Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1909)
- Date
- 1909-02-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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4. Februar 1909 Der JSraeltt. Ro. 5 Sette 3 Wenn Zahlen rieben, so führen sie hier eine besonders beredte und überzeugende Sprache, von der man es nur wünschen möchte, daß sie in den .Meisen derer, die die freie Einwanderung in Amerika mit allen Kräften und Mitteln zu unterbinden bestrebt sind, gehört werde. Zwei Argumente sind es vornehmlich, die von den sogenannten Restriktiv nisten gegen die Einwanderung ins Feld geführt werden. Die Krisis — so sagen sie — die jetzt auf dem Arbeitsmarkte und auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens wohl nur vorübergehend herrsche, und nicht im! Geringsten abschreckend anf die Immigranten wirke, nehme durch die ungestörte Masseneinwanderung immer größere Dimensionen an und bilde sich nach und nach zu einer Misere sür das ganze Erwerbsleben aus. Dann aber seien, nach Ansicht der Einwanderungsgegner, die Fremden nur darauf aus, möglichst viel Geld zusammenzuhäufen, um dann bei eintretender Krise mit ihrer^Beute dem Lande den Rücken zu kehren und zu ihren Familien in die alte Heimat zurückzukehren. Wir wissen nicht, ob und inwiefern diese Behauptungen für die anderen Nationalitäten, sür die Italiener und Slaven, die neben den Juden ein großes Kontingent der Einwanderer stellen, zutreffen. Die Juden dürfen aber getrost die Zahlen der oberwähnten Statistik für sich sprechen lassen, die keinen Zweifel darüber lassen, daß die angeführten. Argumente sie nicht im mindesten treffen. Die Gesamtzahl der im verflossenen Jahre in New York gelandeten jüdischen Einwanderer beträgt nur 45172 gegen 106968 im Jahre 1907. Die Lage der Juden in den Ländern, aus denen sich der Auswandererstrom ergießt, hatte sich gewiß im letzten Jahre nicht gebessert. In Rüßland haben sich die Lebensmöglichkeiten, der Juden in vielfacher Beziehung noch weit mehr erschwert und verschlechtert. Neue Gesetze, Wohnrechtsbeschränkungen und Ausweisungsbefehle sorgten dafür, daß die „ W a n d e r l u ft " der russischen Juden nicht abnahm. Und trotzalldem eine Verminderung der Auswanderung nach Amerika um mehr als die Hälfte gegen die Vorjahre. Der Grund ist klar. Der auswandernde Jude überlegt, bevor er den Wanderstab ergreift, er will nicht in Amerika in einen hoffnungslosen Wettbewerb mit Proletariern treten, sondern dort eine bessere Heimat finden, dort mit seiner Familie in Sicherheit leben, einem aussichtsvolleren Erwerbe nachgehen, und so sich und dem Lande nützen. Sind aber die Voraussetzungen dafür, tute die Dinge heute in Amerika liegen, nicht gegeben, bleibt er, ob auch die Not noch so sehr zur Auswanderung drängt, zu Hause und wartet. Damit fällt ja auch die zweite Behauptung dahin, als gehöre auch der Jude zu den Einwanderern, die nach Ausbeutung des Landes zu ihren Familien in die Heimat zurückkehren. Indessen wird im Berichte die Bodenständigkeit-des eingewanderten Juden in Amerika noch durch eine, ganz andere Erscheinung deutlich illustriert. Während die anderen Nationalitäten meist nur männliche Auswanderer aufweisen, betrug die Zahl der Frauen unter den jüdischen Emigranten im Jahre 1908 fast so viel wie die der Männer. Es handelt sich vorwiegend um Frauen und Kinder, die dem bereits früher ausgewanderten Familienvater nachgekommen waren. So hat der Bericht die allgemein bekannte Tatsache, daß es stets die erste Sorge des eingewanderten Juden in Amerika ist, feine Familie, sobald er festen Fuß gefaßt, Nachkommen zu lassen, um im Lande dauernd sein Heinr zu errichten, zahlenmäßig bestätigt. Da es, wie man es in Amerika erwarten darf, zweifellos unter den Gegnern der freien Einwanderung auch gerechte Männer gibt, die in ihrer Aktion nicht von blindem Judenhasse geleitet werden, so darf wohl die Hoffnung ausgesprochen werden, daß der Bericht auch die gewünschte Wirkung auesübt. Bäume im Uliiier. Zum 15. Schewat. Auch der Winter hat seine Freuden, heute mehr denn je. Heute, da man mit dem Rufe „Zurück zur Natur" einen freien, frohen, sportliebenden und muskelstarken Menschenstamm heranzuziehen bestrebt ist und ttichts unversucht läßt, dem Winter alles, was er an Freuden