Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1909)
- Date
- 1909-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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: . ' '■ Der JSraelit. -^7—---- - ... .- - -,5;y., ^-. _ .■t.-~,-k S ■■.-:--..-„.Tv—^,^7fy 18. FÄruar 1909 sein, sich für das eine oder andere Lager zu erklären. Benutzt der Jude, was vielleicht seiner Sprache und seinem inneren Wesen eher entspricht, zur Abwicklung seiner amtlichen Geschäfte die deutsche Verwaltung, so ist er bei den Tschechen, die ihm schon ohnedies seinen deutschen Namen nicht verzeihen können, gerichtet und als Deutscher gebrandmarkt. Und da, wie bekannt, der Deutsche in Böhmen gut christlichsozial denkt und im Gegensätze zum Tschechen, der im Juden im Grunde nur den Deutschen bekämpft, den Juden wirklich als Juden haßt, so wird für die Juden Böhmens von dieser Seite ein Ersatz für den von Seiten der Tschechen drohenden Schaden auch füglich nicht zu erwarten sein. Die Sprachenvorlage wird aber aller Voraussicht nach nicht zustande kommen. Man wird also auf neue Mittel und Wege sinnen müssen, um den so heiß ersehnten Frieden zu erlangen. Und da taucht denn doch unwillkürlich nochmals die Frage auf, ob nicht die Herren besser daran täten, ihre Friedensarbeit gleich zu Hause, in Wien zu beginnen? Die Regierung hat im Einvernehmen mit dem Parlaments-Präsidium eine Erklärung erlassen, in der sie die Schließung des Reichrates zu rechtfertigen sucht und an die Parteien appelliert, im Interesse des innern Friedens und eingedenk ihrer Pflicht dem Volke gegenüber, zu einer gedeihlichen Arbet für das Wohl des Volkes und des Landes zurückzukehren. Das sind Worte, die wie Hohn klingen im Munde der Männer, die von Wien aus nicht zum geringsten Teil zu der Verschärfung des Rassenkampfes in der ganzen Monarchie beigetragen haben. Der derzeitige Vertreter der Regierung ist der Ministerpräsident Bienerth, der auf eine Beschwerde der „Oesterreich-israelitische Union" den Boykott gegen die Juden als eine gesetzlich geschützte Maßregel erklärte. Der Präsident des Reichsrates ist aber der Busenfreund Luegers, der christlich-soziale Weiskirchner. Da könnten die Tschechen wohl mit Recht erwiedern: „Kehret vor der eigenen Tüte! Wir sind nur gelehrige Schüler und folgen mit unserem Benehmen, das dem Volkswohle so wenig dienlich sein soll, ganz euerem Beispiel!" Die Revision des bayrischen Judenedikts. (Schluß). Bleibt noch die Frage zu erörtern: Wer soll künftig in religiösen Dingen in Bayern entscheiden? Wir haben darauf von Neuem jene Antwort zu geben, mit welcher wir vor Jahresfrist bei Beendigung des Gemeindekonflikts vvn München und Nürnberg die Richtung für die zukünftige Entwicklung der Dinge zeichneten. Wir schrieben damals: „Ein orthodoxes Judentum, ein Judentum, bei welchem die Regierung als Oberkuratelbehörde ängstlich den traditionellen Charakter unserer religiösen Einrichtungen beschützt und bewacht, erscheint nicht nur vom liberalen Gesichtswinkel des Selbstbestimmungsrechtes und der Autonomie der Gemeinden aus betrachtet, sondern auch vom orthodoxen Standpunkte aus als eine Gefahr für die Lehren des sinaitischen Judentums. L’Italia farä da se. Die gesetzestreue Richtung muß aus sich, alls ihrer Vergangenheit und Zukunft heraus die Kraft ihrer Existenz ziehen, weil nur ein fester, in dem alten Humus der Tradition wurzelnder Stamm den Stürmen moderner „Fortschritts- und Aufklärungsperioden" zu widerstehen vermag. Orthodoxe Erfolge, die dadurch gezeitigt werden, daß sich der Staat als unser Schirmvogt in die Einzelheiten der Satzungen und der Lehre einmengt, und alsdann zu unseren Gunsten entscheidet, würden ein Danaergeschenk bilden und könnten es nimmermehr hindern, daß morsch gewordene Aeste und Zweige abfallen, wenn es aus der Heranwachsenden Generation heraus an frischen Säften gebrechen sollte, die dem alten Stamm neues Lebensmark zuführen. So notwendig und unerläßlich es ist, daß die Staatsregierung Licht und Schatten gleichmäßig verteilt und die Gewissensfreiheit der Minoritäten vor neologer Beeinträchtigung schützt, so wenig sympathisch kann uns der Gedanke berühren, daß auch nach der zukünftigen Revision der Referent für den israelitischen Kultus im bayerischen Ministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiten als letzte Instanz über die Frage entscheiden soll, ob der Almemor nur in der Mitte der Synagoge aufgestellt werden oder ob ein Trauernder, der nicht Tephillin gelegt, Kaddisch sagen darf oder nicht." Nun wird die Gegenfrage lauten: Also Trennung von Staat und Kirche? Nein, wir wissen, daß dieser Weg eine Verfassungsänderung bedeuten würde, und wir danken Gott, daß Niemand daran denkt, wegen der Revision des Judenedikts die Verfassung ändern zu wollen, weil gerade diese Tatsache, die beste, niemals versagende Cautele gegen alle jetzigen und zukünftigen Oberbehörde-Tendenzen bedeutet. Aber wir fürchten in Zukunft kein „Behelligen" der Behörde, keinen Instanzenweg bis hinauf an das Ministerium mehr, wenn ein neues, klares, die Kompetenzen, Rechte und _ No. 7 Seile 3 Pflichten aller Faktoren scharf abgrenzendes Gesetz an Stelle des vieldeutigen und veralteten Edikts von 1813 und der noch vieldeutigeren Min. Entschl. von 1863 tritt, und in diesem neuen Gesetz dem „Kaiser gegeben wird, was des Kaisers ist, dem Volke, was des Volkes ist." Werden dann durch den Gesetzgeber in schlichten, jede Mißdeutung ausschließenden Paragraphen die Rechte der Rabbiner auf religiösem Gebiet scharf fixiert, dann möchten wir den Gemeinde- Vorstand sehen, der sich von seinem Bezirksamt eine Nase holt, weil er in den religiösen Wirkungskreis seines Rabbiners eingegriffen hat. Und gerade nach dieser Richtung hin könnte ein eingehendes Studium des neuen Entwurfes der Kirchen-Gemeinde-Ordnung die zagenden und zaudernden Elemente in den Reihen der Herren Rabbiner, darüber belehren, daß der derzeitige Gesetzgeber in Bayern an alles eher denkt, als daran, die Rechte „der kirchlichen Oberen" zu beschränken, und radikalen Umsturztheorien in den Kirchengemeinden Eingang und Zutritt zu verschaffen. Kennt die K. G. O. auch nicht den Begriff der religiösen Differenzen, so statuiert sie doch in einer Reihe von Fällen, „die Einvernahme der kirchlichen Autoritäten durch die Staatsbehörden" und. es wäre wahrlich ein verdienstvolleres Werk, an dem Aufbau der neuen Gesetzgebung in Analogie und sinngemäßer Anpassung an die neue K. G. O. mitzuarbeiten, als sich abzumühen, die Revisionsbewegung im Keime zu ersticken. Man wlirde sich dann auch überzeugen, daß das neue Gesetz nicht tvie Pallas Athene aus dem Kopf irgend eines radikalen Reforiners steigen wird, daß es sich vielmehr an die konservativen Tendenzen der K. G. O. anlehnen muß, und wie die letztere in ihrer Begründung so oft den Satz zitiert, daß dieser oder jener Paragraph dem Sinne der zur Zeit giltigen Min. Entschl. entspricht, so wird auch das, was gut und lebensfähig an den alten Min. Entschließungen bezw. der israel. Kirchengesellschaft ist — und hierzu rechnen wir in e r st e r Reihe die unbestrittene Autorität des zuständigen Rabbiners in rein religiösen Fragen zweifelsohne in den neuen gesetzlichen Normen auch zu neuem Leben erstehen. Und noch ein weiteres Moment sollte alle unsere bayrischen Rabbiner — ganz abgesehen von der Notlage der orthodoxen Minoritäten in den Großgemeinden und der Unhaltbarkeit der jetzigen Gesetzgebung auf den mannigfachsten Gebieten lebhaft mahnen, die Führerrolle bei der Revision mit zu übernehmen. Die soziale und materielle Situation unserer bayr. Religionslehrer auf dem Lande heischt dringend von dem Staate und von den jüdischen Kultnsgemeinteiprogramm irgend einer Zufallsmajorität entsprechen oder zuwiderlaufen. Da wäre doch, wenn je die Lehre des halben Schekels angebracht, die da lautet: „Stelle dein Halbes opferfreudig und arbeitsfroh in den Dienst der Gesamtheit, die dann, durch Bereinigung der Kräite Aller ein Ganzes bilden mag!" Begeben wir uns aber auf das Gebiet des Geistes, des Denkens, da finden wir ein völlig verändertes Bild. Hier hat das große Streben längst ausgehört und wir sehen uns vollends in das Reich der Halbheiten versetzt, der Halbheiten, die, wenn sie auch nach Vollem und Ganzem nicht mehr streben, sich um so mehr als Großes und Ganzes geben. Nicht etwa daraus soll dem Menschen ein Borwurf gemacht werden, daß er nicht alles zu ergründen und zu erforschen vermag, die Welträtsel nicht befriedigend lösen kann und an einem gewrssen Punkte sein scheinbar unbegrenztes Denken Halt machen