Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1909)
- Date
- 1909-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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4. fteönior 1909. Der Israelit. Nr. o. Seite 7. für die gute Sache, welche sich darin zeigte, daß viele der Teilnehmer aus ziemlich entlegenen Städten und Dörfern herbeigeeilt waren. Nachdem die Wahl eines Bureaus vorgenommen war, überbrachte Herr Rosen heim die Grüße der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und wies auf die religiöse Solidarität aller Gesetzestreuen hin und daß die heute zu gründende Organisation eine Notwendigkeit sei, um auch in Württemberg die Ideen und Ideale des währen Judentums zu pflegen und zur Ehre zu bringen, und daß nur durch Zusammenschluß aller frommen Elemente ein Erfolg erzielt werden könnte. Mit herzlichem pTnrttl D7n schloß der Begeisterung verbreitende Redner seine Segenswünsche. Auf die Erfolge, welche die Badische Vereinigung der Gesetzestreuen, dank eifriger und energischer Aufklärungs¬ und Werbearbeit erzielt hatte, hinweisend, sprach Herr Dr. Würzburger im Namen des Bad. Brudervereins und führte aus, wiewohl in Württemberg die Verhältnisse für die Gesetzestrenen ein wenig günstiger als in seinem eigenen Heimaklande lägen, infolge der zufälligen Tatsache, daß in dem geistlichen Mitgliede der Oberkirchen-Behörde Württembergs die religiöse Richtung eine gute Vertretung hat, so sei doch die Vereinigung der Gesetzestrenen auch im Schwabenlande eine dringende Notwendigkeit, denn für die Zukunft sei keinerlei Gewähr geboten. — Vom Bunde jüdischer Akademiker, die nicht nur als Lernende der Thora, sondern auch als Verbreiter deren Ideen tätig sind, überbrachte Herr Tr. Leop. Herz-Würzburg Grüße und Wünsche segensreichen Gedeihens. Alsdann referierte Herr Hch. Herz über die Notwendigkeit der Vereinigung, über ihre Ziele und Zwecke und Ausgaben, worauf die Konstituierung stattfand. Sämtliche Anwesenden zeichneten sich als Mitglieder ein. Auch von auswärts waren bereits eine ziemlich bedeutende Anzahl von Beitritts- Erklärungen schriftlich eingelaufen. Alsdann zeichnete in längerem Referate Herr Rosenheim aus Frankfurt a. M. die organisatorischen, idealen und Praktischen Aufgaben des gesetzestreuen Judentums in der Gegenwart. Nach ihm sprach Herr Dr. Herz über die „Organisation der Gesetzestreuen" in Württemberg und betonte die Notwendigkeit, nach dem Vorbilde und in enger Fühlung mit der „Freien Vereinigung" zu arbeiten. Darauf wurden die Statuten vorgelegt und beraten pnd nach lebhafter Debatte, an welcher sich viele Teilnehmer der Versammlung beteiligten, zu Ende gebracht. Herr Kaufmann berichtete über den Entwurf einer neuen Kirchen - Verfassung und die Eingabe, welche ein Comitee Gesetzestreuer hierzu ausgearbeitet und welche zahlreiche Unterschriften in Stadt und Land gefunden hatte. Auch von der Versammlung wurde diese Eingabe an die Oberkirchenbehörde und an das Kgl. Kultusministerium einstimmig gutgeheißen. Nach warmen Schlußworten verschiedener Herren wurde die glänzend verlaufene, von einer warmen Begeisterung für das überlieferte Judentum getragene Versammlung geschlossen. Die Erschienenen nahmen vorzügliche Eindrücke mit sich nach Hause und werden durch ihre Berichte nicht verfehlen, ihre Ortsgenossen zu dem heiligen Werke mit heranzuziehen. Für die äußere Organisation der Versammlung gebührt den Stuttgartern aufrichtiger Dank, insbesondere der Israelitischen Religions-Gesellschaft Stuttgart und deren Damen, welche sich durch die liebenswürdige Bewirtung der Gäste verdient machten. In den Ausschuß des neuen Verbandes wurden die Herren Emanuel Kaufm a n n-Stuttgart, Hch. Her z-Hall, Veit K a h n- Cannstatt, David Reis-Heilbronn, Hermann Hirsch- Mergentheim gewählt. Straßburg, 28. Januar. Mit dem 1. Wpvil 1910 sollen die heute in Elsaß - Lothrinaen bestehenden 40 