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Der Israelit · 1909-02-11 · Heft 6 (11.2.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 6 (11.2.1909)
Date
1909-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 6. ▼'rrflUToent meindepräsentation förmlich züchtete, und Aktenstöße, die niemals aus der „Meffussoh"- wie unsere Alten sagten, hätten herauskommen sollen, bis ins Ministerium wandern ließ? Was versteht man unter der „Leitung der Begräbnisfeierlichkeiten", die dem Rabbiner in eigener Person überantwortet ist, wer zählt noch zu den „Kultusdienern", die der Rabbiner zu „approbieren" hat? Kunn die Kultusverwaltung in ihrer Eigenschaft als „Eigentümerin" des gemeindlichen Friedhofs und der Leichenhalle dort Dispositionen treffen, die mit dem religiösen Aufsichtsrecht des zuständigen Rabbiners kollidieren? Daß diese Beispiele beliebig vermehrt werden können, weiß jedermann, der die Natur der Differenzen kennt, die in den letzten Jahren unsere Verwaltungsbehörden beschäftigten, und der über all jene prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten Bescheid weiß, die als latenter Krisenstoff in den beteiligten. Gemeinden von heute auf morgen zu einem behördlichen Austrag drängen können. Auch wir sind mit unseren Gegnern der Ueberzeugung, daß jede Partei und jeder Beschwerdeführer im besten Glauben handelte, und auch in Zukunft handelt; aber daß diese Divergenzen bis vor das oberste Forum gebracht werden konnten, und jeden Moment dorthin gebracht werden können, beweist doch am besten die Unzulänglichkeit der alten Normen, bezeugt von Neuem, wie dehnbar und doppelsinnig der Wortlaut jener vielgepriesenen „Errungenschaft" ist, wie mächtig die Entwickelung der Dinge Haüd in Hand mit der eingetretenen Spaltung innerhalb der Glaubensgemeinschaft jene, für andere Zeiten und andere Verhältnisse gegebene „Normativ-Entschließung" überholte . Und endlich noch vom Gesichtswinkel der außerbayrischen Orthodoxie ein ernstes Wort zu dem problematischen Werte jener „Errungenschaft". Wäre dem wirklich so, daß nur die Min- Entschließung von 63 das Erstarken der bahr. Orthodoxie gefördert, ja, dann müßten ja alle unsere Gesinnungsgenossen außerhalb der blauweißen Grenzpfähle ungesäumt den Erlaß analoger gesetzlicher Bestimmungen in ihren Bundesstaaten anstreben.' Gibt es denn außerhalb Bayerns keine Orthodoxie und bewegt sich nicht die politische Arbeit all unserer Gesinnungsgenossen auf dem weiten Erdenrund in ganz anderer Richtung, als in jener, den Staat zum Schiedsrichter beim Austräg interner gemeindlicher Differenzen im Judentum auf zustellen? Wahrlich das Gegenteil von der Behauptung, daß die Min. Entschl. von 63 sich als „Errungenschaft" heute noch bewähre, trifft zu: Die orthodoxen Vereinigungen von München und Nürnberg sind nicht Kleines Feuilleton. Die Sevatterrcdatt. Bon Arthur ila|«t. (Fortsetzung.) „Gottelkumm, Herzleib!" rief sie ihm erfreut entgegen. Die Rees war sehr gastfreundlich und ihrem Vetter ganz besonders gewogen und er jetzt doppelt willkommen, denn er brachte sicher viel Neuigkeiten aus der Stadt. „Und warum so geputzt, Herzleib?" frug die Rees neugierig. „Soll ich vielleicht in Arbeitskleidern die Gevatterschaft antreten?" frug er ärgerlich zurück, denn jetzt mißfiel es ihm doch, daß es bei ihm ausfiel, daß er so festlich geschmückt angekommen war. Hielten ihn denn die Leute schon für einen Schnorrer, der zerlumpt kommen und gehen muß? Die Rees hatte nur mit halbem Ohr die Gegenrede des Vetters .angehört. Ihre Gedanken waren bereits bei dem Kaffee,den sie für ihn bereiten wollte, und den Zugaben, .die Küche und Keller dazu hergeben mußten. Sie kannte ihres Verwandten gefunden Appetit und holte zunächst zwei mächtige Händkäse und ein an Größe entsprechendes Laib Brot aus dem Keller und fachte dann ein Herdfeuer an, um Herzleibs Lieblingsgetränk herzurichten. Hiermit beschäftigt, schwatzte sie in die offene Stube hinein und frug nach allen ihr wissenswert erscheinenden Neuigkeiten. Dazwischen frug Hrrzleib infolge der Min. Entschl. von 