Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1909)
- Date
- 1909-01-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 4 Der 2?. I nuar. Seite 5 Weise vorhanden wäre> dann hätten davon schon deutlichere Spuren sich zeigen müssen, als die ca. 8000 Mk. des Jahresbudgets im Landesverein. Aber alle Arbeiter auf diesem Gebiete gestehen zu, daß die freiwilligen Zuwendungen niemals geeignet sein werden, der Misere der Landgemeinden, der Not der Religionslehrer wirksam abzuhelfen. Also müßte durch die neue Gesetzgebung ein Zwang für die Großgemeinden ausgesprochen werden, eine Art Landeskirchensteuer, von dieser letzteren müßten kleinere Gemeinden verschont bleiben. Man hat..für dieses Gebilde den vom äe Ausrre „Zentralkasse" gefunden. Elttschieden würde doch wohl diese Zentralkasse von den Geldgebern, i. e. von den Großgemeinden verwaltet werden; das ist eine unabweisbare Forderung des Gedankens von Leistung und Gegenleistung. Welche Gefahren aber eine derartig staatlich organisierte, von in ihrer Majorität neologen Großgemeinden verwaltete Zentralkasse für das innere Leben der Landgemeinden in sich birgt, bedarf kaum einer Auseinandersetzung. Das wäre ein unausrottbares Protoplasma einer Organisation. Wohl sagen die orthodoxen Revisionsfreunde, wir erkennen die Gefahren, deshalb müsse eine Centralkasse mit allen C a u t e l e n geschaffen werden, aber man nenne uns die Ccmtelen„d ie als wirksam erachtet werden können! Selbst in dem losen Verband des Landesvereins, dessen Ausschuß alle Rabbiner Bayerns zu Mitgliedern zählt — gewiß eine scheinbar sehr starke Cautele — hat sich der Wille der Geldgeber oft sehr energisch durchzusetzen verstanden. Wir stehen aber nicht an, zu erklären, daß ein Notstand herrscht: wie wir uns eine Milderung desselben denken, das auszuführen, sei einer eigenen Darstellung Vorbehalten. Heute wollen wir nur darlegen, daß ein staatlicher Zwang zur Zentralkasse von ernsten Folgen für das religiöse Leben begleitet sein könnte bezw. müßte. Der ganze Zweck dieser Auseinandersetzungen ist ja nur der eine, denen, die möglicherweise zum Votum berufen werden, das Pro and Kontra leidenschaftslos vorzutragen, allerdings — das gestehen wir gern zu — lediglich von dem Standpunkte des religiösen Lebens aus. Unter diesem Gesichtspunkte ist gegen Ziffer 6 — Proportionalwahl — nichts einzuwenden, wenn sie auf große Gemeinden beschränkt bleibt; in Keinen Gemeinden würde sie zu unerträglichen Parteinngen und Gruppenbildungen führen. Ein offenes Wort erheischt auch die Diskussion von Punkt II, da dieser die Hauptstütze der Revifionsgegner bildet. Ihnen wird entgegnet, es wäre ja lächerlich, in Bayern ein Konsistorium oder etwas derartiges zu befürchten; das involviere ja eine förmliche Verfassungswolle die Sache ruhen lassen, wenn v. Mosch ihm 7—8000 Mark zahle!!!" Innerhalb um eres jüdischen Gemeinwesens ist übrigens jetzt Hochsaison. Alle Vereine schicken jetzt Quittungen für ihre Jahresbeiträge herum und wenn es Kingelt .dann kann man sicher sein, daß es unter dreimal zweimal der Kissenbote eines Vereins ist, der Geld holen will. Bei dieser Gelegenheit kann man zuweilen und sogar oft konstatieren, wie opferwillig unser Judentum, trotz alledem noch ist. Erfreulich ist