Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1909)
- Date
- 1909-02-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr 6 des „Hsraelit" Meuiüeton. ed.-c.. Samuel da Nagitl. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. (Fortsetzung) Dieses Euer Bekenntnis ist herrlich und auch von jedem Juden voll zu bestätigen, aber der Jude bedurfte dieser Offenbarung nicht mebr, hat ihm seine heilige Lehre doch schon vor Jahrtausenden gesagt: Höre, Israel, der Herr unser Gott, ist ein einziger Herr, und in derselben Lehre steht: Wer ist Dir gleich unter den Göttern, o Herr". „Trotz aller deiner Redereien, kailnst Du iticht leugnen, daß wir die Vollendung der jüdischen und näzarenischen Schriften im Koranbuche besitzen. Eure Thora ist nur eine Vorläuferin des Korans. Die Nasri einerseits v.rwerfen, das Euch als gottgesandt geltende Zeremonialgesetz, Ihr wiederum werfetden Nasri vor, daß sie gar nicht Monotheisten seien, sondern Gott Genossen gegeben hätten. Wir aber haben weder Zermonien, noch eine Vergesellschaftung des einzigen Herrn". „Ihr habet keine Zermonien"'? spottete Samuel, „ich will Dir von jetzt bis der Tag sich neigt, nur einen Teil Eurer Zermonien aufzählen. Ist Euer Gebet nicht stehend zu verrichten, habt Ihr Euch nicht dabei auch beim Reiten und Fahren zu erheben, müssen Eure Kranken oder sonst am Aufftehen Verhinderte nicht sitzend oder auf die Seite gelehnt beten? Richtet Ihr Euch beim Gebet nicht auch nach dem Tempel zu Jerusalem und später nach Mekka? Soll ich Euch noch erzählen über Eure Wallfahrten, über Eure verbotene Speisen, über Euer- Verbot des Weins und des Glückspiels. Führt Ihr lucht auch Eure Kinder in den Bund Ibrahims eilt?" „Wenn Euer Glauben, der echte ist", spielte der Fakhi nunmehr seinen letzten Trumpf aus, „warum hat der Islam die Welt erobert, warum erglänzen die Verse unseres Koran heute da in goldenen Lettern, wo einst auf Moriah sich Israels Ten>pel erhob, warum sind tausende von Kirchen der Nasri, wo sie einst ihre Kniee in Andacht vor dem Sohne der Jungfrau beugten, heute in Moscheen verwandelt, Stätten des Gebetes für Allah und semen Propheten?" „Wir sind vertrieben aus unserem Lande um unserer Sünden willen. Haben wir die geistig-sittliche Stufe wieder erreicht, auf der der Herr uns zu bringen wünscht, dann werden wir wieder einziehen in Zion, dort unserem Schöpfer zu dienen und darzubringen, unsere Opfer". Als der Fakhi sah, daß er mit Samuel nicht fertig wurde, wandte er sich an den König: „Warum, o Herr", rief er, „folgst Du nicht dem Beispiel, das Dir die guten und frommen Fürsten früherer Zeiten gegeben haben? Warum weisest Du den Juden nicht wieder den ihnen zukommendcn Platz an, warum machst Du sie nicht zu den niedrigsten der Menschen? Dann würden sie haufenweise umherziehen, unter uns ein unstetes Leben führen, unserer Verachtung und unserem Abscheu preis gegeben - dann würden sie unseren Edlen nicht mit Hochmut, unseren Heiligen nicht mit Anmaßung begegnendann würden sich diese Menschen von unreiner Abkunft nicht neben uns setzen und nicht Seite an Seite mit den großen Herren des Hofes reiten". „Mit Schimpfereien und Schmähungen überzeugest Du meinen Samuel nicht, durch Deine gelehrten Sprüche konntest Du ihn nicht überführen. Also schere Dich zur Hölle, wenn Du bis heute Abend meine Hauptstadt und bis übermorgen mein Königreich nicht verlassen hast, so wird Dein