Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1909)
- Date
- 1909-02-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 7 Der Israeli!. 18. Februar 1909 Rußland. Sur Lage öer lugen in Suctinra. Petersburg, 10 Februar. In letzter Zeit ist in den jüdischen Blättern viel über die Juden in Buchara geschrieben worden. Interessant ist nun, wie dem „Hed-Hasman" berichtet wird, daß die Juden in der Bucharei bisher nur deshalb weniger Verfolgungen ausgesetzt waren, weil sie bei der russischen Regierung als eine besondere Sekte ange'ehen wurden. Aus Andisan in der Bucharei wird nämlich dem genannten Blatte gemeldet: „Wie bereits berichtet wurde, besteht die Gefahr, daß den hiesigen Juden die Bürgerrechte genommen und ihnen die Herausgabe von Handels-Zertifikaten verweigert werden sollen. Infolge von Bittgesuchen und Interventionen sowohl bei den hiesigen Behörden als auch in Petersburg, ruht vorläufig die Angelegenheit und die Lokalbehörden erhielten den Auftrag, die Juden unbehelligt zu lassen, bis die Frage von der Regierung gelöst sein wird. Auch hat der Gouverneur infolge eines telegraphischen Ansuchens angeordnet, daß den Juden, die in der Bucharei wohnen und die polizeilich dahin verschrieben sind, anstandslos Handelszertifikate ausgestellt werden mögen. In der Bucharei, wie im Kaukasus stellt jetzt die Polizeibehörde an die Juden die verfängliche Frage: „Zu welcher Sekte gehören eigentlich die Juden der Bucharei und im übrigen Asien? Sind sie „Talmudjuden" oder nicht? (Karäer.» Worin unterscheiden sie sich von den übrigen russischen Juden?" Diese Fragen haben die Juden in der Bucharei in nicht geringe Verlegenheit versetzt. Es besteht die Befürchtung, daß der Zweck diesem Fragen ist, einen Grund zu finden, den Juden der Bucharei die Rechte zu nehmen, so wie den aschkenasischen Juden. Der Vorsteher unserer Gemeinde, Jesaiah Aronow, gab die Erklärung ab, daß der Unterschied zwischen den aschkenasischen Juden, und den Juden der Bucharei darin bestehe, daß jene sich erstens mit dem Talmud mehr beschäftigen, ferner daß die Juden Bucharas zwei und mehr Frauen heiraten dürfen (was aber faktisch nie geschieht). Ebenso unterscheide sich auch der Bucharische Ritus und die Sabbat- und Fefttagsliturgie wesentlich von derjenigen der Aschkenasim " Warschau, 15. Febr. Vom Bureau der Rabbiner-Konferenz in Warschau erhalten wir ein von Herrn Rabbiner Graubart- Staßow unterzeichnetes Schreib n, mit der Bitte, den Dank der Einberufer an alle Gemeinden, die durch ihre Vertreter an der Versammlung beteiligt waren, sowie an alle Rabbiner und Laien, welche durch hingebungsvolle Tätigkeit die Bestrebungen der Konferenz förderten, öffentlich zum Ausdrucke zu bringen. Von den Resultaten der Konferenz ist ferner mitzmetten, daß die Kommissionen in Permanenz arbeiten, und getreu den Resolutionen und Beschlüssen der Versammlung trotz vielfachen Angriffen und Anfeindungen sich ihrer schwierigen Aufgabe mit Liebe und Erfolg unterziehen. Wilna, 15. Februar. Infolge der Nachrichten aus Odeffa, daß die dortige Stadtverwaltung ein Zirkular aus Petersburg erhallen habe mit der Weisung, alle bei der Stadtverwaltung angestellten Juden zu entlassen, hat der Korrespondent einer hiesigen Zeitung sich an das Wilnaer Stadthaupt gewandt, um zu erfahren, ob der erwähnte Erlaß auch hier gelten solle. In der Wilnaer Stadtverwaltung ist jedoch nichts von einem derartigen Zirkular bekannt, und da Wilna Petersburg näher liegt als Odessa, so ist wohl anzunehmen, daß die Ausschließung der Juden aus der Stadtverwaltung in Odeffa lediglich der Initiative des „Verbandes der echten Ruffen" entspringt, die ja