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Der Israelit · 1909-02-18 · Heft 7 (18.2.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 7 (18.2.1909)
Date
1909-02-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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\WSt\W Ein Ccntraloraan IQr das orthodoxe Judentum llflBin JJI Begründet dob Dr. Lehmann in IKainz 50. lahrsang. i^a ¥ranMurta.m.. 8en 27SS1 5669. 83083 M 7’ Ubonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. . Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnement» bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HeftauSgabe nur direkt. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jaferateaaaaahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.» Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto hei de« Postfcheck-Amt Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der «. K. Postsparkasse «Sie« No. 79 605. Conto bei brat «. Poftfparkastenaint Budapest No. 18 424. Conto bei der Rigaer Conranergbank in Riga und deren Filialen. Der Nachdruck der llrtlkel und Correfponden?en des „Israelit“ ift nur unter genauer Quellenangabe, und, foroelt es fick um größere fluffäfce handelt, nur nach norheriger öenehmlgung gestattet Sine ira et Studio. Ein letztes Mort. Bon Dr. Arthur Kahn in Berlin Vereinsamt sterben, sang- und klanglos zu Grabe getragen werden ist umso tragischer, je mehr einmal das Schicksal einen Menschen in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt hatte - leichviel in welcher Rolle er auf der Bühne istorischer Geschehnisse aufgetreten war. Ein solches Schicksal hat den ehemaligen Hofprediger Stöcker erreicht. Die gesamte Presse hat noch einmal, ganz kurz vor seinem Tode, sich mit ihm kurz besaßt — sine ira et Studio, ohne Haß, ohne Liebe, ohne Voreingenommenheit. Nicht mehr wie mit einer Persönlichkeit, sondern wie mit einer Sache. Nicht wie mit einem hervorragenden Manne, der eine neue Epoche eingeleitet hat, sondern wie mit einem gegenstandslos gewordenen Menschen, der eine vergangene Episode geschaffen, an der man, nachdem sie vorüber ist, nur noch oberflächlich streift, weil sie eben nur Episode und keine Epoche war. Selbst die antisemitische Presse, mit ihrem ganzen Troß hat den Mann, der ihr Leben und Brod — ungefähr im Sinne von panis et e rcenses — gegeben, in ihren Betrachtungen und Nachrufen ziemlich kühl, ohne Aufwand von Trauer und Sympathien, insgesamt auffallend kurz abgetan. Man las es förmlich zwischen den > Zeilen, daß Adolf Stöcker, dem vor 2v Jahren die urgermanische Studentenschaft, der Straßen- und Kaffeehauspöbel in- und außerhalb Berlins! entgegenjubelte, mit dem das Militär in- und außerhalb des Dienstes sympathisierte, keine Vorteile mehr zu bieten vermochte. Der alternde, seit Jahren nicht mehr predigende, sondern nur noch hin und -wieder politisch schreibende Pastor war nur noch auf feinen eigenen Vorteil bedacht. Und was auf diesem Betätigungsfelde Adolf Stöcker geleistet hat, das haben ihm einige demokratische Zeitungen gerade noch vor Torschluß in sein Stammbuch geschrieben. Adolf Stöcker war Börsenspekulant geworden. Nicht etwa, daß er täglich an die Berliner Börse gegangen und wie Herr Cohn, Levi, Rosen- und Blumenthal, gerufen hätte: „Wer kauft Kali-Bohr- Aktien?" Nein, so „verjudet" war Stöcker denn doch nicht. Aber er steckte in ein Zeitungsrespektive in ein recht zweifelhaftes Börsenmanöver, das selbst von Semiten verschmäht zu werden pflegt, zwölftausend Mark, gleich darauf achtzehn, zusammen dreißrgtausend Emmchen, und Me«iente" damit rund hunderttausend Märker. „Und wer verlor das Geld?" frägt ein vielgelesenes Montagsblatt. „Schwerlich die jüdischen Börsenleute, die mit dem Kali-Adolf keine Geschäfte zu machen pflegen, sondern gute, deutsche Christen, ächte Arier, die dem ollen ehrlichen Seemann ihr Vertrauen schenkten." Es kündet von dem stillen, unerbittlichen Walten einer ausgleichenden Nemesis, daß, nicht etwa nach dem Tode, sondern noch im Leben und bevor Jemand noch den Tod des alten Herrn voraussah, diesem grausamsten Judenhetzer des neunzehnten Jahrhunderts derartige „Geschäfte" vorgehalten und nachgewiesen wurden. Da kann es auch