Rabbinate (abgesehen von den Oberrabbinaten) auf 38 vermindert werden. Neun dieser Rabbinate, alle im Oberelsaß, sind schon seit langen Jahren nicht mehr besetzt, nicht so sehr aus Mangel an Kandidaten, als weil die Seelenzahl der betreffenden Gemeinden viel zu gering war. Bier Rabbinate waren unter 100 Seeleu gesunken. Das geringste, Blotzheim, zählte 1905 nur noch 39 Seelen. Alle diese, ebenso auch das seit zwei Jahren erledigte Rabbinat Maursmünster werden bis jetzt von benachbarten Rabbinern interimistisch verwaltet, sollen aber von 1910 ab, nebst noch einigen anderen, aufhören, als Rabbinate zu existieren. Die jüdische Bevölkerung in Elsaß-Lothringen hat seit 50 Jahren sehr stark abgenommen. Im Jahre 1861 zählte sie 45,240 Seelen, 1905) nur noch 31,708 Seelen, also eine Abnahme von 32 Prozent. Aber nicht nur die Gesamtzahl der Juden hat abgenommen, sondern es ist auch eine sehr starke Verschiebung eingetreten. Trotz der allgemeinen Abnahme hat in derselben Zeit die Straßburger Gemeinde sich beinahe verdoppelt. 1861 zählte sie 2820 Seelen, 1905 deren 5111. Mülhausen stieg von 1470 auf 2428 Seelen. Colmar von 1164 auf 1256. Metz zählte im Jahre 1861: 1972, fiel allerdings 1871 auf 1496, stieg aber seither wieder auf 1691 und ist weiter im steten Steigen begriffen. Selbstverständlich haben die Landgemeinden, die nicht bloß von der allgemeinen Bevölkerungsabnahme betroffen waren, sondern auch durch Abwanderung in die Städte viel verloren haben, um so stärker abgenommen, sodaß'manches Rabbinat von 1871 bis 1905 bis zu 80 Prozent seiner Seelenzahl verloren hat. Es ist nach alldem nicht zu bestreiten, daß eine Neueinteilung der Rabbinate unvermeidlich notwendig wird, doch ist diese Neugestaltung eine Arbeit, die mit viel Ernst und Verstäudnis verrichtet werden muß. Die Entwürfe, die heute schon auf dem Plane erscheinen, weisen große Mängel auf und sind oft von falschen Voraussetzungen geleitet. Die Größe der Seelenzahl kann nicht allein maß- und ausschlaggebend sein für die Bedeutung eines Rabbinates, es kommen noch verschiedene Momente hinzu, die die Größe des Arbeitsfeldes des Rabbiners bedingen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die orthodoxen kleinen Gemeinden dem Rabbiner einen weit größeren Wirkungskreis bieten, als manche Großgemeinden. * Es wird nötig sein, daß die Kenner und gerechten und objektiven Beurteiler der Verhältniffe sich ernstlich der Sache annehmen. Oesterdeich. Prag, 3. Februar. Sonntag vormittags hielt die Kultusgemeinde-Repräsentanz im großen Saale des neuen Anbaues zum jüdischen Rathaus eine Festversammlung ab, mit welcher der neue Teil des Rathauses eröffnet wurde. Bei dem Neubau ist der reine Barockstil des alten Rathauses beibehalten worden, bis auf den dunklen Anstrich, der dem Gebäude ein altertümliches Aussehen verleiht. Das große Vorhaus des Neubaues ist vornehm ausgeftattet, die Wände sind mit dunklem Marmor verkleidet. Der große Saal, in welchen! die Festversammlung stattfand, ist in freundlichem Weiß gehalten, das durch diskrete Goldverzierung belebt wird. In der Höhe des ersten Stockwerkes wird der Saal von einer Galerie begleitet. Die Stirnseite ist durch einen niedrigeren Zubau mit Oberlicht erweitert, in welchem das Präsidium Platz findet. Im Hintergrund des Zubaues steht zwischen Lorbeerbäumen eine Kaiserbüste. Sonntag vormittags hat sich anläßlich der Festversammlung ein zahlreiches Publikum eingefunden. Die höchsten staatlichen Behörden, die Statthalterei, das Korpskommando, die Polizeidirektion usw. waren vertreten. Ferner waren anwesend: eine Ofiziersdeputation der Prager bewaffneten bürgerlichen Korps mit Major Balatka, Vertreter der Kultusgemeinden der Vorstädte und auswärtiger Orte, sämtliche Rabbiner Prags u. v. a. Die Festversammlung wurde durch einen Chorgesang eröffnet, worauf kaiserl. Rat Robert Fuchs als Obmann des Baukomitees