Kopf gleich den Köpfen meiner übrigen Feinde die Tore meines Palastes schmücken". Zähnenknirschend ver ies der Fakhi den Kö >ig, aber bevor er das Land verließ, formte er dafür, daß dem jüdischen Kathib ein noch weit gefährlicher Gegner auf geistigem Gebiete erwachsen sollte. Viertes Kapitel. Die erfolglose Bemühung des Fakhi Jschak den jüdischen Geheimschreiber zum Islam zu bekehren, war bald in ganz Granada Stadtgespräch. Die Berber, die von den Arabern noch immer nicht als Vollgläubige anerkannt worden waren, hätten es gern gesehen, wenn Samuel zum Islam übergetreten wäre, denn die Araber benutzten, die Tatsache daß der erste Mann im Staate ein Jude, fortwährend als Waffe gegen die herrschende Partei. Da erbot sich ein zum Islam übergetretener Jude dem Könige. Er, so behauptete er, wolle den Uebertritt Samuels bewerkstelligen. Der König brauche nur Samuel mit dem Tode zu drohen, dann müsse der Jude sich zu Mohammed bekennen. Nur mit höchstein Widerstreben entschloß sich der König zu diesem Experiment, aber von den Berbern gedrängt, gab er in seinem Wankelmute auch hier nach. Ein bestimmter Tag wurde festgesetzt, an dem die Disputation zwischen Abu Soffjan, so hieß der abtrünnige Jude mit seinem neuen Namen, und Samuel stattsinden sollte. Sie sollte feierlicher gestaltet werden als der erste Wortstreit der zwischen Samuel und dem Fakhi statt hatte. Juden, Berber, Araber sollten Zuhörer sein und in dem großen Löwenhofe der al-Hambrah waren zu diesem Behufe drei Gallerien errichtet worden. Alles was nur aus irgend eine Weise sich Einlaß zu verschaffen wußte, drängte sich heran und auch die Rabbans der übrigen Städte des granadinischen Reiches wollten bei dieser wichtigen und entscheidenden Versammlung nicht fehlen. Der große Tag war herangekommen. Schon am frühen Morgen herrschte auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt das lebhafteste Treiben. Buden waren allenthalben errichtet, in denen den von fern herbeigeströmten fremden Gästen allerhand Früchte und Getränke verabreicht wurden. Gruppen bildeten sich vor den Häusern, in denen das große Ereignis des Tages besprochen wurde. „Nun heute", sagte der Fakhi zu einigen arabischen und berb. rischen Beamten, die ihn umstanden, „nun heute ist der Tag gekommen, an dem der Jude bluten muß. Wie ich gehört habe, ist sein Gegner, der frühere Jude ihm an Gelehrsamkeit hundertfach überlegen und der Vezier wird in seiner Verwirrung und in seiner Todesangst ihm auch kaum die richtige Antwort geben können". „Der König Badis", sagte ein arabischer Steuereinnehmer, der von Samuel einen Verweis erhalten, weil er der Unterschlagung von Steuergeldern sich verdächtig gemacht hatte, „der König Badis ist doch ein Mann von so großem Scharfsinn und schon seine Mutmaßungen kommen der Gewißheit gleich, wie kommt es denn daß er das Nebel nicht sieht, welches diese jüdischen Teufel anrichten, an deren Hörnern man überall sich im Reiche stößt? Wie kann er Zuneigung haben, zu diesen Bastarden, die sich dem menschlichen Geschi chte verhaßt gemacht haben?" „Ja", rief ein Berber, der Samuel vergeblich seit Jahren um ein Amt bat, „wie kann nur der König einem Büsewicht so blindes Vertrauen schenken und ihn zu seinem liebsten Freunde machen? Hat er vergeffen, daß der Allmächtige in der Schrift sagt, man solle sich nicht mit den Bösen einlaffen?" „Der Jude", meinte ein Gelehrter, der eine große Rolle