dort die unbeschränkten Herren der Situation sind, und daß bei dem von ihnen verbreitete, Gerücht von einem allgemein gültigen Zirkular der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Daß übrigens auch in Wilna die Propaganda des „Verbandes der echten Russen" auf keinen unfruchtbaren Boden fällt, beweist folgender Vorfall: Die christlichen Brothändler aus dem Brotmarkte haben die Stadtverwaltung ersucht, einen jüdischen Brothändler, der in ihrer Reihe Aufstellung genommen, von diesem Platze zu entfernen. Sie motivieren ihr menschenfreundliches Gesuch damit, daß den Juden auf dem Brotmarkte ein besonderer Platz angewiesen sei. Finnland. 3ur Sdiädiffrage H el singfors, 16. Febr. Auf den von ihm gestellten Antrag, ein Schächtverbot für Finnland einzuführen, ging heute dem Senate der endgiltige Bescheid des Ministerrates von Petersburg zu, in dem erklärt wird, daß laut seinem am 12. d. Mts. gefaßten Beschlüsse kein Grund vorliege, dem Gesuche des Senares stattzugeben und den Juden, die treu zu ihrer Religion halten, den Fleischgenuß zu entziehen. Die Freude in den hiesigen jüdischen und allen liberal gesinnten Kreisen ist unbeschreiblich. Türket. Konfta ntinopel, 14. Februar. Die Bestätigung des Chacham Baschi Ha im Nahoum ist noch immer nicht erfolgt. Das Ministerium hat die eingegangenen Proteste dem Justizminister zur Prüfung überwiesen, Herrn Haim Nahoum aber, der sich über die Beachtung der Proteste beschwerte, beruhigende Erklärungen gegeben. Die Bestätigung dürfte also in der nächsten Zeit zu erwarten sein, wenn auch durch den eingetretenen Ministerwechsel vielleicht eine Verzögerung eintritt. In dem Ministerpräsidenten Kiamil Pascha hat Nahoum jedenfalls einen warmen Freund verloren. * * Gestern Abend 11 Uhr brach im Judenviertel von Galata ein Brand aus, der zwei Mietshäuser ergriff und dem leider 18 aschkenasische Juden zum Ofer fielen. Bis jetzt konnten elf bestattet werden, während die übrigen noch nicht ansgefunden wurden. raawri * * * Nicht uninteressant ist ein Ueberblick über das Schicksal der bisherigen Inhaber des Chacham Baschi-Postens in Konstantinopel. Es amtierten seit der Einführung dieser Würde: Rabbi Abraham Hakevy, gewählt 5595, starb 5596,' Rabbi Samuel Chafim, gewählt 5596, abgesetzt 5598; Rabbi Mosche Fresko, gewählt 5598, abgesetzt 5601; Rabbi Jacob B. David, gewählt 5601, abgesetzt 5614 (wurde ausgezeichnet mit Jflitharorden 1. Klasse); Rabbi Chajim Hakohen, gewählt 5614, starb 5620. Er war Inhaber der Medjidie 2. Klaffe,' Rabbi Jacob Awigdor, gewählt 5620, abgesetzt 5623, Inhaber 1. Klaffe Medjidie,' Rabbi Jakir Giron, stellvertretender Chacham Baschi, gewählt 5614, demissionierte 5632, Inhaber 1. Klasse Medjidie, Rabbi Mosche Halevy, Stellvertreter 5632, zur Demission veranlaßt 5668, Inhaber Medjidie und Grand Cordon Osmanie 1. Klasse. Die Absetzung scheint also ziemlich regelmäßig das Geschick der geistlichen Oberhäupter der türkischen Juden zu sein. Palästina. Jaffa, 5. Febr. Ein sehr betrübender Vorfall zeigte uns dieser Tage, daß die junge Freiheit auf die Gesittung und die Toleranzbegriffe des unteren Volkes noch keine nennenswerte Wirkung auszuüben vermochte. Seit Wochen kurisiert hier ein unkontrollierbares Gerücht, daß vergiftete Backwerke zum Zwecke von Kindermorden von gewiffen Händlern verkauft würden. Keiner weiß recht, wer und zu welchem Zwecke dieses Märchen erfunden hat. Aber es hat bereits ein Opfer gefordert — es war wie - immer und überall ein Jude. Ein angesehener Kaufmann, namens Süsselmann, der aus irgend einer Ursache den Zorn einiger Araber auf sich gezogen hatte, wurde am hellen Tage in seinem Laden