Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1909)
- Date
- 1909-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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28 Januar Der JSraeUr Sette 9. No. 4 verwickelt. Auch die antisemitische Gesinnung der meisten Polizeiorgane, die die Zensuren für die politische „Zuverlässigkeit" erteilen, erhält hier ein neues großes Feld der Betätigung. Denn die Polizei kann dieses alte Recht jetzt natürlich doppelt zum Schaden der Juden gebrauchen oder richtiger mißbrauchen. Es ist also sehr möglich, ja sogar wahrscheinlich) daß in nächster Zukunft noch mehr Juden als bisher bei der Militärstellung zu der von ihnen erforderten Rekrutenanzahl fehlen werden, was natürlich dann wieder den Judenfeinden willkommenes Material für den „Beweis" bieten wird daß die Juden sich vom Militärdienst zu drücken versuchen. IfrattJtreidj. Paris, 12. Januar. Vorige Woche fanden in Paris die Ersatzwahlen in den Senat statt. Seit dem Tode David Raynals gab es blos drei jüdische Senatoren und zwar Paul Strauß (Seine) Eduard Millaud (Rhone) und Fernand Cr4mieux (Gard). Die zwei ersten standen nun zur Wiederwahl und wurden auch mit bedeutenden Majorität wiedergewählt. Nun wurde auch M- Ferdinand Dreyfus zum Senator für Seine-et-Oise gewählt, so daß jetzt vier Juden im ftanzösischen Oberhause sitzen. Der neue Senator Dreyfus, ein gewesener Deputirter, ist einer der Führer der Demokratisch-Republikanischen Alliance und der Education Ligue. Der wiedergewählte Senator Millaud zählt zu den ältesten und verläßlichsten Säulen der republikanischen Partei, deren Vorkämpfer er schon zur Zeit des Empire gewesen. Seit dem Jahre 1871 wurde er wiederholt in die Nationalversammlung gewählt. Dem Senate gehört er seit dem Jahre 1880 an, woselbst er ununterbrochen den Bezirk Rhone vertritt. In zwei aufeinanderfolgenden Kabinetten war Millaud Minister für öffentliche Arbeiten und ist gegenwärtig Vizepräsident des Finanzkomitees für das Budget 1909 im Senate. M. Paul Strauß ist erst nach langem und heftigem Wahlkampfe wiedergewählt worden. Nicht weniger als 53 Kandidaten haben sich um die zehn Senatssitze, die Paris zu vergeben hatte, beworben. Mr. Strauß erhielt um 50 Stimmen mehr, als der gleichfalls gewählte Ex-Kriegsminister Freycinet. Im Parlamente, dem er seit 1897 angehört, widmete Strauß seine Kräfte hauptsächlich der sozialen Fürsorge und seine Reden und Arbeiten aus diesem von ihm vollkommen beherrschten Gebiete, haben stets allseitige Anerkennung gefunden. Als Vertreter jüdischer oder gar religiöser Interessen werden diese jüdische Deputierten von keiner Seite* angesehen. Denn leider gehören sie alle zu den Kreisen der französischen Judenheit, die jüdische Jntereffen überhaupt nicht mehr kennt. Italiett. Jiidifdie Opfer der Kafaffrophe. Rom, 20. Januar. Auf Anfragen von verschiedenen Seiten bestätigt Herr Rabbiner Dr. Margulies, Florenz, die bereits bekannte Tatsache, daß es weder in Calabrien noch in Sizilien jüdische Gemeinden gibt. Einzelne jüdische Familien gibt es auch dort in jeder größeren Stadt, aber ihm, dem Herrn Dr. Margulies, ist keine bekannt, die in dem von dem Erdbeben betroffenen Landstrich gewohnt hätte. Der Rabbiner von Neapel hat in den dortigen Spitälern bis jetzt zwei jüdische Verwundete entdeckt, ein junges Mädchen aus Modena und einen Herrn aus Mantua. Das ist alles, was sich bis jetzt an jüdischen Opfern der Katastrophe ausfindig machen ließ. Unter den Flüchtlingen, die in Rom eingetroffen sind, befindet sich auch eine Familie Levy, bestehend aus Mutter (Witwe), zwei Töchtern und einem Sohne, welcher als Gymnasiallehrer in Messina