auch, wie sich gegenwärtig zu jüdischen Zusammenkünften, seien sie geselliger oder ernsterer Natur Leute einfinden, oie früher niemals sich, an jüdischen Angelegenheiten beteiligt haben. Freilich ist es nicht selten eine verschämte Art von Besuch, aber die Tatsache verdient an sich verzeichnet zu werden. Erfreulich ist auch, d aß sich junge Leute wieder jüdischen Kreisen zuwenden, die sie vor einem Jahre noch gemieden haben. Haben sich doch in dem „vornehmen Westen" in Eharlottenburg, dem jüdischen Turnverein eine Anzahl junger Männer aus ganz judenfremd gewordenen Familien angeschlossen. Mag auch vorderhand dem überlieferten Judentum, der Orthodoxie, hieraus kein Zuwachs erstehen, so sind doch diese Elemente der Taufsphäre sicher entzogen. Und das ist schon ein Gewinn, aus dem man köstliche Ausblicke für die Zukunft gewinnt. Davon später mehr. Elchanan. (Die Sprüche der Väter, f Die.groß angelegte Erklärung zu den „Pirke Aboth", (vollständig in 8 Teilen: Broschiert 8 Mk., in zwei Bände gebundrn 10.50 M.), des unvergeßlichen Rabbiner Dr. Lehmann liegt mm vollständig vor, und die Berlagshandlung I. Kauffmann in Frankfurt a. M. versieht das nunmehr abgeschlossene Werk, das die Leser des änderung, und daran denke kein Mensch. Mag sein, allein wie war es doch? In allen Besprechungen wurde von mehr als einer Seite gesagt, das „unwürdige Laufen zum Referenten" müsse aufhören, das heißt, die Behörden dürfen mit jüdischen Sachen nicht mehr „behelligt" werden. Ja, woher kommen denn eigens lich die vielen „Behelligungen"? Abgesehen vielleicht von einigen Steuerfragen, waren es Differenzen zwischen Rabbiner und Gemeinde, Fälle, in denen sich die Gemeinde bei einem religiösen Entscheid ihres Rabbiners nicht beruhigen zu können glaubte. Wir untersuchen nicht, aus wessen Seite die „Schuld" war, d. h. die Kompetenz- Überschreitung; wir nehmen an, jeder Beschwerdeführende handelte in bestem Glauben. Der Rabbiner hielt sich für verpflichtet, das Religionsgesetz zur Durchführung , zu bringen, die Gemeinde konnte entweder glaubell, der Rabbiner verstehe das Religionsgesetz nicht, interpretiere es irrig, oder sie wollte an Stelle der religiösen Normen andere gesetzt sehen: Majoritätsprinzipe, aus dem Eigentumsrecht fließende Gedanken, „modernere" Auffassung überhaupt. Schließlich griff die „Behelligung" auch Platz in großen prinzipiellen Fragen, wie die Konflikte in München-Nürnberg bewiesen. Allein wir fragen die Orthodoxen: dürfen wir die Errungenschaften aufs Spiel setzen, welche das Jahr 1863 uns brachte, welche die Entscheidung in religiösen Dingen den Hütern des religiösen Gedankens überantwortet? Wer soll künftig entscheiden? Ein theologischer Beirat? Die Verwaltung der Zentralkasse? Die Majorität der Gemeinde? Wie fall es sein, wenn ein Rabbiner künftig eine nipü für SlDS' den Bau einer solchen für eine Notwendigkeit erKärt? Ja, wenn die Revision Trennung von Kirche und Staat bringen sollte, dann wäre die Sachlage eine andere; aber wozu von Utopien träumen? Kurz, ein Teil der Orthodoxen glaubt, da die Revision diese Gefahr in sich berge, müsse man, um seiner Pflicht zu genügen, sie in ihren Anfängen, imPrinzip bekämpfen. Die delikate Natur dieses Puntes zwang uns Reserve auf; Kenner der