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Der Israelit · 1909-02-25 · Heft 8 (25.2.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 8 (25.2.1909)
Date
1909-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Indessen sind die Gesichtspunkte, die in Bayern zur Diskussion stehen, auch für die Allgemeinheit von so großer Bedeutung, daß die Diskussion, die in dem Sprechsaal dieser Nummer weitergesührt wird, unbeschadet ihres Ausganges von klärender Wirkung für die Gesamtheit der gesetzestreuen Interessen sein wird. Die an heiter Stelle abgedruckte Aeußerung des Herrn Robb. Dr. Bamberger Schönlanke, ficht nach unserer Ueberzeugung völlig in die Luft. Kein Mensch, das hat der „Laienführer" der bayrischen Orthodoxie hier wiederholt erklärt, denkt daran, die Rechte der Di strikt srab bin er einz usch ranken, und zwar weder hinsichllich der Abgabe eines Votums zur Revision, noch auch innerhalb der künftigen Gesetzgebung Wenn man von neologer Seite in dieser Beziehung zweifellos auch versuchen lvird, die Stellung der Rabbiner Hera bzn drücken, so wird diesem Unterfangen doch die gesamte Orthodoxie wie ein Mann entgegentreten. Bedeutungsvoller erscheint uns das Montent, daß der zweite Herr Einsender in die Debatte ivirft und das bisher vielleicht zu geringe Beachtung gesunden hat. Wir stehen, um dies gleich vorauszuschicken, aus dem Standpunkte, daß die Schaffung einer Zentralkasse unannehmbar ist. Da die Staatsbehörden immer die Tendenz haben, zu ihrer Erleichterung in allen Fällen von religiösen Streitigkeiten die ihnen am nächsten stehende jüdische Körperschaft zu gutacht-, lichen Aeußerungen herauzuziehen, so würde die Verwirklichung einer Zentralkasse den Keim zu einem Konsistorium in sich tragen. Erst zufällig, dann regelmäßig würden die Herren Zentralkassen-Berwalter von seiten der Behörden über dies oder jenes befragt, und ganz sachte, ohne daß es jemand recht merkt, h ' ^e in bayrischen Landen ein ausgewachsener O b e r r a t eines Tages das Licht der Welt erblickt! Wer keinKonsistorium will, kann auch keine Zentralkasse wollen.__ nits die $atbl)eit als halb zu bewerten, sic lUu-t' andererseits als menschlich Ganzes, als persönlichen Anteil an: Gottesbau der Gesamtheit zu geben >iud zu betrachten. Die Sevatterrcdatt. Von Arthur Kahn. (Schluß.) Als Herzleib des andern Mittags den Heimweg antrat, begegnete ihn: vorm Tors Macholchen, der, als er Herzleibs ansichtig ward, schleunigst umkehrte und inst blitzschnell dessen Blicken entschwand. „Wenn ich dich erwische," ries Herzleib, mehr zn seinem ihn eine Wegesstreckc begleitenden Schwager als zu dem nicht mehr sichtbaren Flüchtling sprechend, „dann bist du des Todes." Bon dieser Zeit an kam Macholchen, wenn Herzleib zu Keiwer Owaus ins Tors kam nicht wieder nun Minjan. Und er tat sehr wohl daran. Denn wenn der Jahrzeit vorüber war, machte Herzleib in unverkennbarer Absicht einen Umweg an dem Häuschen vorbei, wo Macholchen mit seiner Mutter und »einer Schwester zusammenwohnte. Was dann passiert wäre, wenn Macholchen dem Schuster, der den ihm gespielten Streich noch nicht verwinden konnte, in die Hände gesallen wäre, braucht nicht erst vermutet zu werden. Da gab es nur eines und das eine aber nuchterlich. Doch eines Tages war Macholchen gezwungen, dein zürnenden Schuster, der bisher alle Vcrsölnlungsversuche zurückgewiesen und dessen Bedingungen, zuvor rnit seinem Beleidiger erst ein Wörtchen unter vier Augen zu sprechen, von Macholchen als unannehmbar abgelehnt worden waren, .nochmals tie Hand zu bieten. Macholchen hatte sich in die Tochter Der JSraeltt. Andererseits gestehen wir zu, daß Mittel und Wege gesucht werden müssen, um die Überschüsse der großen Gemeinden für die Bedürfnisse der kleineren nutzbar zu machen.. Wir glauben, daß dies unter Ausschaltung der aus einer Zentralkaffe erwachsenden Gefahren durch die Einrichtung von Distriktskassen geschehen könnte, und behalten uns vor, aus diesen Vorschlag im weiteren Verlaufe der Erörterung zurückzukommen. Vorläufig wollten wir nur betonen, daß