Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1909)
- Date
- 1909-02-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite ü. Nr. 7. Der' Israelit. 18 Februar 1809 großen christlichen Landeskirchen, die er in jeder Hinsicht überwache, zu dotieren. Aus der Rede des Regierungsvertreters Ministerialdirektors Dr. Chappuis, führen wir wörtlich diejenigen Stellen an, welche sich auf den bereits jetzt vorhandenen Fonds zur Unterstützung von Geistlichen aller Bekenntnisse bezieht: „Bon dem Herrn Borredner ist noch die Frage erwähnt tvorden, ob aus dem Fonds Kap. 124 Tit 2e zur Unterstützung von Geistlichen aller Bekenntnisse auch jüdischen Rabbinern Unterstützungen gegeben werden könnten. Ich muß hier vorausschicken, das; aus diesem Fonds von 350,000 Mk. nur 11 n t c r ft n tz - ungen gegeben werden dürsen, nicht Beihülfcn an Gemeinden. Solche Unterstützungen dürsen aber nicht gewährt werden, weil die Gehälter der betreffenden Geistlichen unzureichend sind, sondern nur an Geistliche, welche, sei es durch eigene Krankheit oder durch Krankheiten in ihrer Familie oder durch sonstige Unglückssälle oder durch unvorhergesehene Ausgaben usw. in eine Notlage geraten sind. Tie Frage, ob aus diesem Fonds auch jüdischen Kultusbcamten Unterstützungen gewährt werden könnten, ist früher zweifelhaft gewesen. Im Jahre 1879 ist sie in diesem Hohen Hause auf Antrag des verewigten Abgeordneten Tr. Windthorst sehr eingehend verhandelt worden. Tamals hat ous Hohe Haus und seine Kommission Stellung dagegen genommen und sich dahin ausgesprochen, daß diese Unterstützungen nur an Geistliche der beiden christlichen Konfessionen, der evangelischen und katholischen, gegeben werden könnten. Aber, meine Herren, die Kultusverwaltung ist später doch zu einer anderen Auffassung in der Praxis gekommen, daß alle Geistliche aus diesem Fonds unterstützt werden können. f Es muß daher namentlich mit Rücksicht darauf, daß der Titel die Bezeichnung „für Geistliche aller Bekenntnisse" führt und daß in einzelnen Landesteilen, z. B. in Schleswig-Holstein, die jüdische n R a bb i n e r auch als G e i st l i ch e bezeichnet werden, als zulässig erachtet werden, auch jüdischen Rabbinern -- tä) rechne natürlich als solche nur diejenigen, die tatsächlich die Rabbinatsp^üfung abgelegt haben —, Unterstützungen zu geben. Praktische Fälle sind an uns, wenigstens so lange ich Direktor der ^geistlichen Abteilung des Kultusministeriunis bin, nicht herangetreten; rvenn sie kommen sollten, kann ich in Aussicht stellen, daß die Anträge wohlwollend werden geprüft werden." Nach diesen Erklärungen ist zu empfehlen daß gegebenen Falles wegen Gewährung von Unterstützung an die zuständige Regierung herangetreten werde. Sehr erfreulich ist endlich, daß der Ministerialdirektor wiederholt die Erklärung abgab, daß eine Erhöhung des bekannten Resolutionsfonds von 40,000 Mk. von der Regierung in wohlwollende Erwägung gezogen werden solle, sobald sich herausstelle, daß die Summe nicht den vorhandenen Bedürfnissen entspräche. vie deuffdie Konferenjgemelnfdiaff 9er n. III. Berlin, 17. Februar. lieber die gestern staltgehable Jahrestagüng der deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle versendet deren Bureau einen offiziellen Bericht, der, wie gewöhnlich, ziemlich nichtssagend ist. Der Bericht konstatiert das Anwachsen der Zakfi der Mitglieder in Deutschland und bemerkt, daß die Ziffer der Mitglieder sich in drei Jahren um 40 Prozent, der Beiträge und Spenden unr 64 Prozent gehoben habe. Der Jahresaufwand der Alliance beträgt etwa 2.000.000 Francs. Die deutsche Konferenzgemeinschaft im besonderell hat namentlich die durchwandernden russischen Glaubensgenossen unterstützt. Nach wie vor wird indessen der überwiegend größte Teil der Mittel für die Förderung des Schulwerkes der Alliance im Orient verwendet. Die Wünsche der deutschen Konferenzgemeinschast erstrecken sich auf die . Einführung des deutschen Sprachunterrichtes in einzelnen Allianceschulen, z. B. in