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Der Israelit · 1909-02-11 · Heft 6 (11.2.1909) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 6 (11.2.1909)
Date
1909-02-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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11. Februar 1909. Der Israelit. Nr. 6. Seite 7. Berlün, 8. Febr. Nach einer Niederlage wird Musterung und Zählung abgehalten. Das ist eine Praxis, die, wiewohl sie biblischen, also semitischen Ursprunges ist, auch von den Antisemiten geübt wird. So hielt der Deutsche Antisemiten-Bund am Donnerstag im Deutschen Wirtshaus von Fritz Sommer eine Versammlung ab, in der der Reichstags¬ und Landtagsabgeordnete Zimmermann über das Thema: „Die Feinde unserer Bewegung" sprach. Der Hauptredner, Herr Zimmermann zeigte sich sehr kampfesfroh und sprach von Sie gen, freilich nicht vom Wahlkreis Siegen im . Jndustriebezirk, sondern von anderen Siegen der Antisemiten, denen es noch, wie er hofft, gelingen wird, den Reichskanzler und die jetzige Regierung zu stürzen. . . . Getreu der antisemitischen Taktik der letzten Zeit fehlte es auch nicht an diversen Ausfällen gegen die Person des Kaisers. Man sieht, wir Juden befinden uns unter den Angegriffenen in recht guter Gesellschaft. Mehrere Anzeichen deuten aber darauf hin, daß Zimmermann uun in Wort und Schrift vollends das Erbe des edlen Grafen Pückler anzutreten gedenkt. Er sagte u. A. „Es werde auch wieder die Zeit kommen, wo der Antisemitismus in Berlin hochkommen werde. Positive Arbeit allein könne da helfen und der D. A. B. werde die Sturmkolonne sein . . . Der schlimmste Feind sei nicht der Jude, sondern die eigene Lässigkeit. Die Stunde der Not ist gekomnien und die Notglocken werden bald durchs ganze deutsche Land läuten, sie werden auch läuten gegen Juden und gegen alle seine Freunde! . . . (Brausender Beifall.)" Wäre es nicht bald an der Zeit, daß auch dieser Herr, der seinen Getreuen mit Dreschflegeln winkt, von amtswegen in irgend einer Weise unschädlich gemacht wird? berliner Brief. (Von unserem Korrespondenten.) E. B., 9. Februar. Die Affäre M u g d a n, die bekannten und a uch im „Israelit" s. Z. besprochenen Vorgänge, welche an die'Wahl des evangelischen Christen, Herrn San. - Rat Dr. Mugdan zum Berliner Stadtverordneten anknüpften, hat in der Vorwoche eine kurze Auferstehung gefeiert. Es handelte sich um die Beschlußfassung über die gegen diese Wahl eingelegten, auf verschiedene Formverstöße basierten Wahlproteste. Die Stadtverordneten hielten dieselben nicht für erheblich genug, um daraufhin die Wahl au kassieren, und stimmten, mit Ausnahme der Sozialliberalen und Sozialdemokraten, für die Giltigkeit der Wahl. Damit ist aber Herrn Dr. Mugdan das Mandat noch immer nicht sicher gerettetdas letzte Wort wird erst das Oberverwaltungsgericht zu sprechen haben, an das die Protesterheber mit einer Klage herantreten werden. Wie das Urteil ausfallen wird, steht dahin und kann für uns auch dahinstehen - die uns bei dieser Angelegenheit interessierenden Punkte sind schon jetzt uno längst gegeben. Bei dieser Gelegenheit zeigte sichs wieder so recht deutlich, wie groß in unserer fchnellebigen Gesellschaft der Einfluß der Zeit geworden ist. Es sind kaum drei Wochen vergangen, seitdem der Meinungsstreit über diese Affäre die Gemüter bis zur Siedeglut erhitzte und so sehr die allgemeine Aufmerksamkeit gefangen nahm, daß hinter diesi r lokalen Angelegenheit die spannendsten Ereignisse der großen Politik zurückstehen mußten. Jetzt ist von dieser eifervollen Erregung auch kein leiser Hauch mehr zu verspürenaußer ein Paar Berufspolitikern hüben und drüben vermochte sich niemand mehr für die Sache zu erwärmen - wer die Debatten anhörte, konnte nicht den Eindruck gewinnen, daß hier unter der Oberfläche die tiefen, persönlichen Gegensätze schlummern, welche der „Affäre" ihren Stempel aufgedrückt hatten, sondern daß es sich wirklich um nichts anderes handelte, als strittige Fragen des Verwaltungsrechts zum endlichen