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Der Israelit · 1909-02-04 · Heft 5 (4.2.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 5 (4.2.1909)
Date
1909-02-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der JSraeltt. Sette 8. Ro. 5 4. Februar 1909 Dichtigkeit' der Bevölkerung geklagt wird. Frankreich zählt 40 Millionen Einwohner auf einem Alächenausmaß von 526,408 Quadratkilometer, während wir 25 Millinen Einwhner auf 3y2 Millionen Quadratkilometer zählen. Unser Land ist demnach fast leer und wüst und wir bedürfen noch eines Zuflusses von Millionen und Millionen Menschen, um alle unsere Schätze, um die uns Europa beneidet, entsprechend ausbeuren zu können. Nehmen wir z. B. an, wir wollten daran gehen, unser berühmtes herrliches und einst so fruchtbares Mesopotamien zu restaurieren, woher wollen wir die Millionen Bewohner nehmen? Es liegt nahe, daß wir gezwungen sein werden, Emigranten aus der Fremde heranzuziehen, was kann aber eine Regierung Unternehmens deren Finanzen ruiniert sind? Kann man in einer solchen Situativ;: die Kosten der entsprechenden Installierung der Emwanderung auf sich nehmen? Und ferner, welcher Nationalität sollen diese Einwanderer angehören? Unser Land gleicht heute schon dem Turm von Babel, wir beherbergen heute schon Angehörige von 21 verschiedenen Nationalitäten. Und haben wir denn nicht schon germg nationale Streitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten unter den Rassen, ja, oft sogar blutige Kämpfe, die dem nationalen Chauvinisnms entspringen? Unserer Ansicht nach gibt es nur ein Element, das dieses Land bevölkern könnte, ohne dem Staate bedeutende Kosten aufzuerlegen und ohne die nationalen Schwierigkeiten zu vermehren und das sind die Juden. Zehn Millionen Juden leben zerstreut in den verschiedenen Zivilisationszentren. Alle sind sie mit Leib und Seele der Scholle zugetan, auf welcher sie geboren waren. Sie haben keine exklusivistischen Prätentionen und unterhalten keine politischen Beziehungen jenseits der Grenze desjenigen Landes, in welchem sie leben. Schon infolge ihres nationalen Charakters sind sie vollständig frei von Chauvinismus und haben nur ideale Aspirationen. Es gibt in Europa mehrere jüdische Gesellschaften, deren Zweck es ist ,die vielen Tausenden von Jaden aus Rußland, Marokko, Persien, Galizien :c., wo sie fanatischen Verfolgungen ausgesetzt sind, herauszuholen, die bereits große mit allen modernen Einrichtungen versehene Kolonien ins Leben geruefn haben. Tiefe Gesellschaften 'wären in der Lage, in unserem fruchtbaren Lande sehr große und vorzüglich organisierte Kolonien zu gründen. Heute besitzen wir eine Konstitution und wir halten sie recht fest. Ter Despotismus ist entschwunden. Gibt es nun noch irgend einen plausiblen Grund, der die Tausende von Juden, die nach fernen Gebieten auswandern, zurückhalten könnte, hierher zu kommen und ihre fruchtbare Arbeit, ihre unermüdliche Agilität, Intelligenz, Ausdauer und physische Kraft, die ihnen überall den Erfolg sichert, hier zu verwerten? Sollten die unerschöpflichen Schätze, die unser Boden in sich birgt und die sprichwörtliche Toleranz der Türkei ihnen nicht Gewähr genug bieten, um sich hier angezogen zu fühlen? Wir sehen wahrhaftig keine Mißhilligkeit und rein Hindernis, das diese braven, wackeren Leute noch abhalten könnte, ihren Wanderweg zu uns zu nehmen. Unsere neue Regierung, welcher die moralische und materielle Hebung aller Teile unseres Landes am Herzen liegt, könnte ein Versuch in dieser Richtungg zu einem guten Ende führen. Auch unsere jüdischen Mitbürger könnten anfangen, ihren westlichen Brüdern den einzig guten und richtigen Weg vorzuzeichnen..." Soweit „Jem A*sr". Der von chm ausgesprochene Gedanke hat auch in anderen türkischen Kreisen lebhaften Widerhall gefunden. Zwei Konstantinopler Blätter, „Stambal" und „Moni* teur Oriental", haben den Artikel des „Jem