birgt, abzutrotzen, ihn auf den glatten Eisflächen, in den Wintergärten, auf den Skifeldern in den Bergen möglichst zu genießen. Auch der Jude, dem die Pflege der Gesundheit ein sittliches Gebot, der im übrigen aber einer übertriebenen Körperbildung auf Kosten des Geistes abhold ist, kennt sie, die Winterfreude, jene stille, erhebende und hoch beglückende Freude, die einen Teil seines Wesens, einen Grundzug seiner Religion, bildet. Mitten im Winter, da der Schnee wie ein Leichentuch noch die Natur bedeckt und Feld und Flur, allen Schmuckes entblößt, öde und verlassen daliegen, die Bäume nackt und leer und gesenkten Hauptes wie von blühender Vergangenheit, glorreicher Zukunft träumen, da lächelt ein Strahl, ein einziger, leuchtender Sonnenstrahl über die nackten, kahlen Fluren, durch die dürren, grauen Aefte, glitzerndes Gold über die weiße Decke gießend. Und er leuchtet und lächelt, dieser Sonnenstrahl, in das jüdische Gotteshaus hinein, wo Trauer gebannt, Freude geweckt wird, und das ernste, schwermütige, leidersüllte Tachn ungebet verstummt. Er stiehlt sich auch, dieser Strahl, in das jüdische Herz hinein, wie ein holder Gruß aus blühenden, duftenden Gefilden, wie frohe Botschaft und Trostesschimmer. Und mitten in winterlicher Oede und Kälte ahnen wir das wundersame Weben und Werden, das große Erleben der Natur, dort unten, tief unter der starren Erdenkruste, wo die Keime Kraft sammeln, wo die Bäume ihre Wurzeln ausbreiten, wo es suttrmr und brummt und surrt und singt und sich alles vorbereitet für das große Frühlingserwachen. Denn Kinder der Natur sind auch wir, insofern uns die Natur als ein Teil des göttlichen Universums erscheint, insofern sie mit ihren Zeichen und Wundern, mit ihren unzähligen Lebewesen und Pflanzen uns zum Einstimmen in das große harmonische Loblied zu Ehren Gottes auffordert, zum Aufwärisblicken, zum Vorwärtsschreiten.'. . . „Denn der Mensch ist ein Baum des Feldes"- 7NVN pr CHxn '2- Der göttliche Führer war es, der dieses große Wort sprach, zu einer Zeit, als ein Volk aus der Gefangenschaft sich zu Licht und Freiheit emporrang, nach kalter, langer und banger Winternacht einem verheißungsvollen Frühling entgegenging, aus liebloser Fremde in die alte Heimat der Väter zog; damals sagte man dem aufftrebenden und vorwärtsschreitenden Volke: „Schone das keimende Leben in der Natur, in der Pflanzenwelt; das, was aus dunkler Erde hervor, dem Sonnenlichte entgegenftrebt, denn der Mensch — er ist ein Baum des Feldes. —" Und die Wanderschaft dauert fort, der Ringkampf Jakob-Israels, oft mit un- und übernatürlichen Mächten, hörte nicht auf. Es wechselten Licht und Finsternis, Sonnenschein und wütender Sturm, eisige Winterstarre und holder Frühling im Leben Israels; als Teil der Menschheit, der Welt, des Universums, lernte es aber von den Bäumen im Felde, von den Pflanzen und Blumen im Garten; es lernte hoffen und harren und zur kalten Winterzeit im Verborgenen Kräfte sammeln und tapfer standhalten. So haben auch die Propheten mit Vorliebe den Baum als Bild gewählt, um ihre prophetischen Ergüsse besser zu veranschaulichen, ihre Rück- und Ausblicke, Mahnungen, Tröstungen und Verheißungen einer entarteten oder schwergeprüften Menschheit lebendiger und eindrücklicher zü übermitteln. Seit Jo tarn, der vom Berge herunter der zügellosen, im Freudenrausch jubelnden Menge die anmutige Geschichte von der Königswahl der Bäume erzählt und somit, drastisch den Brüdermord kennzeichnend, den schauerlichen Fluch ausspricht, der in nicht allzu langer Zeit wörtlich in Erfüllung geht, hört der ein freundliches Omen für das Gevattermännchen und sich selber bei der bevorstehenden Sude. Noch arbeiteten die Leute auf dem Felde zmd die Sonne stand noch hoch am Himmel, ms Herzleib von ferne die 'tirchturmspitze des Dorfes erblickte. Mn der Kreuzchcmssee, eine halbe Meile vom Ziele entfernt, mutzte er vom Leiterwagen, der ihn bis jetzt so schnell besördert hatte, absteigen, weil das Gefährt nach einem andern Feld fuhr. Die Bauern auf dem Felde sahen verwundert dem großen Mann im Zylinder nach, denn so etwas sah man an Werktagen nie auf der Bandstraße, außer bei Hochzeiten und Begräbnissen. Stoch verwunderter war aber der Schimme Zchornsheim, der seine lange Pfeife rauchend, am offenen Fenster