die entschiedene Ablehnung einer Zentralkaffe die Vorbedingung für das Gelingen der Revision ist, denn ein Liebäugeln mit diesem Gedanken würde die Rcvisionsgegner rm eigenen Lager stärken. Nach wie vor sind wir der Meinung, daß die vor einigen Wochen an dieser Stelle formulierten Grundsätze: 1. die Milderung des Gemeindezwangs durch ein Austrittsgesetz nach preußischem Muster, 2. die Ablehnung jeder auf staatlichem Zwang beruhenden Landesorganisation mit zentraler Kaffen Verwaltung, Z. die Aufrechterhaltung a) der rabbinischen Kompetenz und b'i der wichtigsten historisch gegebenen Kriterien für den Begriff der jüdischen Gemeinde, die Voraussetzungen für das Revisionslverk bilden müssen. Wir sollten meinen, daß sich auf diesem Boden alle gesetzestreuen Juden Bayerns zusammenfinden könnten. Ob die Neoloaie zustimmt, ist eine Frage, die erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Marokko. In diesen Tagen ist eine diplomatische Vereinbarung zustande gekommen, die weit über den eigentlichen Gegenstand der nun zu Ende gesiihrten Verhandlungen hinaus großes Interesse beansprucht, das Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich über Marokko. Die Marokkofrage, die eine zeitlang als Gewitrerwolke unheilschwanger den politischen Himmel bedeckt hatte, ist damit geklärt und erledigt, und die Freude ist groß; nicht allein in den Kreisen, denen im Interesse der Wirtschaftspolitik an einer friedlichen Lösung der Angelegenheit gelegen war, sondern auch ganz besonders in allen friedliebenden Kreisen, die in diesem Abkommen eine Annäherung beider Großmächte und somit eine weitere Gewähr für den Weltfrieden erblicken. Und wir, welches Interesse sollte wohl die jüdische Oessentlichkeit dieser rein politischen ''Angelegenheit abgewinnen können? Es kann gewiß nicht unsere Schuld sein, daß wir, so oft das Wort „Marokko" genannt wird, an unsere dort in Not und eines Verwandten von Leiser verliebt und war daher auch mit etwas weniger Mitgift einverstanden, als die vorher verheiratete Schwester mitbekommen hatte, llnd die Riecke war auch nicht abgeneigt, dem Macholchen die Hand fürs Leben zu reichen. Aber eine Hochzeit, aus der Herzleib, ein Jugendfreund ihres Vaters, nicht anwesend gewesen wäre, war undenkbar. Eher hätte der Vater die Partie zurückgehen lassen, als seinen alten Freund Herzleib nicht zur Hochzeit eingeladen. Da setzte sich denn eines Tages Macholchen an das alte wacklige Puttchen mit den dünnen Beinen und schrieb an Herzleib einen gar schönen Bries. Zum Schluß erbot er sich, nicht nur seine Chassnestiefel, sondern auch ein paar große Wasserstiefel, wobei cs aus den Preis nicht ankomme, bei Herzleib machen zn lassen. Zuvor möge ihm Herzleib schreiben, daß er ihm alles mochel sein wolle; und dann schwur Macholchen ewige Freundschaft, zumal sie ja jetzt auch etwas Mischpöche werden svllten. Und was Macholchen da schrieb, war aufrichtig: er war ja sonst ein ganz braver Mensch. Einige Tage lang ging Herzleib mit sich selber zu Rate, wie er den Brief Macholchens beantworten würde. Dann suchte er lange in seiner Kommode herum, bis er unter einer Menge Papier einen blaufarbigcn Brief gesunden hatte. Er riß davon die unbeschriebene Hälfte ab, zog aus einem Flederwisch einen Federkiel, ging damit zum Lehrer, der ein feines Federmesser hatte und damit den Kiel zu dem damals gebräuchlichem Schreibmedium herrichtete, goß Essig in das eingettocknete Tintenfaß, begab sich' in ein Nebengelaß und schrieb an Macholchen, daß er ihm die Stiesel machen wollte. Aber einem Schelm, d«r einen armen Handwerker in große Unkosten gestürzt und.um anderthalb Arbeitstage gebracht, kann __._«o. 8 Sette 3 Elend schmachtenden, der brutalsten Unterdrückung ausgesetzten 250,000 Glaubensgenossen erinnert werden. Einst wagten auch diese Unglücklichen zn hoffen, und wir mir ihnen. Es war, als vor einigen Jahren infolge der inneren Wirren in Marokko sich die Mächte zusammenfanden, um dort Ordnung und Rechtszustände zu schaffen. Rechtszustand, das Wort klang wie Erlösungsbotschaft