Austrag zu bringen. Das wäre gewiß nicht zu beklagen, wenn hier nicht die Gefahr schlummerte, daß die Lehren, . welche der Fall Mugdan erteilt, nur allzubald ebenfalls vergessen würden, und daß das anfgestackelte jüdische Ehrgefühl, das sich vor einigen Wochen so kraftvoll regte, sehr schnell wieder der Erschlaffung verfällt. Seien wir ehrlich! Hätte die politische Konstellation es nicht so gefügt, daß ausgerechnet Herr Mugdan in einem Wahlbezirk als Kandidat des „Blockfreisinns" auftrat, der den „Demokraten" als aussichtsvolles Kampfobjekt erschien, wer weiß, ob die Qualitäten, die man von jüdischer Seite mit so gutem Recht an ihm auszusetzeu fand, ein so wichtiges Moment im Kampfe gespielt hätten?! Wir sollten meinen, daß ein Mandat zum Reichstag in der öffentlichen Schätzung nicht minder hoch rangiert als das Amt eines Berliner Stadtverordneten. Und wir meinen, daß die Gründe, welche mit nur allzuviel Recht gegen die Anvertrauung dieses Amts an einen Mann, der seinen Glauben wie ein Hemd gewechselt, sprechen, mit noch we t mehr Recht dort zu erheben wären, wo cs sich um die Uebertragung der Vertretung des ganzen Volkes handelt. Warum wurde keine Stimme, welche auf diese Seite der Sache hinwies, laut, als es sich um die Wahl des Herrn Dr. Mugdan in den Reichstag handelte, trotzdem alle die Einwände, die jetzt erhoben wurden, doch auch damals schon voll bekannt und notorisch waren, und nur nicht vorherzusehen war, daß Herr Dr. Mugdan in sich den Beruf verspüren würde, im „Block" Führerrollen zu spielen?! Und über diesen Einzelfall hinaus — macht es, darf es nach unserer Auffassung einen wesentlichen Unterschied für die Einschätzung der Persönlichkeit ausmachen, ob jemand um ein Linsengericht seinen Glauben preisgibt, oder aber für sich zwar, weil er nichts mehr hofft und nichts mehr fürchtet, die schwere Last seiner jüdischen Geburt mit Eleganz und Würde weiterträgt, dafür aber seine Kinder, deren Erziehung zu charakterfesten, ftrebereifeindlichen Menschen als heiligste Pflicht von der Vorsehung ihm anvertraut ist, der Taufe und dem Abfall vom Väterglauben darum zuführt, damit ihre „Karriere" nicht beeinträchtigt würde?! Volksgerichte, wie die in der Sache Mugdan veranstalteten, werden nur dann den Eindruck spontaner, durch Parteiintet essen nicht beeinflußter Kundgebungen zu machen und dann nachhaltigeren Eindruck hervorzubringen im Stande sein, wenn sie statt in Einzelfällen ihre Kraft zu erschöpfen, systematisch und ohne Rücksicht der Person überall da eingreifen und fest zugreifen, wo sie Realpolitik über Prinzipientreue triumphieren sehen. -r- Nun ein angenehmeres Thema! Einer lange versäumten Pflicht nachkommend, sei heute wieder einmal aus unserer AdaßJsrael berichtet. Uns ere Repräsentanten - Versammlung steht in diesen Wochen unter dem Zeichen der Etatsberatung, die die erwünschte Gelegenheit zum Meinungs- Austausch über alle die großen und kleinen Gemeindeinteressen gibt. Die Verhandlungen leitet, da Herr Prof. Berliner aus Gesundheitsrücksichten einen mehrmonatlichen Urlaub hat nehmen müssen, der stellvertretende Vorsitzende, Herr Karl Kno ller. In der vorigen Sitzung gedachte der Vorsitzende zunächst in bewegten Worten, welche die Versammlung stehend anhörte, des schweren Verlustes, der die Gemeinde und die Verwaltung durch das Hinscheiden des Herrn David Struck betroffen hat. Zu den Begründern der Gemeinde gehörend, hat er, mit kurzen Unterbrechungen, fast stets dem Verwaltungskörper derselben, die letzten zehn Jahre als Mitglied des Vorstandes angehört, und seine ungewöhnlichen Geistesgaben, seine Geschäftsgewandgeit und seine starke Tatkraft freudig in ihren Dienst gestellt. Er war aber nicht nur mit seinem?opf, sondern auch mit seinem warmen Herzen liei dieser Gemeinde, in der er die Verkörperung i »er Ideale suchte und fand, die er aus dem Vaterhause als die echtjüdischen übernommen satte. Er wird in der Gemeinde unvergessen Illeiben — In den Vorstand wurde an des Verewigten Stelle der bisherige Stellvertreter, Herr Arnold Stein, berufenebenso sür den beurlaubten Repräsentanten, Herrn Prof. Berliner, der Stellvertreter, Herr Ginsberg. Zum Rendanten an Stelle des verstorbenen Repräsentanten, Herrn Harburger “? 