das Haus der Kultusgemeinderepräsentanz übergab. Hierauf ergriff der Bizipräsident Dr. Ludwig Bendiener das Wort zur Festrede, in welcher er in glänzender Weise einen intereffanten Rückblick auf die Geschichte der Juden in Prag gab. Dr. Bendiener besprach die Wirkung der Affanierung auf die ehemalige Judenstadt, später Joskfftadt genannt, die dadurch eine wesentlich geänderte Gestalt annahm, und sagte dann u. v. a.: „Wir halten fest an den alten Grundsätzen und Prinzipien unseres Glaubens, wir verschließen uns aber auch nicht den sozialen Fortschritten der neueren Zeit und ein äußeres Zeichen für diese unsere Gesinnung sei neben dem alten Rathause der moderne, vornehme und den technischen Fortschritten entsprechende Bau". Er dankte dann der Baukommission und deren Leitung für die, umsichtige Ueberwachunq, sowie dem Baumeister und entrollte im Verlaufe - seiner Rede ein lebensvolles Bild von der Ge- < schichte und den wechselreichen Geschicken der! Prager Gemeinde. Der Redner schloß mit einem 1 Hoch auf den Kaiser, in das die Versammlung j begeistert ein stimmte. ] Sodann trug Oberkantor Leo Kornitzer einen J Psalm vor, worauf Oberrabbiner Dr. Nathan J Ehrenfeld dem Gefühle der Dankbarkeit gegen Gott Ausdruck gab, daß es den Anwesenden bej schieden wurde, den Bau in seiner Vollendung zu , ] schauen, als ein Werk, das der Kultusgemeinde j zu höchster Zierde gereicht, und erbat den Schutz A Gottes für das neue Haus, in welchem die gej samten Gemeindegeschicke sich abspielen sollen. | Mit der Absingung eines Schlußpsalms fand j die feierliche Versammlung ihr Ende. Ein großer \ Teil der Anwesenden besichtigte auf einem Rundjj gang die schönen Räume des neuen Gebäudes. J Prag, 30. Januar. In Radeschowitz in ] Böhmen hat ein krankhaft veranlagter 13jähriger Junge, namens Skala, eine gräßliche Bluttat verübt. Wiewohl er nun selbst die Tat eingestanden hat, wird doch der Versuch gemacht, diese Affaire in der Bevölkerung als eine Ritualmordsache hinzustellen. Der Schulleiter Budinsky;'j veröffentlicht in dem Lokalblatte von Böhmffchj Brod eine Mitteilung, in der es unter anderem J heißt: Es treten Leute auf, welche die Morde \ auf das Ritualgebiet zu wälzen bestrebt sind und Z immer mehr Gehör in der ungebildeten Maffe d finden, die eine so schreckliche Verworfenheit an 1 einem Knaben nicht begreifen könne und sich die;] Verbrechen in einer solchen unsinnigen und lächerlichen Weise erkläre. Es scheint, daß diese Ge- ] rächte absichtlich von einem Fremden, dessen Spur '•j man gefunden hat, genährt werden seien. ä —-i,igg ’i §Ut0CTOl. | Budapest, 27. Januar. Der ungarischen J orthodox-israelitischen Landeskanzlei ist es endj lich gelungen, einem alten Uebelstande abzuhelfen. Die jüdische Schuljugend war nämlich bis da- •! her gezwungen, am min DDötT die Mittelschule j zu besuchen, weil dieser Tag im Verzeichnisse der jüdischen Feiertage, an welchen die jüdischen l Schüler vom Schulbesuch dispensiert sind, fehlte. 5j Eine diesbezügl. Eingabe des Religions-Pros. 5; G. aus Preßburg an das Unterrichtsministerium l hatte, dank der Intervention der Zentralkanzlei j zur Folge, daß das Ministerium an sämtliche | Mittelschulen eine Verordnung ergehen ließ, daß I für die Folge sämtliche jüdische Schüler auch | am Szimchas-Thora vom Schulbesuche zu be- | freien seien, — und falls dieselben an diesem Tage die Schule dennoch besuchen sollten, von J sämtlichen schriftlichen Arbeiten und vom Zeich- | nen befreit werden müssen. i Preßburg, 24. Januar. Im November v. Js. hat die hiesige Stadtvertretung, welcher der neue Gesetzentwurf betreffs der Sonntagsruhe zur Begutachtung Vorgelegen hatte, den Beschluß gefaßt, sämtliche Munizipien des Landes durch Zirkular zu veranlassen, daß sie vom Landtage die allgemeine, gänzliche Einführung der Sonntagsruhe verlange. Das Merkwürdige an der Sache ist, daß der vorbereitende Magi-