Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1909)
- Date
- 1909-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 8 Eine sterbende Sprache. (Schluß.) Sieht man aber von den Phantastereien weniger unreifer Köpfe ab, so muß man doch zugestehen, daß der Jargon eine solche reiche Fülle von Schönheiten und markanten Eigentümlichkeiten enthält, daß er gewissermaßen als Abspiegelung der jüdischen Volksseele unsere höchste Schätzung verdient und wohl Anspruch auf die Beachtung der ganzen Kulturwelt machen darf. Bon keiner Grammatik gebunden, von keinen Sprachformen eingeengt, kann der Jude im russisch-polnischen Ghetto wirklich lachen, weinen, beten, seufzen und plaudern nur in seiner Mundart, in „Mame Loschaun". In einem von uns seinerzeit gebührend gewürdigten Sammelwerke: „Jüdische Sprichwörter und Redensarten" von Bernstein ist ein wahrer Schatz jüdischer Spruchweisheit enthalten, daß man ebenso sehr über den sprühenden Humor, als über die Weltkenntnis und Lebensweisheit des so unscheinbaren Ghettojuden staunt. Manche schöne und kraftvolle Ausdrucksweise hat der praktische, jargonsprechende Jude sich selbst konstruiert, die dem Deutschen abgeht, viele Worte aber, die dem Deutschen heute unverständlich sind, sind dennoch, wie es Jakob Gerzon in seinem Buche: „Die jüdisch-deutsche Sprache" unwiderleglich nachweist, dem Hoch- oder Mitteldeutschen entnommene, markante, kernige Ausdrücke, die der Schriftsprache zu ihrem Schaden verloren gegangen sind. Und wie die Sprache als solche unmittelbar aus dem Empfinden und der Begriffswelt des Ghetto geboren zu sein -scheint, so ist es auch der Vorzug ihrer Schriftsteller und Dichter, daß sie unmittelbar mit dem Volke verkehren dürfen. Sie schöpfen aus dem Vollen, aus dem Urquell / sie nehmen aus dem Leben des Volkes und geben cs dem Volke unverfälscht wieder. Und um diese Art von Literatur zu verstehen und zu würdigen, muß man das Volk in senem ganzen Denken und Fühlen, Lachen und Weinen, Leben und Leiden kennen. Und doch! War auch die Wirkeung der mo dernen Jargonschriftsteller eine gewaltige, so war sie doch, wie schon bemerkt, leider keine heilbringende. Was sie dem Volke boten, war mit wenigen Ausnahmen nichts Erhebendes und Erquickendes, es erhob sich zunächst nicht über die harte, niedere Scholle des Golus, es zeigte dem Juden mit grausamer Realistik das ganze Elend seiner Lage, es gab ihm nicht viel und nahm ihm oft Licht und Sonne, Glauben und Hoffnung und alles, woran der Ghettojude viele Jahrhunderte hindurch Halt und Stütze fand. Und nun begann die Krias Hatauroh, ausgeführt von dein Herrn Oberkantor. Was ich befürchtet hatte, trat ein. Die Verlesung des Wochenbaschnittes fand kein großes Interesse bei den' Zuhörern. Das Wort Gottes wurde ausgesprochen und von Wenigen nur ausgenommen. Ja, das Wort Gottes verhallte. War es, daß nach dem mächtigen Chorgesang die Summe des Einzelnen das Ohr nicht befriedigte, war es, daß man seinem Vortrage nur die Lust des Singens. aber keine Spur geistiger Ausschöpfung des Wortes anhörte, war es, daß die Personenfolge auf dem Almemor das Interesse in Anspruch nahm, genug, das Gros der Gemeinde bezeugte an den Verkündungen der göttlichen Lehre nur allzu geringen Anteik. Auch das Eiuheben der Thorarolle gestaltete sich zu einem musikalischen Feste und füllte einen größeren Zeitraum aus als die Verlesung des Wochenabschnitrs. Und nun folgte das Mussafgebet, vom Chass-'n in entzückender Weise vorgetragen. ' Ein wahres Kabinettstück vollbrachte er mit seiner Keduschoh. Hier war denn auch der Kontakt zwischen dem Sänger ün) dem atemlos lauschenden Publikum gefunden. Lange schon vor Schluß oes Gottesdienstes leerte sich die Synagoge. Und der letzte Chorgesang ertönte vor, fast leeren Bänken. Als ich aus die Straße kam, fanblnich fast alle Besucher in Gruppen wieder. Ich gbi&t'im ihnen vorbei und aus den abgerissenen Satzteib^rt 'die an mein Ohr drangen, entnahm ich, baß zwarder >Chassen und der Chor, der „aufgerufene" Bräutigam und