wirkte. Die Familie verlor ihr Haus und ihre ganze Habe. Als das Schrecken hereinbrach gelang es der Familie, ihr nacktes Leben zu retten und sich mit noch einem verlassenen Knaben, dem Reste einer umgekommenen Familie, den sie liebevoll ausnahm, sich nach Neapel zu retten. Bon dort kamen die fünf Personen hierher, wo ihnen von Verwandten der Familie Levy die erste Hilfe zuteil wurde. Rumänien. Bukarest, 15. Jan. Wie Ihnen bereits durch die Tages-Zeitungen bekannt sein dürfte hat der langjährige Führer der jetzt am Ruder befindlichen sogenannten nationalliberalen Partei, Herr Demeter Sturdza, infolge hohen Alters demissioniert. An seiner Stelle ist der bisherige Minister des Innern, Jonef Bratianu, zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Sind auch alle anderen „Liberalen" in Rumänien bekanntlich krasse Judenfeinde, so beginnt mit Herrn Bratianu, nach seiner bisherigen Stellungnahme zu den Juden zu schließen, jedenfalls für die Juden nicht das goldene Zeitalter in Rumänien! Die jüdischen Schankwirte Jassys sind nunmehr zu je 150 Frs. Strafe verurteilt worden, weil sie, wie wir seinerzeit berichteten, es gewagt hatten, gegen ihren Verleumder, einen Chemiker, Klage zu erheben. gttlgavien* Sofia, 20. Januar. Zum ersten Mal seit Bestehen des bulgarischen Parlaments, wurde in diesem kürzlich ein Angriff gegen die Juden gerichtet. Während der Debatte über das neue Unterrichtsgesetz stellte derAbgeordnete vr.Kalenkow, ein sogenannter „Demokrat" und Vertreter einer großen Zahl jüdischer Wähler, die Forderung auf, daß keine jüdischen Lehrer in bulgarischen Schulen angrstellt werden sollten. Allerdings war cs ihm nicht möglich, seine Ausführungen zu beendigen, da er vom Minister Muschtnow mit der Bemerkung unterbrochen wurde: „Die bulgarischen Juden sind unsere Mitbürger, deren Rechte nicht geschmälert werden dürfen." Das hier erscheinende jüdische Blatt widmet dieser Angelegenheit einen Leitartikel und bezeichnet die Tatsache, daß dieser Angriff von einem demokratischen Abgeordneten unter einem demokratischen Ministerium geschah, als böses Omen für die Zukunft der Juden in Bulgarien. Großrabbiner Or. Ehrenpris schrieb unverzüglich einen Brief an den Abgeordneten, worin er gegen dessen Forderung heftigen Protest erhob und sie als eine flagrante Verletzung der Rechte der bulgarischen Juden bezeichnete. Türkei. Konstantinopel, 25. Januar. DieChacham Baschi-Wahl hat gestern stattgesunden und endete, wie nicht anders zu erwarten, mit der Wahl Haim Nahoums zum Großrabbiner der Türkei. In der abgelaufenen Woche hatte der Waad gischmani an die größten Gemeinden des Landes, deren Delegierte überhaupt noch nicht eingetroffen waren, ein Telegramm gerichtet, wonach die Wahl jetzt nicht mehr aufgeschoben werden könne und diejenigen Gemeinden, deren Delegierte bis Sonntag noch nicht angelangt seien, ihres Wahlrechtes verlustig gingen. Nachdem man die Ansetzung des Wahltermines monatelang aus den nichtigsten Gründen und zu den durchsichtigsten Zwecken immer wieder hinausgeschoben hatte, war dieser Schritt natürlich durchaus ungesetzlichdenn er beraubte die durch das Wahlverfahren ohnedies schon genügend herabgedrückten Gemeinden des Landes überhaupt ihrer Rechte. So sind denn eine große Zahl von Wahlprotesten eingelaufen, insbesondere hat das Großrabbinat und der Gemeindevorstand von Saloniki, der zweitgrößten Gemeinde des Landes, und von Adrianopel beim Kultusminister in scharfen Worten gegen die Wahl Verwahrung eingelegt. Da auch hierzulande und auch unter dem neuen Regime Macht vor Recht geht, und sich die notwendigen Rechtsformen immer finden, um die Entschließungen der Machthaber mit der