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Der Israelit · 1909-02-11 · Heft 6 (11.2.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 6 (11.2.1909)
Date
1909-02-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 6 Der J-raelk tung fein soll, entstand erst später, durch die großen Judenwanderungen und Verschiebungen der jüdischen Ansiedelungen im späteren Mittelalter. Es ist allbekannt, daß im Mittelalter die aus dem Westen und besonders aus Deutschland ausgetriebenen jüdischen Scharen nach Rußland und Polen auswanderten, wo sie mit Liebe ausgenommen wurden, und sich mit den dortigen autochtonen Juden, die ein slavisel-.es Idiom sprachen, assimilierten. 1420 wurden die Juden ans Leiterreich vertrieben, die säst alle in Polen Unterkunft fanden, 1432 strömten die Vertriebenen ans Sachsen und Thüriitgen nach Rußland und Polen und 1450 nahm Rußland die jüdischen Flüchtlinge aus Bayern auf. Ganz wie die spanischen Juden, die bis auf den heutigen Tag in der Fremde das Spanisch des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten haben, so hielten auch die Juden an dem aus den deutschen Landen mitgebrachten Dialekten des Mittelalters fest. All die fremden Juden vereinigte das große, gemeinsame Leid. Das Band war rasch geknüpft, auch mit den ortsansässigen slavischen Juden. Auf diese Weise entstand die Allerweltssprache, die man heute schlechtweg mit Jargon bezeichnet, der von Äebraismen durchsetzt und eine Menge slavischer Sprachelemente enthaltend, heute noch in seinem Grundtone einen deutschen Dialekt bildet, sodaß wir vor der merkwürdigen Erscheinung stehen, daß etwa 10 Millionen Juden in Rußland, Polen, Galizien, Rumänien u.s.w. deutsche Sprachinseln in allen Teilen Europas bilden. Heute aber hat der Jargon wie allbekannt, eine eigene, alle Gebiete des menschlichen Wissens und Denkens umfassende Literatur, die auch schon die Aufmerksamkeit der großen nichtjüdischen Welt auf sich gezogen hat. Trotz alledem, dies sei vorweg bemerkt, sind gute Kenner und objektive Beurteiler der Sache heute mehr denn je um die Aussichten dieser Literatur und>. ihre Zukunft besorgt. Der heutige, ganz ungewöhnliche Aufschwung der Jargon-Literatur ist, wenn tiicht alle Zeichen trügen, nur ein helles Aufflackern des Lichtes vor seinem endgültigen Erlöschen. Der Jargon gehört, um das Dichterwort zu variieren, dem unglücklichen Stamme derer an, die sterben, wenn sie geliebt tve^den. Die Liebe, die Begeisterung, die sich heute in allen Kreisen in- und außerhalb des Ghettos, für die Jargon-Literatur geltend machen, führen zu ihrem unvermeidlichen Untergang. Die Sache ist einfach. Mit dem Aufblühen dieser Literatur erschließen sich der Ghetto- Jugend nie geahnte Wissensquellen. Bon der ungewohnten Kost, die leicht und anmutig so gewaltig von der schweren Geisteskost des Eheders und der Jeschiba absticht, verwirrt, geblendet Der buntfarbige Kaftan und der lange Haarwuchs weicheu der europäischen Kleidung und Frisur. Im Punkte der Kleidung wie in anderer Beziehung heben sich die beiden großen Gruppen der marokkanisch.