1863, sondern trotz und im G e g e n s a tz zu der sinngemäßen Auslegung derselben zu ihrer derzeitigen Blüte gelangt, und die berühmten „Frredensvereinbarungen" bedeuten juristisch keine Ergänzung der Entschließung, sondern sie sind em Riß in den Geist und den Wortlaut derselben. Wer bürgt dafür, daß in Jahr und Tag nicht an einer anderen Stelle, vielleicht an einer Stelle, die dem traditionellen Judentum und seinen religiösen Vertretern sehr gegen den Strich läuft, ein anderer Riß, oder sagen wir euphemistisch eine „Umbildung" vorgenommen ttrirb? Dürfen wir uns trösten mit dem banalen Wort: aprss nous le deluge, mag nach uns kommen, was da wolle, wofern sie, die Min. Entschl. nur so lange noch besieht, wie wir selbst? Müßten wir uns' nicht vielmehr sagen, daß Bayern keine isolierte Insel im fernen Weltmeere ist, an deren Küsten die Wogen und Brandungen der Neologie dank wolle, wofern sie, die Min. Entschl., nur so lange 1863 zerschellen müssen, daß doch auch außerhalb Bayerns, in Preußen, England, Amerika das traditionelle Judentum trotz der Ungunst der Zeiten so ziemlich zu seinem Recht gekommen ist, daß Führer und Lehrer in hunderten Gemeinden Deutschlands segensreich wirken und arbeiten, ohne mit der Zuchtrute der Min. Entschl. von 1863 ihre Gemeindemitglieder im Schach halten zu können? Und wenn wir uns dies eingestehen, dann handelt es sich nur mehr darum, den Weg zu finden, der uns die Möglichkeit gewährt, das, was uns an der alten Gesetzgebung lieb und teuer war, in die neuen geseAichen Normen mit hinüberzunehmen, und dieser Weg, er wird wahrlich nicht gefunden, wenn man sich obstruierend in den Schmollwinkel stellt, und wenn man von einem „zu hohen Preise" fabuliert, den die Landgemeinden für die Trennungsmöglichkeit bezahlen sollen, sondern wenn man aktiv und positiv an führender Stelle mitarbeitet. Das traditionelle Judentum hat keine hohen und keine nied- - rigen „Preise" zu bezahlen. Bei unserer neuen Gesetzgebung gibt es nichts zu markten und zu feilschen, weil eine überzeugungstreue Richtung an dem Tage, an dem sie eine ihrer leitenden Richtlinien aufgibt, sich selbst verkauft und rettungslos verloren ist. Niemand wird fürchten, daß die Führer der bayrischen Orthodoxie jene Ideale, die zu dem eisernen Bestand des Programms der traditionellen Richtung zählen, jemals auch nur um eines Haares Breite preisgeben. Aber, wenn es feftsteht, daß die außerbayerische Orthodoxie, ohne den Talisman der Min, Entschließung «von V3 zu besitzen, bisher G. s. D. keinen Schaden fgenommen hat, dann wird auch der Schluß zulässig sein, daß wir neue Formen finden können, wiederholt wie es seiner Schwester ginge und ob oas Kind auch recht gesund sei. Rees, welche die große Kaffeemühle, die laut knarrte, kräftig drehte, glaubte den Vetter nicht recht verstanden zu haben. Er kaute ja auch mit vollem Munde und da war es schau möglich, daß er Maier Lews kleines Kind meinte; sie sie hatte ihn nur mißverstanden. Deshalb versicherte sie dem Frager, es sei unberufen ein schönes, kräftiges Kind. Nun war der Kaffee fertig und der vom weiten Weg und der Hitze erschöpfte Gast trank mit wahrer Gier eine Tasse nach der anderen und tat den schönen Handkäsen und denk Brot der Kousine alle nur denkbare Ehre an. Tann brachte er wieder das Gespräch auf den so unerwarteten Familienzuwachs seiner Schwester . Jetzt erst merkte die Rees, die ohnehin nicht die allerklügste der Frauen war, daß Herzleib bisher gar nicht von Maier Lews Kind gesprochen hatte. Ihr beschränkter Adeengang geriet in eine eigen-, tümliche Verwirrung; sie verlor den Zusammenhang' und sah einige Augenblicke wie sich, besinnend, auf Herzleibs gestickte Reisetasche. „Was hast du denn in der Tasche hier?" trug sie unvermittelt. „Was soll drinnen sein? Ein paar Kleinigkeiten für meine Schwester und das Kind. Ter Leiser hat mir doch die Gevatterschaft mechabbed gewesen." Der Rees wurde es schwül zu Mute. Sie sch dem mit stillem Vergnügen und sichtlichem Appetit essenden Manne zu, dessen mächtige Gestalt den halben Tisch