unter dem Arm trug, „wird sich auch heute wieder durchbeißen, wie schon so oft in seinem Leben und das ist auch gut so, Ihr seid alle nicht imstande ein Land so gut und so gewissenhaft und so uneigennützig zu regieren". Man widersprach ihm lebhaft, aber einige gaben auch dem Gelehrten recht. Unter solchen Gesprächen kam die Stunde immer näher, in der das große Zwiegespräch sto.ttho.bev fällte. Der König saß umgeben von den Vornehmen des Reiches auf feinem großen Tronfkssel in dem Löwenhofe auf einem erhöhten Stuhle, in der Mitte des Hofes neben der Löwenfontaine war der jüdische Apostat, der heute als Gegner Samuels auftreten sollte, postiert. Samuel stand vor ihm auf eineni blauen Teppiche. Sein früher so rabenschwarzer Bart war im Laufe der Jahre bleich geworden, aber seine hohe Gestalt war noch aufrecht. Mit der größten Ruhe und ohne die geringste Spur von Erregtheit schien er der komrnenden Verhandlung entgegenzusehen. Nur ein Ausdruck unsäglicher Verachtung umspielte seine Lippen, wenn er auf Abu-Soffjan seinen Blick richtete. Die Gallerien waren dicht besetzt von Rittern, Geistlichen und Beamten, kein noch so kleines Plätzchen, das nicht benutzt worden war. Der König gab das Aeichen zunl Anfang., Fünftes Kapitel. Eine Gerichtsperson erhob sich, ergriff ein Schriftstück und verlas mit lauter Stimme. „Der Vezier Samuel hat eine polemische Schliff gegen den Koran als Grundlage des Islam verfaßt. Diese Schrift wurde von ibn Chazm in öffentlicher Disputation, die er mit dem Verfasser führte, auf das gründlichste widerlegt". „Da es aber für das Reich Granada von unermeßlichem Schaden ist, wenn der erste Mann nach dem Könige ein Gegner des Glaubens des granadischen Volkes ist, da aber wiederum die Dienste des Juden Samuel ibn Nagdela, der diesen Posten einnimmt, nach Aussage des Khaliffn und seiner Ratgeber für Land und Volk unentbehrlich sind, so ist es der Wunsch aller Gutgesinnten, daß der Bester sich öffentlich zum Propheten bekenne. Nach seinem jüdischen Glauben aber darf er dieses nur tun, wenn sein Leben hierdurch in Gefahr gerät". Der König hatte deshalb so wenig dies auch mit seinen Gefühlen vereinbar dem Drängen seines Volkes nachgebend, beschlossen, Samuel den Märtyrertod sterben zu lassen, wenn er den Uebertritt zu Islam verweigern sollte. Da nun Samuel nach dem Urteile bedeutender Talmudgelehrter in diesem Falle sein Leben nicht zu opfern braucht, so erwartet der König, daß sein Geheimschreiber hier heute vor freu Augen aller Versammelten die Göttlichkeit des islamitischen Gesetzes Mohammeds, des Sohnes Abdallahs feierlich beschwöre. Dem Apostaten Abbu-Soffjan wurde nunmehr das Wort erteilt. Er begann: „Du hast gehört, Samuel, um was es sich hier handelt. Ich brauche Dir nicht zu wiederholen, daß Du mit ruhigem Gewiffen, Dein Leben retten und Dich zu unserer aller Glauben bekennen kannst. Denn Du weißt eben so gut wie ich, daß der Islam kein Götzendienst, daß seine Bekenner sogar jeden Götzendienst auf das tiefste verabscheuen und sich von jeder Auffassung Gottes als eines körperlichen Wesens fernhalten. Ja Du darfst Dein Leben gar 'nicht preisgebcn, da Ihr nur dann die Pflicht habet, Euer Leben zu opfern, wenn von Euch Götzendienst, ein Mord oder eine Verletzung, der Kenschheitsg"setze gefordert wird und keines derselben wird von Dir, dem mit dem Tode Bedrohten gefordert." Abbu-Soffjan schwieg. (Fortsetzung folgt.)