-n Judenschaft deutlich von einander ab: Juden, die in grauer Vorzeit in Marokko heimisch wurden, und solche, die in den letzten 5-6 Jahrhunderten, besonders aus Spanien während der Zeit der Inquisitionen, eingewandert sind. Jene kleiden sich nach der Väter Sitte, diese bevorzugen das Kleid des Europäers. Keine der beiden Gruppen hat Kreuzungen mit anderen Bevölkerungselementen aufzuweisen. Tas Judentum Marokkos ist im großen Ganzen der Ueberlieserung treu geblieben und unterhält besondere Talmudschulen. Diese die Ueberlieferungen der Vorfahren getreu bewahrenden Juden bedienen sich hauptsächlich der arabischen Sprache. Sie sind besonders zahlreich über den großen Atlas, das Riff und den Sus verbreitet, aber aus dem Gebiet einiger Stämme streng ausgeschlossen. Die Angehörigen der neueren jüdischen Einwanderung sprechen außer dem Arabischen» spanisch und fast durchweg auch französisch. Das neuzeitliche Judentum in Marokko bewohnt vorzugsweise die Städte und kleidet sich mit Vorliebe europäisch. Die Zahl der Juden in Marokko beträgt 250,000 bei einer Bevölkerungszahl von 10 Millionen. Da die Gesamtzahl der in Marokko lebenden Europäer etwa 18,000 beträgt, so läßt sich ermessen, welche hervorragende Rolle die Juden schon ihrer Zahl nach m dem politischen und wirtschaftlichen Leben des Landes spielen. Dazu kommt ihre Sprachenkunde und Anpassungsfähigkeit, die sie als die geborenen Vermittler zwischen den Eingeborenen und Europäern durch das plötzlich eindringende Licht, geht die Ghetto-Jugend weiter, vorwärts drängend und alles hinter sich lassend, was an Ghettomauern und Ghettoluft erinnert, also vor allem den Jargon und seine Literatur. 'Die gebildete Jugend in Rußland spricht russisch, genau so wie die in Polen, die mit den Polen um Recht und Freiheit kämpft, polnisch redet. Der jüdische Auswanderer aus Rußland will vom Jargon nichts mehr wissen. Das ist eine Tatsache, die man überall in den russisch-jüdischen Kolonien konstatieren kann. Der Alte spricht den Dialekt der Heimat, weil er seine alte Zunge nicht mehr anders dressieren kann. Seine Kinder aber sprechen deutsch, französisch, englisch. Ja, auch englisch, denn selbst in Amerika und England, wo sich die größten russisch-jüdischen Zentren gebildet haben, wo Jar-- gonzeitungen und Jargontheater so herrlich florieren, selbst dorr schaut die zweite Generation verächtlich auf den Jargon als auf ein Ueberbleibsel einer finsteren Vergangenheit. Das ist die Tragik dieser so rasch und hoch aufgeschossenen Literatur, der Giftkeim, den die Blume zu ihrer eigenen Vernichtung im Kelche trägt und entwickelt. Der Jargon wird, je stärker, je schwungvoller, je poetischer und gehaltreicher seine Literatur ist, je eher aus dem Munde und ans der Schrift des Volkes verschwinden. Soll man darüber trauern, Klagelieder anstimmen über das tragische Ende eines jüdischen Kulturzweiges, oder aber, befriedigt über das endliche Aufhören einer Sprache, die dein aesthetischen Empfinden so wenig entspricht und wie kaum eine andere von inneren Feinden zu antijüdischen Zwecken mißbraucht wurde, zur Tagesordnung übergehen? Wir wollen uns bemühen, objektiiv zu urteilen, der Jargonliteratur nach ihrer geschichtlichen Entwickelung und Bedeutung für die Gegenwart volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, um darnach unseren Nekrolog einzurichten. Aus dem Gesagten geht hervor, daß von altersherber Jargon dem Hebräischen unterstellt war. So wurde es auch mit den ersten literarischen Versuchen des Jargons gehalten. Sie waren samt und sonders nur ein Notbehelf, ein Mittel zur besseren Verbreitung der hebräischen Sprache, oder zur Uebermittlung des jüdischen Gedankens, da