Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1909)
- Date
- 1909-02-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449360--65288-2507919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
Sette 2. Nr. 7. sammengehörigkeit in vorher kaum gewohnter Weise neu belebt und einen Boden bereitet, auf dem manches Saatkorn echter jüdischer Gesinnung die Möglichkeit des Gedeihens findet. Drum, wenn wir am Purim beim Becherklang, vertrauend auf Judas Unvergänglichkeit, Mordechais des Juden und Esther, der Jüdin in liebender Erinnerung gedenken, dann wollen wir, ohne Haß und ohne Groll, sin« ira et Studio, an dem längst toten und nun auch gestorbenen Haman des 19. Jahrhunderts vorübergehen. Und wenn immer wieder neue Jünger, wie Giftpflanzen auf dem Sumpf des Judenhaffes auferstehen, wir wollen uns darob nicht grämen und kränken. Sie können uns vielleicht nach außen noch lange schaden und bedrängen. Ausgewogen wird das aber reichlich, wenn die innere Wirkung dieselbe bleibt, wie seither. ochenrvnWau. Die Lage in Jerusalem. Die aus Jerusalem eingehenden Nachrichten taffen erkennen, daß die durch die Absetzung des Chachambaschi Panisel entstandene, verworrene Lage noch lange nicht geklärt ist. Der auf Veranlassung des Herrn Chajim Nahoum zur Vorbereitung der Wahlen in die heilige Stadt entsandte Chachambaschi von Aleppo, der durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem enragirtesten Parteigänger Antebi's von vornherein mit berechtigtem Mißtrauen empfangen wurde, ist natürlich die denkbar ungeeignetste Persönlichkeit, um eine Versöhnung der Geister herbeizuführen. An und für sich wäre es nicht einmal schwer, die ungeheure Mehrheit der stimmberechtigten Jerusalemer Einwohner auf eine allen genehme Kandidatur zu einigen. Denn es liegen weder gegen den von der einen Seite als Kandidat aufgestellten früheren Chachambaschi Panisel, noch gegen den Kandidaten der aüderen Seite, Rabbi Chajim Eljaschar, sachliche Bedenken vor. Wenn bisher trotzdent viele gesetzestreuen Elemente mlt aller Entschiedenheit für Panisel — auch nach seiner Absetzung — ein getreten sind, so hat diese Stellungnahme zum Teil darin ihre Ursache, daß man in der Parteinahme Antebi's Der AsraeM für Rabbi Chajim Eliaschar nicht mit Unrecht mehr erblickte, als einen bloßen Ausfluß des Hasses gegen Panisel. Wenn ein Mann wie Antebi, der nicht als einzelne Persönlichkeit betrachtet werden kann, sondern als der Vertreter einer ganz bestimmten, auf die Schwächung des altjüdischen Geistes gerichteten Politik, wenn ein solcher Mann für einen ganz bestimmten Kandidaten seinen gewichtigen Einfluß in die Wagschate wirft, so ist von vornherein der Verdacht nicht abzuweisen, daß er in dem Erkorenen ein gefügiges Werkzeug seiner Pläne erblicken zu dürfen glaubt. Uns liegt ein Schreiben der Chachamim der sefardischen Gemeinde vor, gerichtet an Gabriel Sabbatai, den Vertreter der Antebi-Partei, in dem ausdrücklich erklärt wird, daß man sich auch auf Eliaschar einigen könne, sobald das Tischtuch zwischen ihm und Antebi in klarer und zweifelloser Form durchschnitten, und eine unparteische Wahl gesichert wäre. Wir zweifeln nun keinen Augenblick daran, daß Rabbi Chajim Eliaschar, der vor 2 Jahren von allen trän' einstimmig als der geeignete Nachfolger seines großen Vaters angesehen wurde, die Unterstützung Antebi's selbst als eine Peinliche Kompromittierung empfindet. Wie dem aber auch sei, nach Lage der Dinge gilt es unter allen Umständen eine rasche und vollkommene Einigung unter den gesetzestreuen Elementen herbeizuführen- und wir gestalten uns daher, unseren Gesinnungsgenossen in Jerusalem den Rat zu geben: sich, wenn die Mehrheit es will, ohne Bedenken auf die Person Rabbi Chajim Eliaschars zu einigen und unter scharfer Frontstellung gegen Antebi, Eliaschar als Kandidaten der Gesetzestreuen auf den Schild zu erheben. Nur auf diese Weise würde, trotz der trostlosen Lage in Konstantinopel, wenigstens die Hoffnung bestehen, einen