Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1909)
- Date
- 1909-02-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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18. Februar 1909. Der Israelit. Nr. 7 Sette 9 Das wäre was man auf englisch „Unity without Uniformity" (Einheit ohne Einförmigkeit) nennt. Die Stellung der orthodoxen Gemeinden zu diesem Plane ist noch unbekannt. Am 27. Februar findet die constituirende Versammlung statt. Vom 18. zum 21. Januar tagte in dem Ge bäude der Educational Allia ce (Erziehungs verein) in New-Aork ein Konveüt, der, selbst in diesem Lande der sonderbaren Zusammenkünfte, als ungewöhnlich gelten muß. Es war nämlich ein Konvent von Delegirten jüdischer Farmer- Associationen, die zusammengekommen waren, um eine allgemeineAffocation, so Zusagen, einen jüdischen Bauernbund ins Leben zu rufen. Es waren 35 jüdische Farmer als Vertreter von 17 Farmer - Vereinen in den östlichen Staaten New- Work, New-Jersey, Pennsylvanien, Massachusatts und Connecticut erschienen. Den Vorsitz führte Samuel Becker, ein junger und anscheinend sehr tüchtiger Farmer. Die Verhandlungen waren streng praktischer Art und betrafen die Methoden, durch welche die jüdischen Farmer am Besten die Interessen ihres Berufs fördern könnten. Das Vorhandensein einer so zahlreichen jüdischen ackerbautreibenden Bevölkerung, um die Creierung einer derartigen Organisation möglich zu machen fand beim hiesigen Publikum, dem jüdischen wie dem christlichen, Beifall und wurde in der Presse sehr günstig commentirt. In den genannten Staaten befinden sich, nach einer Statistik die am Konvent bekannt gemacht wurde, etwa 5000 jüdische Farmer, die mit ihrem Arbeitspersonal und Angehörigen eine Gesammtbevölkerung von über 20000 Seelen bilden, wobei die vielen jüdischen Farmer die in den anderen Teilen des Landes, besonders in den westlichen Staaten sich äuge fiedelt haben nicht mitgerechnet sind. Die Bundesregierung scheint jetzt energische Schritte gegen Rußland in der Paßfrage unternehmen zu wollen. Vor der jüngsten Präsidentenwahl haben beide Parteien Beschlüsse gefaßt zu Gunsten der Forderung seitens der Vereinigten Staaten, daß Rußland alle amerikanischen Pässe, ohne Unterschied zu welcher Rasse oder Religion die Inhaber derselben gehören, anerkenne. Jetzt will die Regierung damit Ernst machen und nicht mehr dulden, daß Rußland seine reaktionäre und tyrannische Politik den amerikanischen Bürgern jüdischen Glaubens gegenüber anwende. Der zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland 1835 abgeschlosiene Ber trag ist äußerst liberal und gewährt den Bürgern oder Untertanen der beiden Nationen unbehinderten Einlaß und unbeschränktes Aufenthalts recht in den beiderseitigen Gebieten. Die amerikanischen Juden waren nie im Stande von diesen Privilegien Gebrauch zu machen. Sie wurden systematisch davon ausgeschlossen, indem die russischen Konsuln in Amerika die Pässe jüdischer Reisenden zu visieren sich stets weigerten. Auf diesbezügliche Vorstellungen antwortete Rußland stets, daß es nicht anginge, ausländischen Juden mehr Rechte in Rußland zu gewähren als den einheimischen. Unsere Regierung will diese fadenscheinige Ausrede nicht mehr annehmen. Petersburg soll schon deutlich gehört haben, daß, wenn nicht in diesem Punkte gerecht Verführer wird, die Bereinigten Staaten überhaupt den Vertrag kündigen würden, und die vielgerühmte russischamerikanische Freundschaft wird zu Ende