wo die hebräische Sprache ihre Wirkung versagen mußte. Die ersten Jargon-Erzeugnisse waren in den Dienst der Thora gestellt und hatten die einzige Aufgabe, die jüdischen Geistesschätze auch dem Ungelehrten, besonders den Frauen, zn erschließen. Die ersten Bücher in Jüdisch-deutsch erschienen zu Ende des 15. Jahrhunderts und wurden im 16. und!7. Jahrhundert langsam fortgesetzt. Es waren vorwiegend Erbauungsbücher, die aus dem Urquell erscheinen lassen. Eben diese Eigenschaften weisen sie aus die Handelstätigkeit hin, deren Ansübung ihnen Reichtnmer und .in nicht vereinzelten Fällen, besonders' in Tanger, eine recht ansehnliche soziale Stellung verschafft hat. (Eine Bibliothek der Dreysus-Affäre.f Wie die neue Tageszeitung 1,68 Nouvelles in Paris mitteilt, hat die Ribliotbeque d68 trävaux historiques de la Ville de Paris kürzlich eine historisch wertvolle Schenkung erhalten: eine Sainmlung aller Bücher, Broschüren, wichtiger Zeitungsartikel, Zeichnungen, Karikaturen, welche über die Treysus-Assäre veröffentlicht "wurden. Ter Schenker der Sammlung ist der Diamantenhändlcr Ochs, ein Verwandter der Familie Treyfus, der sich von Anfang an leidenschaftlich für die Sache des unschuldig Verurteilten interessierte. Allerdings fing er erst im Jahre 1897 an, die Dokumente planmäßig zu sammeln. Doch gelang es ihm, auch nachträglich alles Wichtige aus der Vorgeschichte zu erwerben, so daß die Kollektion heute ein lückenloses Archiv darstellt, aus dem die Geschichte der für die innere französische Politik so entscheidungsvollen Assaire rekonstituiert werden kann. Sie enthält mehr als 3000 einzelne Schriften, die in 800 Bänden gebunden sind. Tie Farbe des Einbands ist rot für die französischen, grün für die ausländischen Werke. Im ganzen sind 28 Sprachen vertreten, darunter namentlich auch die jüdischen Dialekte, die in Osteuropa gesprochen werden. Das Buch, das Dreyfus über seine Gefangenschaft schrieb, ist allein in fünfzehn Sprachen erschienen. Ern Band enthält die sämtlichen Zeitungsartikel, welche die Familie Dreyfus dem Gesuch um Kassation des Urteils beilegte und welche sämtlich' den Stempel des obersten Gerichtshofs tragen. Die Abteilung „Illustrationen" bringt Abbildungen aller wichtigen Vorgänge, 11 Febr ar. Se te 5 von Thora und Talmud schöpften. Die interessantesten und bekanntesten Werke dieser Art sind das „Zeeno ureno", wie es in seiner alten Form auf vergilbten Blättern und mit mehe oder weniger künstlerischen Bildern versehen, heute noch in alten jüdischen Häusern auf dem Lande zu finden, leider aber den Kindern und Enkeln in seiner Schrift- und Sprachweiie völlig unverständlich ist. Tas Buch enthält, nach den Wochenaüschnitten geordnet, in schöner übersichtlicher Einteilung Erklärungen zum Pentateuch, die, ansgeschmückr mit den schönsten Blüten aus dem Blumengarten der „Agada", durchwirkt mit Perlen aus dem talmudischen Meeresgrund, unsere Großmütter in der trauten warmen Sabbatstube ein Glück empfinden ließen, das sich bei ihren heutigen Töchtern und Enkelinnen gewiß durch kein Theater und keine Gesellschaft, durch keine Lektüre unb keine Unterhaltung der modernen Welt nur annähernd ersetzen läßt. Allein es gab auch damals schon Bücher für Unterhaltung und Belehrung über rein weltliche Dinge. Die „B o b e - M a s s a u s" von Elija Bachor sind heute noch sprichwörtlich für alte Geschichten und