von mehreren fanatischen Gesellen überfallen und unter der Anschuldigung, der Verbreiter der angeblichen Gtftwaren zu sein, grausam mißhandelt. Einige Polizeibeamte legten sich ins Mittel, aber nicht um den Angegriffenen zu schützen, sondern um ihn zu arretieren. Unter Zerren und Stoßen und Mißhandlungen, an denen sich der ganze Straßenpöbel eifrig beteiligte, wurde Süffelmann ins Amtsgebäude und von dort ins Gefängnis gebracht. Da Süsselmann ein russischer Untertan ist, so wurde der russische Konsul von dem Vorgänge in Kenntnis gesetzt, der auch unverzüglich einschritt. Auf seine Intervention wurde eine eingehende Untersuchung eingeleitet, die die völlige Haltlosigkeit der Anschuldigung ergab und die sofortige Freilassung Süsselmanns zur Folge hatte. Äußer dem Genannten wurden noch mehrere Juden und Nichtjuden, die für den Angegriffenen Partei genommen hatten, mehr oder weniger mißhandelt. Auch wurden Versuche gemacht, einige Läden zu plündern, die aber durch das plötzliche Erscheinen der russischen Konsulatsbehörde mißlangen. Auf Veranlassung der letzteren wnrdeu nun 4 der Hauptführer verhaftet. Amerika. Nus dem jiidifchen Leben in Amerika. (Von unserem Korrespondenten.) New-Aork. 5. Februar. Am 17. Janaur wurde Herrn Albert Lucas ein Ehrenfestesten gegeben. Diese Feier fand aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der von Herrn Lucas gegründeten Religions - Schulen statt. Herr ' Albert Lucas ist eine jener Persönlichkeiten, deren hingebungsvolle Opferfreudigkeit das Judentum viel zu verdanken hat. Obwohl Geschäftsmann und nur mäßig wohlhabend, widmet er den größten Teil seiner Kraft und seiner Zeit den Interessen des orthodoxen Judentums. Er ist Sekretär der Vereinigung orthodoxer Gemeinden und erfüllt die Pflichten dieses Postens mit seltener Hingebung, er ist Gründer und Präsident der Albert Lucas'schen Religionsschulen und unterhielt mehrere Jahre hindurch eine Anzahl gesellschaftlicher Centren für die jüdische Jugend. Herr Lucas hat sich durch die Religionsschulen das größte Verdienst erworben. Diese Schulen sind von ihm eigens zu dem Zweck inK Leben gerufen worden, den Anstalten der verschiedenen „Faddisten" die im jüdischen Viertel ihr Unwesen treiben, der Missionäre, der Reform-Juden und der Socialisten eine Gegenwehr zu stellen. Diesen Zweck erfüllen die Schulen in ausgezeichneter Weise. Die Kinder die dieselben besuchen, werden in echt jüdisch - traditioneller Weise erzogen, und viele sind schon zu treuen, begeisterten Juden und Jüdinnen herangereift. Gegenwärtig besuchen etwa 900 Kinder die Schulenmit genügenden Mitteln aber wäre es in hiesiger Stadt leicht die Zahl auf 9000 und mehr zu erhöhen. Die geplante allgemeine Vereinigung der New-Aorker Judenheit scheint sich verwirklichen zu wollen. Die hiesigen D’B'pn. sind dafür und was die Herren wollen, das wird gewöhnlich ausgeführt. Daß von dieser künstlichen Zusammenschmelzung der heterogensten Elemente in religiöser Beziehung nicht viel zu erwarten ist, ist den Lesern des Israelit bereits bekannt. Es soll übrigens eine vollkommen freiwillige Vereinigung sein, der man nach Belieben beitreten oder fern bleiben kann. Die hiesigen Gemeinden sind absolut autonom. Der Staat mischt sich, wie bekannt, überhaupt nicht in die inneren Angelegenheiten der Religionsgesellschaften. Wie jetzt verlautet, soll die Vereinigung nur in Verwaltungs-Sachen einheitlich handeln. Für die Controlle der religiösen Interessen sollen zwei rabbinische Behörden geschaffen werden, eine orthodoxe und eine reformirte. Die Gemeinden sollen sich derjenigen Behörde unterstellen, die ihrem religiösen Standpunkt entspricht.