Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1909)
- Date
- 1909-02-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449361--65306-2507938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
treuen schließen lassen könnte. Man hat also, mit anderen Worten, die Gefahr erkannt, aber man scheut vor der letzten Konsequenz zurück. Darum mußte den ersten erfolgverheißenden Versuchen Lähmung und Untätigkeit folgen. Und wer weiß, wieviel der traurigen Erfahrungen und bitteren Enttäuschungen es noch bedürfen wird, um den Führern, die heute nahe daran sind, das große Ziel aus den Augen zu verlieren, das erlösende Wort abzuringen: Enge Sammlung aller bewußt Gesetzestreuen, auch auf die Gefahr hin, d a m i t scheinbar eine „Trennung" von dem unorganisierten Körper der russischen Juden heit zu vollziehen. Die Gefahr einer Trennung besteht übrigens nicht erst seit gestern in Rußland/ sie bestand schon in den siebenziger Jahren, wo Viele in weiser Voraussicht auf reinliche Scheidung drangen. Sie ist, man darf sagen: leider, nicht eingetroffen. 'Wäre damals, da die Verhältnisse nach innen und außen günstiger lagen, die selbständige Organisation der Treugebliebenen entschlossen vollzogen worden, es wäre heute anders und besser bestellt um Judenheit und Judentum in Rußland. Insofern büßen auch heute gewissermaßen die Kinder die Schuld der Väter, was aber nach lange nicht rechtfertigt, daß diese Schuld von den Kindern wesentlich vermehrt auf Kindeskinder übertragen werden sott. Das sieht man heute in Rußland im Prinzip ein, ob man sich auch leider noch bislang nicht zur Mannestat aufgerafft hat, und man empfindet hier die schönen Worte, die die Einheitsapostel a tout prix in Deutschland und Ungarn von dem „geeinten Judentum" in Rußland zu erzählen wissen, wie bitterenHohn. Das geeinte, besser gesagt unorganisierte, Judentum, auf' das jene Mischmaschjuden so begeistert Hinweisen, das als Schlagwort, namentlich von nationaler Seite so eifrig benutzt wird, um jede Lebensäußerung der vereinigten Gesetzestreuen zu unterdrücken, und zu discreditieren, man kennt es hier und mau weiß, zu welchen Zuständen es geführt hat und wohl noch in Zukunft führen wird. Das „geeinte Judentum" hat dazu geführt, daß die Gemeinden von „Kronrabbinern", die im Hauptberufe Aerzte oder Rechtsanwälte sind und als zur „Hochintelligenz" gehörend in keiner Fühlung mit ihren Stammesgenossen stehen, geleitet und selbst in religiösen Angelegenheiten vertreten werden, während. der eigentliche „ R a w" im Sinne des Gesetzes illegal, sich ducken und dem einflußreichen, vielmögenden „Amtskollegen" in allem u nterordnen muß. Der vielgepriesenen Einheit ist es zu verdanken, daß aus den Karobkageldern (Fleifchsteuer), die die Aernssten d?r Armen sich vom Munde abzusparen haben, Lehranstalten und Institutionen errichtet und erhalten werden, die nach ihrer unjüdischen Einrichtung und dem Geiste, der in denselben herrscht, ausschließlich denen zu Gute kommen, die weil sie am Koscherfleische keinen Bedarf haben, auch keine Kopeke zu den Kosten beigetragen haben. Dem „großen Ein - h e i t s g e d a n k e n" ist es ferner zu verdanken, daß auch fromme Eltern gezwungen sind, ihre Kinder, wenn sie nicht als Analphabeten ins Leben hinausgehen sollen, in „jüdische" Elementarschulen zu schicken, die von Lehrern geleitet werden, welche nicht nur religionslos, sondern direkt r c l i g i o n s f e i n d l i ch ihr Erziehungswerk betreiben. Und wenn heute die Verfehlungen, die sittlichen oder politischen Ausschweifungen einiger unreifer Jünglinge dem ganzen Volke zur Last gelegt werden, ist es nicht zum geringsten Teile eine Folge der „Einheit", die es unmöglich macht, solche unerwünschte kompromittierende Elemente, die de facto sich längst vom Volkskörper losgesagt haben, von sich abzuschütteln. 