Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1909)
- Date
- 1909-01-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fit. 4. Seite 10. Bureau einer der großen atlantischen Schiffsgesellschaften ein alter Mann und erbat sich Auskunft über seinen starken gesunden Sohn, der vor einem Jahr oder länger ihm in dieses Land vorausgegangen ist. Nachforschungen ergaben, daß der junge Mann nach fünf Monaten Zeichen von körperlichen Leiden aufwies, daß ihm aufgegeben wurde, auszuwandern, und auf dem Wege über das Meer stürzte er sich selbst über Bord. Solche Geschichten könnten vervielfacht werden. Auch Organisationen, die die Einwanderung unterstützen oder Auskünfte an Auswanderungslustige geben, sollten sehr sorgsam Vorgehen, wenn sie die Reise junger Männer und Mädchen zulaffen. Die Leiden und Gefahren, denen sie in Amerika ausgesetzt sind, sind groß genug, um uns zum Warnen zu veranlassen. Vom ökonomischen Standpunkte aus mag es schwieriger sein, für eine ganze Familie Existenzmöglichkeiten zu schaffen, als für einen jungen Mann oder ein junges Mädchen, aber das moralische und geistige Risiko ist vi l größer bei den letzteren/' Afrika. Johannesburg,!. Januar. In Südafrika und insbesondere in den Transvaal-Kolonien macht sich oft eine judenfeindliche Stimmung geltend, die zu ernstlichen Besorgnissen Anlaß gibt. Ein hiesiger Jude hatte jüngst einen Rechtsstreit mit einem Eingeborenen. Der Eingeborene ging mit seiner Klage zum Friedensrichter, der gleichfalls ein Bure ist. Nachdem dieser die Ausfiihrungen des Klägers angehört hatte, sagte er in Gegenwart des Juden: „Hätten Sie sich an eine anständige Firma gewendet, anstatt zu einem Juden zu gehen, so hätten Sie sich diese Unannehmlichkeitenerspart." Der solchermaßen gekränkte jüdische Kaufmann richtete eine Beschwerde an den Minister für innere Angelegenheiten, der jedoch, wie es scheint, die Angelegenheit zu verschleppen sucht. Aber nicht nur unter den Eingeborenen, sondern auch unter den englischen Kolonisten macht sich ein sozialer Antisemitismus fühlbar. So veröffentlichte ein führendes englisches Blatt erst vor kurzem wieder den Brief eines englischen Kolonisten, in welchem dieser die tendenziöse Aeußerung macht, die Engländer würden bald gezwungen sein, nach England zurückzukehren, während die Juden in Masten einwandern, um in dem Lande, das mit dem Blute englischer Söhne erworben wurde, Reichtümer anzuhäufen, mit denen sie dann dem Lande den Rücken kehren. Der „Scuth African Jewish Chronicle" weist dem gegenüber darauf hin, daß die Juden nicht nur als Exploiteure nach Südafrika kommen, daß es unter ihnen vielmehr eine große Anzahl Pioniere gibt, die unter großen Opfern und Mühen überaus wichtige Kulturarbeit vollbringen. Insbesondere ruffische Juden haben sich als Ackerbauer in den entlegensten und verlassensten Gebieten außerordentlich bewährt, wofür die vielen von ihnen ins Leben gerufenen Farmen das beste Zeugnis ablegen. Uermiscbtes. Frankfurt a. M., 25. Jan. In der Poliklinik der „Vereins Lemaan Zion" zu Jerusalem wurden im Dezember 1908 3330 Angenkranke und 882 diverse Kranke behandelt. Die Apotheke verfertigte 1376 Rezepte. Hamburg, 19. Januar. Die Einweihungsseier des Heims für jüdische 'Mädchen fand am Sonntag mittag unter Beteiligung weiter Kreise statt. In überraschend kurzer Zeit hatte der Vorstand der neuen Institution ein in der Bogenstraße gelegenes Haus für die Zwecke des Heims eingerichtet. Eine Anzahl von Ehrengästen, Freunden^ und Gönnern des Unternehmens hatte sich zu der* Einweihungsfeier in den Parterreräumen des Hauses versammelt, darunter die Herren