Assr" vollinhaltlich abgedruckt und die in demselben ausgesprochene Idee als eine äußerst beachtenswerte bezeichnet. Man mag über den Plan und über seine Durchführbarkeit denken, wie man immer will, jedenfalls kann uns die Meinung der Jungtürken, die heute Herren der Türkei sind, über Juden und Judenansiedelung auf türkischem Gebiete nicht gleichgiltig sein. vermircbttt. Frankfurt a. M., 3. Februar. DaS Frankfurter Bureau des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus teilt im Organ des Vereins fotzendes mit: „Es ist erfreulicherweise Tatsache, daß innerhalb -er deutschen Eisenbahnverwaltung antisemitische Betätigungen nicht geduldet werde«. DaS beweist auch ein neuerdings vorgekommener Fall. Bet einer gerichtlichen Verhandlung gegen einen jüdischen Kaufmann wurde folgendes festgestellt: Zwei ausländiscke Hausterer verlangten von dem betreffenden S:attonsasfistenten Umtausch zweier Fahrkarten einer Strecke gegen die andere, der ihnen verweigert wurde. Als der StationSaffistent auf den Bahnsteig trat und der Ausländer ihn bieserhalb wiederum anging, sagte « ihm: das gehe nicht, tonnt er handeln wolle, solle er zu einem Juden gehen. Darauf trat der angeklagte jüdische SauMann auf dm Assistenten zu und verbat fich j«ine solche Aeußerung in energischer Weife. Es schicke sich nicht von einem diensthabenden Beamtm, solche Redensarten zu machen usw.- er ging dalei und in seinen wetteren Aeußerungen über das erlaubte Maß allerdings hinaus, wurde wegen Beleidigung angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. In einer Beschwerde, die das Bureau -eS Abwehr- Vereins an die in Betracht kommende Stelle richtete, war insbesondere darauf hingewiesen worden, daß niemand besser wußte wie der StattonSasststent, daß Fahrkarten nicht verkäuflich find, und daß der Verkauf etwas Unzulässiges sei. Wenn er bieserhalb den Ausländer an einen Juden verwies, so liege hierin Mißachtung und eine Beleidigung. — Darauf erhielt das Bureau eine Antwort in der eS u. a. hieß: „baß der Eisenbahnasfistent . . . . wegen der in Fragestehenben unbtenstltchen und unzulässigen Aeußerung entsprechend belehrt bezw. zurechtgewiesen ist". Hamburg, 31. Januar. Durch die lokale und gesamte jüdische Presse ging die Notiz, daß die hiesige jüdische Gemeinde durch Abnahme der Schülerzahl an den jüdischen Schulen bei der Stadt um anderweitige Verwendung eines Teiles ihrer Lehrer nachgesucht härte. Demgegenüber sind wir in der Lage mitzuteilen, daß die Notiz auf einen Irrtum oder Mißverständnis beruhen müsse, und daß hier ein solcher Antrag weder gemacht wurde noch durch die Verhältnisse gerechtfertigt erscheinen würde. Meran, 27. Januar. Das Genesungsheim für mittellose Israeliten wurde an; 23. Januar feierlich eingewetht. Das mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattete Haus enthält Raum für 80 Erholungsbedürftige, die für den geringen Preis von 80 Kronen monatlich Verpflegung, ärztliche Behandlung, Arzneien, Beheizung und Beleuchtung erhalten. Königsgrätz, 30. Jan. Die Königsgratzer Diözese zählt neben 1496 886 Katholiken und 60 071 Nichtka holiken 11734 Juden. Sie wird in das Generalvikariat Köntgsgrätz und 31 Vikariate einge:eilr. Darunter be findet sich das Vikariat Hohenelbe mit 296 Juden, das Vikariat Arnau mit 258 Juden, das Vikariat Braunau mit 121 Juden, das Vikariat Grulich mit 133 Juden, das Vikariat Lanbskron mit 175 Juden und das Vikariat Trautenau mit 490 Juden. Malmö, 31. Januar. In der am 31. Januar hier stattgefundenen Generalversammlung des Internationalen Frtedensverbands wurde Dr. Wohlstein Rabbiner in Malmö in den Borstand dieses Verbandes gewählt. B. New-Bork, 15. Jan. Der bekannte amerikanische Philantrop Nathan Strauß hat gleich nach Bekanntwerden des Erdbebenungiücks in Süditalten eine eigene Hilfsaktion in Angriff genommen. Er beauftragte alle seiner europäischen Agenturen, nach den vom Unglücke betroffenen