Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1909)
- Date
- 1909-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 18. Februar 1909 Irr Jsraeltt Rr. 7 den, daß der jetzige Zustand der Rechtlosigkeit beseitigt werde. Nicht wieder wie in 1863 und bei der vorjährigen Lehrer-Gehaltsaufbesserung dürfen unsere jüdischen Lehrer vergessen, und „auf den Himmel" verwiesen werden. Diesmal sollen und müssen sie bei der „Teilung der Erde" dabei sein, und dann, wenn diese Frage in einer befriedigenden Form gelöst und der Alpdruck des Hungers und der unwürdigen sozialen Stellung nicht mehr körperlich und seelisch auf unseren Lehrern lastet, — dann werden die meisten Meinungsverschiedenheiten, die sich bisher zwischen Gemeinden und Rabbinern ergaben, überhaupt nicht mehr entstehen, weil der gemeindliche Religionslehrer nicht mehr der Untergebene seines Gemeindevorstandes ist, weil er vielmehr dann in Schule und Haus in vollster Unabhängigkeit von allen „Nebenmolumenten" sich im gewissen Sinne auch als „Hüter des religiösen Gedankens" ungleich besser als bisher bewähren wird. Und damit sind wir am Ende unserer politischen Weisheit. Res venit ad triarios möge die große bayr.. Orthodoxie selbst entscheiden, wie der Kurs weiter gesteuert werden soll. Aber lvir lehnen es ab, den'Kampf nach zwei Fronten hin weiter zu st'ihren, Redeschlachten pro und contra Revision weiter auszufechten, und in Zeitungsartikeln die für den Kampf mit dem genreinsamen Gegner so notwendige Zeit und Kräfte zit vergeuden .Verhallt auch dieser Appell wirkungslos, so treten wir müde und resigniert zur Seite und überlassen den Gegnern der Revision mit ihrer „Errungenschaft" von 1863 das Schlachtfeld. Als wir vor einigen Jahren die unzulänglichen Friedensvereinbarungen mit der Neologie schlossen, als hageldicht die Vorwürfe des „Verrats" und des „Säbelrasselns" auf uns herniedersausten, da erklärten wir an dieser Stelle feierlich vor Freund und Gegner, daß dieser Waffenstillstand nur geschlossen werde, um den einigen, geschlossenen Aufmarsch der ganzen bayr. Orthodoxie für den Revisionskampf wirksam vorzubereiten. Fast scheint es, als ob diese Hoffnung eine trügerische gewesen und als ob der von einzelnen „Hüten: des religiösen Gedankens" ausgehenden Opposition gegen die Revisionsbewegung der Sieg in Aussicht steht. Abervor der Geschichte des bayr. Judentums werden jene Führer schwerlich bestehen könlteit; sie werden, wenn die Revision wiederum scheitert, die Verantwortung dafür tragen, daß sie eine kurzsichtige Politik getrieben haben, und den richtigenZeitpunkt nichtzu nützen verstairden im Dienste des bayrischen Vaterlandes und des traditionellen Judentums. 8. F. schon stutzig gewordene Schuster. Da fuhr ihm Plötzlich durch den Sinn, daß vielleicht seiner Schwester ein Unglück im Wochenbett zugestoßen sein möge. Ja, so mußte es sein, denn kurz vor der Brißmiele und Sude setzten die Leute doch-.nicht so ängstliche Mienen auf. — Gerade war eine peinliche Stille eingetreten, denn die landläufigen Fragen und Gegenfragen waren abgetan, als Herzleib .Plötzlich frug: „Ihr Leut, ich merk', es geht was vor, was Ihr mir nickt sagen wollt. Ist chollile meiner Schwester etwas passiert, was Ihr mir verheimlichen wollt? Oder ist dem Kind, mei'm Gevattermännchen, was zugestoßen?" Drei, vier, fünf Sekunden tiefster Stille folgten diesen Fragen. Man hörte die Fliegen durch die Stube summen, ehe einer der Anwesenden den Mut fand, dem fragend um sich Blickenden zu antworten. Doch der Kiewe war einer der Beherztesten und antwortete: „Herzteib, deiner Schwester ist nichts passiert; sie ist mit dem Leiser nach Mederhelmbach gegangen. Aber dir muß, b'waunes, was passiert sein, daß du. fünf Stund' Weges herkommst und willst bei deiner Schwester 'ne Gevatterschaft nehmen. Du hast ganz gewiß einen Sonnenstich bei der Hitz' bekommen und bist newwich meschugge geworden. . . ." Der Mann hinter dem Tisch, auf dessen Gesicht die Strahlen der untergehenden Sonne fielen, schien die letzten Worte nicht mehr zu vernehmen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf den Sprecher; fein Gesicht war aschfahl geworden, der auf den Tisch 'ge-- lehnte Arm begann heftig zu zittern. Den nahe *m J der Türe stehenden und wenigst beherzten Männern schien die entsetzliche Veränderung, die jetzt mit dem Manne vorging, als ein Zeichen des «msbrochenden