notwendigen legalen Dekoration zu versehen, so dürfte dieser Protest höchstwahrscheinlich keinen Erfolg hüben. Es wird jetzt abzuwarten sein, wie sich Haim Nahoum seinen bisherigen Brotgebern, der Alliance Jsraelite Universelle, gegenüberstellen wird und ob sich die Befürchtungen sofort verwirklichen werden, die man in allen jüdisch empfindenden Kreisen an seinen Amtsantritt knüpft. UaLästtna. Jaffa, 15. Januar. Bekanntlich wurde infolge des für die Juden geltenden Einwanderungsverbotes nach Palästina den jüdischen Ankömmlingen der Reisepaß abgenommen und ein roter Schein eingehändigt. Es sollte damit bekundet werden, daß der Inhaber dieses Scheinenicht länger als drei Monate im Lande zu wellen berechtigt sei: wiewohl dies lediglich eine Formalität war und in der Tat niemals ein Versuch gemacht wurde, die Inhaber des rote» Aufenthaltsscheines zunt Verlassen des Landeaufzufordern, wurde doch diese Behandlung der Juden als eine Ehrenkränkung schwer empfunden. Insbesondere war es ganz unverständlich, daß, als der Paßzwang überall in der Türkei ohne besondere Verordnung seine Geltung verlor und man in den nahe gelegenen Häfen Beirut und Haifa bereits ohne jede Kontrolle ein- und ausfahren konnte, in Jaffa dennoch alles beim alten blieb, und die jüdischen Fremden weiter den roten Zettel einstecken mußten. Aus eine diesbezügliche Vorstellung beim Jerusalemer Gouverneur Soubhi Bey erklärte dieser, daß auch er durchaus gegen die Wegnahme der Pässe bei jüdischen Einwanderern sei, und daß er die zuständigen Beamten bereitaufgefordert habe, diese Praxis in Zukunft eiuzustellen. Auch bereite er einen ausführlichen Bericht über diese Angelegenheit an die Zentralregierung vor und werde die Aufhebung dieser Verordnung beantragen.— Der Pascha stellte bei dieser Gelegenheit ausdrücklich fest, daß die Behauptung, er wäre der jüdischen Einwanderung und Ansiedlung in Palästina abgeneigt, durchaus unzutreffend sei, und berief sich auf das Zeugnis der jüdischen Abgeordneten Caraffo Effendi, Nissim Effendi Masliah und des jüdischen Senators Behor Effendi Aschkenazi, die seine guten Bekannten seien und bezeugen können, daß er den Juden durchaus freundlich gesinnt sei. Amerika. New-Aork, 8. Januar. Im „Jewish Comment" sind folgende bemerkens- und beherzigenswerte Worte zu lesen : „Die Tragödie denach Amerika kommenden jungen Einwanderermuß noch geschrieben werden. Die Zahl der Jünglinge und Mädchen, die allein von Rußland gekommen sind, um sich hier eine Stellung zu erringen und nachher den Rest ihrer Familie Nachkommen zu lassen, übersteigt die Schätzung auch derjenigen, die immerhin einige Erfahrung in Einwanderungsangelegenheiten besitzen. Leute, die sich um das Schicksal der jungen Mädchen kümmern, sind oft überrascht, in den großen Städten alleinstehende junge Mädchen zu finden, die sich abmühen, sich eine Existenz zu verschaffen, und deren Eltern noch in der alten Heimat wohnen. Manchmal findet man sogar weiche, die überhaupt keine näheren Verwandten besitzen und weder hier noch dort irgendwelchen Anhang haben. In ähnlicher Weise, nur noch in größerem Umfange, findet man unter den jungen Männern eine große Anzahl, die als Avantgarde herübergeschickt worden sind. Jeder Unterstützungsverein weiß, wie viele junge Juden umherwandern, ohne Freunde und Verwandte auf dieser Seite des Atlantischen Ozeans, von einem Orte zum andern ziehen, hiflos und hoffnungslos, und die Hospitäler und die Heilstätten für Lungenkranke wissen dieselbe Mär zu erzählen, Viele, die zum goldenen Amerika gekommen sind, um hier zu Wohlstand zu gelangen, finden hier Not, Krankheit und oft elenden Tod. Jüngst erschien auf dem