Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1909)
- Date
- 1909-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. dir. 5 Der Jsraettr. 4 Februar 1909 in Anspruch. Die kleine Kinderzahl ist der Tatsache zuzuschreiben, daß das Verlassen der Frauen meistens bei jungen Ehen vorkommt. Es ist interessant, zu erwähnen, daß 8,18 aller verheirateten Unterstützten kinderlos waren. Dieses etwas kleine Verhältnis der kinderlosen Ehen ist darauf zurückzuführen, daß kinderlose Eheleute weniger der Wohltätigkeit zur Last zu fallen Pflegen. Es ist schon erwähnt worden, daß nur 20 X aller Unterstützten amerikanische Juden waren, und es ist intereffant, daß von den 10 015 Gesuchen 1191 oder 13,78 °/o von Lauten waren, die weniger als 1 Jahr im Lande waren. 7038 oder 68,5 % waren weniger als 5 Jahre in Amerika und nnr 1786 oder 17,8 % waren mehr als 5 Jahre im Lande. Man sieht daraus, daß die Einwanderer nach 5 jähriger Ansässigkeit in Amerika aufhören, ein „Problem" für die Armenfürsorge zu sein. Es ist bemerkenswert, daß auch in dieser Verziehung der russische Einwanderer . wieder eine viel besiere Anpassungsfähigkeit zeigt, als die Einwanderer aus den anderen Ländern So waren von den Bittstellern, die weniger als 1 Jahr im Lande waren, 714=16,56 X aus Rußland 52=10,74 °/o aus Rumänien 255= 8,58 % aus Oesterreich-Ungarn re. 170=19,78 ®/o aus anderen Ländern. Andererseits waren von den 1786 Bittstellern, die über 5 Jahre in Amerika waren, nur 686 oder 15,93 X aus Rußland 88 „ 18,14 % „ Rumänien 627 „ 21,11 % „ Oesterreich-Ungarn 384 „ 43,89 °/o „ Deutschld. u. andern Ländern, woraus wieder hervorgeht, daß die deutschen und österreichischen Juden sogar nach längerem Aufenthalt in Amerika mehr dazu neigen, die Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen, als der russische Einwanderer. Die Ursachen der Armut in den vorliegenden Fällen sind auch in mancher Beziehung bemerkenswert. Es ist beispielweise bekannt, daß bei anderen Völkern die Trunksucht die hauptsächlichste Verarmungs-Ursache ist. So verdanken ungefähr 25 °/o aller Almosen-Empfänger in den christlichen Wohltätigkeitsanstalten dem Trünke ihren ökonomischen Niedergang. Unter den 10015 Bittstellern der vereinigten jüdischen Wohltätigkeitsanstalten waren nur 44 oder 0,51 °A>, deren Armut auf Rechnung des Alkohols zu setzen ist) dagegen war bei 35X Krankheit die Ursache. 11,63°/» der Totalziffer waren durch Tuberkulose arbeitsunfähig geworden. In der Tat wird die Schwindsucht mehr und mehr eine der Haupt- Armuts-Ursachen der Juden in New-Dork. Arbeitsunfähigkeit wegen Alters war in 4,39X der Fälle die Ursuche, Witwenschaft in 13,34°/» der Fälle, eheverlassene Frauen waren 19,56°/», Arbeitsmangel stellte 11,81°/»,' ungenügendr Verdienst war die Ursache bei 6,7°/», und 3,4°/« baten um Reisegeld, meist nach ihren Heimatländern (Heimweh), und in 65 Fällen lag Geisteskrankheit vor. Eme andere interessante Tatsache ist die, daß die von dieser Organisation gewährte Unerstützung anderer Art ist als die bei den russischen Wohltätigkeitsanstalten übliche, die nach den Berichten der 4. 