Marokko und auf die Entsendung von Zöglingen des Pariser Lehrerseminars nach Deutschland'zum Zwecke der Erlernung der deutschen Sprache. Diese Wünsche, deren Motiv sehr nahe liegt, scheinen ihrer Verwirklichung immer noch nicht näher geführt zu sein. lieber den vorläufigen Bericht der nach dem Orient entsandten bekannten Prüfungskommission weiß das Communique, wie nicht anders zu erwarten, nur zu sagen, daß die Allianceschulen im Orient jede unbefangene Prüfung vertragen könnten und zwar nicht zuletzt hinsichtlich „des in ihnen wallenden vom traditionellen Geiste getrageiren religiösen Sinnes." Daß die Allianceschulen den religiösen Anschauungen der Herren Dr. Porges, Levi und Benedict entsprechen, hätte man auf billigerem Wege als aus dem einer Orientreise feststellen können, daß aber diese Anschauungen etwas mit der Tradition des Judentums zu tun haben, ist eine groteske Ansicht, die nur von ausgesprochenen Reformjuden nicht als solche empfunden wird. Ter deutschen Konferenzgemeinschast lagert sowohl von Breslau als von Berlin Resolutionen vor, welche oer in den weiten Kreisen der Alliancemitglieder herrschenden Erbitterung über die Methoden der deutschen Konferenzgemeinschaft Ausdruck gaben. Die Breslauer Resolution ist an anderer Stelle dieses Blattes abgedruckt. Sie spricht nur von dem offiziellen Vereinsorgan „Ost und West". Die Kritik der erwähnten Methoden würde aber wesentlich schärfer aussallen, wenn man die nicht offiziellen Enunziationen, für welche die deutsche Alliance nicht gesetzlich, sondern nur moralisch verantwortlich ist, in Betracht zieht. Wir wären begierig zu erfahren, wie die leitenden Kreise der deutschen Alliance z. B. — um ein Beispiel aus der jüngsten Zeit herauszugreifen — über die Beschimpfung der Führer der deutschen Orthodoxie als „Geschäftssenüten" und „Schiduchjuden" denken, die sich ein Verteidiger der Alliance Jsraelite Universelle zweimal hintereinander in einem und demselben Blatte gestattet hat. Gewiß würden die deutschen Orthodoxen diese Schimpfereierl ruhig einftecken, wenn nur sachlich die geringste Hoffnung bestände, daß dem verheerenden Eirrfluß der Antebi und G e n o f s e n auch nur bis zu einem gewissen Grad Einhalt geboten würde. Leider weiß der Bericht über die geheime Sitzung der deutschen Konfererrzgemeinschaft davon rricht ein Sterbenswörtchen zu melden, es werden also wohl diejenigen Recht behalten, welche jeden Versuch, die Alliance Jsraelite Universelle in eine wahrhaft jüdische Körperschaft umzuwandeln, für hoffnungslos halten. Es sollte uns freuen, wenn wir darüber eines besseren belehrt würden. Breslau, 10. Februar. In der Generalversammlung der Breslauer Mitglieder der Alliance, die am 0. cs. stattfand, kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen über die Art der Tätigkeit der A. I. It. im letzteil Jahre. Die Herren Wilhelm Kober, Dr. Sandler und andere bespracheil das Verhalten der Alliance in der Falascha-Frage, ihre Erziehungsgrundsätze in ihren palästinensischen Schulen, die Zusammensetzung der nach dem Orient entsandten Revisions- Kommission, schließlich Verhältnis und Verhalten der Alliance zum Hilfsverein der deutschen Juden. Jllsbesondere wurde Klage geführt, daß von seiten des deutschen Geschäftsführers, Herr M. A. Klausner, und anderer Leute, die zur Alliance in Beziehung stehen, im offiziellen Organ und anderwärts Polemiken geführt wurden gegen Männer, wie in erster Reihe Dr. Paul Nathan, dann Dr Margulies-Florenz, Dr. Faitlowitsch ll. a., dann auch gegen ganze Gruppen von Leuten, die auf anderem Standpunkt stehen als die derzeitigen Leiter der Alliance. Die lange Debatte verdichtete sich schließlich zu folgenden Resolutionen, die einstimmige Annahme fanden: I. Die heutige Versammlung der „Ortsgruppe Breslau" nimmt von den Erklärungen des Vorsitzenden, Herrn Rabbiner Dr. Rosent h a l: „Auch dem liberalsten Manne muß es Herzenssache sein, die Erziehung der Jugend im heiligen Lande, mit Rücksicht ans die ange ftarnmte, lief innerliche Frömmigkeit der Eitern, in streng gesetzestreu traditionellem Sinne durchzuführen" — mit großem Interesse Kenntnis und beauftragt den H rrn Vorsitzenden, der als Delegierter nach Berlin reist, in diesem Sinne in energischster Weise den Stmdpunkt der Breslauer Mitglieder der A. I. U. zu vertreten. 