Oberrabbnier" M. Hirsch, Rabbiner Dr. A. Rodel, Vertreter des Gemeindevarstandes und der verschiedenen Vereine. Eingeleitet wurde die Feier mit dem Largo von Händel, hierauf sprach Frl. R. Goldschmidt den Festgruß in poetischer Form. Die Weiherede hielt Oberrabbiner M. Hirsch, der den Segen des Heims nicht nur in sozialer, sondern auch in religiöser Beziehung schilderte. Die Errichtung einer Der Israelit. solchen Heimstätte für Mädchen, die die Wohltat des Elternhauses entbehren müssen, sei van größter Wichtigteil ,und Bedeutung. Tie Gemeinde habe mit diesem Hanse heute eine Institution erhalten, deren Fördrrnnu und llnterüützuna geboten sei. Die Vorsitzende des Heims, Frl. Sidonie Werner, verbreitete sich oann noch über die Ziele und Zwecke des Hauses. Das Heim soll nicht arbeitslosen, sondern im Erwerbsleben stehenden Mädchen, die ihrer Eltern beraubt sind, ein schützendes Familienheim bereiten. Aber allch Mädchen, die ans der Fremde nach Hamburg kommen, die oaS Leben der Großstadt nicht kennen, die sollen in diesem Hause Aufnahme sindeir. Bisher konnten 12 Mädchen Aufnahme finden. Mit herzlichen Worten wurde hierauf von der Vorsitzenden die Hausmutter, Frl. Henschel, in ihr Amt eingeführt. Es sprachen sodann noch die Vorsitzenden verschiedener humanitärer Vereine. Rach beendeter Feier fand unter Führung der Vorstandsdamen eine Besichtigung des Hauses statt. Im Souterrain befinden sich die Küche und die Vorratsräume, im Parterre die geräumigen Speise- und Unterhaltengssäle, während sich in den abener Geschossen .die Zimmer resp. Schlafräume der jungen Mädchen befinden. Alle Räume sind licht und hell, die Einrichtung ist praktisch und schön und entspricht namentlich bei bett Schlasizmmern allen Anforderungen der modernen Hygiene. Es herrschte auch namentlich bei der Damenwelt nur eine Stimme des Lobes und der Anerkennung. Den Bewohnerinnen steht auch eine Bibliothek zur Verfügung. Tie schöne Einrichtung des Hauses ist namentlich durch Zuwendungen von Geschenken ermöglicht worden. Der Vorstand des Helms setzt sich ans 20 Damen zusammen, denen noch .Helferinnen zur Seite stehen. Hamburg, 17. Januar. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen in der israelitischen Gemeindeschule nimmt rapide ab, weil die meisten jüdischen Kinder die höheren städtischen Schuten besuchen, Tie Zahl der Lehrkräfte an dieser Schule ist nun ao:r eine so große, daß sie zu der Zahl der Schüler and Schülerinnen im Mißverhältnis stehen. Ta die Lasten, die hieraus der Gemeinde erwachsen, unerschwinglich sind, hat sie sich mit einer Eingabe an die Regierung gewandt und gebeten, man möge eine Anzahl Lehrkräfte anderweitig unterbringen. Stuttgart, 20. Januar. Vor dem hiesigen Schöffengericht wurde am letzten Sonnabend ein Beleioigangsprozeß des Sekretärs des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes Thomas- Berlin gegen den verantwortlichen Redakteur der „Schw. Tagwacht", Genossen W e st m e y e r, verhandelt. Die „Tagwacht" hatte das antisemitische Auftreten Thomas' und seiner Getreuen in einer Versammlung während der letzten Kausmannsgerichtswahl aufs schärfste kritisiert, jjic Versammlung war einberusen vom Verein Deutscher Kausleute. ^Turch die Deutschnationalen wurden unglaubliche 'Skandalszenen herausbeschworen. Thomas erging sich in den schwersten persönlichen Beleidigungen der Gegner, namentlich der Juden. Tie Zeugen erklärten, solch einer Versammlung noch nicht beigewohnt zu haben. Die Schuld treffe die Deutschnationalen und insbesondere den Herrn Thomas. Ter Verteidiger gab ein Charakterbild des Thomas^ das für letzteren wenig