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Der Israelit · 1909-02-25 · Heft 8 (25.2.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 8 (25.2.1909)
Date
1909-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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I | Der israelif JJ] Ein Centralorgan tur das ortfiodoxe Judentum KflBS^i L^SSS^ ilegriinlel ooa Or. Lehmann in lllainr cesss ul / 50. Jahrgang. ssa Sranhfurf a. M . Sen 25. Februar 1909. 4. Jlflar 5669. M ». «Vonnement pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn S Kr., Rußland l Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postaustalten» Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HeftauSgabe nur dirett. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate r Sv Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Inserate« annahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.' Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer dirett an den Verlag erfolgen per: Conto bei den» Postscheck-Anit Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der ft. ft« Postsparkasse Wie« No. 79 605. Conto bei beut ft. Postsparkasse»««! Budapest No. 18424. Conto bei der Nigaer Counnerzbank in Riga und deren Filialen. Her Nachdruck Ser Drfihel unS Correfponöenjen des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fleh um größere Rufffifce handelt nur nach norheriger Genehmigung geffattet Jüdische Organisationsfragen in Russland. Von gut uhterridfjteter russischer Seite wird uns geschrieben: Für manche Dinge, des politischen Lebens, namentlich, sollte man nicht Amerika, sondern Rußlano als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bezeichnen. Jedenfalls gibt es in Rußland kein Zeichen und keinen Maßstab dafür, um die Grenzen, innerhalb deren eine Verbesserung oder Verschlechterung der Judenlage zu erwarten wäre, auch nur andeutungsweise vorherbestimmen zu können. „Alles möglich!" sagt der russische Jude halb resigniert und stets aufs äußerste gefaßt. Und nichts, was die Lage in ihrer ganzen Trostlosigkeit so zu charakterisieren vermag, als diese Allmöglichkeit, mit der man heute in Rußland allgemein die Lage bezeichnet und in die Zukunft schaut. Es herrscht überall Unklarheit, vollständige Verworrenheit nach innen und außen. Und in diesem wirren Choas ist nur eines klar und aus jedem Munde vernehmlich: „ A l l e s m ö g l i ch!" Rußland hat sich bekanntlich nach einigen Kämpfen und Mißerfolgen zu einer Dunia durchgerungen, welche, die Farce einer Konstitution wahrend, dem System des Absolutismus im übrigen nicht im mindesten Abbruch tut. Das ist ein Vorzug, der in Rußland manches möglich macht, was der außerrussischen Welt kaum denkbar erscheint. So ist es beispielsweise wohl möglich, daß Ausnahmegesetze gegen Juden, die noch von der Zeit der Leibeigenschaft datieren, in der Duma nicht nur ihre legislative Bestätigung, sondern auch eine von der Rechten gewünschte Verschärfung und weitere Ausdehnung finden. Es ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß in P o l e n nach der neuen Verordnung Städte mit weit überwiegend jüdischer Bevölkerung von judenreinen Stadtbehörden verwaltet werden. In Finnland, wo russischer Geist ein autonomes He m gefunden hat, bringt man schwedische Gesetze von 1792, Gesetze, die auf vergilbten Blättern ihren Platz mit Verordnungen über Hexenprozeffe teilen, den Juden gegenüber zur Anwendung,' und es darf wohl auch zu den Eigentümlichkeiten der heutigen chaotischen Situation gehören,daß man von Petersburg aus die Juden in Finnland, in dieser „Friedensinsel", in dieser „Oase der Freiheit und Gerechtigkeit" vor Drangsalierung durch Ausweisung und vor einem Schächtverbot schützen muß! Soviel in gedrängter Kürze zur Charakterisierung der ungeklärten und völlig haltlosen äußeren Lage der Juden in Rußland und den Staaten, deren politische Geschicke von Petersburg aus geleitet oder beeinflußt werden. Fragt man sich aber nach der natürlichen Rück virkung dieser äußeren unsicheren Zustände auf die innere Lage, auf das Innenleben der russischen Judenheit, so ergibt sich zunächst wiederum ein Choas, ein Bild der Verwirrung,' auch innerhalb der russisch-jüdischen Welt ist alles verworren, unsicher und trostlos, und es bedarf einer großen Dosis des unverwüstlichen jüdischen Optimismus, um da noch frischen Mut zu bewahren und an der