Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1909)
- Date
- 1909-01-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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dje Wart Die nUdizin im llalmud. Bon Dr^med. A. Ster«, Arzt, Frankfurt 2. M. Hl. Hippocrates, «iivivu8 paier meckiomas (Cicero), geboren auf der Insel Kos 460 v. u. Z. und aestorben 377 v. u. Z., war es vor allem, der die Medizin aus den Händen der Priester befreite und zur selbständigen Wissenschaft erhob. Nach ihm besteht der Körper aus vier Grundstoffen: Erde, Waffer, Luft, Feuer. Die Lebensvorgänge sind bedingt durch die entsprechenden Grundflüssigkeiten, von deren harmonischer oder unharmonischer Mischung im ganzen Körper oder in einzelnen Teilen Gesundheit und Krankheil abhängen. Diese sind,- Blut (srwxuis), Schleim (phlegma), Galle (cholae) und schwarze Galle (melancholae). Die noch heute läufige Bezeichnung der Temperamente geht erauf zurück. Weiterhin spielen die Grundqualitäten Wärme, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit eine große Rolle bei der Krankheitsbetrachtung. Das belebende Prinzip ist ihm die eingepflanzte Wärme, deren Hauptsitz das Herz ist. Diese wird durch die Luft und das in dieser enthaltene belebende Pneuma unterhalten, worin die wichtige Aufgabe des Atmens beruht. Die Lungen nehmen nämlich die Luft auf. Bon hier wird sie durch Adern in die linke Herzkammer geführt. Diese enthält also nur Luft (Pneuma) und treibt sie durch die Schlagadern in den Körper. Blut enthält nur die rechte Herzkammer und treibt es ihrerseits durch den Körper, wo es verbraucht wird. Der Kreislauf des Blutes mit Rückkehr zum Herzen wurde erst durch Harocy im 16. Jahrhundert entdeckt. Zu der Annahme, daß die Arterien Luft enthalten, kam man dadurch, daß in der Leiche die Arterien blutleer find und daß das Blut aus einer angeschnittenen Arterie des Lebenden unter Zischen entweicht. Dieses Blut, nahm man an, wird durch das beinr Entweichen der Luft aus dem angeschnittenen Gefäße verursachte Entstehen eines luftleeren Raumes aus der Tiefe oder durch den einfachen Wundreiz angesaugt. Es gab auch Autoren, welche von einem Blutgehalt der Schlagadern sprachen. Dieses sollte durch die Herzscheidewand von der rechten in die linke Herzkammer hindurchsickern und von da mit der Luft (Pneuma) gemischt durch die Schlagadern getrieben werden. Doch herrscht über diese Verhältnisse kein Einverständnis. Das Gehirn wird als eine Art Drüse angesehen, ist der Sitz des Schleimes und der Kälte. Wenn ein Tropfen herabfließt in ein anderes Organ, z.' B. die Lungen, so entsteht Entzündung, Katarrh, ein Wort, welches ohne jede Erinnerung an seine Grundbedeutung noch heute bekanntlich in der Medizin gang und gäbe ist. Da und dort bei den Griechen wird das Gehirn auch als Sitz des Verstandes, der Empfindung und Bewegung angesehen. Diese Ansicht ist aber vereinzelt. Obwohl die Nervenerkrankungen in ihren symptomatologischen Erscheinungen sehr gut geschildert werden, so fehlt jede anatomische Ergründung derselben. Empfindung und Bewegung ist eine Eigenschaft der Körperteile selbst und wird durch das vom Gehirn aus zugeführte Pneuma unterhalten. (Ein Tel des Pneumas entweicht nämlich beim Nasenatmen ins Gehirn.) Wenn diese Zufuhr durch Verstopfung der „Adern" mit Schleim, Galle, Blut gehemmt wird, entsteht Lähmung, Ischias, Gicht, Krampf. Im allgemeinen werden die Krankheiten bei den Hippokratikern nach ihren Symptomen und eingebildeten Entftehungsursachen betrachtet, ohne daß man zur anatomischen Diagnose vordrang, wenngleich auch hierfür Ansätze vorhanden sind. So werden Lungenerkrankungen nach Auswurf und Entstehungsursache unterschieden, wodurch grundverschiedene Krankheiten zusammen abgehandelt werden,, z. Ä. Phtise (Schwindsucht) und Bronchectasie (Erweiterung der Luftröhren). Von einer sanitären Gefahr des Fleisches phtisischer Tiere ist in der griechischen Medizin meines Wissens nicht die Rede, obwohl der Glaube verbreitet war, daß Pfleger phtisischer Personen selbst leicht erkranken. Eine Glanzzeit erlebte die