schmeichelhaft war. Der Beweis dafür, daß Thomas mit Verleumdungen arbeite, sei voll erbracht, auch daß er seine Diskussionsrede mit einer Gemeinheit begonnen und mit einer solchen geschlossen 'habe. Das Gericht erkannte wegen einiger allzustarter Ausdrücke des Artikels aus 40 Mk. Geldstrafe und Publikation des Urteils. Das Urteil wird Herrn Thomas wenig befriedigen. Dresden, 20. Januar. Ter kürzlich verstorbene Konlmerzienrat Max Arnhold vom Bankhaus Ge» brüder Arnhold vermachte seinen Angestellten insgesamt 120,000 Mk., dem Arnholdschen Pensionsverein und der israelitischen Gemeinde als soziale Stiftung je 100,000 Mk. Budapest, 20. Januar. Die Frage ob die Enterbung wegen Religionswechsels gestittet ist, hat dieser Tage das Budapester oberste Gericht beschäftigt. Im Jahre 189! trat dahier die Tochter eines Juden zur christlichen Religion über und wurde die Gattin eines Christen. Elf Jah^e später errichtete der Vater ein Testament, in welchen! er seine getaufte Tochter vollständig enterbte. Die Tochter focht diese letztwillige Verfügung an, doch wurde sie von den beiden ersten Instanzen mit ihrem Begehren abgewiesen. Die kön. Kurte änderte dieser Tage das Urteil der beiden unteren Instanzen ab und erklärte die Verfügung des Testamentes für rechts ungültig. In der B grünoung dieses Urteils wird hervorgehoben, daß der Uekertrirr der Klägerin von der jüdischen zur christlichen Religion und ihre Eheschließung mit einem Christen nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen und nach der gerichtlichen Praxis nicht als rechtmäßiger Grund zur Enterbung angenommen werden könne, da im Jahre 1893 der Religtoneunterfchied zwischen Juden und Christen ein gesetzliches Hindernis bildete, so taß der Uebertritt eine Grundbedingung für das Zustandekommen einer gesetzlichen Ehe war. Es ist öegretflich, daß sich die Testamentvollstrecker mit diesem sonderbaren Urteil und noch sonderbareren Begründung nicht zufrieden gaben und Berufung etntegten. Minsk, 21. Januar. Einen wahrhaften Geniestreich hat sich der Herr Generalgouverneur von Moskau geleistet. Tie Schülerinnen oes hiesigen Mädchen- 28 Januar 19C9 Gymnasiums hatten in den Weihnachtsserien beschlossen, einen Ansslug nach Moskau zu unternehmen, um die Sehenswürdigkeiten der alten Kremelstadt kennen zu lernen. Tie Kösserchen waren gepackt und das junge Volk freute sich unbändig aus die Fahrt, an der auch der Direktor der Anstalt und einige .Klassendamen teilnehmen wollten. Am Tage vor" der festgesetzten Abreise telegraphierte der Direktor an den Generalgouverneur von Moskau, Hörschelmann, meldete ihn den Besuch der Ausflügler und bat um seine Fürsorge bei der Besichtignng der Sehenswürdigieiterk. Antwort des Generäl traf sehr schnell eilt: er sähe mit Vergnügen dem BesuA der russischen Schülerinnen entgegen, tönnen aber unmöglich zulassen, daß auch Jüdinnen nach Moskau kämen. Als dies den Schülerinnen mitgeteilt wurde, beschlossen' sie sofort, die geplante Reise aufHngeben. Wohl baten die jüdischen Schülerinnen ihre christlichen Freundinnen allein zu fahren, diese lehnten es aber entschieden ab und so blieb Moskau von der fürchterlichen Gefahr verschont. Uerein$wt$en. Frankfurt a. M., 25. Januar. Der Verein „Mekor Ehajim" hielt am letzten Sonntag seine Genera versammlung nb. Der vom Vorstand erstattete Bericht für 1907/08 konstatiert zunächst einen frischen Zug und energiichen Betätigungsdrang in den Reihen der Gejetzestreuen, der fich auch im Wirkungskreise des Vereines wohltuend geltend machte. Der Besuch der Borträ.e, besonders der iOttJ' war ein guter. Auch die Borträge, die allsabbathlich