baldigen Abschluß der Jerusalemer Wirren zu erreichen. Ist Rabbi Eliaschar durch das einmütige Votum der B'KT gewählt, so wird es ihm um so leichter sein, die Freundschaft Antebi's abzuschütteln. Dann wird auck die gutgemeinte, aber unverantwortlich gefährliche Politik einer Anzahl von Gesinnungsgenossen in Jerusalem zu Schanden werden, diesich einreden,ste könnten durch eine seine Diplomatie einen Politiker ä. 1a Antebi einfangen und wenn möglich, noch zum Schleppenträger der Orthodoxie erziehen. Das scheint uns ebenso thöricht wie die Vogelstraus-Politik einer anderen Gruppe, die den Anschein erwecken möchte, als ginge die Wahl des Chacham-Baschi die Aschkenasim überhaupt nichts an! Im Gegenteil: unter dem neuen Regime wird der Einfluß des Chacham-Baschi eine mächtige 18 Februar l90S Steigerung erfahren und es wäre ein Verbrechen am Judentum, wenn die aschkenasischen Ottomanen nicht mit aller Kraft ihre moralischen und gesetzlichen Rechte in diesem Augenblicke geltend machen wollten. nnfifemififdie SrieäenspreSigf. Wir haben in der Wochenrundschau in No. 3 die Bemühungen der österreichischen Regierung, die Gemüter in Böhmen vermittelst eines Sprachengesetzes zu beruhigen, im Hinblick auf die christlich-soziale Nationalitätenpolitik beleuchtet und den Erfolg eines solchen Sprachengesetzes als sehr zweifelhaft dahingestellt. Es bedurfte freilich keiner Sehergabe, um das vorauszusagen. Indes haben doch die Tatsachen unsere Ansicht noch viel eher bestätigt, als wir zu glauben wagten. Die tschechischen Radikalen ließen sich auf eine sachliche Beratung der Sprachenvorlage gar nicht ein und sie bewirkten durch eine längst parlamentarisch gewordenen Katzenmusik, was sie schon lange erstrebten, die Einstellung aller weiteren Verhandlungen, die Lahmlegung der gesetzgeberischen Arbeit für die nächste Zeit, die Schließung des Parlamentes. Gelingt es den tschechischen Radaumachern wirklich, die Sprachenvorlage in ihrer jetzigen Gestalt zu hintertreiben, so wird ihr auch von^ jüdischer Seite keine Thräne nachgeweint werdend Das Sprachengesetz ist so gedacht, daß es, entgegen der Absicht seiner Initiatoren, zu einer schweren Gefahr für die Juden Böhmens werden müßte. Die Vorlage sucht den Sprachenstreit in Böhmen durch Errichtung ron zweierlei, nach Sprache scharf von einander getrennten Kreisregierungen zu schlichten. Der Grundsatz des Gesetzentwurfes beruht auf einer möglichst weitgehenden territorialen Trennung der beiden Volksstämme. Durch Schaffung von deutschen Verwaltungsbezirken soll den München und Bedürfnissen beider Nationalitäten Rechnung getragen werden. Daß die Juden die Kosten dieser nationalen Trennung zu tragen haben würden, ist bis jetzt noch von keiner Seite berücksichtigt, oder nur irgendwie beachtet worden. Indessen, die Juden wissen es, was sie von diesem Gesetze zu erwarten hätten: eine vollendete Isolierung. Der Jude, der bislang, an den nationalen Reibereien völlig uninteressiert, sich neutral fühlte und verhielt, und mithin mit gutem Gewissen sowohl mit den Deutschen als mit den Tschechen und zwar zum Vorteile beider Parteien geschäftlich verkehren konnte, würde durch das neue Sprachengesetz, das die zwei Nationen auch amtlich scharf von einander trennt, aus seiner neutralen Stellung gewaltsam herausgedrängt werden und gezwungen leines balbdeiten. An Parschath Schekalim. Tie Institution des halben Schekels reizte von jeher diejenigen, welche es gewöhnt sind, ans dem Born der Thora .ihre gesamte Welt- und Lebensanschauung zu schöpfen, zu Betrachtungen und Reflexionen über die Halbheit und Unvollkommenheit auf allen Gebie-, ten menschlichen Lebens und Strebens. Tie Stellermünze, vermittelst deren die Volkszählung, die Statistik der absoluten Gleichheit, sich vollzog, die aus zehn Gera bestehend, an sich eine abgeschlossen?, gerundete Einheit bildet und doch in ihrem Verhältnis zum ganzen Schekel als halb bezeichnet wird, kann, will man sie als Symbol jüdischer Anschauung mrd