6. A. in der Hauptsache darin besteht, daß zu den Ofterseiertagen einige Pfund Mazzoth und zum Winter etwas Holz oder Kohlen ausgeieilt werden. Dagegen wurden hier im Jahre 1905 217033,71 Dollars bares Geld an die genannte Armenzahl verteilt, wovon 64347,82 Dollars an Familien — sogenannte „Pensionäre" — gegeben wurden, worunter Fälle zu verstehen sind, wo die physische oder sociale Notlage solcher Art ist, daß sie nicht so bald zu beheben ist. Die betreffenden Personen erhalten von der Organisation ein monatliches Stipendium, das von 5 bis 30 Dollars variiert. Da es 774 solcher Pensinäre gab, so kamen auf jeden Einzelneil durchschnittlich 83,14 Dollars per Jahr. Der nächstgrößte Ausgabebetrag dieser Organisation war für Wohnungsmieten. Viele Arme in New-Jork könne» sich soweit schlecht und recht durchbringen, nur ist es ihnen schwer, oft unmöglich die in dieser Stadt so hohen Wohnungsmieten aufzutreiben. Die Gesellschaft zahlt in solchen Fällen einen Teil oder auch die ganze Miete. Für diesen Zweck wurden im Jahre 1904 71484,16 Dollars verausgabt. Der drittgrößte Betrag von 51418,87 Dollars wurde an von Schwindsucht heimgesuchte Familien gezahlt) die anderen Krankheiten verursachten eine Ausgabe von 48792,88 Dollars. Aber wir haben den Trost, daß die Trunksucht der Gesellschaft im Jahre 1905 nur eine Ausgabe von 451,94 Dollars verursachte. Korrespondenzen und ^Machrichten. Deutsrhes Kei«h. Franfurt a. M., 1. Februar. Von verschiedenen Seiten wird uns mitgeteilt, daß die Chachamim der sephardischen Gemeinde in Jerusalem Hülferufe nach Deutschland ergehen ließen. Um eine Zersplitterung der Hülftleistung zu verhüten, haben wir uns bei der „P a - l ä st i n a - K o m m i s s i o n" der „F r e ienVereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" erkundigt und folgendes erfahren: Die offiziellen Geschäfte der sephardischen Gemeinde werden zur Zeit von dem durch die Regierung eingesetzten stellvertretenden Chacham- Baschi von Jerusalem, Herrn Chiskija Sabbatai aus Aleppo geführt. Dieser Herr, der die Interessen der Antebi-Partei vertritt, bedarf der laufenden Einnahmen der sephardischen Gemeinden für seine politischen Zwecke. Er hat den seit drei Monaten ohne Gehalt verbliebenen Lehrern an der sephardischen Talmud-Thora auf ihre Beschwerde rundweg erklärt, er sei nicht in der Lage, ihnen und ihren hungernden Familien zu Helsen, weil er das eingehende Geld für die lausenden Ausgaben benötige; überhaupt sei es seine einzige Ausgabe, die Wahlen zu machen. Die sephardischen Lehrer (16 an der Zahl) harren trotzdem als Märtyrer der heiligen Sache des Jugend-Unterrichtes auf ihren Posten aus, und sind der wärmsten Sympathie und der kräftigen Unterstützung aller gesetzestreuen Kreise würdig. Auch die Witwen und Waisen der großen sephardischen Gemeinde bekommen seit dem Amtsantritte Chiskija Sabbatai's keinen Pfennig Unterstützung und befinden sich — gleichwie während der politischen Wirren vor 2 Jahren — in der prekärsten Lage. Cs wäre verhängnisvoll und für die religiöse Zukunft der sephardischen Gemeinde von vernichtender Wirkung, wenn diese Aermsten der Armen schließlich aus die Gnade Autebi's angewiesen sein sollten. Da die auf den Namen „C h a ch a m B a s ch i Panisel" in Jerusalem eingehenden Geldsendungen und Briefe auf Anordnung des Gouverneurs nicht dem Adressaten, sondern Chiskija Sabbatai ausgehändigt werden, so ist vor solchen direkten Sendungen dringend zu warnen. Vielmehr werden alle. Spender gebeten, ihre Zahlungen entweder an die „Pekidim und Amarkalim" in Amsterdam, oder aber an das Frankfurter Hülfskomitee, z. H. des Herrn Dr. Israel Roos, Schöne Aussicht 5, zu richten. Auch das Bureau der „Freien Vereinigung" ist bereit, Spenden an diese Adressen