Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1909)
- Date
- 1909-02-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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- Odesa 3× ep/1000834
- Irkutsk 2× ep/2294887
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Seite 8 Nr. 5 Der JSraeltt. 4. Februar 1909 strat, wie auch' die Handels- und Gewerbekammer und die Kommissionen nur für die 10 Uhr-Sperre ihr Votum abgaben. Die Wendung in dieser Angelegenheit war von klerikaler Seite inszeniert Und trotzdem von zwei jüdischen Stadtreprä sentanten, hie die Sache von rein sachlichem Gesichtspunkte behandelten und vertraten (?) —, unterstützt. Volles Lob verdient der Gemeinde- und Stadtrepräsentant, Direktor Leopold Ungar, der sofort eine Gegenaktion einleitete, die darin besteht, daß er eine Petition der sabbathaltenden Juden zur Unterschrift zirkulieren ließ, mittels welcher die Regierung ersucht wird, den status-quo (10 Uhr-Svecre) aufrecht zu erhalten und im Interesse der Volkswirtschaft den städtischen Repräsentanten--Beschluß zu verwerfen. Hoffen wir, daß diese Gegenaktion von bestem Erfolge begleitet wird. Rustland. 3ur Irsge Ser Juden in Perfien. Petersburg, 28. Januar. Ter persische General Schapral, ein Karäer bekanntlich bis vor kurzer Zeit ein intimer Berater des Schah von Persien, weilt jetzt in Petersburg, wo der Redakteur des „Fraind" mit ihm eine längere Unterredung hatte. Ueber seine Beziehungen zum Schah äußerte sich Schapral wie folgt: „Ich stehe zum Schah in sehr nahen Beziehungen. Ich sehe ihn jeden Tag, ohne jede Hofzeremonie. Ich selbst habe einen gewissen Anteil an dem Drama, das sich gegenwärtig in Persien abspielt und die ganze zivilisierte Welt in Atem hält." Was die Lage der Juden in Persien betrifft, meinte General Schapral: Die Perser sind den Juden nicht gut gesinnt. Teils wurde der Haß gegen sie im Volke geschürt, zum Teile aber rührt ihre traurige Lage daher, daß sie gezwungenermaßen auch in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung sehr abgesondert von ihrer Umgebung leben. Wird die Freiheitsbewegung siegen, und sie wird schließlich siegen, so wird es auch den Juden besser gehen. Unter den Freiheitshelden befinden sich auch einige Juden. * Wie erinnerlich, wurde der jüdische Advokat Tr. Hillersohn wegen seiner freimütigen Rede im Bialystoker Pogrom - Prozesse von der Polizei verrfolgt und ihm auch der Prozeß gemacht. Der in Moskau tagende Kriminaliftenkongreß nahm nun die Gelegenheit, Herrn Dr. Hillersohn.für seine mutige Verteidigung der Rechte der Advokaten seine Sympathien auszudrücken, indem an ihn folgendes Telegramm abgesandt wurde: „Die Mitglieder der russischen Gruppe des internationalen Kriminalisten - Vereins, anerkennend die große Wichtigkeit der Redefreiheit vor dem Gerichte, drückt Ihnen ihr heißes Mitgefühl aus. Nabokow, Vorsitzender." Kiew, 25. Januar. Während es bisher in der Ukraina gar keinen Antisemitismus gab, trägt gegenwärtig die nationale Bewegung in der Ukraina einen ausgesprochen antisemitischen Charakter. Früher war diese Bewegung radikal-fortschrittlich, und sie konnte auch nicht gut anders sein. Nach dem Zirkular der russischen Regierung vom Jahre 1876 begann für die Ukraina eine Epoche der schlimmsten Verfolgungen. Die ukrainische Sprache wurde verboten, die Schulen geschlossen re. Die verfolgten Ukrainer forderten Freiheit und Gleichheit für sich und alle unterdrückten Nationen Rußlands. Jetzt aber genießen sie alle Rechte, es entwickelt sich langsam eine politische Presse in ukrainischer Sprache re. Aber der Ton in dieser Presse ist ein ganz anderer geworden. Man schreibt jetzt Artikel mit Titeln wie dieser: „Wodurch schaden uns die Juden?" Und man liest jetzt in der ukrainischen Presse die alten antisemitischen „Wahrheiten", s oaß die Inden schlechte Untertanen seien, daß •:fte das Volk ausbeuteten, und