Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1909)
- Date
- 1909-02-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 12. Jl. Februar 1909. Der Israelit. Nr. 6. Keim zu einer zweiten Analogie. Wie ein Kunstwerk aus kleinen Anfängen heraus entsteht, so ist auch der Organismus etwas Gewordenes: er ist gewachsen, er hat sich entwickelt." Und nicht nur die Lebewesen mit Einschluß denkender Menschen haben eine Entwicklung durchgemacht, sondern auch der leblose Erdball, das Sonnensystem, kurz der ganze Kosmos, wird als etwas Entwickeltes oder in der Entwicklung Begriffenes gedacht. Darum ist heute das Werden der eigentliche Gegenstand der Natursorschung. Wir wollen aber unsere Betrachtung auf die Lebewesen einschränken und mögen als Beispiel an die Entwicklung des Hühnchens aus dem Ei anknüpfen. Hier ergibt sich für die Entwicklung ein Anfang und ein Ende. Der Anfang ist eine einfache Zelle, die aus Protoplasma und Zellkern besteht - aus ihr entsteht durch wiederholte Teilung eine Gruppe gleichartiger, zusammenhängender Zellen, die allmählich ungleich werden und eine verschiedenartige Struktur des Keims aus sich hervorgehen laffen. Immer ungleichartiger ioird diese Struktur, bis die Anfänge der einzelnen Körperorgane erkennbar sind. Jeder weitere Entwicklungsschritt macht diese Organe einander ähnlicher, indem er jedes einzelne seiner Vollendung entgegenführt. Doch nicht nur in der Ausbildung der Organe findet die Entwicklung ihr Ziel, ihren Abschluß, die ursprünglich gleichförmige Zellsubstanz strebt nicht nur in fortschreitender Differenzierung auseinander, sondern die Gesamtheit der Organe bildet in ihrer Fertigstellung eine harmonische Einheit, und in dieser Einheit der so verschiedenartig ausgestalteten Teile hat die Entwicklung ihre Aufgabe Vollender. (Fortsetzung folgt.) Gücherscha«. Randbemerkungen znm tägliche« Gebetbuche (Sidbur) von Prof. A. Berliner. Berlin 1909. M. Poppelauer. Wenn wir heute die Freude haben, die Schrift eines Veteranen der jüdischen Wissenschaft anzuzeigen, so wollen ' wir nicht versäumen, uns bei dem badischen Oberrat zu bedanken, dessen Vorgehen gegen die Thephillah unter anderem Guten, was es geschaffen, auch, wie der Berfasier in der Vorrede bemerkt, die unmiitelbare Veranlassung zur Herausgabe des vorliegenden Werkes geworden ist. Nachdem der Berfasier auf die Bedeutung des jüdischen Siddur für das religiöse Leben der Juden und die Erhaltung der jüdischen Lebensanschauung eingegangen ist unter Berufung auf- Steinthal uno Lazarus, Männer, denen man nicht den Vorwurf einseitiger Parteilichkeit für das orthodoxe Judenrum zum Vorwurf machen kann, begleitet er die Textstellender Tephillah mit Randbemerkungen, um auf etwaige Zusätze, Mängel und Fehler, die fich mit der Zeit durch Drucker und Herausgeber eingeschlichen haben, aufmerksam zu machen. Für diese Arbeit stehen ihm viele Ausgaben von 1500 bis auf die Gegenwart zum Vergleichen zu Gebote. Der Verfasser unterscheidet in der Drucklegung des Siddur drei Perioden, die erste von 1513—1560, die zweite bis Ende des 18. Jahrhunderts, die dritte vom Auftreten Wolf Heidenheims an. Sehr ausführlich behandelt er die zweite Periode, die durch den Einfluß der Kabbalistik auf die Thephillah fich kennzeichnet. Die flttVD /D'SVVIK usw. mochten Wohl für hochangelegte Geister, die eines ficheren Fonds talmudischer Gelehrsamkeit fich rrfreuen durften, eine Quelle der Begeisterung im Gebete und für das Gebet sein, für das Gros konnte diese Stimulierung nur nachteilige Wirkungen habenes ist nichts gefährlicher, als fich durch Fremdkltngendes und Unverstandenes