Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1909)
- Date
- 1909-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449357--65242-2507870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
28. Januar 1909. Der Israelit. Str. 4. Seite 7. ausgesucht harte. Sie hatte mit Veröffentlichung eines die Ehre jenes Grafen beschimpfenden Artikels gedroht, falls er nicht eine bestimmte Summe bezahle. Der Bedrohte war klug genug, zwei Kriminalkommissare zu ungesehenen Zeugen des Erpressungsversuches der Frau zu machen, die darauf sofort verhaftet wurde und ihren Mitschuldigen ohne weiteres angab, sodaß auch er verhaftet werden konnte. Der Untersuchungsrichter setzte den Journalisten wieder auf freien Fuß, da er ihn nicht für fluchtverdächtig hielt. Die Staatsanwaltschaft beschwerte sich darüber und das Gericht erließ einen neuen Haftbefehl, auf Grund dessen der Mann verhaftet wurde. Das antisemitische Blatt, um das es sich hier handelt, ist die „Wahrheit" des Abg. Bruhn, der verhaftete Mitarbeiter heißt Hermann Dahsel. Ueber die Person des Herrn Dahfel gibt die „Liberale Korrespondenz" folgende Auskunft: „Mit dem wegen Erpressung verhaft-tsn Journalisten Dahsel dürfte, wohl endgültig, ein Mann von der Oberfläche des öffentlichen Lebens verschwinden, der jahrelang eine mehr geheim wirkende, aber um so gefährlichere Tätigkeit im antisemitischen Parteilager getrieben hat. Bei all den großen antisemitischen Asfairen der neunziger Jahre, den Prozessen des unglücklichen Karl Paasch und Erwin Bauer, den Affairen Normann-Schumann und Leckert-Lützvw wirkte Dahsel mehr oder minder aktiv hinter den Kulissen mit. In der antisemitischen Presse wird er als Kenner aller möglichen intimen Verhältnisse auf politischem Gebiet als Mitarbeiter sehr geschätzt. Sein Schassen blieb im übrigen vielfach in Dunkel gehüllt. Wenn dermaleinst die Geheimgejchichte der antisemitischen Bewegung, eine Geschichte der schlimmsten Jntriguen und Ränke, geschrieben werden sollte, so würde der Name Dahsel sehr^ häufig in unheilvoller Beleuchtung darin Vorkommen." So sieht der „Mitarbeiter" des Abg. Bruhn aus, der früher in der „Staatsbürger-Ztg." und in der „Wahrheit" für Recht, Sitte und Anstaüd eingetreten ist und über die Unmoral der Juden zu Gericht gesessen hat. Hambu r g, 21. Jan. Das Repräsentanten- Kollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt im Gemeindebureau eine Sitzung unter dem Borsitz des Herrn Jakob Alexander ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung verlas der Vorsitzende ein Schreiben des Gemeindevorstandes, in dem dieser auf die in voriger Sitzung des Kollegiums gestellte Anfrage mitteilt, da, der Haushaltungsunterricht in der Israelitischen Töchterschule, Karolinenstraße, erst zu Beginn des kommenden Winterhalbjahres eingeführt werden kann, da der zu diesem Zweck erforderliche Umbau erst während der diesjährigen Sommerferien vorgenommen wird, um eine Störung des Unterrichts zu vermeiden. Sodann wurde zunächst die Bureauwahl für das Jahr 1909 vorgenommen und die Herren Jakob Alexander und Gustav Tuch einstimmig zu Vorvorr Newyork 17,383 jüdrsche Männer, 16,04«; Frauen, H,743 Kinder, zusammen 45,172 Personen eingewandert. Bon diesen wallten 32,991 in Newyork bleiben, 12,181 einen anderen Platz aufsuchen. Aus Rußland stammten von den Einwanderern 33,578, aus Oesterreich-Ungarn 8892, uns Rumänien 2021, aus Englang 453, aus der Türkei 261, aus Deutschland 13«>, aus Holland 12, aas Frankreich 9, aus Spanien aus Schweden 4, aus Belgien 3, aus Bulgarien 2, aus Finnland, Griechenland, Italien je 1. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer während des Jahres 1907 betrug 106,968. Tie Einwanderung ist 'omit um 57,8 Prozent zurückgegangen. Tie Zahlen der jüdischen Einwanderung für den Dezencber 1908 waren: 1551 Männer, 1558 Frauen, 991 Kinder, zusammen 3900 Personen, von denen 2856 in Newyork blieben, 944 weiterzogen, 2563 .aus Rußland, 1029 aus Oesterreich-Ungarn, 209 aus Rumänien, 4 laus England, 11 aus Deutschland, 43 aus der Türkei, 1 aus Holland stammten. Tie Dezembereinwanderung im Jahre 1907 umsaßt 8108 Personen, sodaß der Rückgang für den Dezember fast genau dem Rückgang während des ganzen Jahres 1908' entsprach. fitzenden wiedergewählt, während die Herren Dr. t. Samson und D. Münden wiederum zu chriftführern ernannt wurden. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung, Beratung eines Regulativs verlas der .Vorsitzende ein sehr umfangreiches Schreiben. Aus diesem ist zunächst hervorzuheben, daß der Gemeindevorstand sich mit der Einsetzung einer gemischten Kommission zur Beratung des Regulativs für die neugegründete Wohlfahrtskommission einverstanden erklärt und seinerseits die Herren Dr. Max Cohen und Alfred Levy zn Mitgliedern bestimmt hat. Vom Repräsentanten-Kollegium wurden die Herren D. Münden, Dr. H. C. Plaut und Gustav Tuch in diese Kommission delegiert. Mit der vom Repräsentanten-Kollegium gewünschten Ein etzung einer gemischten Kommission zur Erbauung eines eigenen Gemeindehauses ist der Vorstand ebenfalls einverstanden und hat seinerzeits die Herren M. Beith und Alfred Levy in diese Kommission gewählt. Das Repräsentanten-Kollegium beschloß, aus seiner Mitte die Herren Alexander Levy, Dr. H- Samson und Sigismund Weil in diese Kommission zn entsenden. In Bezug auf die in voriger Sitzung nur für drei Monate bewilligte Position 8 a und i» des Budgets, Begräbniswesen betreffend, wies der Gemeindevorstand in seinem Schreiben darauf hin, daß diese Posten nur die Vergütung an die Finanzkommission der Beerdigungs-Brüderschaft der Gemeinde für etwaige unentgeltlich auszuführende Bestattungen, sowie die festen Ge hälter für die Beaufsichtigung der Begräbnisplätze enthalten. Der Gemeindevorstand ersucht daher um Wiederherstellung dieser Posilion. Nach einer längeren Debatte wurde ein diesbezüglicher Antrag des Herrn Alexander Levy angenommen. Betreffs der von verschiedenen Seiten geäußerten Ansicht, gemeinsam mit den übrigen jüdischen Institutionen besondere Bibliotheksräume zu schaffen zur Aufstellung einer gemeinsamen Bibliothek und diese den Gemeindemitgliedern zur Benutzung zugängig zu machen, war der Gemeindevorstand der Ansicht, daß die Verwirklichung dieses Planes wegen der zu hohen Kosten unmöglich sei. Herr Tuch sprach seine Verwunderung über diesen ablehnenden Bescheid aus, da in der Sitzung der Bibliothekskommission die Kommissare ihr volles Einverständnis zu diesem Plan erklärten und auch mit der etwaigen Anstellung eines Kommissars einv.rstanden waren. Nach längerer Debatte wurde folgender Antrag des Herrn Dr. Samson angenommen: Das Repräsentanten-Kollegium beschließt, den die Bibliothek betreffenden Teil der Antwort des Gemeinbevorstandes vom 5. d. nicht zur Kenntnis zu nehmen, um zunächst einen Bericht der für die Errichtung der Bibliothek eingesetzten Kommission entgegenzunehmen. Schließlich wurde auf Am rag des Herrn Alexander Levy beschlossen, de» Gemeindevorstand zu ersuchen, die Bedingungen der seiner Aufsicht unterstellten milden Stiftungen protokollarisch sestlegen zu lassen. In der sich daran anschließennen gemeinschaftlichen Sitzung wurden die statutengemäß ausscheidenden Herren Levin Lion und M. Beith einstimmig zu Mitgliedern des Gemeindevorstandes wiedergewählt. Breslau, 16. Januar. Eine Schächtdebatte heraufzubeschwören bemühte sich heute vergebens der Stadtverordnete Stein in der Stadtverordneten-Bersammlung. Bei dem Magiftratsantrage auf Schaffung einer 5. Assistenztierarztstelle des Schlachthofes, die glatt bewilligt wurde, brachte Herr Elsenbahnsekretär Stein das auf dem Breslauer Schlachthofe übliche „Schlachten ohne vorherige Betäubung" zur Sprache, wobei sich Unruhe bei einem Teile der linken Seite des Hauses zeigte und verschiedene Herren von ihren Plätzen