einnahm, und "dessen Mienen Zufriedenheit und Behagen ausdrückten. „Der Mohel wird wohl nicht vor Morgen früh kommen," begann Herzleib von Neuem, indem er wiederum eine mächtige Scheibe Brot schnitt. Die Salbächer, die Jagenheimer und Wollstädter werden wohl 11 Februar »:-n9 um.unsere alten Ideale and Ueberzeugungen durch eine uns wahrlich wohl geneigte Regierung auch in Zukunft geschützt und behütet zu erhalten. (Schluß folgt.) KochevrvnöjHa«. Darwin Die Kulturwelt rüstet sich, am 12. Februar den hundertsten Geburtstag eines ihrer größten Geister zu begehen, den hundertsten Geburtstag Charles Darwins. An den Namen Darwins knüpft sich der Triumphzug eines in all seiner Einfachheit gewaltigen Gedankens durch die Gesamtheit der wissenschaftlichen Disziplinen/ denn nimmermehr hätte Darwins Lebensarbeit so mächtig auf ein ganzes Jahrhundert zu wirken vermocht, wäre nicht aus dem engen Kreise der Zoologie und Botanik heraus der Entwicklungsgedanke stegreich in den Gesamtbereich des wissenschaftlichen Denkens eingedrungen, und hätte er dort nicht in Philosophie und Geschichte, Nationalökonomie und Rechtswissenschaft von Grund aus neue Methoden der Betrachtung zur Herrschaft gebracht. Wir überlieferungötreue Juden haben keine Ursache, dem großen englischen Forscher den Tribut der Huldigung zu versagen/ aus vollem Herzen dürfen wir beim Anblick seiner Lebensarbeit den großen Weltenschöpfer segnen, der von seiner ewigen Weisheit einen Strahl in Menschenherzen und Menscheuhirne gesenkt hat. Denn das, was Darwin an dauerndem geistigen Besitz geschaffen, dieEinsichtin den lückenlosen stufenweise ansteigendem Aufbau des organischen Alls, das ist nichts anderes, als der wissenschaftlich exakte Nachweis für uralte jüdische Axiome. Unbestrittene Anerkennung in allen wissenschaftlichen Kreisen hat heute, nach fünfzig Jahren, nur dieser eine grundlegende Gedanke ans Darwins Ideenwelt gefunden. Was darüber hinaus erwiesen werden sollte: die Wandelbarkeit uttb tatsächliche Wandlung der Arten durch natürliche, intelligenzlose Zuchtwahl und zufällige Anpassung, die Erklärung des Zweckmäßigen ohne zwecksetzende I n t e l l i g e n z — das ist bis zum heutigen Tage unbewiesene und unbeweisbare Hypothese geblieben und wird je nach der individuellen Stellung des alle zur Sude kommen. Wer hat denn die Kuchen gebacken? Wohl die Miriam; wer sonst?" fuhr er fort, indem er den zweiten Handkäse entzweischnitt. Die Rees sah verständnislos den Vetter an. Jetzt überkam sie ein förmliches Angstgefühl. Sie begann an Herzleibs Verstand zu zweifeln. Was sollte das sonst alles bedeuten? Kommt da an einem Werktag, an hem alle Menschen nur an ihren Handel und Wandel denken, weder ein Feiertag noch sonst eine Festlichkeit bevorsteht, der Vetter fünf Wegstunden, geputzt wie am Jomtof mit einer schweren Reisetasche an und sängt an von Kindern, Gevatterschaften und dem Möbel zu sprechen, fragt nach der Schwester wie nach einer Wöchnerin. Sie sah nach der alten Schwarzwälder Uhr; letzt mußte ihr Mann bald nach Hause kommen. Ihre Unruhe wuchs indessen von Minute zu Minute, denn der Vetter, der sich allmählig gesättigt hatte, begann wieder von der Gevatterschaft zu reden und meinte, das wäre alles gut und schön, wenn die Chawwe und der Leiser nur einige zwanzig Jahre jünger wären und sickganz dem Kinde widmen könnten. Wenn man aber selber noch am Strang zu ziehen Hat, so ist das Kinderkriegen in so vorgerückten Jahren wahrlich keine Kleinigkeit. Die Rees fühlte ihr Herz vor Angst klopfen. Ihr war es nicht mehr zweifelhaft, daß Herzleib plötzlich meschugge geworden und in seinem Wahnsinn seine Schwester für eine Wöchnerin und sich für den Gevatter hielt. Wenn Herkules da hinter dem Tisch jetzt einen Wrtansall bekam und sie tötete? Da schoß ihr ein rettender Gedanke durch den Kops. „Herzleib", sagte sie ihn unterbrechend, ,,eß' dich Nur erst ruhig satt, ich geh' zu deiner Schwester und sag' ihr, daß du hier ein Schälchen Kaffee trinkst und nachher hinkommst."

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