewinnen und durch ihre Abgeordneten in der Hauptversammlung ihre Anträge und Wünsche vertreten lasten können. Weitere Beratungsgegenstände waren die Organisation der Frauen und der jüdischen Jugend. Die Referentin, Frau Minna Schwarz, legte eingehend dar, inwieweit die jüdische Frau berufen und in der Lage sei, an den großen Aufgaben im Kampfe um die polittsche und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden fördernd teilzunehmen. Auf die Bedeutung der Mitarbeit» der Frauen in diesem Kampfe wurde hingewiesen und die Mittel und Wege gezeigt, wie die prakttsche Mitarbeit der Frauen am besten in die Gesamttätigkeit des Vereins eingeschaltet werden könne. Die Organisatton der jüdischen Jugend, über welche die Herren Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund, Dr. jur. Apfel-Köln und Referendar Regensburg er-Braurschweig referierten, gab zu einer interessanten Aussprache Gelegenheit über die Grundlage, das Wesen und die Ziele der jüdischen Jugendvereine. Eine eifrige De- Der Israelit. ___ batte über die Stellungnuhme der Zentral-Vereinsmitglieder zu Kandidaturen getaufter Juden und zu öffentlichen Körperschaften beschloß die Tagung. Die am 22. Februar abgehaltene, von weit über 600 Personen besuchte Generalversammlung des Zentral-Vereins nahm zunächst den Geschäftsbericht entgegen. Aus den Darlegungen des Geschäftsberichts ist zu entnehmen, daß der Verein fast 23 000 Einzelmitglider zählt und einschließlich der korporativ angeschlossenen Gemeinden über 120 000 deutsche Juden vertritt. Die Generalversammlung nahm sodann den neuen Satzungsentwurf an und beschäftigte sich eingehend mit einem Anträge, der das Ausscheiden eines Vorstandsmitgliedes verlangte, weil er in der bekannten Wahlangelegenheit Mugdan-Richert sein Einverständnis zu der öffentlichen Erklärung gegeben hatte, er werde Mugdan wählen. Dieser Antrag wurde nach eingehender Diskussion, in der Redner aller Anschauung zu Worte kamen, abgelehnt. Lediglich 12—15 von sämtlichen Anwesenden stimmten dafür. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden durch Zuruf wiedergewählt. Eine Erstattung des Kassenberichts und die Wahl der Revisoren beschloß den Abend. Das Kranhenhetm 3er fldaß lsrael-6emein9e (Bon unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 22. Februar. „Krankenheim der Adaß Israel-Gemeinde." Ich bin mir dessen voll bewußt, daß der Titel bureaukratischer Formalität und historischer Akribie ganz und gar nicht entspricht. Aber abgesehen davon, daß der richtige Name „Jsraelittsches Krankenhaus der Chewrah Kadischa der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adaß Jisroel" für einen Wintertag ganz entschieden zu lang geraten ist, entspricht auch der kürzere in der Tat am besten den Verhältnissen, wie sie sind. Das, was dieser Anstalt ihren eigentlichen, besonderen Charakter, was ihr neben anderen ungleich größeren Heilanstalten Existenzberechtigung gibt, das ist, daß sie bestimmt und gewillt ist und durch ihre bisherige Tättgkeit auch len Beweis dieses Wollens erbracht hat, auf dem Gebiete des ff^in "ilp2 *TDn JYlböJ diejenigen Grundsätze zum Ausdrucke zu bringen, welche in ihrer Gesamtheit in der Adaß Jisroel ihre Verkörperung gefunden haben. Das allgemeine Empfinden traf darum auch in diesem Falle nur das Richttge, als es den Ehrentag des „Krankenheims", seine feierliche Wiedereröffnung am vorigen Sonntag auf eigenem Grund und Boden als einen Ehrentag der Gemeinde beging. Am 1. April des vorigen Jahres hatte das Krankenheim die Mietsräume, welche es bis dahin in der Königgrätzerstraße bewohnte, verlassen und seine Pforten zunächst geschlossen, bis der Umbau der von ihm käuflich erworbenen, ehemaligen Ma'rtinschen Klinik, Elsasserftraße 85 zu einer allen Anforderungen modernster Krankenhaustechnik genügenden Heilanstalt vollendet sein würde. Rund 11 Monate hat dieser Umbau infolge unvorhergesehener störender Umstände gedauert und gar manche Klage, viele Beschwerden sind ob dieser langen Unterbrechung des Krankenheimbetriebes von seiten der Leidenden, die dort Hilfe suchten, und von ärztlicher Seite gegen die Verwaltung und die Bauleitung erhoben worden. Heute soll davon keine Rede mehr und das Vergangene vergessen sein: der Satz, daß was lange währt, gut wird, hat hier seine volle, schönste Bestätigung