Wahnsinns und sie zogen sich schleunigst weiter zurück. Aber der erwartete Wutanfall blieb aus. Herzleibs Line sterbende Sprache. (Fortsetzung.) Indessen suchte auch eine andere Klasse das von den Rabbinern vernachlässigte Gebiet in ihren Besitz zu bringen und die Volkssprache zur Gewinnung der Volksmassen möglichst auszunützen. Es waren die allezeit rührigen und in Spekulationen unermüdlichen Judenmissionare. Bereits im Jahre 1540 ist von einem getauften Juden das Evangelium ins Jüdisch-deutsche übertragen und in tausenden Exemplaren unter die Juden geworfen worden. Vier Jahre später gab der gleichfalls getaufte Jude Adam eine jargonische Bibelübersetzung heraus, die an Textfälschungen und Verdrehungen hinter den englischen und deutschen Missionsbibeln von heute in nichts zurücksteht. Dagegen aufzutreten fanden die Rabbiner nicht der Mühe wert. Sie dachten viel zu hoch von ihrem Volke, um in diesen Machenschaften der Mission eine Gefahr zu erblicken, oder irgendwie auf ein Gegenmittel bedacht zu sein. — Und sie haben in dieser Beziehung recht behalten. Als es nach Mendelssohn sich auch auch im russisch-polnischen Ghetto zu rcgcn begann, und die hebräischen Schriftsteller an den Ausbau einer modernen hebräischen Literatur herangingen, schenkten sie anfänglich dem Volksdialekte ebenfalls keine sonderliche Beachtung. Sie sprachen zu den Gelehrten und Gebildeten des jüdischen Volkes, und diese beherrschten ausnahmslos die hebräische Sprache in Wort und Schrift. Der erste Kampf um den Jargon setzte in der ersten tälfte des vorigen Jahrhunderts ein, als Mendel epin, ein geachteter Gelehrter feiner Zeit, eine jargonische Uebersetzung von „Mischte" in Versen veröffentlichte und damit wohl den ersten Stein zum Bau der modernen Jargonliteratur brachte. Es war aber auch ein Stein des Anstoßes für die Mehrzahl der damaligen hebräischen Schriftsteller, die den Kampf gegen die unwürdige Nebenbuhlerin, die sich anmaßte, ihr eigenes Leben zu führen und salonfähig zu werden, aufnahmeu. Man schrieb Broschüren gegen das „Lepinsche Machwerk". „Ein ernster Gelehrte," sagte man, „dürfte nnd sollte nicht Jargon schreiben." Und nun teilten sich die hebräischen Schriftsteller in zwei Lager: die einen stellten sich ablehnend, ja feindselig dem aufstrebenden Jargon gegenüber, die anderen aber begünstigten diese Bestrebungen und bedienten sich auch selber, wo es ihnen im Interesse der besseren Popularität als geboten erschien, der Volkssprache. Zu der letzteren Gruppe gehörte der Senior der hebräischen Dichter, Levisohn (Adam Hakohen) sowie der gefeierte Lyriker Gottlob er, ebenso der probreites Antlitz nahm einen steinerenen Ansdruck an, und mit durchbohrenden Blicken sah er auf den Sprecher. Er sah auch hinüber zu den langsam zurückweichenden Männern an der Türe, und ein verächtliches Lächeln zuckte um das eben noch erstarrte Antlitz. Noch konnte er keine Worte finden, noch nicht seine Gedanken sammeln. Es kam ihm jetzt fast selber vor, als habe er den Verstand verloren und die Leute hätten recht sich vor ihm zu fürchten. Die waren ja gar nicht gekommen, um ihn ru beglückwünschen und Willkommen zu heißen, sondern um sich zu überzeugen, daß er wirklich verrückt sei, und er jetzt „gebunden und geseilt" dem Irrenhaus überwiesen werden müsse. Wie nun der Herzleib so still dasaß, wie vernichtet, kein Wort redete und mit starren Blicken die Umstehenden so eigentümlich und hilflos ansah, da bekamen sie Mitleid, mit ihm. Und er blieb so ruhig und würdevoll sitzen und sah so feierlich aus in seinem weißen Hemd mit den hohen Vatermördern und dem weißen Halstuch und in dem schwarzen Rock, daß sie alle Angst vor ihm verloren und etwas wie ein tiefes Mitleid sie beschlich. War Herzleib doch -ein ganzes Leben lang ein braver, ehrbarer Mensch gewesen, der trotz seiner Stärke knicht einmal ein Kind hätte kränken mögen. Endlich machte Kiewe der beklemmenden Stille ein Ende. Weicht wie man zu einem Kinde spricht, trug er: „Geh', Herzleib, sag' mir doch einmal wie du mir darauf gekommen bist, daß deine Schwester, Die doch unberufen schon bald sechsundfünfzig Jahr rilt ist, noch ein Kind bekommen soll. Wer hat dir den Stuß voraerÄü'?" Mit zitternden Händey suchte der Gefragte in den Innentaschen seines Rockes, holte aus einer abgetragenen vielfächerigen Brieftasche einen blauen Brief hervor und reichte ihn Kiewe wortlos hin, Rasch