abzuführen. Berlin, 30. Januar. Ueber den sozialen und kommunalpolitischen Einfluß der Juden in Berlin läßt sich die sonst so kritische „Kölnische" Volkszeitung" von einem ihrer Berliner Korrespondenten zur Freude der antisemitischen Win' kelpresse folgenden Bären aufbinden: „Wenn an den hohen jüdischen Feiertagen die jüdischen Läden geschlossen werden, so glaubt man in den vornehmsten Stadtteilen, z. B. der Potsdamer Straße, in einer toten Stadt zu sein, denn in allen größeren Kaufhäusern sind die Fenster verhängt, nur eine Anzahl kleiner christlicher Geschäfte, Kellerlokale (!) und dergleichen steht offen. So beherrschend ist die Stellung der 80,000 Juden in Berlin, während die 300,000 Katholiken meist zur misera contribuens plebs gehören und int öffentlichen Leben der Reichshauptstadt keine Rolle spielen. Cs gibt nach Abstammung und Religion in Berlin gut zwei Dutzend jüdische Stadtverordnete, aber keinen einzigen katholischen; man hat solche Ansprüche der Katholiken stets mit Hohn zurückgewiesen." Daß der jüdische Einslüß in Berlin, wie er hier geschildert wird, nur in der Phantasie der „K. V. Ztg." existiert, weiß jeder, der sich hier nur ein wenig auskennt. Es lag auch offenbar dem Zentrumsblatt nur daran, die angeblich „mit Hohn zurückgewiesenen Ansprüche der Katholiken", zu betonen, über deren Berechtigung zu urteilen, wir keinerlei Veranlassung haben. Immerhin ist es doch eine sehr bedenAiche Taktik, einen Artikel, der die Verteidigung der Rechte einer Konfession bezweckt, mit etwas „I ritz en hetze" einzuleiten. Es ist ein sonderbarer Zufall, daß just zur gleichen Zeit das führende Zentrumsblatt „Die Germania" in einem längeren Artikel den Nachweis zu erbringen sucht, daß in Posen zu viel jüdische Lehrer angestellt seien, was ihr — doch gewiß nicht im Jntersse des Deutschtums — als sehr beklagenswert erscheint. Mit einer gewissen Wehmut denkt man an die Zeiten zurück, da man im Zentrum das Wort Toleranz besser verstanden hat. Berlin, 2. Februar. Der Hilssverein der Deutschen Juden ist in der Lage mitzuteilen, daß die Haltung des neuen Kaimakams von Jaffa den Juden gegenüber wohltuend absticht gegen die seines Vorgängers, unter dem sich vor etwa Jahresfrist die aufsehenerregenden Ueberfälle auf die Jaffaer Juden ereigneten. So hat der neue Kaimakam kürzlich den Kindergarten des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der unter der Direktion der Frau Epstein steht, besucht und sich außerordentlich anerkennend über das Institut ausgesprochen. Er gab sogar dem Wunsche Ausdruck, seine eigenen Kinder dem Kindergarten des Hilfsvereins anvertrauen zu dürfen, ein Wunsch, dem die Direktion natürlich gern entsprach. württemdergisclter bandesuerband für die Inferelfen des gesebesfreuen Judentums. (Bon unserem Korrespondenten.) Stuttgart, 31. Januar. Im Bürgermuseum versammelten sich heute auf Hnladung eines provisorischen Comitees aus allen Teilen des Landes, aus Nord und Süd, Ost und West Württembergs, aus Stadt und Land über 80 Personen, um den Gesetzestreuen Württembergs eine Organisation zu geben. Als Gäste waren anwesend Herr Jakob Rosenheim und Herr Louis Kahn aus Frankfurt a. M., Herr Dr. Würzburger aus Rappenau und Herr Dr. Loop. Herz, Würzburg. Die Versammelten begrüßte Herr Emanuel Kaufmann aus Stuttgart mit Worten und Grüßen der Heil. Schrift, seiner Freude Ausdruck gebend über den so zahlreichen Besuch und die Begeisterung