schließlich folgt sie ukrainische Monroe-Doktrin „die Ukraina für -ie Ukrainer." Das ist ein ganz charakteristischer Um schwung, der freilich dadurch nichts von seiner traurigen Bedeutung für die ukrainischen Juden verliert, daß ihn die Juden aller Orten erlebt haben und ihn noch oft erleben werden, der aber doch wirklich alle diejenigen genügend warnen sollte, die noch immer daran glauben, daß mit der Befreiung eines Volkes auch für die Juden, die unter diesem Volke leben, die Freiheit komme. Gerade das Gegenteil ist bis jetzt, wenigstens in Rußland, der Fall gewesen. So war es in Finnland, so in Polen und so ist es jetzt auch in der Ukraina. Odessa, 28. Januar. Der Generalgouverneur, der fast täglich seinen Standpunkt den Juden gegenüber ändert, befindet sich zur Zeit im antisemitischen Fahrwasser. Der Präsident der Odessaer „Schwarzen Hundert", Graf Konowzin, erhielt von ihm ohne weiteres die Ermächtigung, alle Mittel zu ergreifen, damit im Hafen von Odessa nur Mitglieder der „Schwarzen Hundert" als Schiffsauslader beschäftigt werden. Die Hauptarbeitgeber dieser Schiffslastträger während der letzten 25 Jahre war die Londoner jüdische Firma Goldsmith & Jacobs, die sich während der ganzen Zeit der politischen Unruhen immer unparteiisch verhalten hat und wohl zahlreiche jüdische Arbeiter beschäftigt, aber auch nichtjüdische, soweit sie zur Arbeit tauglich waren, ohne Rücksicht auf ihre Parteistellung in Arbeit nahlnen. Nun wurde vor einigen Tagen ein. Vertreter der genannten Firma zum Gouverneur berufen, um über die Angelegenheit der Schiffslader zu beraten. An der Konferenz haben auch 20 Delegierte der „Schwarzen Hundert" teilgenommen, die darüber' Klage führten, daß die Firma Goldsmith L Jacobs prinzipiell keine Mitglieder ihrer Organisation anstellten. Der Gouverneur unterstützt den Standpunkt der „Schwarzen Hundert" und fügte hinzu: „Ich erkläre schon heute, daß, wenn eines Tages im Hafen von Odessa ein Progrom ausbrechen sollte, für die Folgen desselben die Verantwortung ausschließlich die Firma Goldsmith & Jacobs zu tragen haben werde." Diese von so hoher Stellung gebrauchten Drohungen haben in der jüdischen Bevölkerung von Odessa große Beunruhigung verursacht. * Irkutsk (Sibirien). Hunderte von Juden werden oft wegen geringer Vergehen oder politischen Verdachtes jährlich nach Sibirien verbannt. Daß der Jude in der unwirtlichen Gegend, unter den denkbar ungünstigsten Verhältniffen und beständig den Chikanen der Aufsichtspolizei ausgesetzt, ein ganz besonders elendes Dasein fristet, ist begreiflich. Oft aber gelangt es dem Juden, wenn er geschickter Handwerker ist, sich durch Fleiß und Intelligenz in der Verbannung, wo er dann auch nach Ablauf der Strafzeit freiwillig verbleibt, eine Art Existenz zu gründen und sich mit seiner Familie ,die ihm nachkommt, sich kümmerlich zu ernähren. Dem ist nun von der Verwaltung ein Riegel vorgeschoben worden. Sibirien ist außerhalb des Rayon und darf von einem Juden, wenn er kein Verbrecher ist, nicht betreten werden. Einige hundert jüdische Familien, die seit vielen Jahrzehnten in Irkutsk wohnen, erhielten dieser Tage den Befehl, binnen drei- Tagen den sibirischen Boden zu verlassen. Die Unglücklichen, die nun mitten im Winter mit ihren Kindern vor der ziellosen Wanderschaft stehen, haben sich telegraphisch an einige Dumaabgeordnete gewendet und sie um Hülfe angerufen. Es ist indeß zweifelhaft, ob die Duma bei dem Geiste, der jetzt in derselben herrscht, in der Sache etwas tun wird. ginnlanb. Helsingfors, 25. Januar. Der sinnländische Senat hat bezüglich seiner Stellung zur Judenftage die folgende ErÜärung abgegeben: „Von allen Seiten werden wir Finnländer des Antisemitismus beschuldigt. 