wie duktive Journalist Zederbaum, der neben dem hebräischen Tageblatt „H a m e l i z" auch Jahrzehnte hindurch eine täglich erscheinende Jargonzeitung für das Volk hcrausgab. Und nun beginnt die eigentliche Jargonliteratur ihren Entwicklungsgang, ihren Aufschwung, ihre Triumphe zu feiern, die sich in den letzten * Jahren unter Peretz, Asch, Rosenfeld u. v. a. noch wesentlich vermehrten. Der Kampf hat aber nicht aufgehört und die Frage, „Hebräisch oder Jargon" ist hellte noch nicht von der Tagesordnung abgesetzt, dient heute noch als Schi boleth aufbeiden Seilen. Vor kurzem hat in Czernowitz eine Konferenz der Jargonistcn aller Erdteile stattgefunden, die sich vorwiegend mit dem Verhältnis des Jargons zum Hebräischen befaßte. Sie kam zu dem Schluffe, daß die hebräische Sprache als solche längst aufgehört und ihre Existenzberechtigung eingebüßt habe. An ihrer Stelle sei daher der Jargon als Nationalsprache des jüdischen Volkes einzusetzen. So gab diese wahnwitzige Resolution doch denjenig n recht, die im Interesse der hebräischen Sprache die Jargonliteratur von Anfang an mit Eifersucht verfolgten und sie mit aller Energie bekämpfen zu müssen glaubten. Allein diese Herren, die heute darob so erstaunt und erregt tun. sie haben den Zustand doch mindestens mit verschuldet, er mußte sich als natürliche Folge aus der Entwicklung der hebräischen Literatur ergeben. Die Czernowitzer Resolution war als logische Notwendigkeit aus dem Treiben der Neuhebräer abzuleiten und ihr Eintreten fast mit mathematischer Genauigkeit vorauszusagen. Gewisse hebräische Schriftsteller haben ein halbes Jahrhundert lang ein Judentum ohne Thora gelehrt. Sie haben einen Kulturkampf künstlich heraufbeschworen, da wo nicht der leiseste Grund dazu vorlag. Sie haben den Thorageist perhorresziert und seine Träger, wo es nur anging, verleumdet und verdächtigt. I. L. Gordon, ein gottbegnadeter Dichter, erzählt und dichtet vom Fanatismus der Rabbiner. Smolenski, ein genialer Novellist und Publizist, verfolgt mit seinen Essays und Erzählungen nur eine Tendenz, den Kampf gegen die Rabbiner, die er für alles wirkliche nnd erdichtete Elend auf geistigem und sozialem Gebiet verantwortlich macht. Der Romanschriftsteller Abraham Mapu stellt die „Rabbonim" als ö'!?, als Geier und Raubtiere dahin. Die Jugend verschlang diese Schriften mit wahrem Heißhunger, wahllos; kritiklos nahm sie die neuen Lehren in sich auf und zog die Konsequenzen daraus. Sie sagte sich, wenn die Thora nichts mehr ist, was sollte uns noch ihre Sprache? Welchen Wert hätte noch die Schale, wenn der innere Kern ungenießbar sei? Die Gebildeten selten in seinem Leben, hatte dieser seine Brille ans gesetzt, das Schreiben auseinandergefaltet und gelesen. Ueber den Leser hingebeugt, suchten die Umstehenden lnitzulcsen, alle von unbezähmbarer Neugierde erfaßt, hier Aufschluß zu dem Vorgang, den sie eben erlebt hatten, zu erhalten. „Da hat sich Jemand einen bösen Utz mit dir erlaubt, Herzleib," sagte Kiew: und reichte diesem den Brief zurück. Ein halbes Dutzend Hände streckten sich nach oem Brief aus, den Herzleib, ohne die Hand zu rühren, den Neugierigen überließ. Nun begannen die Ver mutungen, wer wohl diesen nichtswürdigen Streieb verübt haben könnte. Jeder besah die Handschrift, aber Niemand äußerte, wem sie wohl angehören möge. Alle hatten die Ueberzeugung, daß der Brief von Machol chens Hand herrühre. Denn so zu schreiben, und solchen Streich auszuhecken, verstand nur das „Post gänlchen", wie Macholchen mit seinem Spitznamen hieß. Ein bestimmtes Gefühl, daß mit der Namensnennung ein großes Unheil verursacht werden könnte, hielt Jedermann ab, seinen Verdacht auf eine bestimmte Person zu richten oder gar auszusprechen. Erst nach längerer Zeit gelang es den vereinten Bemühungen der Anwesenden den ganz fassungslosen Herzleib wieder einigermaßen aufzurichten. Wer seiner Schwester wollte er nicht gehen. Er schämte fiel), vor sie hinzutreten und ihr die Ursache seines Krm mens zu erklären. „Nun, dann schlaf heute Nacku bei inir," bot Kiewe dem Freund Gastfremidschaft an. Aber die Ereigmsse hatten inzwischen auch die heim kehrende Schwester und ihren Leiser erreicht. Die Ehawwe nahm den Utz nicht so tragisch wie ihr Bin der, sondern war derart Über den Streich belustigt, daß das Lachen ihrer Ahnin Sarah, als ihr die Botschaft ihres Glückes perkündet ward, damit ver-