gefunden und darum sei des Fehlers, der mit Schließung der Anstalt s. Z. gemacht wurde, nicht mehr weiter gedacht. In echtjüdischer Weise vollzog sich die Einweihung des neuen Krankenheims. Während die Scheuerfrauen mit der ihnen eigentümlichen Energie ihres kulturbedeutungsvollen Amtes an allen Ecken und Enden walteten, die Handwerker die letzte Hand an ihr Werk legten und die Ehrendamen eifriast mit der Ausschmückung der Corridore beschäftigt waren, versammelten sich am •__Rr. 8. Seite 7. Samstagabend die D'pDWlö der Chewrah in dem Wartezimmer, um mit „Lernen" dem neuen Hause seine Weihe zu geben. Anknüpfend an Mischnah 3 des 9. Perek in Berachoth (JV2 N22 'Ul vnn) gaben Rabbiner Dr. Munk und Dr. Ed. Biberfeld den Empfindungen, Wünschen und Hoffnungen Ausdruck, welche die Chewroh, die Gemeinde und die Leidenden an das neue Krankenheim und seine Einrichtung knüpfen. Ein kleiner Imbiß, bei dem noch manches Thorawort gesprochen wurde, beschloß diese intime, wohlgelungene Feier. Am Sonntag Vormittag ll1/* Uhr fand darauf die officielle Eröffnungsfeier statt, die mangels eines genügend großen Saales in der sreuudlichst zur Verfügung gestellten Aula des dem Krankenheim benachbarten Blindeninstituts erfolgen mußte. Eine erlesene Versammlung, in der naturgemäß die Aerzte dominierten, füllte den Raum bis zum letzten Plätzchen. Die Stadt war durch den greisen Stadtältesten Dr. L anger - Hans vertreten, die jüdische Gemeinde hatte Herrn Moritz Manheimer, das jüdische Krankenhaus Herru Prof. Lazarus und Herrn Löwenwald entsandt; den Hilfsverein der deutschen Juden vertrat Herr B e r g e l und zahlreiche andere humanitäre Vereine waren durch Abordnungen der Einladung gefolgt. Bon bekannten Aerzten seien noch Geheimrath Martin, Munter, Lannhof, Joachim u. v. A. genannt. Nach einem kurzen, kernigen Begrüßungswort des Vorsitzenden der Chewroh Kadischeh, Herrn Moritz Kn oller, in dem er allen denen, die sich um das Werk verdient gemacht haben, den Dank der Chewroh aussprach, nahm Herr Rabbiner Dr. M. Hildesheimer das Wort zur Festrede, die an das Leitwort anknüpfte, mit dem der verewigte Begründer des Krankenheims, Ad. Gold schmidt ^*7, s. Z. die Anstalt eröffnete, '121 2l“1pSl pimb DlStt tfibv TTlKST)- Er gedachte der Heimgegangenen Wohltäter der Anstalt, Abr. Zamory V'l und David Struck yi, dankte dem Baukomitee für seine aufopfernde Tättgkeit, den Anstaltsärtten dafür, daß sie mit ihrem sachverständigeu Rat das Werk gefördert, den Freunden der Anstalt, die durch ihre werktättge Beihilfe zur Sicherstellung der Anstalt soviel beigetragen haben. TTiKöll Dttfn 128- Das aber solle das Charakteristikum dieser Anstalt sein, daß sie alle ihre Erfolge auf n"2pn zurückführt, zu Seiner Ehre wirkt und um Seinetwillen den Leidenden nicht nur Heilung zu vermitteln, sondern auch Trost und Zutrauen einzuflößen versuchen wird. Namens der dirigierenden Aerzte gab dann Herr Dr. S. Adler den Wünschen, die in medicinischer Hinsicht für das Krankenheim rege werden, Ausdruck und endlich kam in dem Vorsitzenden des Gemeindevorstands, Herrn I. Rosenblüth noch die freudige Empfindung zum Worte, welche die Gemeinde bei diesem Ereignisse erfüllt. Unter Führung der Herren Aerzte und der Curatoriumsmitglieder begann hierauf der Rundgang durch die festlich geschmückte Anstalt, die mit ihren freundlichen Zimmern und ihrer anheimelnden Ausstattung den schweren Ernst nicht verrät, der in ihrer Bestimmung liegt. Es war nur eine Stimme ungeteilten Lobes und wärmster Anerkennung, welche das neue Krankenheim nicht nur bei den medicinischen Laien, sondern vor Allem auch bei den Aerzten und den Fach» männern im Krankenhauswesen fand. Und dieses Lob ist wohlverdientdas Werk lobt seinen Meister. Mit einem Kostenaufwand von 450.000 M. ist eine Anstalt geschaffen worden, die mustergiltig genannt werden darf. Der Umbau hat von der alten Klinik nicht viel unberührt gelassen. Auf die zwei Stockwerke, welche jene aufwies, ist ein drittes aufgesetzt worden, das die wichtigsten Teile der Anstalt (Operationszimmer) ausgenommen hat, und die alten Schaluppen, welche ehedem dem Durchgang nach der Linienstraße dienten, find der Spitzhacke zum wohlverdienten Opfer gefallenan ihrer Stelle wird ein freundliches Gärtchen den Kranken die Reconvaleszenzzeit verschönern. Auch ein äÄSMW