Verhältnisse werden diese wenigen Andeutungen verstehen, mögen sie dieselben auch würdigen. IV. Was ist zu tun? Die Verantwortung ist so groß, daß sie ein Einzelner nicht tragen kann. Die Gesamtheit der Orthodoxie muß Stellung nehmen, ihrem Votum hat sich jeder zu fügen, unbeschadet der größeren oder geringeren Jntensivität seiner Mitarbeit. Man sage nicht, es sei noch Zeit, da ja nach dem Arbeitsplan des Landesvereins an und für sich jede Gemeinde zur Aeußerung wird aufgefordert werden. Das wird, wenn überhaupt, erst der Fall sein, wenn ein Gesetz- „Jsraelit" bogenweise haben erstehen sehen, mit einem Geleitworte, bas wir nachstehend zum Abdruck bringen. „Drei Jahrzehnte hindurch erörterte der unvergeßliche Rabbiner Dr. M. Lehmann am Morgen der Sommersabbathe in seiner herzgewinnenden, anmutsvollen und anziehenden Weise die „Sprüche der Väter" vor einem erlesenen Kreise der Mainzer Religionsgesellschast. Diese lichtvollen Borträge werden allen denen, die ihnen lauschen durften, eine unverlierbare Erinnerung bleiben. Das weite, vielgestaltige Gebiet der Agada wurde hierbei zu den bedeutsamen Lehrsätzen des Traktats „Aboth" in Beziehung gebracht. Tie großen Meister, in deren Namen uns die Mischna die Lehren der Weisheit mitteilt, wurden im Hellen Lichte der Geschichte gezeigt und traten in plastischer Lebendigkeit vor das geistige Auge der andachtsvoll lauschenden Zuhörerschaft. Die einzelnen Mischnajot wurden wie Gegenstände höchsten Wertes, gleich kostbarem Edelgestein behandelt. Einem Diamanten ähnlich, dessen zahllose scharfgeschnrttene Flächen von Sonnenstrahlen beleuchtet werden, ergötzte im Licht der vielseitigen Auslegung des Redners das Mischnawort durch seine funkelnde Farbenpracht. Tie Bemerkungen der hervorragendsten Erllärer, diejenigen besonders, die R. Samuel di Osida in seinem trefflichen Midrasch Samuel uns übermittelt, dazu die eigenen Ideen und Bemerkungen des Vortragenden, all das wurde so llar und eindringlich vorgetragen, daß es einem jeden verständlich war und alle Herzen rührte. Auch wurde nicht versäumt, bei Gelegenheit das eine und andere aus dem weiten Gebiet unserer heiligen Gesetzesvorschriften eingehend zu erläutern, gedankentiese Auseinandersetzungen der großen Religionsphilosophen mitzuteilen, eindrucksvolle Apologetik inneren und fremden Angreifern gegenüber zu entwickeln und bei Gelegenheit entwurf fertiggestellt sein wird. Wir verlangen aber ein Votum für oder g e g e n d a s Prinzip; dazu dürfte es dann zu spät sein. Darum bitten wir die Gesinnungsgenossen, tretet zusammen und saget, wie Ihr geführt sein, wie Ihr führen wollt. Die Armut unter den Juden in ßew-York. Eine soziologische Studie von Tr. MauriceKishberg in New Aork. *) Es ist eine weitverbreitete Ansicht, daß die Juden trotz aller Rechtlosigkeiten, denen sie ausgesetzt sind, in allem ihrem Tun erfolgreich sind, und daß sie im Allgemeinen alle eine in guten ökonomischen Verhältniffen lebende Klasse bilden. „Reich wie ein Jude" ist ein allbekannter Ausdruck. Diese Ansicht gehört jedoch, wie Jakobs sehr treffend sagt, zu den verbreitetsten Jrrtümern, in deren Bekämpfung die Statistik vielleicht eine ihrer nützlichs.en Aufgaben zu erblicken hat. Die Gründe für diesen so allgemeinen Irrtum