aufsprangen. Herr Stein wünschte, daß der Magistrat baldmöglichst eine Vorlage einbringen sollte, dahingehend, daß auf dem Breslauer Schlachtviehhofe nur nach vorheriger Betäubung geschlachtet werden dürfe. Der Redner erging sich in den bekannten, grundlosen Anklagen und wies zuletzt auf das Königreich Sachsen hin. Damit überreichte Stadtverordneter Stein einen entsprechenden Antrag. Der Vorsteher des Stadtverordnetenkollegiums erklärte unter Hinweis auf die Geschäftsordnung, daß er den Antrag nicht für diskutabel halte, weil er nicht im engen Zusammenhänge mit dem vorliegenden Magistratsantrage stehe. Wenn der Antragsteller ihn als besonderen Antrag einbringen wolle, dann bedürfte er der Unterschrift einer größeren Anzahl Stadtverordneter. Als der Stadtverordnete Stein versuchte, seine gegenteilige Meinung über die Zulässigkeit des Antrages darzulegen, wurde ihm das Wort entzogen, mit dem Bemerken, daß den einzelnen Herren keine Kritik über die Auffassung des Vorstehers zustehe Die „Brest. Ztg." meint, daß Herrn Stein, der nur noch solange seinen Sitz innehat, bis die angefochtene Wahl des in seinem Bezirke gewählten Herr«, Simon bestätigt wird, nur daran gelegen war, vor seinem Scheiden sich noch einen Abgang mit Brillantseuerwerk zu sichern. Sie schreibt u. a.: „Es kam aber anderses war weder brillant, noch Feuerwerk. Er beantragte nämlich ein kleines S.i ächtverbot für Breslau, und wollte gerade mit den sattsam bekannten antisemitischen Schlagwörtern über die barbarischen Greuel der Schächtung paradieren, als' ihm vom Vorsitzenden unter dem Hinweis auf die Geschäftsordnung das Wort abgeschnitten wurde, da sein Antrag in keinem Zusammenhang mit der Vorlage stehe. Der Vorsitzende mußte schließlich sehr deutlich werden, um iyn zur Respektierung der Geschäftsordnung zu veranlassen. So zog Herr Srein blamiert ab unter allgemeinem Gelächter, in das selbst seine Parteifreunde und Gesinnungsgenossen einstimmten. Herr Stein wird auf einen anderen guten Abgang sinnen müssen". Siegen, 25. Jan. Der Wahlkreis Sie gen - Wittgenstein-Biedenkopf, der seit 1888, mit Ausnahme einer einzigen Legislaturperiode, von Stöcker vertreten worden war und von den Christlich - Sozialen als sicherer Besitzstand gehalten wurde, ist nun den letzteren trotz der verzweifelten Anstrengung und wüsten Agitation verloren gegangen. Die Stichwahl am 22. d. Mts. endete mit dem vollen Erfolge der Nationalliberalen, deren Kandidat Vogel mit 17928 Stimmen gegen 15099, die aus den christlich sozialen Kandidaten Mumm sielen, gewählt wurde. Die Beteiligung war um rund 2000 Stimmen stärker als bei der Hauptwahl, und weit überwiegend sind die Stimmen aus den anderen Parteilagern dem nationalliberalen Kandidaten zugefallen, nachdem auch das Zentrum seinen Anhängern die Wahl freigegeben hatte. So wur^e mit vereinter Kraft ein Wahlsieg der Stöcker-Partei verhindert. In Biedenkopf wurde die Niederlage Mumms von der Bevölkerung jubelnd begrüßt und durch Freudenfeuer und Böllerschüsse gefeiert. Vom Zentrum stimmte die Hälfte für Mumm, die Hälfte für Vogel. Die freisinnigen Stimmen gingen selbst in den entlegentsten Landorten geschloffen aus Vogel über. So wirkt der Wahlausgang wi» »in Bolksgericht gegen die Christlich-Sozialen, die in ihrer Ueberhebung geglaubt hatten, die politischen Gegner und ganze Berufsstände auf das maßloseste beschimpfen zu können. 0efievveitlf. Der roirtschattliche Boykott gegen 9le Juden- Wien, 15. Jan. In der am II. d. M. stattgehabten Plenarversammlung der „Oesterr -Jsr. Union" sprach Herr Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Rudolf Schwarz-Hiller über dieses durch den jüngsten Erlaß des Ministerpräsidenten aktuell gewordene Thema. Der Vortragende schilderte einleitend die historische Entwicklung des Boykotts und gab in großen Zügen eine wissenschaftliche - Einteilung dieses gefährlichsten aller modernen wirtschaftlichen