sein. Dieses energische Verfahren wird wahrscheinlich das Ziel erreichen und es steht demnach zu erwarten, daß diese unerhörte Anmaßung Rußlands bald der Vergangenheit angehören wird. Das Beth-Israel-Hospital in New-Aork, welches von dem russisch-polnischen Element gegründet und auch hauptsächlich von demselben unterhalten wird, plant, ein neues Gebäude zu errichten. Das gegenwärttge Gebäude ist lange nicht mehr imstande den an dasselbe gestellten Anforderungen zu genügen. Bei einer Versammlung, die zur Beratung dieses Planes vor Kurzem stattfand, wurden auf der Stelle über 100000 Dollars gezeichnet. Gewiß ein beredter Beweis nicht nur für den echt-jüdischen Wohltättgkeitssinn unserer östlichen Glaubensgenoffen, sondern auch von dem Reichtum und der Bedeutung, die sie in diesem Lande erlangt haben. vennttcdter. Mainz, 10. Februar. In Nackenheim hat gestern ein Metzger ein Schlachtvieh nach dem neuen Lchteßverfahren töten wollen. Dabet traf die Kugel den das Tier hallenden 30jährigen verheirateten Bernhard in den Kopf und rötete ihn auf der Stelle. Der Metzger wurde verhaftet. Doch wirb dem Vernehmen nach die Verhaftung nicht aufrecht erhalten werden, da den Metzger am Versagen des Apparats keinerlei Schuld trifft. Michelstavt i. Odenw., 13. Februar. Unter dem Vorsitze des Herrn Bürgermeisters Hieronymus beriet vorgestern ein Komitee über die Ausführung der vom Gemeinderat beschloffenen Ehrung des berühmten Rabbi Seckel Löb Wormser. Es wurde beschlossen, eine Sammlung zu veranlagen, deren Erträge teils zu einer Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhause benutzt, teils zu einer Stiftung sestgelegt werben sollen, die seinen Namen tragen und deren Zinsen im Geiste des großen Rabbi zu wohltätigen Zwecken ohne Unterschied der Konfession Verwendung finden sollen. Hamburg, 10. Febr. Auf Initiative einiger angesehen r Gemetndemitglieder wurde hier ein Kunstverein „Bezalel" gegründet, zur Unterstützung des Kunstgewerbes in Palästina. Homberg. 13. Febr. Auf Anordnung des Herrn Regierungspräsidenten sollen zunächt für die Dauer von 3 Jahren die Juden am hiesigen Orte eine eigene Shnagogengemeinde bilden, und zwar vom 1. Januar ab. Kattowitz. 15. Febr. Der Freisinnige Bolksverein zu Kattowitz hat den Landgerichtspräfidenten in Beuthen eine Eingabe gerichtet, welche feststellt, daß unter den zu dem Amte ei es Schöffen oder Geschworenen berufenen Personen Angehörige des Kaufmanns- oder Gewerbestandes auffallend schwach vertreten find, während alle anderen Stände in unverhältnismäßig hohem Grade herangezogen werden. Es wüd in der Eingabe die Vermurung ausgesprochen, daß der gerügte Zustand zum guten Teile daraufzurückzuführen sei, daß Personen jüdi chen Bekenntnisses bei Feststellung der Vorschlags¬ und Jahreslisten sehr häufig grundlos ausgelassen werden, wodurch ein Mißnand zutage trete, der in einen: Verfassung estaate unter keinen Umständen ruhig hingenommen werden könne. Die Gesetzgebung arbeite jetzt da-auf hin, daß auch Leute aus der Arbeiterklasse zum Schöffen- und Geschworenendienst herangezogen werden, in verschiedenen Bundesstaaten hätte man sich für die Einführung von Tagegeldern entschieden, um unbemittelten Personen die Ausübung dieses Amtes möglich zu machen und demgegenüber sei, so führt die Eingabe aus, das hier in Erscheinung tretende Bestreben, den Kreis qua ifizierter Personen in ungebührlicher Weise ein Mengen, um so verwunderlicher. Die Antwort des