der Vorsteher, nicht aber Jishrau oder Mauscheh, oder Jesajah die Herzen bewegte. — — — 'iiö Und,-«ich mußte mich fragen: War das, was ich eüstnuersMe,. mchtuain Zerrbild der jüdischen Liturgie? DMsäe os kommen/ daß man die Nebensache zum Wesentlichen erhob, und die Hauptsache zum Unwesentlichen degradierte? War es gut, daß man die äußere Der JSraeltr. Peretz, Asch, Reisen, Pinski, Rosenfeld, um die größten und bekanntesten zu nennen/ es sind hervorragende Talente, die jeder anderen modernen Literatur zur Zierde gereichen würden, Männer, die unter besieren und gesünderen Verhältnissen gewiß berufen wären, dem Volke neue Bahnen zu öffnen, neue Quellen des Geistes zu erschließen. Hier aber sind es durchwegs Schattenbilder, die sie zu malen wußten, nichts als tiefe Schatten, ohne einen Schimmer von Licht und Hoffnung. Asch weiß uns auch von tragischen Konflikten, von Seelenkämpfen zu erzählen, die aber dem Ghettoleben sowenig entnommen sind, wie der Verfasser von „Gott und Rache", der die Thora zusammen mit dem Laster hausen läßt, überhaupt aus dem jüdischen Empfinden beraus schreibt. Und die genialen Gedichte Morris Rosenfelds?! Welch kalter Hauch weht uns da aus jeder Zeile entgegen, welcher Zweifel und Pessimismus, welche stumpfe Resignation! Bewegt und erschüttert legt man das Büchlein aus der Hand und fragt sich, nachdem der erste Eindruck vorüber ist: „Gibt es denn wirklich nur Elend und Armut, Tränen und Jammer im Ghetto, nichts mehr, was diese Armen erfreut, erhebt und aufrichtet? Gewiß! Der alte Jude lebt und hofft und steht aufrecht, und ist ein lebendiger Protest gegen all die. Phantasiegebilde seiner Trauerredner. Allein die zweite Generation gibt ihnen leider zum Teile recht. Hier ist sie tatsächlich zu finden, die stumpfe Resignation, die kalte Verzweiflung, die den Äoden ebnen für Sozialismus, Bundismus und Nihilismus. Hier gibt es allerdings auch Seelenkämpfe, tragische Konflikte zwischen Vätern und Söhnen, die aber nicht nur jener Literatur als Unterlage gedient haben, sondern eben dieser Literatur selbst zum guten Teil ihre Entstehung mit verdanken. Diese Erscheinungen zwingen uns heute von allen kultur- und literaturgeschichtlichen Haarspaltereien abzusehen und der Tatsache, daß etwa 10 Millionen Juden Jargon sprechen, lesen und schreiben, Rechnung tragend, nur die eine Frage in den Vordergrund treten zu lassen, wie soll der Wissensdurst der Volksmassen, der bislang aus jenen giftigen Quellen gestillt wurde, am besten für die Zwecke oer Bolkserziehung nutzbar gemacht werden? Die Antwort finden wir in den eingangs erwähnten ersten literarischen Erzeugnissen des Jargons. Und wäre es auch lächerlich, heute noch der bildungsbeflissenen Jugend mit alten verrosteten Waffen, mit Büchern, wie „Z e o h u r - enoh" oder „Bobe Massaus" zu kommen, so haben uns doch die Alten den Weg gezeigt, auf dem fortzuschreiten heute mehr als je Form des. Gottesdienstes idealisierte und darüber des Inhalts wichtigste Faktoren vernachlässigte? Hat denn der architektonische Prunk der Gotteshäuser, das künstlerische Hochniveau ihrer musikalischen Darbietungen irgendwelchen jüdischen Idealen Nutzen gebracht? Oder waren es die Lehrstätten jüdischen Geistes gewesen, die Juden, wahre, kernige Inden geschaffen hatten? llnd schmerzlich bewegt wanderte ich nach Hause. — O, daß die Zeit nicht mehr fern sei, daß die Gemeinden auch ihren Lern statten d i e materielle und ideelle Würdigung zu Teil werden lassen, die sie doch wahrlich nicht minder als die Synagogen verdienen. tLehach'is - Judentum s Wie überall auf dem Erdenrunde, so gibt es auch in der ungarischen Hauptstadt heiratslustige junge Leute, denen es an den nötigen Geldmitteln mangelt. Um diesem W^ltüb-ck einigcrmaße nzu steuern, verfügt die Budapester israelitische Kongreßgemcinde über eine Menge sogenannter Heiratsstiftungen, die unbemittelten Heiratskandidaten beiden Geschlechts zu ihren Zwecken verhelfen sollen. Nun hat die Pester israelitische Gemeinde in ihrer diesbezüglichen amtlichen Bekanntmachung einen Beweis dafür geliefert, daß die „Einheitsneologie" selbst auf dem Gebiete der Zedokoh die Unterschiede wvhl kennt. . . . So lesen wir z. B. in Nr. 24 der „Bekanntmachung" der Budapester Gemeinde, daß eine Summe von 160 Kronen demjenigen Paar ausgefolgt werden könne, das seine Hochzeit — ausgerechnet! — am 7ten Diwan zu feiern geneigt wäre. Das ist die einzige Bedingung, die an fßj Unterstützung geknüpft wird. 80 Gulden, wahrlich ein ganz nettes Sümmchen, um das ein junges Ehepaar den zweiten Tag Schwuoth, also e nen '2V? tS"!1 zu veräußern hätte! . . 