muß in der traurigen Gewißheit, an der äußersten Grenze, über die hinaus es nicht weiter geht, angelangt zu sein. Nein, die Philosophie des Judentums findet sich mit dieser Tatsache ab, indem sie uns auf den Thorasatz verweist: „Das Verborqene ist Gottes, was aber offenbart, ist unser und unserer Kinder auf ewi g." Nicht soll uns das Herz verbrennen, weil wir nichts wissen können! Im Gegenteil bildet auch unser Halbwissen auf geistigem Gebiete gewissermaßen ein Ganzes, eine kleine Einheit, insofern wir es als einen Teil der anderen uns verborgenen und Gott allein anheimgestellten Hälfte der Weltgeschehnisse betrachten und ausgeben. Tatsache ist es^ daß auch die größten Eroberer im Reiche des Geistes nicht die äußerste Grenze zu überschreiten wagten und am Ende ihrer Forschungen doch mit ihrem königlichen Vorgänger offen imd unumwunden erklärten: '3212 npim um nson* ’fnait daß ihre Weisheit nicht ausreichte, am ein abschließendes Urteil über die Dinge, die sich unserer Wahrnehmung entziehen, zu fällen. Hat doch der Größten Einer, um den heute meist gekannten und genannten anzusühren, Darwin, der Urheber der Lehre von der Entwicklung und der genetischen Einheit aller Lebewesen, hat doch auch er, dessen Name heute als Symbol gilt, als .ein Zeichen, an dem sich die Geister scheiden, sich einen Agnostiker genannt, und zugegeben, daß gewisfe Fragen, die den Urgrund der Tinge b e t r s f e n, über den Intellekt des Menschen h i n a u s g i n g e n. Sind denn darum diese Geistesheroen weniger groß und bedeutend, weil sie bei allem Vorwärtsdrängen ihres Geistes die dem Menschen gesetzte Grenze zeitig wahrnahmen und aus.halbem Wege Halt machten? (Schluß folgt.) vir Sevatterschatt. u Bon Kr^nr Sah» (Fortsetzung) Mit verstörten Mienen kamen die Männer in dem kleinen Stübchen Awromchens zusammen. Manche hatten Angst, denn die Vorstellung, daß ein Geistesgestörter sofort über einen hersalle und zehnfache Kräfte besitze, erweckte in diesem Falle böse Ahnungen. War doch der Herzleib schon ohnehin „viermännig" und in diesem .Falle gar nicht zu bewältigen. Jedenfalls' wollten sich die Männer nicht unvorgesehen der Gefahr ausfetzen, weshalb sich alle mit Stricken versqhen, um, wenn Herzleib erst einmal geseilt und gebunden war, einem allenfallsigen Unglück vorzubeugen. Der Mendel, ein couragierter kräftiger Mann, der Zodik und sein Bruder Hersch versahen sich denn auch mir -stricken verschiedenen Kativers. 2twromchen, ein schwächliches und ängstliches Männcheit wollte, während die Männer den Herzleib in ihre Gewalt nahmen, Tillim sagen, .damit alles glatt ablause. Die ganze Begebenheit war mit Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet worden. Nur bei Leiser, Herzleibs Schwager, konnte sie noch keinen Eingang finden, weil dieser mit seiner Frau, der vermeintlichen Wöchnerin, in ein benachbartes Dorf gegangen und noch nicht zlrrückgekehrt war. Unauffällrg, wie es verabredet worden, begaben sich einzeln die beherztesten Männer ins Haus, wo Herzleib ahnungslos aus die Rückkehr der Base wartete. Statt ihrer erschien zuerst Nathchen, ries dem alten Jugendfreund ein lautes „Scholom aleichem" zu, irur zögernd näher tretend und ihm mit sichtlicher Angst die weit ausgestreckte Hand reichend. Mit einem freundlichen Kopfnicken beantwortete der Schuster den Gruß und drückte dem Jugendgenossen so kraftvoll die Hand, daß dieser schmerzhaft das Gesicht verzog. Nathchen rückte seinen Stuhl dicht an die Türe und fo weit wie möglich von Herzleib ab. Allmählich fühlte sich die Stube mit Männern: nur einige näherten sich so weit, um Herzleib noch die Hand zu reichen. Aber keiner der Ankommenden gratulierte ihm zu dem so unerwartet und spät gekommenen Neffen. Den Schuster ärgerte im Stillen diese Unaufmerksamkeit und er sprach deshalb nicht weiter davon. Zugleich siel ihm das eigentümlich gedrückte und scheue Wesen der sonst so rückhaltlos mit ibm verkehrenden Leute aus. Er nahm wahr, daß sie ficy in einer ängstlichen Entfernung von ihm weghietten, und der Schimme einigemal dem Towed etwas zuslüsterte, worauf dieser in seine Brusttasche griff und heimlicherweise einen Strick hervorzog, wie ihn die Viehhändler mit. sich zu führen pflegten. Was bedeutet das? srng 7-ch der durch diesen kühlen und eigentümlichen E g