Landgerichtspräfidenten steht noch aus. Oftrowo, 10. Febr. Der verstorbene Stadtrat F. Fränkel hat ^der Synagoge testamenrarisch 2000 Mark vermacht. Sarajewo, 10. Febr Der Rabbiner der aschkenafischen Gemeinde, Dr. Wessel, ist von der Gemeinde mit Genehmigung der Regierung zum Oberranbiner ernannt worden. Zu Ehren dieses Vorganges fand am 7. d. M. im Gem indehause eine imposante Festversammlung statt, sowie ein Banket, an dem der gesamte Kultusvorstand, eine große Anzahl der Gemeindemitglieder und auch Vertreter auswärttger Gemeinden sich beteiligten. Ung. Brod, 10. Febr. Der Versuch unseres Herrn Rabbiner Dr. Jung, das Gymnasium im Geiste des altüberlieferten Judentums zu leiten und mit gründlicher Ausbildung in “pri, Talmud usw. zu verbinden, hat sich auch im ersten Semester dieses Schuljahres sehr gut bewährt. Die e Anstalt, in der die Gymnafial-Lehrgegenstände wie an den Sraatsgymnafien und min wie in einet gelehrt werden, verdient die tatkräftigste Unterstützung a-er Freunde des gesetzestreuen Judentums. Sie könnte, entsprechend ausgestaltet, zur hervorragenden Pflanzstätte des wahren Judentums werden. In Anerkennung der Bedeutung der Schule hat auch das „Hilfskomitee für die notleidenden Juden in Oesterreich ui Frankfurt a. M." ihr für das laufende Jahr eine Subvention von 500 M. bewilli t. Warschau. 15. Febr. Nach dem Stande der stattstischen Ausstellungen vom Januar 1909 beträgt die ^avl ber in RnsfisÄ-Polen ansässigen Juden 1800000 >eelen, von denen 300 000 auf die Stadt Warschau entfallen. Somit ist Waschau die größte jüdische Gemeinde in ganz Europa und die zweitgrößte der ganzen Erde, nach New-York, das mit seinen 800000 Juden wohl die größte jüdische Gemeinde ist, die es überhaupt je gegeben hat. New-York, 10. Febr. Louis A. HeinSheimer, ber jungst verstorbene Schatzmeister der United Nebrerv Charities, Mitglied der bekannten Bankfirma Kuhn, Loeb & Co. in New-York, hat die kolossale Summe von einer Million Dollar (4»/. Millionen Mark) für jüdische Wohltättgkettszwecke in New Jork hinterlaffen. Bedingung dabet ist, daß die größten jüdischen Wohltätigkettsanstalten New Yorks, nämlich das Mount Sinai Hospital, das hebräische Waisenhaus, das Montesioreheim für Invalide, die Erztehungsalltance, das Heim für alte und steche Kinder und die Vereinigten New-Yorker Wohltättgkettsanstalten sich binnen Jahresfrist zu einem Verbände znsammenschließen, dem auch andere ähnliche Anstalten beitreten können. Wie verlautet, find die Anstalten gewillt, die Bedingung des Testaments zu erfüllen. verelnsveren. Frankfurt a. M., 14. Febr. Im „Jüdischen Frauenveretn" beendete Herr Jacob Rosenheim am vergangenen Montag seinen Vortragszyklus „Jüdische Gebete". Der diesjährige Kurs schloß sich dem des Vorjahres, der den allgemeinen Begriff deS jüdischen Gebetes behandelt hatte, an und brachte den gedanklichen Inhalt der "iriEH ni2^2 und alsdann der nöStt? *p-Q zur Darstellung. Mit einem Ueberbltck über den in seiner Geschloffenheit bewunderungswürdigen Aufbau des Morgengebetes wurde der Zyklus beendet. Es sei noch mit Dank des Vortrages gedacht, den Herr Prof. Dr. Fink auf besonderen Wunsch des Frauenvereins gehallen hat, nachdem er bereits im „Rachlath Zwi" mit größtem Beifall ausgenommen worden war. Da in diesem Blatte schon über den Vortrag „Naturwissenschaftliche Hypothesen im Lichte der jüdischen Anschauung^ berichtet worden ist, erübrigt es sich, nochmals darauf einzugehen. Es ist mit