Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1909)
- Date
- 1909-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Der J-raettt assimilierten sich, die anderen blieben vorläufig am Jargon haften, vernachlässigten die heilige Sprache in dem Maße, wie auch das Leben durch materialistische Strömungen, von denen auch das Ghetto nicht verschont blieb, immer mehr an Weihe verlor. Und nun vollführten sie die letzte Tat, versammelten sie sich in Czernowitz und proklamierten die Entthronung der hebräischen Sprache, erklärten der erstaunt aufhorchenden Welt, daß die hebräische Sprache überhaupt keine Sprache mehr fei, daß die einzige Nationalsprache des jüdischen Volkes nur noch der Jargon bilde. Welcher Jargon? fragt man sich. Denn daß es mehr als einen gibt, hat doch gerade die Konferenz bewiesen, wo die Reden oft von Teilnehmern anderer „jargonsprechenden" Gegenden mit dem charakteristischen Zwischenrufe unterbrochen wurden: „Jüdisch reden!" Und die deutschen, französischen, englischen, italienischen Juden usw., die den Jargon nicht sprechen, und die hunderttausende Spaniolen, die, ihren eigenen Jargon sprechend, vom russisch-polnischen keine blasse Ahnung haben? Zählen all diese, da sie an der alleinseligmachenden jüdisch-deutschen Nationalsprache keinen Anteil haben, nicht mit zur Nation? Man sieht, daß der Jargon, seitdem er als Schriftsprache sich selbständig etablierte, dem logischen Denken seiner Verfechter nur wenig förderlich war. — (Schluß folgt.) orrespondenzen und Nachrichten « Derrtsryes MeUH. Frankfurt a. M., 16. Februar. Auf dem 8. Zionistenkongreß wurde von den in Haag versammelten Anhängern des Misrachi ein Kapitalsonds für die Gründung einer hebräischen Mittelschule in Palästina gezeichnet. Das zur Durchführung des Unternehmens gebildete Komitee wurde inzwischen durch den Beitritt mehrerer glichen, nur ein unhörbares Lächeln gewesen sein konnte. Sie eilte mit Leiser zur Rees, wo Herzleib noch weilte und faßte die Reisetasche und sagte: „Das wollen wir uns auch ohne Brißmiele gut schmecken lassen. Muß denn erst so'n kleiner Krischer dabei fein?" Allmählig wurde Herzleib von der humorvollen Weise, mit der seine Schwester und sein Schwager und das ganze Dorf den Bubenstreich besprachen, mit angesteckt. Die Leute lachten und Herzleib hielt es für das Beste mitzulachen, obgleich er sich im Stillen vornahm, nicht zu ruhen, bis er den Urheber dieses Streiches entdeckt hatte. — (Schluß folgt.) Ein ßacbklang zum Darwin- Jubiläum Im „Berliner Tageblatt" äußert sich Prof. Dr. Zacharias, der Direktor der Biologischen Station in Plön, der im übrigen auf dem Boden der Entwicklungslehre und sogar der Selectionslehre steht, rn scharfen Worten über die mißbräuchliche Ausbeutung der Darwinschen Ideen durch Haeckel und seine Schüler. Zacharias sagt: „Die reine authentische Lehre Darwins, wie wir sie durch das Studium der Originalwerke des berühmten Gelehrten kennen lernen, ist übrigens in populären Büchern und Zeitschriften vielfach falsch dargestellt worden. Man hat dem überaus gewissenhaften und vorsichtigen Forscher manches aufs Konto gesetzt, woran er nicht im entferntesten gedacht hat. Gleich nach dem Erscheinen seines Hauptwerkes „Ueber die angesehener, dem Zionismus nicht angehörender Männer der deutschen gesetzestreuen Judenheit erweitert und das Unternehmen dadurch aus eine breitere Pasis gestellt. Nach längerer Zeit dauernden Ermittlungen hat das Komitee von der Errichtung einer neuen Schulanstalt abgesehen, und vielmehr beschlossen, die seit einigen Jahren in Jaffa bestehende „Tachkemonischule" zu übernehmen und in eine nach modernen pädagogischen Grundsätze geleitete Schule umzugestalten. Die Leitung der Schule, die den Namen „Hebräische Mittelschule Tachkemoni in Jaffa"führen wird, wurde dem geprüften Oberlehrer für Mathematik und Physik, Herrn N. Schlesinger-Hamburg