eigentlich nicht besonders Wunder nehmen, wenn sich die antisemitische Presse in ihren „Trauerkundgebungen" einer Zurückhaltung befleißigt, die sie zugleich der nicht sehr dankbaren Aufgabe enthebt, den Nekrolog des unnütz gewordenen Führers mit mühsam erdichteten Tugenden auszuschmücken. Ja, hätten jüdische Zeitungen die Börsenmanipulationen des weiland Hofpredigers beleuchtet, so hätte die Sache eine andere Form erhalten. Aber gerade drei oder vier Zeitungen, denen Niemand philosemitische Ambitionen nachsagen kann, trotzdem sie den Antisemitismus bekämpfen, waren es, die Adolf Stöcker seine Verfehlungen als Mensch, als Politiker, Geistlicher und Bürger aufzählten und beleuchteten. Wir Juden, die seit Pfefferkorns Zeiten keinen schlimmeren Feind mehr gehabt haben, können von diesen biographischen Betrachtungen um so eher absehen, als dies bereits gründlich von der nichtjüdischen Presse geschehen ist. Wenn wir aber trotzdem uns ein zweites und gar drittes Mal mit Stöcker beschäftigen, so geschieht das aus guten Gründen. Wir nähern uns wieder der Purimzeit, die wohl von der Mehrzahl der Juden durch Festmähler und Faschingsscherze, von den wenigsten durch das Lesen der Megillath Esther begangen wird. Wer aber, wie der Schreiber dieser Zeilen, den Beginn der Hamanszeiten.in Berlin in den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts selber miterlebt hat, kann nicht ohne vergleichende Betrachtungen beider Hamane am Adarmondevorübergehen. Lehen und Ende des historischen wie des modernsten Haman bieten eine Fülle von Parallelen - beide haben in der Hofluft geatmet, beide an mächtigen Personen, Ministern, Generälen und sonstigen Exzellenzen eine starke Deckung gefunden und so, von oben herab begünstigt, alle Stände und Volksklaffen und die hreiten Massen gegen die Juden gehetzt. Pas Verprügeln der jüdischen Studenten seitens chrift^ licher „Commilitonen" war ein tägliches Schauspiel in der Reichshauptstadt, sogar bis unter den historischen Fenstern des kaiserlichen Palastes unter den Linden. In den Hörsälen donnerte der taube Treitzschke, der treue Bundesgenoffe Stöckers gegen fremde, deutschfeindliche Elementein den Cafes brüllte der arische Mob in Glace: „Hepp, Hepp! Juden raus!", in den preußischen Jahrbüchern spottete der „Historiker" über die Hosen verkaufenden Jünglinge, und es genügte ein dunkler Vollbart und eine juden-ähnliche Physiognomie, um auf den Straßen Berlins mißhandelt zu werden, ohne daß die Schutzleute auch nur einen Finger rührten. Feige, moralisch verfaulte Subjekte ließen sich schleunigst taufen, natürlich auch Frauen und Kinder und ini deutschen Reichstag wurden die sehr, sehr wenigen Männer, die diese Schandtaten entrüstet verdammten, einfach niedergejohlt und verlacht. In Neustrelitz wurde die Synagoge niedergebrannt und das Bildnis des Esther Solymoszi von Tisza-Eszlar zierte die Rückwand des Saales in der Tonhalle, in der Stöcker fast allabendlich vor Tausenden seine Brandreden hielt, in kanten wurde ein jüdischer Metzger ins Gefängnis geworfen, in Gefahr aufs Schaffot geschleppt zu werden und in Könitz stürzten die gelehrten Schüler Haman-Stöckers eine unschuldige Familie in Unglück und Trauer. Alles andere ist mit allen seinen Folgen noch Gegenwart. Nur Stöcker ift gegangenzuvor noch an den Pranger der Habsucht und unehrenhafter, sogar betrügerischer Bereicherung auf Kosten vertrauensseliger, christlicher Zeitgenossen gestellt. Dort ein leiblicher, hier ein moralischer Galgendort Haman, hier Stöcker. Sind dem Bilde dieses Typus eines verschlagenen, tückischen Menschen keine, gar keine sympathischen Seiten abzugewinnen? Für Juden, trotz allem und allem, dennoch eine. Denn auch Stöcker war ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und nur das Gute schafft. Dir deutsche, ja die ganz westeuropäische Judenheit verdankt ihr Wiedererwachen, ihr auf sich selber Besinnen in allererster Linie ihrein Todfeind Stöcker. Was hundert und zweihundert Rabbiner in großen und kleinen Gemeinden selbst in hundert Jahren nicht zustande gebracht hätten, das hat der Hofprediger Stöcker ganz allein bewirkt. Er hat das geschwächte Gefühl der Zu-

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