Freude zu begrüßen, daß der gehaltvolle und interessante Vortrag wohl durch den Druck einem größeren Streife zugänglich gemacht werden wird. Pose«, 14. Febr. Am 6. d. Mts. hielt Herr E» Rzeszewski im Verein flttfb einen Bortrag über „Polizeigesetze in Bibel und Talmud" Nachdem Redner im Eingang seines Porttages darauf hingewiesen hatte, daß im Judentum eine Rechtsverletzung nicht allein ein Verbrechen gegen die Gesellschaft, sondern auch gegen Gott ist, ging der Referent zu seinem eigentlichen Thema, zu den Polizeigesetzen über, deren meiste den Schutz des L.ben und des Eigentums bezwecken, wie > z. B. das Gesetz, das die Anbringung von Schutzvorrichtungen an Häusern anordnet, das Benutzen baufälliger Häuser oder Treppen verbietet usw. Auch für Einheit und Korrektheit der Maße und Gewichte war im jüdischen Staate auf Grund des Thoraverbotes n\T vb PX1 pK "sO'22 reichlich gesorgt. Der Redner verstand es, an Hand vieler Bibel- und Talmudzitate die zahlreichen Zuhörer zu fesseln und erntete reichen, wohlverdienten Beifall. Posen, 15. Febr. Der „Bund gesetzestteuer Jugendvereine" ersucht uns, den zum Bunde gehörenden Vereinen mitzuterlen, daß der Präfidialverein in aller Kürze mit den Beschlüssen des Delegiertentages sowie mit Anregungen verschiedener Art an sie herantreten wird. Personalien. Frankfurt a. M., 15. Febr. Am vergangenen Donnerstag hatte sich eine außergewöhnlich große Trauerversammlung auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe eingefunden, um Frau Sidonie Dann die letzte Ehre zu erweisen. ES ist schwer, dem Fernstehenden ein rechtes Bild von dem reichen Leben zu geben, das hier seinen Abschluß gefunden hat. Gewiß kann man alle die Vereine anführen, in deren Verwaltung die Verstorbene tätig war, wie dies auch seitens der vielen Redner, die an der Bahre sprachen, gewissenhaft und redlich geschah. Aber damtt ist ja noch nicht einmal der äußere Rahmen gegeben, in dem das Wirken und Schaffen dieser seltenen Frau sich absptelte. Sidonie Dann war wohl in allen diesen Vereinen tätig und wohl in allen an erster Stelle, aber ihre Tätigkeit erschöpfte sich nicht damit, denn ihre ganze Zeit, ihre ganze Kraft gehörte den der Hilfe Bedürftigen. Seit mehr . enn 30 Jahren kamen sie zu ihr, die Mühseligen und Beladenen, und sie fanden eine offene Türe bet Tag und bei Nacht, denn eine „Sprechstunde" gab es bei dieser Frau nicht; sie fanden aber auch ein offenes Herz, ein tiefes und feines Verständnis für alle großen und kleinen Gebreste des menschlichen Lebens. Ihr war der Arme kein lästiger Besucher, für den, weil er nun einmal da ist, etwas geschehen muß, noch auch ein bloßes Experimentier-Matertal für Probleme der sozialen Fürsorge, sie sah in ihm den Menschen, den Bruder. DaS war es, was ihr Wirken zu einem gesegneten machte. Wenn sie einen Armen anhörte, so war er halb getröstet, und wenn sie dann zu unseren Vornehmen und Reichen kam und was sie eben gehört, in vollen Herzenstönm wtedergab, als wäre es ihr eia en es Leid, wer wäreba kalt und engherzig genug gewesen, um einer solchen Bittstellerin zu widerstehen? Unzählig find die Fälle, die für jeden Anderen unlösbar, von ihr in ihrer sanften urib zugleich energischen Art zu einem guten Ende gebracht wurden. Run ist sie, die ttotz ihrer mehr als 70 Iah« Nimmermüde zur Ruh. gegangen. Ihr Angedenken wird, ob auch keine LetbeSerben ihren Namen ttagen, im Streife ihrer Freunde allezeit lebendig bleiben, und so erfüllt