25 Februar 1908 Es gibt denn auch in Rußland und Polen genug der Einsichtigen, die sich kein großes Gewissen daraus machen, die Einheitsfiktion kurzer Hand zu zerstören, speziell in Polen, wo die Tendenzmache der Einheitsapostel noch weniger platzgreifen konnte als im Haskalah-durchtränkten Litauen. Daher kommt es auch, daß di? seit einiger Zeit bestehende und parallel mit dem russischen Verbände SiOtP'' w rkende Vereinigung der Rabbiner Polens einen etwas schärferen Standpunkt einnimmt, daß die vor einigen Wochen abgehaltene Konferenz in Warschau sich erfreulicherweise durch größere Entschlossenheit auszeichnete und, wie es scheint, mutig und arbeitsfroh allen Verleumdungen und Anrempelungen zuni Trotze ans Werk geht. Wir wollen damit keineswegs die Ziele und Arbeitspläne der Rabbinervereinigung Polens auf Kosten der vom gleichen Geiste getragenen Arbeit des gesetzestreuen Verbandes in Rußland rühmend herausstreicheu Wir haben damit lediglich eine Tatsache registriert, die jedem, der die Bewegung mit Interesse verfolgt, in die Augen springt, nehmen aber im übrigen keinen Anstand zu erklären, daß unseres Erachtens die polnischen Rabbiner im krassen Gegensätze zu ihren russischen Collegen es doch in mancher Hinsicht an dem nötigen Verständnis für die gesteigerten geistigen Bedürfnisse des Volkes, für die Zeichen der Zeit fehlen lassen, was sich namentlich bei ihrer Behandlung des Bildungs- und Erziehungsproblems unangenehm bemerkbar macht. Den Forderungen der Zeit sich gänzlich zu verschließen, wie es die Conferenz durch ihr Schulprogramm, das der modernen Erziehung und den profanen Disziplinen nur wenig Rechnung trägt, zu tun beabsichtigt, hieße von vornherein die fugend vön der Organisation ausschlteßen und die Legende von der Bildungsfeindlichkeit der russischen Orthodoxen, die von jeher als ausgiebiges Kampfesmittel im gegenerischen Lager benützt wird, bekräftigen. Da?> Programm läuft auch diametral den Bestrebungen des Verbandes nD3S zuwider, die in richtiger Erkenntnis der Situation mit darauf gerichtet sind, durch moderne Bildungsgelegenheiten auf dem Prinzipe von pW "pi Gtf ITTin die Jugend für die jüdische Sache zu erziehen und die Entfernten getreu dem altjüdischen Grundsätze roiptt s'G'l ."trtt StoU* möglichst wiederzugewinnen. Wenn eine Einigung in Rußland bitter not tut, so ist es die Vereinigung beider nach de» gleichen Zielen strebenden und nur in der Form und der Taktik auseinandergehenden gesetzestreuen Organisationen in Rußland und in Polen. Die Energie, Tatkraft, Unerschrockenheit und feste Entschlossenheit, lute sie in Warschau an den Tag gelegt wurden, müßten sich harmonisch verbindeit mit der Klugheit und Weltkenntnis der Litauer. Die attzuweise Vorsicht der letztereit, an sich nur dazu angetan, jede Tatkraft zu lähmen müßte uwhltnend auf den vielleicht in mancher Hinsicht allzu stürmisch erscheinenden Tatendrang der polnischen Gesinnungsgenossen wirken, während andererseits der fusche Eifer dieser auch jene aus der Reserve heraus zur lebendigen Tat anspornen würde. Das Programm der SoET nD3ist in allen Teilen der Lage, der äußeren wie der inneren, vollständig augepaßt/ es bedarf aber zu seiner Ausführung der Männer, die nicht nur n'pbx WT und riöK sondern vor allen! auch Pn "FW sind. Und diese sind, wie es die Conferenz deutlich gezeigt hat, vorwiegend in Polen zu finden. Wird die Berbindungsbrücke bald errichtet und die Bereinigung vollzogen? Man darf es, da prinzipielle Gegensätze nicht hindernd im Wege stehen und es an einem eigentlichen easus belli zwischen den beiden Richtungen f hlt^ wohl hoffen. Dann aber dürften die Optimisten, die die Hoffnung auf eine Klärung der Verhältnisse und eine durchgreifende Besserung der innen jüdischen Lage in Rußland noch nicht aufgegeben haben, denn doch noch recht behalten. 2k l au! tisch! nosst tueit< Jnd» zur von die i führt kläre setzes 3 des l lanke die ( führe holt Dist zwar zur l Gesef in di wird, so w Orth« B daß t ivirft achtur gleich daß d nehml Tendk Mittel nächst lichen Berwi eine! zufälli Hentr über ohne t iLande Frges W eines Feuilleton. balbbeiten. (Schluß.) Nein, nicht diese, sondern jene 5) a l f> e » und st 1 n ch e n , die ihre Splitterweisheit als Ganzes und Vollkommenes ansehen und unter die Leute zu bringen suchen, sind es, welche große, urteilsnnsähige Volkstolle an ihrem Gotte irre werden lassen, sie um Glauben und Hoffnung bringen und sie an der eigenen inneren Leere verzweifeln lassen. Genügt doch heute, im Zeitalter der Halbheit, ein Wort, eine aus zweiter Hand ausgegriffene Phrase dieses oder jenes Denkers, um in seinem Namen alles zu zertrümmern und verwüsten, was seit Generationen den Menschen als heilig und unantastbar galt und