Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1909)
- Date
- 1909-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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9tr. 6 Sette 4 11. Februar it09 hat, Lopuchin, ein verkappter Nevolut i o n ä r. Die Gegensätze berühren sich. Wie reimt sich aber dieses Verhalten der Polizei der Revolution gegenüber, derselben Polizei, die andererseits ihre höchste und vornehmste Aufgabe in der rigorosesten Judenverfolgung sieht, mit dem Märchen von der jüdischen Revolution? Wären die Juden wirklich so revolutionär wie sie Lopuchin und Konsorten dahinstellen, der edle Polizeidirektor hätte sie wahrlich nicht be drängt und verfolgt, er hätte vielmehr als wesensverwandt mit ihnen Freundschaft geschlossen und gemeinsame Sache gemacht, und er wäre so der Mühe enthoben gewesen, „geheime Freunde" in Paris zu suchen. — Nein, es ist gewiß keine Schadenfreude, die wir beim Falle Lopuchins empfinden. Aber es muß doch der Wahrheit gemäß betont werden — und umsomehr als der größte Teil der politischen Presse, die sich eingehend mit dem Falle beschäftigt, es sonderbarerweise zu melden vergißt — daß gerade dieser Lopuchin zu den grausamsten Verfolgern der Juden gehörte, daß er nur der Judenbedrückung seine Carriere verdankt, daß, wie heute überall bekannt ist, ihn allein die unmittelbare Schuld für die Kischiniwer Metzeleien trifft und er als amtlicher Schutzpatron der schwarzen Banden an allen Ausschreitungen gegen die Juden in den letzten Jahren mitbeteiligt war. Dieser „gewissenhafte" Beamte, der Meister war in der Abfassung von Berichten, der es verstand, einerseits mit Hilfe von Geheimpolizisten Revolutionäre dem Henker zu überliefern, und andererseits mit Hilfe von Revolutionären ihm mißliebige Machthaber zur Strecke zu bringen, der also, die Reaktion wie die Revolution zugleich beherrschend, die Fäden dieser beiden „Großmächte" in Rußland ineinander greifen ließ und ein Choas schuf, welches vielleicht nie mehr ganz geklärt wird, dieser Mann war der einzige „klare Kopf", dessen objektiver Bericht'über die Vorgänge in Kischinew Glauben fand und von der Regierung als unwiderlegliches Zeugnis für die Schuld der Juden an den Metzeleien angesehen und der entrüsteten Kulturwelt gegenüber ausgespielt wurde. Für dieses Meisterstück der Verlogenheit erhielt damals Lopuchin, der auf der blutigen Stufenleiter der Grausamkeit und Niedertracht bereits den höchsten Grad im Polizeidienst erreicht hatte, alles, was das Vaterland noch an Ehren und Würden zu vergeben hatte — den Excellenztitel. Und die Auszeichnung hatte keinen Unwürdigen und Undankbaren getroffen. Befriedigt und ermutigt durch den Erfolg, ging die neue Excellenz daran, neue Pogrome zu inszenieren, die auch glänzend gelangen. Die Schreckenstage im Okto- Der ASraeltt. b er 190ö hatten, wie heute feststeht, letzten Endes ihre Entstehung Lopuchin zu verdanken. Und nun ist endlich dieser über alle geheimen und diametral auseinandergehenden dunklen Mächte verfügende Gewaltige q fallen! Ob mit ihm auch das System der Grausamkeit und Willkür und der blindwütigen Judenverfolgung gefallen ist, bleibt zunächst abznwarten. Jedenfalls darf es nicht versäumt werden, den Charakter Lopuchins auch von dieser Seite zu beleuchten und der Welt zu zeigen, welcher Art die Männer sind, in deren brutalen Händen das Schicksal von Millionen Juden in Rußland liegt. Line sterbende Sprache. Zu den Bindemitteln, die einen Volksstamm, eine Nation, in vielen Fällen den Staat Zusammenhalten, gehört in erster Reihe die Sprache. Wenn unsere weisen Letzter von den Söhnen Jacobs rühmend hervorheben, '3V riK» daß sie mitten unter ägyptischen Kultureinflüssen ihre Sprache nicht aufgaben, und in diesem llmstande mit einen Grund für ihre spätere Erlösung zu sehen glauben, so soll damit vor allem eine volksgeschichtliche Notwendigkeit zum Ausdrucke gelangen. Was auch die geschichtliche Wurzel der Sprachbildung sei, der Selbsterhaltungstrieb der Völker hat in der Volkssprache von jeher e n hohes sittliches Gut erblickt. Besonders stark finden wir dieses Bewußtsein ausgeprägt bei Völkern, die kompakt oder zersplittert in fremder, feindlicher, Umgebung ihre nationalen Güter zu verteidigen haben. Als das jüdische Volk seinen langen Weg in die Zer streuung antrat, da nahm es allerdings ein weitaus kräftigeres und wirksameres Band der