in eine Schwärmerei htneintreiben zu laffen, da fie alsdann jedem Aberglauben Tür und Tor öffnet. Die unverstandenen Buchstaben-Zusammen etzungcn, die als Nayren von Engeln oder auch von Dämonen figurieren, werden alsdann zu Werkzeugen, Schreck- und Spukgestalten zu verscheuchen. Wenn nun wohl auch ein Teil der großen Maffe achtlos an den kabbalistischen Bemerkungen vorbeigegangen ist, auf einen großen Teil haben fie gewiß ihre Wirkung, und zwar zu dessen Schaden geübt. Durch Wolf Heidenheim ist in der vieles ausgeschieden worden, manches ist aber noch ge- ' blieben, was, wie wir mit dem Berfasier übereinsttmmen, besier entfernt würde. So wären die jT)öip in dem schönen pu\nach c'3,12 71212 wegzulmien, wie es Sachs bereits getan. Die verschiedenen ji^l ',-p find überflüssig und die jtoö 'NH gegen die fich schon der rH1!T3 2113 erklärt hat. Es ist schon so weit gekommen, daß bet einem großen Teil des Volkes die --ache hinter die J13C1 \T zurückgetreten istes ist nämlich keine seltene Erscheinung, daß manche darauf ängstlich bedacht sind, am ersten Abend von JTDlb und am letzten Tage eineH312 auszusuchen, in der sie den betreffenden ',t sagen können, ohne daß es ihnen eingefallen wäre, während des Festes auch nur ein Mal in der ,1212 zu esien. Mögen uns noch einige Bemerkungen gestattet sein. Sette 13. Die Lesart Hi' ^,21 ist bezeugt durch Don Davids j'i ^2 71811,1, verfaßt 1430 also knz nerch des Ich habe vor vielen Jahren auf diese Lesart hingewiesen, nachdem mir eme Sandschrtft des /lX^IN in die Hände gekommendiese christ hat auch den Schlußsatz 121 1^8. S. 15. Der Vorschlag ^>81V' statt des'verschriebenen 121 '2V2 8^12 .'zu sagen rund die beiden anderen ,')V2 8^12 üverflüsstg za machen, wird gewiß keine Gegenliebe finden. Wenn auch in den alten Siddurim aus der Mitte des 16. Jahrhunderts und dem Ende des 17. Jahrhunderts die Formel 112212 fich findet, so muß man doch 'b i"B n"l8 x 2 beiptmmen, daß gerade diese Form erst eine spätere Aende rung ist, zumal die Toseptah die drei 'ZL?2 8^t2 kennt, wie wir fie haben und keine andere Formet angibt. Im Siddur des R. Zewi Mecklenburg, auf den der Verfasser hinweist, habe ich ^81t2’ 1122t2 nicht gefunden - vielleicht hat der Verfasser eine andere Ausgabe als die meinige vor fich gehabt. Es sei noch bemerkt, daß dasjenige, was der Berfasier für einen Vorteil hält, daß man des Sprechens zweier 1122^8112 Übergaben, sei, wenn man die Formel ^8lt2n 1V2V einsetze, gerade als Grund vom angegeben wird für die Verwerfung der Formel. S. 24. Ganz richtig bemerkt der Verfasser, daß IN 1281 vor junn nicht am Platze ist. In Frankfurt wird es in der Tat nicht gesagt. S. 45. Wenn auch das Rezitieren des ^'n 7it28 am Freitagabend beunHeimkommen aus der Synagoge der Kabbalistik zu verdanken ist, so hat diese, wenn auch unbewußt, damit etwas Gutes geschaffen, das wir nicht abzulehnen brauchen, weil fie unter dem Weiblichen die Schechina symboltfiert fich denkt, wie der Berfasier hervorhebt. Wir denken dabei an das Glück des Ehebundes und es wäre schade, wenn wir die Begrüßung entbehren sollten. S. 61. Biele Siddurim setzen das fälschlich hinzugekommene ^>8121 22V am Ende der pn'tp in Klammer. S. 68. Aus die richtige Lesung des n macht auch Ben Seaw aufmerksam. S. 71. Das sogenannte »lange", B1JT1 81.11 auf zwei Tage zu verteilen, dazu wird fich .nicht so leicht jemand entschließender problematische Nutzen würde den Schaden nicht auswiegen, den ein solcher Eingriff verursachen könnte! Es ist wohl zu unterscheiden zwischen Korrekturen, die wir an Fehlern üben, die mit der Zeit durch Abschreiber oder