Gegenden je ein größeres Quantum von nach seiner Methode pasteurisierten Milch zu senden. Außerdem sandte er selbst mittelst der Schiffe „Barbarossa" und .Hamburg" große Ladungen von Lebensmittel an die Unglückstätte. Utreinswsen. Breslau, 26. Jan. Zu einer eindrucksvollen Kundgebung gestaltete sich die Bersammlun; der Ortsgruppe der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", die heute Abend in den Räumen'des Hotels „Zu den vier Jahreszeiten" abgehalten wurde. Nahezu 100 P rsonen waren der Einladung gefolgt. Nach Eröffnung und Begrüßung der Versammlung brachte der Breslauer Vertrauensmann, Herr Aron Kober mit einigen einleitenden Worten über die Ziele und Zwecke der „Freien Bereinigung" und über den herrlichen Verlauf des Frankfurter Bereinstages, den Jahresbericht derselben, begleitet von einschlägigen Bemerkungen zu den verschiedenen Punkten des Programms zur Verlesung. Der Beifall am Schluffe dieser Ausführuungen bewies, daß die Versammlung von Dankbarkeit für die ganz gewaltigen Leistungen, welche die „Freie Bereinigung" im Laufe des Jahres 1908 auf allen Gebieten aufweisen konnte, erfül t war. Herr Rabbiner Dr. Cohn-Rvwüsch nahm sodann Veranlassung, in begeisterten und begeisternden Worten die Versammelten nochmals auf die hehren Zwecke der „Freien Bereinigung" htnzuweism, und die Versammelten zu ersuchen, in weitesten Kreisen für diese Zwecke unermüdlich tättg zu sein. Herr Pinkus Pleßner auS Posen, als Vorsitzender der Ortsgruppe zu Poser, brachte die Grüße der Posener Mitglieder, unter gleichzeitiger anregender Schilderung des schönen Verlaufs des Frankfurter Vereinstages. In interessanter Weise referierte f>err Bankier Georg Hermann Loevy aus Rawttsch ber die Entwickelung der „Freien Bereinigung" im Ostenin der fich hieran anschließenden freien Aussprache, 'welche von Herrn Gellert aus Pleschen, einem warmen Freunde unserer Bestrebungen eingelettet wurde, ergab fich Nach einer Replik des Herrn Pleßner, des Herrn Loevy, sowie des Borstdendm völlige Uebereinsttmmung über die Hauptziele der Bereinigung. Zum Schluß ergriff noch Herr Dr. phll. de HaaS daS Wort, um in einer markigen Rebe insbesondere die Jugend und die Frauen zur eifrigen Mitarbeit an unseren Bestrebungen »nzufeuern. Mit einigen Dankesworten schloß der Vorsitzende die wohlgelungene Veranstaltung. Der bisherige Erfolg, der darin besteht, daß 165 MttgUeder in Breslau zu unserer Fahne zählt«, soll ein Ansporn sein, tm Sinne ber Frankfurter Beschlüsse, propagierend durch Wanderredner auch in ber Provinz, die glücklicherweise noch, zahlreich vorhandenen Gesinnungsgenossen um unsere Fahne zu scharen und so dem überlieferten Judmtume neue Freunde zuzuführen. Hamburg, 3. Februar. Der Israelitische Frauenverein für Krankenpflege, dessen Zweck es ist, weiblichen Rekonvaleszenten auf ärztliche Anordnung mindestens vier Wochen lang ein kräftiges Mittagessen zu verabreichen, konnte, wie in der Generalversammlung mitgeteilt wurde, auch im verflossenen Jahre seine segensreiche Tätigkeit in großem Maßstabe ausführen. Es wurden im Jahre 1908 für 1132 Berpflegungstage 1933 Mk. verausgabt, so daß die Portion Mittagessen sich inkl. Wein auf 1,70 Mk. stellte, ein Preis, der von den anwesenden Mitgliedern als nicht zu hoch bezeichnet wurde. Daß das Essen aber auch den Anforderungen einer Rekonvaleszentenkoft genügt, dafür bürgt die von den Borftandsdamen ausgeübte Kontrolle. Es wurde dann vom Vorstand noch weiter darauf hingewiefen, daß die Anforderungen an den Verein, namentlich bei der jetzigen wirtschaftlichen Lage, «ehr große sind und der Vorstand nicht immer imstande war, allen an ihn gerichteten Gesuchen Folge zu geben, da ja die Mitgliedsbeiträge sich nur auf 2300 Mk. bezifferten und außer den Berpflegnngskosten doch auch noch andere Unkosten zu decken sind, wenn diese auch inklusive Botenlohn nur 326 Mk. im verflossenen Jahre betrugen. Es sei