übertragen. Als Lehrer wird von dem Komitee zunächst noch Herr Dr. I. Engel, der nach längerer Lehrtätigkeit an dem Juna'schen Gymnasium in Ung. Brod eine Zeit lang speziellen pädagogischen Studien obgelegen hat, nach Jaffa entsandt werden. Beide Herren werden ihr Amt nach Peßach antreten. Schatzmeister des Komitees, das sich demnächst mit einem Aufrufe an die weitere Oeffentlichkeit wenden wird, ist Herr Josef W. Hackenbroch,Frankfurt a.M., Röderbergweg 30. Berlin, 12. Februar. Ueber die Vorgänge in Safed, von denen wir in der letzten Nummer unter Vorbehalt berichteten, teilt nun der Hilfsverein der Deutschen Juden auf Grund einer telegraphischen Nachricht folgendes mit: „Eine Reihe von österreichischen Untertanen jüdischen Glaubens wurden von der türkischen Regierung als türkische Untertanen reklamiert und die Entrichtung der Militärsteuer von ihnen verlangt. Türkische Beamte drangen in die Wohnung ein, um diese Steuer, die die österreichischen Untertanen zu entrichten sich weigerten, mit Gewalt zu erheben. Bei diesem gewaltsamen Vorgehen kam es zu Mißhandlungen einer Anzahl Juden. Der Bruder des österreichischen Konsularagenten in Safed, der kein Jude ist, versuchte durch persönliches Dazwischentreten zu intervenieren und wurde dabei durch Säbelhiebe schwer verwundet. Indessen erhält die „N. I. K." aus Jaffa unter dem 15. Februar ein Telegramm, wonach die von verschiedenen Zeitungen verbreitete Meldung von Judenverfolgungen in Safed, wie auch die vom Hilfsverein der Deutschen Juden gegebene Darstellung in keiner Weise den Tatsachen entspreche. Es sei nichts derartiges vorgefallen, und das ganze Gerücht wäre. lediglich dadurch entstanden, daß der Kaimakam einige Juden wegen rückständiger Steuern pfänden lassen mußte. (?Red.) Entstehung der Arten" (1859) unterstellte man ihm, daß er darauf ausginge, das göttliche Walten in der Natur zu eliminieren und an dessen Stelle das automatische Spiel der natürlichen Zuchtwahl zu setzen. Daß dies völlig unwahr ist, geht aus vielen Stellen seines nachgelassenen Briefwechsels hervor. So zuin Beispiel aus folgender Aeußerung, die ich einer Zuschrift an Professor Asa Gray (1860) entnehme: „Laßt einen jeden Menschen hoffen und glauben, was er kann. Ganz entschieden komme ich darin mit Ihnen überein, daß meine Ansichten durchaus nicht notwendig atheistisch sind. Der Blitz tötet einen Menschen, mag er ein guter oder ein schlechter sein, infolge der komplizierten Tätigkeit der Naturgesetze. Ein Kind wird durch die Wirksamkeit noch komplizierterer Naturgesetze geboren; und ich kann keinen Grund dafür 'irischen, weshalb ein Mensch oder irgendwelches Tier nicht auch ursprünglich durch bestimmte Naturgesetze hervorgebracht sein könnte. Ebenso sehe ich nicht ein, weshalb alle diese Gesetze nicht von einem allwissenden Schöpfer, der jedes künftige Ereignis und dessen Folgen voraussah, gegeben sein könnten." Niemand war im Aussprechen von Behauptungen und Meinungen zurückhaltender als Darwin, und es lag ihm fern, seine Lehre zu einer förmlichen Weltanschauung zu erweitern oder über den ersten Ursprung der einfachen Lebewesen eine Hypothese aufzustellen. Wenn er auch die Ansicht vertrat, daß das Leben auf der Erde einstmals mit sehr primitiven Organismen begonnen haben müsse, so vermied er es doch sorgfältig, über deren Entstehungsweise zu spekulieren und den sicheren Boden der Tatsachen zu verlassen. Diesen naturphilosophischen Zug hat erst Haeckel rn die Entwicklungslehre hineingebracht, indem er deren Konsequenzen zu ziehen für seine wissenschaftliche Pflicht erachtete. Aber hierbei überschritt er nicht bloß vrel- 18. Februar. Seite 5 PaiiameittaiMes. Berlin, 14. Febr. Wir haben bereits in der vorigen Nummer über die zweite Lesung des Lehrerbesoldungsgesetzes im preußischen Abgeordnetenhause berichtet. Indessen scheint es notwendig, noch auf einige wichtige