Drucker in die,12271 hmnemgetragen find, mag es sich um einzelne Wörter — es fallen tierunter nicht die verschiedenen,. schon unter den Allen strittigen Lesarten, von denen die eine hier, die andere dort fich eingebürgert hat — oder um ganze Sätze, wie der fäl Mich cingeschobene 121 218 8!T 22121 in den Morgen-711212 handeln und zwischen Aenderungen oder Weglassungen an der seit alter Zeit festgesetzten Form des wesentlichen Inhalts der Gebetordn ng, wie fie für die Öffentlichkeit, bezv. als Pflichtgelet für die Privatandacht, bestimmmt ist. Was aber das Gebetbuch an sonstigen Einzelheiten für die private Andacht enthält, das mag man dem Gutdünken und dem Andachtsbedürfnis der einzelnen überlasten, mögen diese so viel wie fie wollen, oder so wenig wie fie wollen, von dem Dargebotenen in Anspruch nehmen, da braucht keine fremde Hand etnzugreifen, da reguliert fich alles von selbst. Dieser Standpunkt hat uns dazu gezwungen, da unsere divergierende -Meinung dem Verfasser gegenüber auszusprechen, wo er, in bester Meinung gewiß, eingreifende Aenderungen vorschlug," die den Teil der n^STI betrafen, der dem öffentlichen Gottesdienste bestimmt ist, wogegen wir ihm da beistimmen konnten, wo selbst da tatsächliche I r r - tümer fich vorfinden. Daß aber unsere Ausstellungen an der Anerkennung, die das vorliegende Buch verdient, nichts mindern sollen, noch können, möchten wir doch besonders bemerken. 3. Sitten und Gebräuche einer Judengasse (Mtnhag Asch) von Dr. Alfred Fürst, Szekesfehervär 1908. Das Büchelchen malt mit farbenfrohem, sicherem Pinsel bas gemütvolle Leben einer echten „Kehillo", der „Judengafse" zu Elsenstadt (Ungarn), an deren Horizont einst das Gestirn eines Mram Asch strahlte. In packender Darstellung mit humoristischem Unrertone ziehen in buntem Kaleidoskop, und doch in geschloffener Gesamtheit, lebenatmende Bilder aus dem ganzen jüdischen Kalenderjahre von wehmuts reichem Ernste des Neujahrsfestes bis zur Ausgelaffenhett des Purim, von den rauschenden Bewegungen des Gemeindeverbandes bis zum friedlichen Stilleben der Familie, vor unserem Auge vorüber. Wer sich in diese Poefie eines leider mehr der Vergangenheit angehörenden Kehillolebens voll Jnnigket und Hoheit zurückversetzen will, .lese das Büchlein. 8112,1' König Saul. Bon Jörg Joachim. Schauspiel aus der alt-israeliiischen Königszeit in 4 Aufzügen. Dres en. Verlag von Rudolf Kraut. 119 S. Preis 2 Mk. Joachim hat die tragische Geschichte des Königs Saul — von seinem Konflikt mit Sauuel bis zu seinem Tode in der Schlacht bei Gilboa — zu einem Schauspiel verarbeitet, das schon deshalb unser Jntereffe in hohem Grade erregt, weil die 'hochdramatischen Vorgänge, die immer nur in Gestalt einer Erzählung epischen Stiles an uns vorbeigezogen sind, sich hier als lebendige WMUchleii unmittelbar vor unseren Augen entwickeln und zu dem tragischen Abschluß zuspitzen. Wir fühlen, wie uns die einzelnen Gestalten menschlich näher rücken. Die kräftige dramatische Wirkung des Stückes ist allerdings zum Teil durch allerlei willkürliche Aenderungen in der Konstellation der Ereignisse, in den Charakteren und Handlungen der Hauptpersonen und in der Psychologischen Entwicklung des Helden erzielt worden. Durch die Konstruierung eines in dieser Form unhistortschen Kampfes zwischen der Vorherrschaft des Königtums und des Priestertums wird die Tendenz der Handlung und der Sinn der Ereignisse auf eine durchaus neue, dramatisch wirksamere Basis gestellt. Die Person des Königs — das ist der Hauptvorzug des Stückes — hebt sich mit plastischer Lebendigkeit aus der Umgebung heraus, und die Tragik