2£T wird Herr Joseph L e w y gewählt. — Der erste Schritt zur Nnkgestaltung des Mazzothbackwesens ist mit der Einrichtung der Bäckerei auf eigenem Grundstück der Gemeinde (Gren dierstr. 37) bereits in diesem Jahre getander weitere Ausbau (maschinelle Einrichtung u.s.w.) konnte in diesem Jahre nicht mehr erfolgener wird sofort nach Peßach bewirkt werden. Die Verträge mit dem bisherigen Bäcker werden bewilligt. Dem Franenverein innerhalb der Gemeinde ist von der verstorbenen Frau Packscher ein L' gat von 3000 Mark zngcfallen, d s von dem Nachlaßpfleger dem Gemeindevorstand überwiesen wurde. In der Generaldebatte zum Etat gibt Dr. Biberfeld seiner Freude darüber Ausdruck, daß der Etat dasBild langsamer aber stetiger Aufwärtsentwickelung, das wir auch sonst von dem Gemeiudeleben gewinnen, durch seine Zahlen bestätigt. Hinsichtlich der Aufstellung wünschte er Berücksichtigung gewisser nationalökonomisch wichtiger Grundsätze, durch welche das Gesamtbild klarer und durchsichtiger würde. Die in dem Etat beantragte Höhernormierung des Grundgehaltes der Schochetim begrüßt er mit besonderer Freudedenn gegenüber der in ueologen Kreisen und leider auch in den Kreisen der Lehrer herrschenden Anschauung, als wäre das Schochetamt geeignet, das Ansehen des Kultusbeamteu zu degradieren, hätten die orthodoxen Gemeinden die besondere Pflicht auch durch pekunäre höhere Bewertung darzutun, daß dieses Amt keinem nachstehe, sondern jedem anderen mindestens gleichwertig sei. — Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr I. Rosenblüth erwidert, daß in diesem Punkt keinerlei Meinungsverschiedenheit herrsche. Hinsichtlich der Etatsaufstellung aber sei man gezwungen, solange uns das Einschätzungsrecht, und damit in der Einkommensteuer em beweglicher Faktor fehlt, den bisherigen Modus beizubehalten. -- In der Spezialberatung bieten die Positionen Mikwah und Schechitea noch Anlaß zu längeren Debatten, die aber nur von lokalem Interesse sind. Angefügt seien nur noch einige Zahlen aus dem Etat, welche das Wachstum der Gemeinde veranschaulichen können. Der Entwurf schließt in Einnahme und Ausgabe mit Mk. 115,420,75 ab. Die Synagoge erforderte mit Mk. 20,200 einen Zuschuß von ca. Mk. 4500, die Mikwah desgleichen einen Zuschuß von Mk. 2200. Dagegen erbringt die Schechitah bei einem Aufkommen von Mk. 26,500 einen Ueberschuß von Mk. 8500 und der Friedhof einen Ueberschuß von Mk. 4000. Die Religionsschule vereinnahmt Mk. 6280 und verausgabt Mk. 9600. Die Gehälter, abgesehen von Schochetim und Aufsichtspersonal, beanspruchen rund Mk. 21,000. Breslau, 6.Febr. Die Ersatzwahlen für den Vorstand der Synagogengemeinde fanden statutengemäß in der ersten Repräsentanten-Bersammlung nach Vollzug der Ersatzwahlen für dieselbe am 2. Februar d. Js. statt. Im Sitzungssaale hatten sich die Repräsentanten ziemlich vollzählig eingefunden. Die Wahl selbst erfolgte nach der Konstituierung der Versammlung unter Vorsitz des Herrn Polizeirats Weiß. Laut Antrag des Gemeinde-Vorstandes beim Polizei- Präsidenten vom 28. Dezember v. I. waren für 3 Vorstandsmitglieder und 1 Stellvertreter, deren Wahlperiode abgelaufen war, Ersatzwahlen vorzunehmen. Bei der Wahl vereinigten sich sämtliche Stimmen der anwesenden 14 Repräsentanten auf die 3 ausscheidenden Vorsteher, die Herren Geh. Justizrat und Landgerichtsrat W o l l st e i n, Rentier Ed. Sachs und Stadtrat Justizrat Alfons Mark, sowie den Stellvertreter Herrn Kaufmann Emil Sachs. — Die Repräsentanten traten dann am 3. Februar zur ersten öffentlichen Sitzung unter Leitung ihres bisherigen Vorsitzenden Herrn Geh. Justizrat Dr. Freund zusammen. Auf der Tagesordnung stand zunächst die Konstituierung der Versammlung nach w § 29 des Gemeindestatuts. Auf Antrag des , iiafliiÜMiiiiififa

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