saß und daraus wartete, bis Jemand vorbeikam. - Dann frug er die Leute so lange, bis wieder ein anderer in Sicht kam, um dann diesen wieder ailsrnfragen. Das konnte sich oer Schimme leisten, weil er nicht mehr nötig hatte auf den Handel zu gehen oder auf dem Felde zu arbeiten, wie so manche ^»den im Dorf. „Ei, Scholem alechem, Herzleib!" rief der Schimm, von weitem, als er Herzlew an seiner mächttgen Gestalt erkannt hatte. Er betrachtete verwundert den >o festtäglich herausgeputzten Schuster und frng: „Eh'n, was ist die Mähr?" Herzleib wurde ärgerlich. Wie konnte der Schimme aoch kragen! Und nicht einmal gratulieren bei niiem fo seltenen Fall wo Herzleib doch der leibhaftige Onkel, und noch dazu Gevattermann war. „Aha," dachte er, „der Schimme und der Leiser sind wieder einmal Zrauges miteinander, haben sich wahrscheinlich, wie schvn unzählige Mal beim Kartenspiel wegen eines Pfennigs gezrntt und sich gegenseitig verschwörest, einander nicht mehr anzusehen, geschweige miteinander zu ßpielen e— bis zum nächsten Tag." Schimme wollte aber Neuigkeiten wissen und keine stummen Betrachtungen machen. „No, red' endlich?" drängte er ungeduldig, wie kommst du so geputzt daher?" Jetzt war Herzleib aber gereizt. „Ein solcher Flegel," der Schimme. zürnte der Schuster bei sich, „mir nicht einmal Maßltof zu sagen." Er antwortete daher in gereiztem Ton: „Nun, denkst du efscher, weil ich nur ein Schuhmacher bin. ich werde in meiner Arbeitsschürze zu meiner Schwester aus das Britz kommen?" Schimme ritz weit die Augen aus und starrte den groß vor ihm Stehenden verständnislos an. Er hielt seine Pfeife weit von sich, ils sei ihm vor Staunen der Arm steif geworden. „Was für Britzmiele?" frug er, Herzleib mit befremdetem Blick ansehend. Ter Schifter war in eine zornige Sttmmung geraten. Der Schimme hatte nicht einmal so viel Anstand, den alten Jugendfreund zum Hereinkommen einzuladon, ihm nach dem langen beschwerlichen Weg bei der Somiyerhitze nicht einen Trunk anzubieten, wo er doch einen ganzen Keller voll Wein liegen hatte: kühle Sauer- und Süßmilch und was sonst einen nach der Fußreise erquickt hätte. Ohne weiter auf Schimme zu hören, schritt Herzleib die lange, holprige Dorfstraße hinab, bis er an seiner Kvusine Haus vorüberkam. Tie Rees hatte bei aller häuslichen Betriebssamkeit noch immer einige Augenblicke Zeit um einmal die Torfgasse hinabznblicken, obgleich dort nichts besonderes zu sehen war. als was man täglich auf einer Dorfstraße sieht. Schnatternde Enten und Gänse, 5ackernde Hühner und krähende Hahnen, zuweilen eine lege, ein vor eit» Egge oder einen Pflug gespanntes kind, vom Felde kommende oder ins Feld gehende wenige Menschen. Jetzt sah die Rees aber einen leibhaftigen Fremden, mit einem Zylinder auf dem Kops, einen schwärzen Bratenrock, mit einer durch ihre lebhaften Farben von weitem schon auffallenden Reisetasche in der Hand. Bald hatte sie den Wanderer erkannt. Ihr leibhaftiges Geschwisterkind, der Herzleib. (Fortsetzung folgt.) (Die Juden i« Ehina.f In der November- Nummer der Zettschrift „Th« International" erschien ein Artikel: „Die Inden in China". Tor Verfasser dieses Artikels stellt fest, daß die erste zuverlässige Aufzeichnung über di- Juden in diesem Lande von tartarischen Reisenden des neunten und vierzehnten Jahrhunderts gegeben wurden, und bemerkt : „Jesaja prophezeit im 1. Kapitel, V. 12: Diese werden von fernher kommen und diese vom Norden und Westen, und diese aus dem Lande „Sinom", womit zweifellos, wie Menasseh ben Israel übersetzt, China (Sina) gemeint ist. Und ttotz der Uebersetzung der Septuaginta mit „Persien" und der Uebersetzung der Vulgata mit „tzem Land des Südens" tönnen wir die Prophezeiung Jesaja's als Beweis dafür annehmen, daß schon vor der Erbauung des zweiten Tempels sich Juden in China angesiedelt hatten. Ter Verfasser gibt eine Uebersicht über die Berichte verschiedener Reisenden und Missionare von den Juden, in welchen deren Sitten und Gebräuche beschrieben sind. Dann weist der Verfasser ans die Forschung von Juden in Shanghai hin, welche einige jüdische Eingeborenen aus Kai-feng-fu dorthin gebracht hatten. Der Berichterstatter, der diese interessanten Leute sah> lernte verschiedene charakteristische Typen unter ihnen kennen. Tie G'sichts-