Momente in der Debatte hinzuweisen, die bei der praktischen Handhabung des Gesetzes von einer gewissen Bedeutung werden können. Die Erklärung des Ministerialdirektors Schwartzkopff über die Erleichterungen, die den in den öffentlichen Schuldienst übertretenden Privatlehrern aus dem Dispositionsfonds der Regierung gewährt werden könnten, lautet wörtlich: „Ich kann erklären, daß die Kgl. Staatsregierung gern bereit sein wird, so weit es möglich, solchen Lehrern in ihrer Notlage zu helfen und mit dem ihr zur Verfügung stehenden Unterstützungssonds die Nachzahlung nach Möglichkeit zu erleichtern, auch dadurch, daß Ratenzahlungen bewilligt werden. Ich hoffe, daß durch die Gewährung von Unterstützung etwaige Schwierigkeiten und Mißstände, die sich herausgestellt haben, ausgeglichen werden können." Auf eitle weitere Anfrage in der Diskussion erklärte später der Regierungskommissar: „Sodann möchte ich noch dem Mge ordneten Kassel auf seine Anfrage erwidern, daß naturgemäß der allgemeine Unterstützungssonds auch für jüdische Lehrer bestimmt ist, daß also aus diesem allgemeinen Unterstützungs-Fonds Unterstützung auch an solche Lehrer bewilligt werden könnte, die von jüdischen Privatschulen in den öffentlichen Volksschuldienst übertreten." Als interessante Einzelheit sei noch erwähnt, daß der Antrag zu Gunsten der Religionslehrerinnen von dem streitbaren Abgeordneten Dr. Hahn als dem Sprecher der konservativen Partei vertreten wurde. Auch die Verhandlung, welche, wie gemeldet, zur Ablehnung des Antrages Eickhoff aus Gewährung von staatlichen Unterstützungen an leistungsschwache Kultusgemeinden führte, bot manche interessanten Gesichtspunkte. Von den Befürwortern des Antrages wurde namentlich geltend gemacht, daß an kirchlichen Kultussteuern im preußischen Staate jeder Jude durchschnittlich Mk. 10.79 zahle, während die entsprechenden Ziffern für Evangelische und Katholiken Mk. 1.33, bezw. Mk. 0.93 betragen. Dem gegenüber wies die Regierung darauf hin, daß auch die übrigen nicht privilegierten Religionsgemeinschaften wie die Alt-Lutheraner u. a. riesige Zuschläge zur Einkommensteuer für ihre kirchlichen Bedürfnisse aufbringen müssen. Die Annahme des Antrages würde also zur analogen Berücksichtigung aller dieser Religionsgemeinschaften führen müssen, während der Staat prinzipiell auf dem Standpunkte stehe, nur die beiden fach die Grenze einer zurzeit möglichen Erfahrung, sondern zuweilen sogar die Bahnen der exakten Forschung. Er konstruierte mit der ihm eigenen künstlerischen Phantasie das hochskrebende Ideengebäude des „Monismus" und überdarwinte die Lehre Darwins in manchen Stücken bis zur Unkenntlichkeit. Nach jener monistischen Weltanschauung geht alles in der Natur mechanisch-kausal (so lautet das Schlagwortzu! Das Leben der Tiere und Pflanzen ist demnach „nichts weiter" als das Produkt chemisch-physikalischer Kräfte; und der Mensch, dem es bei der besten Absicht nicht gelingen will, damit auch das Vorhandensein von Empfindung, Willen und Bewußtsein zusammenzureimen, erscheint dem enragierten Monisten als ein philosophischer Eigenbrödler und Patentsatzke, der noch etwas ganz besonderes Feines für sich allein haben will. Entbrennt dann gelegentlich über diesen Punkt eine literarische Polemik, so kann derjenige, oer sich nach einigen Stößen nicht für überwunden erklärt, gefaßt darauf sein, daß er zu den „Dunkelmännern", den „Rückständigen", den „Dualiften" und „Keppler- Bündlern" gerechnet wird, womit er auf jener Sette für vollkommen abgetan gilt. Gegen ein derartiges philosophisches Papsttum muß aber — gerade im Namen des großen und toleranten Forschers Darwin — zugunsten der allgemeinen Denkfreiheit energisch protestiert werden, ganz abgesehen von der Unzulässigkeit, daß Wissenschaft und Philosophie von einer besonderen Gruppe in Generalpacht genommen oder gar für Bundeseigentum erklärt werden."