seines Geschickes, die vom Dichter höchst geschickt und-stufenweise gesteigert wird, wirkt in einzelnen Szenen wahrhaft erschütternd. Nur die Liebesszenen zwischen auls Tochter, Michal, und David find etwas matt ausgefallen, und auch die Schlußszene ist wenig glücklich und hätte verständlicher und befriedigender ausklingen und überhaupt wirkungsvoller gestaltet werden können. Die Figur Davids gehört zu den schwächfien des Stückes, während Abner, der alte treue Feldhauptmann, wie ein Lebender vor unseren Augen steht. An der Sprache ist zu rühmen, daß sie trotz ihrer archaisierenden Tendenz das klasfische Pathos glücklich vermeidet und in ihrer zu Herzen gehenden, natürlichen, bald naiven, bald kraftvollen und erschütternden Art den Eindruck erwecken hilft, als spielten sich jene Ereignisse der alten Zeit vor unseren Augen ab. Das Schauspiel wird fich in manchen Szenen als recht bühnenwirksam erweisen. Die Lektüre ist zu empfehlen. Sd. Der Golem. Von Arthur Holtscher. Eine Ghettolegende. Berlin. Verlag von S. Fischer. Preis 2 Mk. Ein Buch aus einer seltsamen Welt. Ein Hauch kabbalistischet Größe, Poefie und Verworrenheit umweht die Gestalten und Geschehnisse, die allesamt nicht von dieser Welt find, sondern an die letzten Fragen des Problems: Gott und der Mensch heranreichen. Ein betäubender Märchenduft durchdringt Wort und Handlungen, aber das Märchen ist vo < erschreckendem Ernst und legt die Qualen dec ringenden Menschenseele bloß. Der Golem ist bekantlich ein von einem berühmten Rabbi geschaffener künstlicher Menschder bekannteste Golem ist der des Rabbi Judah Löw ben Bezalel, der am Ende des 16. Ja.irhunderts in Prag lebte, und unter dem Namen „Der Hohe Rabbi Löw" bekannt geworden ist Durch Anheftung eines den göttlichen Ramen tragenden Amuletts vermag der Rabbi dem Golem nach Belieben Leben einzuhauchen, durch Entziehung des Namens ihm die Lebensseele fortzunehmen. Der Kampf des Rabbi mit dem Göttlichen ist nur der Hintergrund, die den Grundgedank n verdeutlichende Parallelaktion zu dem Kampfe, den der durch die Liebe zur Tochter des Rabbi mit Sehnsucht nach menschlicher Freude erfüllte Golem kämpft. Eine im Golem im Keime ruhende Fähigkeit ist durch des Ravbi Tochter zur Blüte entfaltet worden. Doch „wer Wisien mehrt, mehrt Schmerz" Leidenschaftliche Wünsche und Bestrebungen find nun in Golem wachgerufen, die ihn seine gefesielte Existenz als Last empfinden laffen. Er erkennt die ihm von seinem Schöpfer, dem Rabbi, gezogenen Grenzen, über die er nicht hinausgelangen kann. Ohnmächtig rüttelt er an seine.! Ketten. Wozu diese Existenz wenn er fich in Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, oem Menschlichen, verzehren muß? Wütend empört er fich gegen den Rabbi. Freilich ohne Erfolg — er unterliegt. Dieses stöhnende Ringen des Golem mit seinen! Schöpfer ist ein glutvolles Bild des Kampfes der menschlichen Seele, wie fie an ihren Ketten rüttelt und fich peinigt mit dem Stteben, die in fie gelegten Keime über jenes Maß hinaus zu entfalten, daß ihr zu überschreiten nicht erlaubt ist. Eine Faustttagödie, demonstriert an einem Golem, für den die Stufe des Menschlichen das, was für den strebenden Menschen die Stufe des Göttlichen ist. Zweifellos ein Buch voll dichtersicher Kraft. Doch muß man sagen, daß diese Art berauschender Ltebespoeste, die verschwommene Geheimniskrämerei, das Gespenst der Furchtbarkeit, das auf allen Dingen lagert — nur wenige für diese Arr philosophischer Dichtung gewinnen werden, und daß mancher Leser fich aus dieser schwülen Sttckluft in die freie Atmosphäre von Goethes Faust zurücksehnen wird. Sd.