2. „Die Breslauer Ortsgruppe der A. I. U. spricht ihr Bedauern darüber aus, daß in den offiziellen Mitteilungen der Monatsschrift „Ost und West" während des vorigen Jahres mehr fach ein unseres Erachtens wenig angemessener Ton gegenüber Vertretern abweichender Meinung geherrscht hat." 3. „Die Versammlung hält ein einträchtiges, auf gegenseitiger Achtung begründetes Zusammenarbeiten der beiden verdienten Organisationen, Alliance und Hilfsverein, für höchst wünschenswert." Die für denselben Abend angesetzte Neuwahl des Lokalkomites wurde auf Antrag von Kommerzienrat Sternberg für die nächste Sitzung verschoben, die im Laufe des Monats März stattfinden und in der Herr Rabbiner Dr. Rosenthal über die bevorstehende Berliner Tagung berichten soll. Hamburg, 14. Februar. Schon seit einer Reihe von Jahren macht sich in der hiesigen Gemeinde das Bedürfnis einer Vergrößerung der Talmud-Thora-Realschule geltend, da die alten Räume längst nicht mehr den modernen Ansprüchen genügen und auch der wachsenden Schülerzahl nicht entsprechen. Ebenso kann die Lage der Schule, nicht mehr wie früher, als günstig betrachtet werden. Denn während in früheren Jahrzehnten das jüdische Leben speziell in der Gegend um die Kohlhöfen, wo die Schule ihr Domizil hat, pulsierte, verließen die jüdischen Einwohner in den letzten Jahrzehnten immer mehr und mehr diesen Stadtteil und siedelten sich in anderen Gegenden der Stadt an. Dem Zuge der Zeit folgend baute man vor einigen Jahren die prächtige Synagoge am Bornplatz und ließ dafür die alte, 1789 erbaute Elbstraßen-Synagoge eingehen. Bereis früher war auch die „Alte und Neue Klaus" nach diesem Stadtteil übergesiedelt und im Laufe der Zeiten folgte ihr eine Institution nach der anderen. Und nun beabsichtigt auck die altehrwürdige Talmud-Thora-Realschule ihren Wohnsitz zu verlassen und dem sich immer mehr geltend machenden Bedürfnis folgend auch nach dieser Gegend zu ziehen. Es liegt die Absicht vor, neben der Gemeindesynagoge Bornplatz ein neues, den modernen Ansprüchen genügendes Schulgebäude zu errichten und zwar auf staatlichem Grund und Boden. Der Senat, dem bereits ein Antrag auf käufliche Ueberlaflung eines Platzes vorliegt, soll diesem Projekt sehr günstig gegenüberstehen und wenn auch die Bürgerschaft ihre Zustimmung giebt, woran wohl kaum zu zweifeln ist, wird der Plan sehr bald zur Ausführung gelangen. Gefördert wurde bekanntlich die Angelegenheit durch eine Stiftung des Herrn Moritz Marburg, der anläßlich seines 70. Geburtstages im vorigen Jahre die Summe von 175.000 Mk. für ein neues Schulgebäude zur Verfügung stellte. Erwähnt sei noch, daß die Talmud-Thora-Realschule, welche auf ein Altei von 104 Jahren zurückblickt und ihren Zöglingen die Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligen- Dienst gibt, bekanntlich auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums steht und dem Vorstand derselben auch Herr Oberrabbiner Hirsch angehört, während Herr Rabbiner Dr. Nobel erst kürzlich in den Lehrkörper der Schule eingetreten ist. Bingen, 16. Februar. Die Reichstagsersatzwahl in Bingen-Alzey hat einen Sieg der Freisinnigen gebracht. 8103Stimmen fielen auf den Kanditaten der Frs. Volkspartei Pfarrer Korell und seine Wahl ist gesichert. Ihm gegenüber standen Kandidaten des Zentrums, der Sozialdemokraten und der Nationnlliberalen, die sich mit dem Bunde der Landwirte verbunden hatten. Das Resultat bedeutet für den entschiedenen Liberalismus in Bingen-Alzey eilten glänzenden Erfolg und bedeutet einen vollständigen Zusammenbruch des Bündlertums, das mit starkem antisemitischen Einschläge sich in letzter Zeit fast in allen Landorten Rheinhessens breit zu machen sucht. Die