daher notwendig, daß dem Verein größere Mittel zur Verfügung gestellt werden. Tie ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt. Würzburg, 30. Jan. Im „Verein für ,üdtsche Geschichte und Literatur fand am 26. Jan. im großen Saale deS Hotel GolSchmidt ein Bortrag deS Architekten und SunstschriftstellerS A. Lehmann- Mannheim über daS interessante Thema „Alte und neue Shnagogenbauten". Der gewandte Redner, der als Fachmann speziell das Studium alter und neuer Synagogen treibt, entrollte in großen Zügen ein umfassendes Bild der alten noch vorhandenen Shnagogenbauten und kennzetchnete ihre Eigenheiten, wobet er auch auf die alten Stiche und Holzschnitte zurückgriff. Wenn man auch nicht von einem speziellen Synagogensttl sprechen könne, so sei doch sicher, daß ein historischer Synagogenbau existiert hates wäre sonst schwer verständlich, wie Synagogen, die den verschiedensten Zeiten und Ländern angehören, die gleichen Eigentümlichkeiten besitzen, die in anderen rituellen oder profanen Bauten nicht zu finden seien. Zahlreiche, sehr gut gelungme Lichtbilder unterstützten den Bortrag, wobei Synagogen aus Spanien, Italien, Deutschland, Ungarn, Kleinasten, Rußland, aus ben verschiedensten Stilperioden gezeigt warben, jeweils mit den Bauformen der betreffenden Zetten geschmückt. Am Schluffe wurden auch einige moderne Synagogen im Bilde gezeigt und besprochen, worunter namentlich die neue Synagoge des Israelitischen Reltgtonsgesellschaft in Frankfurt a. M. allseittge Bewunderung erregte. Das zahlreich erschienene Publikum, unter dem fich auch interessierte Fachleute befanden, spendete dem Redner für seine tlchaltsreichen und formvollendeten Ausführungen reichen Beifall. GaUingen, 28. Januar. Ein selten schönes Fest beging unsere Gemeinde am 26. d. Mts. anläßlich des 70jährigen Jubiläums des htefigen „Israelitischen Frauenveretns". In dem prächtig dekorierten Saale des Cas« Biedermann, wo die Feier um 2 Uhr nachmittags stattfand, war der Saal von den Damen bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Präsidentin, Frau Dr. Heilbronn, ergriff zunächst daS Wort, um die erschienenen 145 Damen tm Namen des Vorstandes herzlich zu begrüßen. Sie gedachte ferner all derjenigen, welche dm Verein gründen und leiten halfm, und besonders auch ihrer verstorbmen Mutter, der Frau Bürgermeister Guggenheim, welche über 20 Jahre mir seltmer Umsicht und Energie das Amt einer Präsidentin versehen hatte. Mit einem kurzm Rückblick auf die Geschichte deS Vereins und einer Schilderung seiner Zwecke und Aufgaben in der Gegenwart, schloß die Präsidentin ihre mit großem Beifall aufgenommeneRebe. Frau Rosa Eisenmann überreichte hierauf mit einem sinnigen Prolog unter Hervorhebung ihrer Verdimste, der Präsidentin einen silbernen Tafelaufsatz im Namen der Mitglieder deS Vereins. Für ben musikalischm und dramatische» Teil haben fich in glänzender Weise die Damm Lina Bloch, Rosa Etsenmann, Martha Fränkeb Bertha Erlanger, Flora Bloch, Rosa Kauf- Mann, Selma Adolf Gut, Selma Louis Gut und Jenny Hermann mit hervorragenden Leistungm verdienstlich gemacht. Ebenso hielten mehrere Damen zu Herzen gehende Ansprachen. Bon dm zahlreich eingeaangmm Glückwunschdepeschen find besonders hervorzuhebm die von Jhrm König!. Hoh. Großherzogin Luise aus Karlsruhe und Großherzogtn Hilda z. Z. im Schloß Berlin. Dm Schluß ber Feier bildete eine Verlosung, derm Resultat allgemeine Befriedigung hervorrief. Am Abend war noch gemütliche Bereinigung mit Her««, woselbst HerrDr. Heilbronn an die Damen appelliert^ die Wohltättgkett in und außer dem Hause zu hegen und zu pflegen. Herr Kantor Etsenmann gedachte in begeisterten Wortm unserer Stammütter, die er dm versammelten Damm als lmchtende Beispiele aufführte. Mit dem Gefühl der Befriedigung über dm schöne» Verlauf des Festes, ttmnte man fich in später Abendstunde.

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