Einheit in seiner Thora mit hinaus. Aber neben dieser Thora selbst war cs doch auch die Sprache der Thora, 'die heilige Sprache, in welcher die Propheten in glühenden Worten lehrten, drohten, warnten und einer entarteten oder kummergebeugten Menschheit Ha t boten und Trost verkündeten, die heilige Sprache, in der die gottbegnadeten Dichter, die Herzen erfreuten, den Geist stärkten und die gequälte jüdische Seele rweit weit aus dem irdischen Jammertal in die hohen lichten Regionen Gottes hinaus- und hinauftrugen, die auch die zersprengten und zerstreuten Teile des Gottesvolkes zusammenhielt. Die hebräische Sprache, — welche Summe von nationaler Kraft sie in allen Generationen ausströmte, davon legt die Geschichte der Juden ein beredtes Zeugnis ab. Gleich nach der Zerstörung des ersten Tempels tritt die hebräische Korrespondenz ein, um zwischen den versprengten Teilen Israels die Geistesbrücke zu errichten. Die Talmudschulen im heiligen Lande stehen später mit denen in Babylon in enger Fühlung, sodaß parallel mit dem babylonischen Talmud sich auch ein jerusalemitischer aufbaueu konnte. Und erst im Mittelalter! Man darf es wohl sagen, daß zu einer Zeit, da das Schienennetz die Erdteile noch nicht mit einander verband, da die Fahrwege ungeebnet und jeder Verkehr mit Gefahren aller Art verbunden war, daß damals schon die Juden von Ost und West, von Nord und Süd, weit enger und inniger mit ein ander verbunden waren, durch die hebräische Sprache, als durch alle modernen Berkehrsmit lei der heutigen hastenden, raschlebigen und ebenso leicht vergeßlichen Zeit. R a s ch i war in seiner französischen Heimat über die Verhältnisse in Deutschland gutlprientiert, und er war kein Freut der in den Rheinstädten Worms und Mainz. Tie Tosaphisten rekrutieren sich aus Gelehrten Frankreichs, Italiens, Deutschlands, Polens, die aber alle durch wissenschaftliche Korrespondenz in geistiger Gemeinschaft lebten und in enger 'Fühlung mit einander standen. So die einzig da stehende, unvergleichliche Kraft der hebräischen Sprache. Ta aber die hebräische Sprache tEHlpn jltrS nach wie vor nicht ein beliebiges Naturprodukt, sondern die heilige Sprache war und sein sollte, das Leben an sich aber nichts lveniger als heilig und weihevoll ist, so bürgerte sich im gewöhnlichen Alltagsleben noch eine» andere Sprache ein. Der Ghetto jude, von der Außenwelt sozial und politisch abgeschlossen, mit seiner eigenen Kultur, seiner eigenen Ideenwelt, seinem eigenen Innenleben, wollte auch in äußerlichen und profanen Dingen sich als Jude fühlen, als Jude im Verkehr nm Juden zeigen. Daher war es nicht zu vermei den, daß sich neben der hebräischen Sprache noch eine Umgangssprache, ein Ghettodialekt, heran bildete, und so entstand der Jargon. Doch wo entstand er, und wie entstand er? Das W o ist leicht zu beantworten; nomen, omen! und auch hier gibt der Name genügend Ausschluß: „jüdisch-deutsch". Hier also, im deutschen Ghetto, hat seine Wiege gestanden, hier wurde er groß ge zogen. Durch Berührung mit der Außenwelt des damals geläufigen Deutschen mächtig, in ihrem Innenleben aber hebräisch fühlend und denkend, handhabten die Inden des deutschen Ghettos für den bequemen Hausgebrauch ein Ge misch von Hebräisch und Deutsch, ein Jüdischdeutsch, dessen verkümmerte Reste man heute noch bei den älteren Juden auf dem Lande, besonders im Elsaß, in der Schweiz antrifft. Der eigentliche Jargon, der Gegenstand unserer Berrach exemplisieren. Es ist eitel Inkonsequenz und logische Armut, wenn noch über den innezuhaltsnden Modus für den jüdischen Organisten am Roschhaschono nitD Jom Kippur diskutiert wird. Ob es sich die zeitgenössischen Stammesgenossen zugestehen wollen oder nicht, ob sie aus Mangel an eigener Einsicht oder aus Feigheit nicht die letzten Konsequenzen zu ziehen wagen: „alle diese „Fortschritte" i in Kultus, in Synagoge und Schule führen una u f h a l t s a m aus dem Judentum hinaus. Täuschen wir uns doch nicht und lassen wir uns ooch nicht von anderen täuschen. Nachdem einmal diese an sich scheinbar unwesentliche „Organisationssrage" ausgeworfen, kann nun sicherlich auch der Sonntagsgottesdienst über kurz oder lang zu spuken beginnen. Das positive Judentum kann gegenüber solchen Erscheinungen im liberalen Judentum nur gewinnen. Es ist wahrscheinlich, daß der „Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums", der wieoer