sind allen denjenigen klar, die sich mit dem Studium der ökonomischen Lage der Inden beschäftigen. Als Städtebewohner, wie sie es vorwiegend sind, und zu einem großen Teil in kaufinännischen Berufen tätig, werden sie von der sie umgebenden Bevölkerung als wohlhabend angesehen. Eine große Anzahl von ihnen beschäftigt sich mit dem Geldwechsel. Der dumme Bauer in Osteuropa, der den jüdischen Geldwechsler auf dem Markte hinter seinem kleinen Tische mit seiner Geldauslage sitzen sieht, ist überzeugt, daß er einer der reichsten Leute der Welt ist, wogegen es eine Tatsache ist, daß viele dieser Geldwechsler nicht nur keine reichen, sondern sogar ganz arme Leute sind. Andererseits erweckt auch die verhältnismäßig große Anzahl der an den Börsen Westeuropas tätigen Juden den Eindruck, daß alle Juden reich seien. Wenn wir noch hinzufügen, daß sich nur ftften ein Jude um Beistand an einen Christen wendet, so versteht man wie der Glaube, daß es keine arme Juden gibt, entstehen und sich behaupten konnte. Und in der Tat setzen die Juden ihren Stolz in die Tatsache, daß sie für ihre Armen aus ihren eigenen Mitteln sorgen, und in früheren Zeiten hatten sie sogar des Oesteren Gelegenheit gehabt, zu versprechen, daß sie unter keinen Umständen zulassen würden, daß ihre Glaubensgenossen der Ortsgemeinde, in der sie leben, zur Last fallen sollen. Ein merkwürdiges Dokument findet sichk über die Juden, welche im Jahre 1655 als die *) Der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" entnommen. überraschende Streiflichter auf moderne Verhältnisse fallen zu lassen, wobei gar oft ein erfrischender Humor zu seinem Sftedjte kam. i Es läßt fick denken, daß es von den Hörern der Borträge sreudrg begrüßt wurde, als Dr. Lehmann sich entschloß, sie im „Israelit" zu verössenüichen. Gewährte ooch die Lektüre die Möglichkeit, vieles, was mit dem flüchtigen Wort dahingegangen toax, dem Gedächtnisse wieder KU gewinnen. Bei denen, die zum ersten Male durch die Leitartikel des „Israeli den vorKüglichen Kommentar zu „Pirke Aboth" kennen lernten, wurde Staunen und Bewunderung ausgelöst. Als Tr. Lehmann leider allzufrüh abberufen wurde, war ein großer Teil veröffentlicht. Schüler und Freunde ließen das Unternehmen nicht fallen und bemühten sich liebevoll des Meisters Werk jortznsetzen, gar manches nützend, was sie von ihm einst vernommen häjten. In Buchform liegt uns jetzt der gesamte Kommentar zur Mischna von „Aboth" und zu der Baratt« „Kinian Thora" vor, ein reicher Quell der Belehrung und Erbauung. Wer im Privatstudium mühelos den bedeutsamen Inhalt der „Sprüche der Väter" in sich ausnehmen will, der wird in dieser Sammlung von Aussätzen Dr. Lehmanns, sowie in denen seiner Fortsetzer und Nachahmer, lohnende und fesselnde Lektüre finden. Diejenigen aber, die in regelmäßigen Vorträgen die herrlichen zu Geist und Gemüt sprechenden Mischnajot von „Aboth" zu entwickeln haben, werde« beglückt sein» eines Dr. Lehmann Führung folgen zu dürfen, um die sich hier darbietenden reichen Schale rhrem Zuhörerkreise in möglichster Vollkommenheit übermitteln zu können. __ _____ Wer immer zu dem Kommentar greift, wird" dankbar des Autors gedenken und es freudig begrüßen, daß ihm Gelegenheit gegeben ist, fich einem reizvolle« tiäüMUi