an dessen Um¬ oder Entwertung sich letzten Endes auch jener mißverstandene phiwsophische Schutzpatron nie herana^- wagt hat. Ist nicht die sogenante Popularisierung der Wissenschaft in vielen Fällen nichts anderes als eine unverzeihliche Verflachung der Wissenschaft, die in dieser verdünnten Form die Misere der Halbheiten, wie sie heute schon ohnedies in schädlichster Weise das gesanitc geistige und sittliche Leben beherrscht, vermehrt? Einst saßen die Weisen und dachten und grübelten, und arbeiteten an Problemen und forschten und experimentierten, und suchten der Natur ihre Eigenart abzulanschen, ihre geheimen Kräfte zu ergründen, um die Begriffe Gott, W e l t und M ens ch und ihre Stellung zu einander möglichst klarznstellen. Heute aber gibt es in gewissen Kreisen keine Probleme mehr. „Wer nicht denkt, dem wirds geschenkt!" Und sie denken und grübeln auch nicht mehr, jene Halben und Flachen, sondern ziehen Schlüsse, ohne die Lebensarbeit jener Meister im mindesten zu beachten und nehmen als feststehende Tatsache, das was jene nur als Hypothese und Theorie aufstellten. Da wird höhnisch über die Naiven gelacht, die ein allmächtiges Walten anerkennen und in Weltkatastrophen einen Finger Gottes erblicken, ganz so als ob sie das Fazit aller Forschungen gezogen hätten und es unbedingt besser wüßten. Nein, nicht die Halbheit als solche gereicht dem forschenden Menschen zur Nnehre, wohl aber jene Halbheit, die sich als Ganzes gibt, das Nichtwissen, welches im Gewände der Allwissenheit einherstolziert, der halbe Schekel, der durchaus als ganzer gölten will .... Allein kehren wir aus fremden, uns sernliegenden Gebieten ins eigene Lager zurück. Auch da stoßen wir leider auf Schritt und Tritt auf Halbheiten, die zum Schaden des ganzen Volkes als ganz und vollkommen deklariert werden. Nur e i n Teil der göttlichen Wahrheiten ist in den Lehrplan eines Religionsunterrichtes ausgenommen, und er nennt sich Jüdischer Religionsunterricht, nur e i n Teil der altgeheiligten Gebete hat Aufnahme im Gotteshause gefunden, und dieses will als jüdisches Goteshans, als Synagoge gelten. — — lknd die großen Juden, die mit.ihrem großen jüdischen Herzen überall anzutresjen sind, wo es gilt zu helfen und in der Nächstenliebe sich zu betätigen, die es aber fatalerweis: vergessen, daß das jüdische Herz in erster Reihe auch zur Bekundung der Liebe z u Gott aüsgeiordert wird? Sind sie sich nicht der Halbheit ihres an sich löblichen Tuns bewußt, indem sie ähnlich jenem .Heiden das Juden -um Sp nur aus einen Fuß stellen und darum, vielleicht auch wie jener, nur das eine, aus die Nächstenliebe bezügliche Herzensgebot vernehmen, ohne zu bedenken, daß selbst dieses Gebot der Nächstenliebe in der Thora mit einem 'n ’W schließt, daß das Judentum, das einzige, historische Judentum, auf rrE'Efl 'n fnifl auf dem ungeteil teil Pflichtgesetze basierend, den ganzen Menschen, sein ganzes Herz, seine ganze i^eele und teilt ganzes Beriiiö.i n ve langt?! Weit erschreckender in der Form und verhängnisvoller in ihrer Wirkung ist aber die Halbheit, wenn sie 'im Programm ganzer Gruppen und Parteien Pla^. greift und sich dort als Ganzes und Bollstän diges breit macht. Es ist bezeichnend für das Zeitalter der Halbheiten, daß eine große Partei, die dir Notwendigkeit einer Rückkehr zum Judentum einsehend, nur einen Zug dieses Judentum sich zu eigen machte, den nationalen, während fie alle anderen Seiten desselben als Neben- und Privatsache erklärt, daß diese Partei trotzdem das Gesamtjudentum im Monopol zu haben glaubt und sich berechtigt fühlt, stets und allenthalben im Namen des jüdischen Volkes auskreken und sprechen zu dürfen. Aus der einen Seite rastloses und krankhaftes Streben nach menschlich unerreichbarem Ganzen, nach Macht und Vollkommenheit und Alleinherrschaft, aus der anderen Seite aber ein Sichbescheiden und -begnügen mit dem Halben und selbst nach menschlichen Begriffen Unvollkommenen, in dem man daun in Selbsttäuschung Ganzes und Vollkommen e s sieht. Ter jüdische Schekel lehrt aber einer- 3ent | leite, t I aber a wnlichL und zu Allantrat, er Herj |ta|t chli „A |Kmem jatS zu Bo st'ib zu nun M Ider Ja Iverkenn ‘lu'it vc lieiiier 6 Iwäre, l «gespielt» (Hände lunrben. ui echter Toc Ißem zj jölmung IM »gen, I»»ler t Imumiiel