auch für die geknechteten, völlig recht- und schutzlosen Juden. Allein die Hoffnung war trügerisch, und die Algeciras - Akte brachte der Lage der Juden keinerlei Aenderung. Als man vor Jahresfrist allgemein von einer zweiten Konferenz der Mächte sprach, da war die Hoffnung in dieser Beziehung nur noch gering, die aber vollends schwand, als bei einer anderen Gelegenheit den jüdischen Korporationen klipp und klar erklärt wurde, daß die diplomatische Konferenzen keineswegs gewillt seien, irgendwie die Judenfrage zu berühren. So haben wir denn auch durch das Scheitern der zweiten Marokko - Konferenz nichts verloren. Es bleibt nun abzuwarten, was wir durch die private Vereinbarung in dieser Beziehung gewinnen werden. Das Abkommen ruht auf der Konferenz- Akte von Algeciras, deren Verpflichtung nun auf den neuen Sultan übergegangen ist. Es bestimmt neben der Wahrung der Unabhängigkeit und Integrität Marokko's auch die w i r t s ch a f tliche Gleichberechtigung aller fremden Nationalitäten, und sichert den dadurch bedingten Schutz der Europäer. Die Juden bleiben von diesem Paragraphen leider unberührt. Ist es doch eine traurige Erfahrung, die wir nicht allein im schwarzen Erdteil Nordafrikas zu machen haben, daß die Juden nur von den Eingeborenen als Fremde betrachtet und behandelt werden, während "sie von den Mächten, getreu dem Grundsätze, sich in die internen Angelegenheiten eines anderen Staates nicht zu mischen, als Einheimische ruhig der Brutalität ihrer heimischen Landesbrüder überlassen werden. Es wird sich imit zeigen, ob genannter Paragraph im neuen Vertrage eine humanere und weitherzigere Auslegung findet. Daß von der einheimischen Politik Marokkos auch unter dem neuen Regime nicht viel zu erwarten ist, zeigt ja auch sehr drastisch der Vorfall in Marretesch, von dem wir in voriger Nummer ausführlich berichteten. Da wurde ein armer jüdischer Hausierer auf grundlose Beschuldigung seitens eines Sklaven ohne jede Art prozessualen Verfahrens grausam mißhandelt und in Ketten gelegt. Ein hoher Beamter, bei dem der Alliance-Vertreter seinen Einfluß geltend machte, „schenkte" aber dem Inden, wiederum ohne jede nähere Untersuchung der Angelegenhett, nran nicht mehr trauen. „Ihtb wenn es nicht wegen des Mädchens wäre, so tatst du deine Stiebeln nicht bei mir «lachen lassen. Sie kosten für dich und weil ich an meinem Freund Gerschen, von den: sein Geld eS ja doch geht, nichts extra verdienen will, die Schastenstiebeln sechs preußische Taler, wo die Hälft' gleich bezahlt werden muß, weil ich so einem Schelm, »Die du bist, nicht traue. Tu kannst ruhig zum Anmesscn konnneu, ich werd dich als Kunde gut bedienen." 'Nachdem er das Schreiben mit einer mächtigen Siegellackplatte verschlossen hatte, setzte sich Herzleib zu Tisch und aß mit jenen» bewunderungswürdigen Appetit, der sich stets nach einer solchen geistigen Leistung bei ihm einzustellen pflegte. Es kostete Macholchen nicht geringe Ueberwindung, aber der Gang mußte gemacht werden. Eines Vormittags erschien er mit seinem Schwiegervater im Städtchen. Ter Schwiegervater hatte viel zu tun, dem» es war Markttag, da fanden sich die Juden aus der ganzen Gegend zum Handel ein und die Zeit mußte wahrgenommen werden. Wohl ein halbes Dutzend Mal war Macholchen auf- und abgegangen, ehe er den gefährlichen Gang in die Schusterwerkstätte wagte. Ihm blinkte sie eine richtige Löwenhöhle. Außer Herzlcib war Niemand anwesend, was dem Bräutigam etwas unbehaglich machte. Aber Herzleib war freundlich und sogar zuvorkommend, obwohl er übersah, daß sein Kunde ihm die Hand entgegengestreckt hatte. „Tu mußt drei Taler anzahlen; sie sind die Auslagen nur für die Schäfte." „Ich werde die ganzen Stiefel gleich vorausbezahlen, hier sechs Taler aufs Brett," rief Macholchen, froh, daß der Schuster so höflich war und wohl gar nickt daran dachte, ihm etwas zu leid zu tun. Er griff in seine Tasche, öffnete die Börse lind legte sechs Taler auf den Tisch. .Herzleib zählte bedächtig

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