nach dem Gottesdienste in der Synagoge Friedberger Anlage unter Leitung des Herrn Rektor Falk imttfinden, erfreuten sich groß»r Beliebtheit und guten Besuches. Weniger benutzt wurde der N2VE°Kursus, der iui Sommer je einmal in der Woche durch einen ‘TJKÖH fTVÜÖ ersitzt wurde. Der Bericht spricht auch ferner den Dank der Mitglieder an die Herren Julius Hirsch und Prof. Wehl aus für ihre Borträge aus E'X'2)- Beide Dozenten verstanden es, durch die fesselnde Art, in der sie sich ihrer Aufgabe entledigten, dem Vereine und seinen Mitgliedern wertvolle Dienste zu leisten. Der Elementarkursus, den im l.tzten Winter Herr Etnstädter in bewahrter Weise geleitet hatte, mußte im Sommer aus verschiedenen Gründen ausfallen, ist aber diesen Winter wieder ausgenommen worden und wird von Mitgliedern des Vorstandes, die die Jugend in ET“7 tPttin usw. unterweisen, geleitet. Der'größten Beliebtheit und Popularität erfreuten sich aber die s$ottTäfle, die allsabbathlich Nachmittags zumeist von Mitgliedern abgehalten werden. Diese Bortrüge waren immer von einer großen Scharlernbegieriger Mitglieder besucht. Ein Vortragszyklus des Herrn Dr. Raphael Breuer hatte jedesmal ein so zahlreiches Publikum herbetgelockt, daß ein größerer Saal erforderlich wurde. Mit herzlichen Dankee Worten an alle Mitglieder, Gönner und Förderer schließt der Verein feinen Bericht, indem er noch die Hoffnung ausspricht, mit sit cher Kraft seine Lehrtätigkeit auch im laufenden Jahre entfalten zu können. Frankfurt a. M, 25. Jan. Der bei der am 24. d. M. statt gefundenen Generalversammlung erstattete Bericht des „Bereinigung zurPflegejüdtscher Lebensanschauung fiSni" für dasVe.etnsjahr 1907/1908 beginnt mit Dankesworten an den zu Anfang des Bereinsja.-res aus dem Borstande ausgeschiedenen ersten Vorsitzenden, Herrn Jacob Rojenheim, sowie an die anderen ausgeschtedenen Vorstandsmitglieder, die Herren Jacob Besthoff, Marcus Hirsch, Louis Kahn, MaxtmilanMtchel und Hugo Rothschild. Dem vielfachen Wunsche entspre^end, die ausschetdenhen Mitglieder durch jüngere Kräfte zu ersetzen, wurden in den Borstand* gewählt: die Herren' Heinrich Eisemann, Lazarus Horwitz, Gustav Kaufmann, Julius Lewin und Isidor Wohlfahrt. Das Arbeitspensum war im Berichtsjahre ein sehr reichhaltiges. Die Referate wurden zumeist von jugendlichen Mitgliedern unter Leitung von Dozenten gehalten. Spezialvorträge außerhalb des eigentlichen Programms wurden gehalten: von Herrn Rabbiner Dr. Kor tek-Hamburg über „Don Jsak Abarbauel", Herrn Prov.-Raob Dr. Hirschseld-Greßen über „Den jüngsten Papyrusfund auf Elephantine", Herrn Leo Munk-Köln über „Schillers drei Worte des Glaubens im Lichte jüdischer Lebensanschauung" Ferner hat die Bereinigung wohlgelungene Chanuckah- und Purim-Unterüalmngsa. ende veranstaltet. Der Lektüreen- Kursus nahm zehn Abende in Anspruch. Neben den Vereinsabenden am Mittwoch jeder Woche wurde auch ein Kursus für Lektüre der Neunzehn Briefe unter Leitung des Herrn Dr. I.H. Bondi mit bestem Erfolge abgehahten. Der Bericht erwähnt noch die von der Bereinigung am 21. Juni 1908 veranstaltete Feier zum hundertjährigen Geburtstage S. R. Hirschs, y'^T deren glänzender Verlauf noch in Aller Erinnerung lst, und dir Gründung des Jüdischen Frauenvereins, und schließt mit dem Wunsche, daß die Leistungen der Bereinigung fich immer mehr auegestaiten mögen zum Heile der jüdischen Gesamtheit. Frankfurt a. M., 25. Jan. Die „Bereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit' lud für den vergangenen Sonntag zu einem Rudolf Presber-Abend ein, drffen Ertrag für die Opfer der Katastrophe in Süditalien bestimmt war.