Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1909)
- Date
- 1909-02-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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d>e Wart erans Die Schranken des naturerkennen*. Von Prof. Johannes f£etnlte in Kiel. *) Ich sehe, daß wir nichts wiffen können! Das will mir schier das Herz verbrennen. So gestaltet zu unserer Zeit Goethe den Ausspruch des großen Propheten der alten Welt, welcher lautet: „Ich weiß, daß ich nicht weiß". Sokrates machte durch dies Wort die Philosophie auch zur Wissenschaft vom Nichtwissenals Inbegriff des Wissens und als Wissenschaft vom Wissen hatte sie bereits seinen Vorgängern im Bereiche der griechischen Geisteskultur gegolten. Die Wissenschaft soll den Menschen von seinen Vorurteilen befreien, die im Denken des täglichen Lebens zu allen Zeiten sich geltend gemacht haben. Darin besteht ein wesentliches Verdienst der wissenschaftlichen Erkenntnis gegenüber der Auffassung des naiven Menschen. In unbeugsamer Treue gegen die Gebote der Wahrheit muß die Wissenschaft darum nicht nur hinzeigen auf den Fortschritt menschlicher Erkenntnis, sondern sie muß auch die Leistungsfähigkeit des nienschlichen Erkenntnisvermögens und damit die Möglichkeit des Fortschreitens im Erkennen wie seine Schranken ins Auge faffen. Nicht nur über unser Wissen sollen wir uns Rechenschaft ablegen, sondern wir müffen auch Bescheid wiffen über die Grenzen, die diesem Wiffen gezogen sind. Wollte man von menschlicher Wissenschaft einen unbegrenzten Fortschritt erwarten, es wäre die ärgste Utopie, in die der menschliche Geist geraten könnte. Für die Erkenntnis, daß unser Wissen sich zu bescheiden hat, daß ihm Schranken gezogen sind, hat Kant den größten Teil seiner Lebensarbeit eingesetzt. Verhältnismäßig spät hat der Königsberger Philosoph auch bei den Naturforschern gebührende Anerkennung gefunden. Allgemeiner ward diese Anerkennung erst, nachdem im Lager der Naturforscher selbst von anderen Gesichtspunkten aus die Grenzen des Naturerkennens erörtert worden waren. In Deutschland geschah dies durch Emil du Bois-Reymond, in England durch Thomas Huxley. Den in vollem wissenschaftlichem Bewußtsein geleisteten Verzicht auf die Erkenntnis der ganzen Wahrheit nannte Huxley Agnostizimus. Er erblickte aber darin keineswegs ein Faulbett für den menschlichen Geist, sondern er erklärte den Agnostizismus für eine Methode, die Welt zu studieren, in der von jedermann gefordert werde, seine Ueberzeugung zu begründendie uns anleite, der Vernunft als Führerin soweit zu folgen, wie sie brauchbar sei, und die uns zur Vor- *) Sie hierzu die Wochenrundschau: „D a r w i n." sicht mahne im Anerkennen von Gewißheiten. ein dieser Beziehung stimmt Huxley mit seinem andsmanne, dem Philosophen Herbert Spencer, überein, der in seiner Betrachtung der Natur ein Erkennbares von einem Unerkennbaren unterscheidet. Darin war ihm Goethe längst vorausgeeilt, als er mahnte, bi den Problemen des Erforschlichen stehen zu bleiben und das Unersorschliche „ruhig zu verehren". Das Erkennbare eignen wir uns an durch die Erfahrung, und nur unsere Erfahrungswelt kann Gegenstand wiffenschaftlicher Untersuchung sein. Das Gebiet der Erfahrungen gliedert sich in ein äußeres, die Sinnenwelt, und ein inneres, die Gefühlswelt. Beide Gebiete hängen oft innig zusammen. Für das Verständnis einer Beethovenschen Sonate ist die sinnliche Empfindung nicht weniger maßgebend als das innere Gefühl. Der Naturforscher hat es nur mit den Erscheinungen der S i n n e n w e l t zu tun und mit Schlüssen, die er aus diesen ableitet. Diese Schlüffe können bündig und unabweislich sein, so daß jedermann gezwungen wird, ihnen zuzustimmensie können aber auch nur zu Wahrscheinlichkeiten führen, zu Mutmaßungen und Ahnungen, die dem einen mehr, dem andern weniger einleuchtend Vorkommen, auf die der Mensch aber niemals verzichtet, weil er von dem Wunsche getrieben wird, für jedes Geheimnis der Natur eine Erklärung zu finden. Erklärung ist aber nichts anderes