Ueberlreibungen der „Münchhausen" des Ghetto. .Bekannt war „Der gute Sinn" von „Josef ben Eliakim", der ganz nach Art unseres unentbehrlichen „Knigge" seine Nebenmenschen über den guten Ton und den Umgang mit Men- , schen belehrt. Auch Frauen schrieben Jüdischdeutsch für Frauen, so Rebekka Tiktiner zu Anfang des 17. Jahrhunderts über „die Frauenpflichten." Eine andere dichterisch begabte und stilistisch sehr gewandte Dame namens Ehano verfaßte jüdisch-deutsche Gebete für den Gebrauch in der Synagoge und int Familienhause. Später erschienen noch mehrere „Tchinaüs" in Jüdischdeutsch, die in der Regel aus zwei von einander getrennten Teilen bestanden. Sie enthielten im ersten Teil Vorschriften und Anweisungen über die mannigfachen Pflichten der Frau und im zweiten mehr oder minder gelungene Gebete für alle Feste des Jahres, sowie für freudige und traurige Anlässe. Selbst auf dem Gebiete des Dramas versuchten sich damals schon einige jüdisch-deutsche Schriftsteller, und nicht ohne Erfolg. Das Motiv war in allen Fällen ein biblisches. Man stellte dramatisch die Opferu n g Isaaks, die Jose f s g e s ch i ch t e oder die G e s ch i ch t e E st h e r s u.s.w. dar, Stücke, die noch bis zu den achtziger Jahren, vielleicht heute noch in manchen Städten Rußlands und Galiziens am Purim in Bersammlungcn und Gesellschaften vor einem dankbaren mehr jüdisch-empfindenden, denn eigentlich kunstsinnigen Publikums aussteführt werden. Diese Bühnenstücke haben wohl den ersten Grund, zum jüdischen Theater gelegt,' wie es später durch den berühmten Dichter Abraham Goldfaden ausgedie militärische Degradation, die Teuselsinsel, die großen Sitzungen bei den verschiedenen Prozessen. Sehr interessant sind die volkstümlichen Bilderbogen, in denen Treyfus bald als Opfer, bald als Verräter erscheint. Auch die Plakate, mit denen während des Kampfes die beiden streitenden Parteien zu ihren Versammlungen einluden, hat Herr Ochs gesammelt, ferner die Medaillen, die aus verschiedenen Anlässen geprägt wurden, wie die Plakette sür Zola mit der Aufschrift: ,,1a verite est en marche et rien ne l’arretera" und das Abzeichen, das die gegnerische Action Francaise Herstellen ließ und das die Rümmer 415 darstellt, weil der Kassationshof angeblich diesen Artikel des Strafgesetzbuchs verletzt hat. <Der jüdische Kriegslieferant Napoleons?.) In der Pariser „Revue des Etudes Juives" veröffentlicht Dr. Max G r u n w a l d - Wien eine Studie über den Juden Isidor Lehmann, der als Lieferant und Verpfleget' der großen Armee dieselbe auf allen ihren Wegen begleitete und seine Erlebnisse in seinen Memoiren verewigte. Wir finden ihn auch ans den «puren der großen Armee in Rußland, wo er sofort in dem beklagenswerten Verpflegt! ngssystem das Grundübel des ganzen Unternehmens Napoleons erkennt. Eine Gefangenschaft von acht Monaten in Rußland, der Rückzug über Galizien, Böhmen und Mähren, das Abenteuer und die Schlacht bei Leipzig, die er in der nächsten Umgebung Napoleons mitgemacht, das Zusammentreffen mit dem edlen Poniatowsky am Tage vor dessen Tode, die zügellose Armee in unbeschreiblichem Elend, ununterbrochen den Angstruf: „Tie Kosaken kommen!" ausstoßend, und schließlich der Zusammenbruch bei Erfurt: das sind spannende Bilder, die vor unseren Augen vorüberziehen und dem, der sie gezeichnet, alle Ehre machen!

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