25 Februar 1909 zuvor eine zwingende Notwendigkeit ist. Eine ute, gesunde Volksliteratur, davon ängt heute alles ab. Durch belehrende Schriften müßte die Jugend auf die Gefahren aufmerksam gemacht und auf die Bahnen gewiesen werden, die nicht hinaus aus dem Judentum, sondern hinein in seine tiefsten Tiefen führen. In belehrender und unterhaltender Form müßte ihr nahe gelegt werden, daß die Moral im allgemeinen, besonders aber die jüdische Moral es sei, die den Menschen erhebt und beglückt; daß nicht alles, was von außen kommt und glänzt, Gold sei und daß im Gegenteil heute mehr denn je die große Welt in ihren politischen, kulturen und sozialen Bestrebungen sich immer mehr vom alten jüdischen Gedanken leiten lasse. Die Ghettojugend sollte es endlich auch erfahren, daß die Wissenschaft mit all ihren Hypothesen, Forschungen und Ausgrabungen von denen auch die Jargonzeitungen regelmäßig und gewissenhaft berichten, nicht das mindeste vom stolzen Bau des Judentums abzubröckeln vermochte. Der vor kurzem gegründete Verband ^22 biCttPV der alle Gesetzestreuen Rußlands vereinigen sollte, hat auch die Schaffung einer Volkslit^ratur zum Zwecke der Volkserziehung in seinen Arbeitsplan ausgenommen. Die Orthodoxie aller Länder und besonders die deutsche, die eine sechszigjährige Erfahrung hinter sich hat, hat aber Interesse daran, die Bewegung mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen, und auch die Pflicht, wenn nötig, in materieller wie in moralischer Beziehung helfend einzugreifen. und Nachrichten. orrespondenzen Dentsrhrs MeUH. Berlin, 16. Febr. Wie bekannt, wird die Agitation gegen das Schächten mit den „unbezweifelbaren Vorzügen" der Schuß-Betäubung begründet. Den zahlreichen Sachverständigen- Um ein anderes Heiratsstipendium von 400 Krone«, zu erlangen, pruß ein Ehepaar am 8ten des Monats Ab seine Hochzeit abhalten. (9ft. 17 der amtlichen Bekanntmachung.) Das Rabbinat zu Budapest hat gewiß nichts dagegen, wenn am Erew Tischo- Beaw statt einer Sudo - Mafsekes — ein Hochzeitsmahl stattfindet. M ist aber doch ebenso wenig loyal, als pietätvoll, bei Verwaltung wohltätiger Stiftungen, unter deren Stiftern auch gerechte und sogar religiös gesinnte Männer waren, einen Gewissenszwang widrigster Art auszuüben, den Weg zu den Stiftungen einem „Glaubensgenossen", der das Rcligivnsgesetz nicht verletzen will, von vornherein zu versperren. A. Gabel. (Die Juden in Schweden. > In Schweden wurden aus Furcht vor den Juden, Gesetze gegen diese erlassen, bevor noch Juden im Lande wohnten. Der erste Jude, der in Schweden Fuß faßte, war der hervorragende Graveur Ahron Jsak, gebürtig aus Treunbitzcn bei Berlin. Mit Empfehlungsschreiben von Kunden aus dem hohen Adel ausgerüstet — unter anderem hatte er eine warme Empfehlung an den König von Schweden — wagte der seinen Beruf im Umherziehen Ausübende 1774 bie gefahrvolle Reise durch Uster, Malmö, Christianstadt, Gothenburg, Stockholm. Ueberall wurde er wegen seiner in Schweoen seltenen Kunst gut ausgenommen, nach .einigen Wochen aber üusgewiesen, und nur in Stockholm gelang es ihm unter vieler Mühe und nur auf besonderen königlichen Befehl, sich dauernd niederzulassen. Er stand bei dem königlichen Hofe bald in solch hiher Gunst, daß er auch für seinen Bruder Mordechai und den Silberhändler Abraham Pak mit deren Familien das Wohnrecht erwirkte, womit er den Grundstock zur Stockholmer jüdischen Gemeinde legte.