als eine Beschreibung, durch die etwas Unbekanntes auf Bekanntes zurückgeführt wird. Auch hierbei vermag die Naturwissenschaft die Tatsachen nur so zu beschreiben, wie sie für uns erkennbar sind, und damit können alle ihre Erklärungen nur gelten als mehr oder weniger weitgeyende Annäherungen an die Wahrheit. Die absolute Wahrheit zu finden, ist dem Menschen vertagter muß sich an relativer Wahrheit genügen taffen, also an einem mehr oder weniger hohen Grade von Wahrscheinlichkeit. Ueberall stößt er aus die Schranken des Unerkennbaren. Durch seine Sinne beobachtet der Naturforscher nichts anderes als Materie in Ruhe oder Bewegung, auch in den lebendigen Wesen. Die Bewegung materieller Teile ist ihm ein Zeichen wirksamer Kräftedie Ruhe deutet er so, daß die auf ein Stück Materie wirkenden Kräfte einander das Gleichgewicht halten. Schon Emil du Bois-Reymond hat es in seiner berühmten Rede über das Naturerkennen ausgesprochen, daß das Wesen von Materie und von 5kraft für uns nicht minder unerkennbar sei, als die Beziehung zwischen Geistigem und Materiellem. In der Tat bleibt uns der Zusammenhang zwischen Materie, bewegender Kraft nnd Geist unbegreiflich, wir mögen es anfangen, wie wir wollen. Es find das aber nur Hauptstücke aus dem Gebiete des Unerkennbaren, und es gibt deren noch viele andere. So stimme ich z. B. mit Herbert Spencer überein, wenn er die Erblichkeit der Eigenschaften bei Pflanzen und Tieren für unbegreiflich erklärt. Bedenken wir aber, daß unsere ganze Sinnenwelt nur aus Vorstellungen besteht, von denen wir nicht wiffen, durch welche Einflüsse sie erregt werden, so fallen diese ganz«* erregenden Einflüsse — Kant nannte sie „Dinge an sich" — für uns in den Bereich des Unerkennbaren. Aber, so hört man sagen, der Mensch bedarf etwas Sicheres und Greifbares an das er sich hält, und darum kann er sich bei solchen Negationen unseres Wiffens nicht beruhigen. So/che Meinung findet bei denen, die recht tief ins Innere der Natur hineinblicken möchten, nur zu gläubige Ohren, und sofort sind Wunderdoktoren bereit, ihre Wünsche zu erfüllen und ihnen eine Lösung der Welträtsel zu bieten. Worin bestehen aber diese Lösungen? Sie bestehen in Dogmen, d. h. in Lehrsätzen, deren formale Bestimmtheit zu wünschen nichts übrig läßt, die mit um so größerer Zuversichtlichkeit ausgesprochen werden, je weniger sie durch wirkliches Wissen und wirkliches Erkennen gestützt sind. Daher braucht es uns nicht wunderzunehmen, wenn diese Dogmatiker untereinander in schreiendem Widerspruch stehen. Der eine von ihnen verkündet mit Trompetenschall: Bewußtsein und Geist sind Funktionen der Materieder andere behauptet nicht weniger siegesgewiß: Die Materie ist eine Funktion des Bewußtseins und des Geistes, und wenn ein dritter meint: Materie mit Bewußtsein und Geist sind nur Formen von Energie, so stehen diese Dogmen gleichwertig nebeneinander, d. h. einen Beweis für die Richtigkeit seiner Lehre kann keiner dieser Dogmattker erbringen. Der ungeschulten Menge imponiert aber die Zuversichtlichkeit dieser Welträtseüöser, und je nach ihrem Geschmack zollt sie dem einen oder dem anderen Beifall. Der bescheiden beiseite stehende Agnostiker wird von jenen Adepten, die sich mit Vorliebe Posittvisten nennen, mißachtet. Man übersieht, daß die wahre Wissenschaftlichkeit sich auf der Seite des Agnostizismus befindet, der da bekennt, daß er nicht alles weiß. Doch ich fürchte, schon allzu lange bei so abstrakten Fragen geweilt zu haben. Wenden wir uns nunmehr zur Betrachtung einer Erscheinung, die gegenwärtig im Vordergründe des Interesses steht, und die heute von vielen als die Beherrscherin der Welt angesehen wird, es ist das die Entwicklung. Die Naturforschung der Vergangenheit bemühte sich, die Pflanzen, Tiere und den Menschen auf dem Höhepunkte ihres Daseins zu erfassen und zu erforschen. Pflanze, Tier und Mensch und schließlich die ganze Natur, der Kosmos, wurden gedeutet wie ein von Manschen gestaltetes Knnstwen. In dieser Auffassung lag bereits der i rilli-f