Lebensart für alle Zeiten nehmen, nach übereinstimmender Ansicht der Schrifterklärer nur den einen «inn haben, daß der Mensch und nicht zuletzt deh Jude sein Ganzes, sein Bestes in den Dienst deck Gesamtheit stellen soll. Andererseits aber sei doch dieses subjektiv Ganze nur als ein Teil, ein kleiner Bestandteil des Gesamtbaus anzusehen und diesem anzupassen. „Ist auch die Leistung mit Hin-- sicht auf deine Kraft, aus dein Geistesvermögen eine höchst vollendete, so blerbt doch jedes Einzelwirken ein Bruchstück, das zu seiner Ergänzung und absoeuilleton. luten Vollendung der gleich lingebungsvollen Arbeit des Bruders bedarf." Denn: „Der Mensch bedarf des Menschen sehr „Zu seinem großen Ziele: „Nur in dem Ganzen wirkt er, „Biel Tropfen geben erst das Meer, „Viel Wasser treibt die Mühle." Es ist denn auch der Kardinalfehler, an dem die Menschheit von, alters her krankte, daß sie in ihrem Streben auf der einen Seite ein Zuviel.»auf der andern ein Zuwenig aufweist. Als der Mensch am nr e n s ch l i ch Ganzen nicht mehr Genüge finden wollte, da gab es Welteroberer, Erdenbeherrscher, M e n s ch e n g ö t t e r. Die durch die Mcnschennatur bedingte Halbheit wollte sich gewaltsam zu mnem Ganzen ausrecken, die Folge war in allen Fällen früher oder später ein jämmerlicher Zusanrmenbruch der überspannten Menschenkraft. In diesem Zuviel ist auch heute noch die Qlcelle vieler tiefsitzender Uebel im politischen und sozialen: Leben zu suchen. Es gibt aber auch ein Zuwenia, das in seiner Wirkung nicht weniger erschreckend ist. Tie Halbheiten, wie sie heute besonders auf wissenschaftlichem Gebiete und dann auch innerhalb unserer jüdischen Welt grassieren und unheilvoll wirken, nicht so sehr wegen ihrer natürlichen Unvollkommenheit, als vielmehr darum, weil sie, diese Halbheiten, sich als Ganzes geben und unbedingten 'Anspruch auf Vollkommenheit machen, bilden ein würdiges Seitenstück zu jener Wahnvorstellung von menschlicher Machtvollkommenheit. Doch wenden wir uns zunächst der allgemeinen Weltpolitik zu, wo das Zuviel im Wollen und Streben der Einzelnen heute mehr denn je die traurigsten Erscheinungen zeitigt. Da hört man oft, die Machte als Wahrer des Friedens und Förderer der Bölkerwohlfahrt rühmen, die nicht gegen, sondern miteinander am Kulturwerk der Gesamtmenschheit zu arbeiten gewillt seien. Allein die Weltenlage ergibt ein anderes, weniger erbauliches Bild: Mangel an gegenseitigen! Vertrauen und kleinliche Eifersucht, die die Gemüter erregen und den Frieden gefährden. Tie Einzelnen bescheiden sich nur selten und notgedrungen mit einer Rolle im Konzerte der Völker, und streben vielfach machthungrig nach Ganzem, nach unbegrenzter Weltherrschaft- und unbeschränkter Machtvollkommenheit. Darum muß der Friede ein gewafsneter bleiben, die genreinsame Kulturarbeit trotz aller Friedensbeteuerungen und -Bestrebungen mit der gepanzerten Faust des Kriegsdämons bewacht werden. Dieser unnatürliche Zustand schlägt dann naturgemäß auch nach innen auf das soziale Gebiet über. Tie Kosten für di? ewigen Kriegsrüstungen zur Erhaltung des Friedens werden imrner größer, die Last pon den Völkern, di? sie zu 'tragen haben, immer drückender empfunden — die Folge: Erbitterung und Unzufriedenheit und wütender Kampf der Parteien. Ja die Parteien, deren jede aus ihre Weise zur Förderung der Bolkswohlfahrt, des Staatsgedankens, des Gesamtwohles beitragen sollte, jede ihr Halbes zum Bau des Ganzen zu leisten hätte! Wie oft aber wird da die Parteipolitik über Recht und Logik gestellt, wie oft mit Parteileidenschaft das allgemeine Gut? bekämpft, im Parteidünkel das Gesamtziel aus ,de» Augen gelassen und als Ganzes und A l l<e i n utes verfochten, was nur ein Teil in der Sumin? er Anschauungen und Bestrebungen ausmachen könnte Beschlüsse werden gefaßt öder verworfen, Forderungen bewilligt oder abgelehnt, Vorlagen genehmigt oder hintertrieben, oft nicht darum, weil sie an sich gut oder schlecht wären, sondern je nachdem sie dem Par-