griechische Medizin noch einmal in den nach Alexanders Tod entstandenen Diadochenreichen (Egypten, Syrien, Pergümus, Pontus). Vor allem blühte sie in Alexandrien, jener Handels- und Kulturzentrale der ganzen damaligen Welt (um 300 v. u. Z.). Dort wurden zweifellos Sektionen an Menschen vorgenommen. Erisistratus (gest. 280 v. u. Z.) trieb pathologische Anatomie. Er hat auf diese Weise einen Zusammenhang zwischen Bauchwassersucht und Leberverhärtung festgestellt. Die alexandrinische medizinische Schule der Empiriker verwarf die Anatomie als überflüssig und wollte sich nur auf das Praktische und bei der Krankenbehandlung Erprobte beschränken. 146 v. u. Z. wurde Griechenland römische Provinz und trat die geistige Herrschaft an Rom ab. Aus dem 1. christlichen Jahrhundert ist das große Werk des Celsus auf uns gekommen. Sein Werk ist vielfach historisch gehalten. Er hat sicher selbst Sektionen gesehen, gibt gute anatomische Schilderungen der Knochen und Eingeweide, weiß, daß die Arterien beim Anschneiden bluten, beschreibt die Unterbindung der Gesäße, Amputation, Wundnaht und Darmnaht. Zu jener Zeit lebten in Rom und Alexandrien sehr viele Juden, auch jüdische Aerzte. Celsus spricht von ihnen. Das 2. Jahrhundert aber führt den gelehrtesten, geistvollsten und fruchtbarsten Vertreter unsrer Wissenschaft auf den Plan — Claudius Galenus (131—200 n. u. Z.), der in Alexandrien studiert hatte und seit 164 in Rom praktizierte und in der Gelehrtensprache jener Zeit, nämlich griechisch, schrieb. Er vereinigte noch einmal das ganze medizinische Wissen der Vergangenheit nnd beherrschte mit seinen medizinischen Anschauungen das ganze Mittelalter unumschränkt und unbestritten, bis der große Besal im 16. Jahrhundert sein System erschütterte durch den Nachweis, daß Galen seine anatomischen Studien an Affen gemacht habe. Aus alledem ist die Größe des Verdienstes zu ermessen, welches sich die Juden um unsere Wissenschaft erworben haben, indem sie diese Galenschen Schriften aus dem Griechischen, welches im Mittelalter im Abendlande nicht mehr verstanden wurde, ins Arabische und Hebräische übertrugen, aus welchen Sprachen sie im 11. Jahrhundert ins mittelalterliche Latein übersetzt wurden. Galens Arbeit fällt in die Zeit der Mischnaredaktion. Zur Zeit der Gemorohabfassung waren seine Werke sicher Allgemeingut der Kulturwelt, so weit sie griechisch lesen konnte. Ob die Mischnalehrer aber die Arbeiten Galens kannten, ist nicht ohne weiteres sicher. In jener Zeit mag es wohl viele Jahrzehnte gedauert haben, bis die Schriften eines Zeitgenossen in diese entferntesten asiatischen Provinzen des Römerreichs gelangten. Die frühere medizinische griechische und römische Literatur wird ihnen gewiß vertraut gewesen sein, so die Arbeiten des Celsus, Erisistratus und vielleicht auch des großen Gynaecologen Soranus von Ephesos (20 Jahre älter als Galen.) Galens Naturbetrachtung wir durchaus teleologisch, er konstruiert sich bestimmte Absichten der Natur und sucht nachträglich Bau und Tätigkeit der Organe hiermit in Einklang zu bringen,, ähnlich betrieb er pathologische Anatomie. Die Krankheit führt er im Sinne des Hippocrates auf Saftmischungen zurück. Doch kennt und studiert er auch den Zusammenhang zwischen Bau der Organe und ihrer Funktion. Er gibt auch eine in pathologisch-anatomischer Hinsicht vielversprechende Einteilung der Krankheiten nach Beschaffenheit der Gewebe und Organbau und Organzusammenhang, doch ist er hierbei geblieben, den Weg zu systematischer pathologischer Anatomie hat er nur schrittweise betreten, wie einige ganz wenige Mitteilungen beweisen. Die Lehre von Atmung, Blutlauf entsprechen im wesentlichen denen des Hippocrates. Er unterscheidet Gehirn- und Rückenmarksnerven, erstere als die Nerven der Empfindung, letztere als die der Bewegung. Zur Prüfung der Gehirnfunktionen hat er vivisektorische Versuche an Schweinen gemacht. Den verschiedenen Seelenfunktionen werden verschiedene Centren zuerkannt: der vernünftigen Seele das Gehirn, der tierischen das Herz, und der begehrenden die Leber. (Fortsetzung folgt.)