Zukunft nicht zu verzweifeln. Schon weit größere Krisen habe das Judentum durchgemacht und tapfer überstanden, tröstet man sich in vielen Kreisen, vornehmlich aber in den Kreisen, die der Sache etwas fern stehen. Eingeweihte verkennen aber den Unterschied und die traurige Eigentümlichkeit der jetzigen Lage gegen früher durchaus nicht. Damals, im früheren und späteren Mittelalter, waren es Katastrophen, die plötzlich hereinbrachen und ein starkes, .widerstandsfähiges Volk fanden. Eine gewaltige Krastanstrengung, deren allein das jüdische Volk in Stunden der Not fähig ist, vermochte sie abzuwehren und diedem Volksrörper drohende Gefahr abzuwenden. Der langsamen Seelenmarter, aber wie sie heute in Rußland bald grausamer, bald gelin er geübt wird, zeigt sich doch die russische Judenheit weniger gewachsen. Dieses ewige Harren und Zagen, das Schweben zwischen Furcht und Hoffnung wirkt geradezu ruinös; es treibt die Verzagten und Ungeduldigen vollends zur Verzweiflung und nimmt auch den Ruhigen und Besonnenen den Mut, die zu jeder ersprießlichen Aktion nötige Sicherheit und Festigkeit. Mangel an Sicherheit, Festigkeit und Stetigkeit. So wird später die Üeberschrift des Capitels in der Geschichte der russischen Juden lauten müssen, das die heutige Epoche behandeln wird. Der unbefangene Geschichtsschreiber wird aber gerechterweise auch festzustellen haben, inwiefern diese Kopflosigkeit, unter dcr heute die russische Judenheit so empfindlich zu leiden hat, nur als natürliche Folge der äußeren Lage sich erklären lasse. Eines wisien wir heute schon, die Unentschlossenheit und innere Unsicherheit, mag sie als Wirkung noch so erklärlich, vielleicht auch in den Augen derer, die nach Milderungsgründen suchen, entschuldbar erscheinen, als Ursache und Quelle weiterer Uebel ist sie in ihren Folgen für das gesamte Mische Leben geradezu erschreckend. Viele aus den Kreisen der ungeduldig vorwärtsdrängenden Jugend, denen die Brutalität von außen und innen ihren Glauben und ihre Hoffnung geraubt, haben sich in Trotz und Verzweiflung zu dem auf Vernichtung und Zerstörung bedachten Lager geschlagenviele — und sie scheinen noch mehr als sie in der Tat sind, weil sie rührig und entschlossen viel von sich reden machen — haben ihr Volk zur Zeit der bittersten Not im Stiche gelassen, um auf fremden Feldern für fremde Ideale ihr Blut zu vergießen. Und die junge Generation wächst heran, unentschlossen, zweifelnd, wie weit den alten Thoraträgern Gefolgschaft zu leisten sei, v'S'rvn W Sp riDIB wankend und schwankend zwischen der alten Lehre und den neuen Strömungen, die durch die Verhältnisse begünstigt mit Macht hereinbrausen. Und die guten Alten, die Besonnenen und um ihr Volk Besorgten'? Sie verschließen sich der Gegenwart keineswegs, sie sehen wohl die Gefahr und ihr Herz blutet - aber sie legen die Hände in den Schoß und schweigen, und harren besserer Zeiten. Es fehlt an Mut, an Tatkraft und Entschlossenheit! In Wilna, in diesem Zentrum jüdischen Geistes, jüdischer Gelehrsamkeit, dem „litauischen Jerusalem", empfand man zuerst das Bedürfnis nach rettenden Taten. Dort hat der Verband bmtZP das Licht der Welt erblickt, von dem wir verttauensvoll sagten: 12VN2' HT! Es war durchaus kein totgeborenes Kind. Die Begeisterung, mit der in allen gesetzestreuen Kreisen Rußlands — sie zählen heute noch nach Millionen — die Neugründung begrüßt wurde, die Sympathien, die die Regierung in gerechter Würdigung der patriotischen Gefühle derer, die Treue zu Gott und König auf ihre Fahnen geschrieben, dem Verbände entgegenbrachte und endlich das freudige Echo, das die Sammlung der Gesinnungsgenossen Rußlands in der gesamten jüdisch gesinnten ausländischen Presse gefunden hatte, es waren die besten Zeichen sowohl für die Lebensnotwendigkeit als auch für die Existenzfähigkeit des Verbandes. Wenn aber trotzdem der Verband bis heute sich noch nicht recht an die Arbeit gewagt, noch nicht recht auf den Plan getreten ist, um den verheißungsvollen Verhandlungen, Beschlüssen und Resolutionen lebendige Taten folgen zu lassen, so sind die Hindernisse, die diese Stagnatton verursacht, nicht so sehr äußerlicher als vielmehr innerlicher Natur. Man ist nämlich zaghaft und schüchtern und ängstlich beurüht, alles zu vermeiden, was auf Selbständigkeitsgelüste im Lager der Gesetzes- 1

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