einmal eine „Volksversammlung" einberusen hat, gegen die „Organistenfrage" protestieren wird. Solche jüdische Berliner Volksversammlungen sind in der Regel, sofern sie nicht allzu spärlich besucht sind, häufig recht interessant oder amüsant. Nachdem der Redner des Abends meist viel zu lang gesprochen und wenig Neues gesagt und der übliche Beifall gespendet worden, der Vorsitzende, mit dein Hinweis aus den langanhaltenden Applaus, nochmals seinen Dank ausgesprochen, beginnt die Diskussion, bei der mit allen Nuancen des Temperaments, der Logik und Oppositionslust debattiert wird. Dazwischen geht der Kellner herum und versucht Bier anzubringen, was ihm zuweilen auch gelingt. Je näher die Mitternacht, desto lebhafter werden die Debatten, umso unaufmerksamer das Publikum; kaum hört man noch, was gesprochen wird und der Redner interessiert kein halbes Dutzend Leute mehr. „Schluß!" rusts bald da, bald dort. In diesem Ehaos wird eine Resolution gefaßt, verlesen, protokolliert und unterschrieben. Ein Teil der Leuie geht von der Versammlung aus noch in ein Cafe; es wird noch ein wenig geplaudert und dann geht man, so gegen eins, lvenn noch Elektrische, Stadt- und Untergrundbahn ihre Züge fahren lassen. Wer nicht schon unterwegs das ganze „Ereignis" vergessen, aentt sicherlich nicht mehr daran, wenn er den Schlüssel ins Schloß seiner Wohnung steckt. Leute, die an der Spitze irgend einer bedeutsamen Korporation stehen, kennen die Psychologie solcher Berliner Volks- und Vereinsversammlungen und lassen sich von Resolutionen und Protesten nicht weiter in ihrer Ruhe stören. Stürme im Glas Wasser. So wird auch der Verein für Erhaltung re. ic. feilte religiöse und soziale Umwälzung Hervorrufen. Seine Petition, durch die er vor Jahr und Tag von der Repräsentanz und dem Vorstand der Gemeinde in lange Betrachtungen, die Beseitigung der Koscherfleischverteuerung und noch manches andere forderte, wurde nach reichlich sieben Monaten in vier Zeilen beantwortet. Geschehen im Sinne der Petition ist .natürlich gar nichts. .Man hat's nicht eilig mit Beantwortung von Forderungen, die von einem konservativen Verein ausgehen. Und daß der Verein überhaupt eine Antwort mit e i g n e r U n - terschrift des Vorsitzenden erhielt, hat er sicherlich nicht seinem Ansehen beim Vorstand als vielmehr dem Ansehen der Namen, welche die Petiton Unterzeichneten, zu verdanken. Zweck hat die Sache weiter nicht: vielleicht sieht das der Verein auch selber noch einmal ein. Zu der Orgelangelegenheit müssen wir doch noch einmal zurückkehren, weil der Antragsteller einen Wunsch aussprach, , mit -Hessen Erfüllung auch seine prinzipiellen Gegner sicher einverstanden sind. "Herr Minden fühlt sich so fortgeschritten, und das jüdische Publikum trotz 1909 noch so rückständig, daß er schmerzlich bewegt ausries, er bedauere, nicht zweitausend Iahte später geboren zu.zein. W i e r e ch t h a t d e r Man :t.' Auch andererseits dürste dies herzlich bedauert und Herrn M. aufrichtig gegönnt worden sein, wenn er statt heute, erst in zweitausend Jahren seine kostbaren Dienste hätte der Berliner Judenheit widmen können. Es ist aber kaum zu bezweifeln, daß im Jahre o;)0i> Herr Minden abermals bevauert hätte, schon geboren worden zu sein. .Ebenso wahrscheinlich würden auch in dieser künftigen Zeit, Leute leben, die seine Ge fühle teilen. Ja, manchmal lvird man überhaupt, selbst mit einem Mate schon viel zu oft geboren. Elchanan. (Die Juden in Marokkos Im Verlaus des >etz len Jahrhunderts sind auch in dem rückständigen Marokko die Sitten milder geworden und die Me» schenrechte ^zu höherer Achtung gediehen. Heute kann ntan die Stellung der dortigen Judenheit mit de» Worten präzisieren: Nicht mehr mißhandelt, aber mißachtet. Kein gläubiger Moslem setzt seinen Fuß in das Haus „Mellah", das Judenviertel, das in jeder Stadt eine strenge Grenze hat. „Verfluchter Boden", so lautet die klebersetzung des maurischen Wortes Mellatz. In diesen: Ghetto, dessen Mittelpunkt die Synagoge ist, führt der Jude ein relativ glückliches Familienleben. An den Haustüren der verwahrlosten Straßen sieht der durchreisende Fremde prächtige Frauen und Mädchen mit großen leuchtenden Augen und zauberischem Lächeln um die vollen roten Lippen. Die traditionelle Tracht der Juden in Marokko weicht von der der übrigen Einwohner des Landes er heblich ab. Mer sie ist im Schwinden begriffen.