'Das ist jedoch falsch. Wir tun nichts anderes, als daß wir die vor ü ns geschaffenen Gesetze über die Juden einhalten. Von diesen Gesetzen ist der finnländische Senat niemals abgewichen. In der letzten Zeit wurden aus Finnland 70 jüdische Familien und 43 jüdische Einzelpersonen, die in Finnland kein gesetzliches Wohnrecht besessen, ausgewiesen." Man sieht, der Senat gibt mit dieser Erklärung nichts anderes als eine volle Bestätigung aller gegen ihn mit Bezug auf brutale Behandlung der Juden gerichteten Anklagen. Daß die gesamte antisemitische Presse in Deutschland so eifrig die Verteidigung Finnlands führt, machte auf die hiesigen Jntellegenzkreise den möglichst schlechtesten Eindruck und trägt zur Ehre des Deutschtums in Rußland nur wenig bei. Rumänien. Bukarest, 25. Januar. Der Kampf um die Abschaffung des Eidschwures mors judaico muß immer noch geftihrt werden. Vorige Woche wurde nämlich Rabbiner Dr. Niemirower vor die erste Sektion des JcHyer Gerichtes vorgeladen, um dort die Zeremonie des Eidschwures möre judaico vorzunehmen. Anfangs verlangte der Richter, daß der Eid mors judaico vor einer Thorarolle geleistet werden solle. Nach den Aufklärungen des Herrn Dr. Memirower beschloß der Gerichtshof, den Eid mors judaico vor der Bibel leisten zu lassen. Trotzdem der Kassationshos sich bekanntlich mehrere Male gegen den Eidschwur mors judaico ausaffprochen hat, und trotz des letzten vor dem Kassationshof errungenen Sieges, den man schon für gleichbedeutend mit der definitiven Abschaffung dieses Eides hielt, beharren doch noch einige Richter hartnäckig auf der Leistung des Eides mors judaico. So wurde erst vorige Woche in Roman der Versuch gemacht, einen Eid mors judaico in seiner ganzen abscheulichen Zeremonie durchzuführen. Der Rabbiner von Roman weigerte sich jedoch entschieden, die Synagoge öffnen zu lassen, und so konnte dem Verlangen der Richter keine Folge geleistet werden. Aus all dem ergibt sich jedenfalls, daß der Eidschwur mors judaico, eine der widerlichsten aus. dem Mittelalter in das 20. Jahrhundert verschleppten Zeremonien, nicht eher definitiv als abgeschafft gelten darf, als nicht der Juftizminister eine generelle Verordnung erläßt, die der Forderung des Eides mors judaico den Richtern ein für allemal untersagt. Türket. Konstantinopel, 10. Januar. Unter den verschiedenen Projekten für unsere in den osteuropäischen Staaten in Bedrückung lebenden Brüdern ein Heim zu gründen, hat, wie wir neulich auch aus London Mitteilen konnten, das der Kolonisierung Mesopotamiens wiederholt Gegenstand von wissenschaftlichen Betrachtungen gebildet. Es ist also nicht unwichtig, zu erfahren, wie sich die türkischen Kreise zu einem solchen Projekte stellen würden. Das jungtürkische Organ „«Jem Assr" in Salonichi beschäftigte sich vor einigen Tagen an leitender Stelle mit der Zukunft Mesopotamiens und führte u. a. aus: „Tie Optimisten wiegen sich jetzt in süßen Träumen. Sie sehen unser Land bereits in ein Paradies auf Erden umgewandelt. Es ist allerdings wahr, unser Gebiet ist riesengroß und unser Boden enthält unermeßliche Schätze. Wir brauchen nur eine energische und gewissenhafte Regierung, um die natürlichen Reichtümer unseres Bodens zum Nutzen des Landes auszubreiten. Heute könnte nur die Regierung hindern, einen Bolksreichtum zu schaffen. Es genügt, die Arbeit zu wollen und das Resultat wäre unausbleiblich. Leider wird der schöne Traum, unser Land in ein' irdisches Paradies umgewandelt zu sehen, noch lange unerfüllt, unsere ausgedehnten Gebiete werden noch lange Zeit in ihrem gegenwärtigen erbärmlichen Zustande bleiben müssen. Und all dies aus dem ganz einfachen Grunde, weil es uns an Bewohnern fehlt. Es fehlt "uns an kräftigen Händen und Armen, die uns die Erde schon so lange eifersüchtig verborgen hält, zu heben. Vergleichen wir einmal unser Land mit Mberen Ländern und wir werden bald zur Ueberzeugung gelangen müssen, daß wir unendlich arm an Bevölkerung sind. Unsere Bevölkerung ist zehnmal weniger dicht als diejenige Frankreichs, wo über allzu große irVifjri.li