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Der Israelit · 1909-01-28 · Heft 4 (28.1.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 4 (28.1.1909)
Date
1909-01-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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28. $«murc 1909 Der SßTMftL No. 8 Gelte 3 sehr wohl, wo man sich seit Jahr und Tag abmüht, diese Verhältniffe für die Zwecke der so sehnlich herbeigewünschten, alle Gemeinden der Monarchie umfassenden Gesammtorganisation, der „Repräsentanz der Gesamtjudenheit Oesterreichs" nutzbar zu machen. Die große jüdische Masse Galiziens würde ein nicht hoch genug zu schätzendes Material für diesen stolzen Bau abgeben, und so gibt man sich verzweifelte Mühe sie dafür zu gewinnen, indem man ihr unausgesetzt ein Spiegelbild ihrer traurigen Lage vor Augen hält und ihr das Allheilmittel der Gesamtorganisation in allen Tonarten*anpreist. So traurig scheint es aber um Galizien noch gar nicht bestellt zu sein. Es lebt vor allem noch ein gesunder Instinkt in den sozial gedrückten und wirtschaftlich geschwächten galizischen Juden, der sie die von Seiten gewisser Wohltäter drohende Gefahr herausfühlen und bei deren Abwehr stets das Richtige treffen läßt. - Denn die galizischen Juden wehren sich mit aller Kraft gegen die Annexionsgelüste der Wiener Organisatoren und wissen allen Pressionen und Verlockungen nach dieser Richtung tapfer stand zu halten. Am 12. Januar haben Vertreter der jüdischen Gemeinden Galiziens in einer zu Lemberg abgehaltenen Versammlung endgültig Stellung zu dieser Frage genommen. Einstimmig sprachen sich die Versammelten zunächst gegen den Zusammenschluß der österreichischen Gemeinden zu einer Gesamtorganisation aus. Sie erklärten sich dann aber mit Stimmenmehrheit für den Anschluß an den Oesterrei chi^chen Gemeindebund in Wien. Die dritte und wichtigste Frage, die Bildung einer eigenen jüdischen Organisation in Galizien betreffend, blieb unentschieden, da die diesbezüglichen Anträge an dem Widerstande der Vertreter der kleineren orthodoxen Gemeinden scheiterten. So weit der Bericht als Resultat der denkwürdigen Versammlung. Für den Kenner der Verhältniffe sprechen diese an sich spärlichen Beschlüffe ganze > Bände über die Zustände in Galizien, über das Leben und Leiden, die äußere und innere Notlage unserer dortigen Brüder. Es sei vorweg bemerkt, daß die Versammlung in Lemberg aus den extremsten, heterogensten Elemente zusammengesetzt war, für die eine gemeinsame Gefahr, die von einer anderen Seite drohte, die Basis abgab. Die Einberufer der Konferenz rekrutierten sich aus den jüdisch-polnischen, der Assimilation huldigenden „Jntelligenzkreisen" in den Großgemeinden. Eingkladen und gekommen waren aber auch Vertreter von ungefähr 17 kleineren orthodoxen Gemeinden. Also Assimilanten und Chassidim, jüdische Großpolen und glaubenstreue Kaftanjuden. Man begreift denn auch, in welcher prekären Lage sich die Letzteren befanden. Es galt für sie den Kampf nach innen und außen zuführen, und es wird nun an ihnen liegen, neben der negativen Arbeit auch eine positive zu entfalten, und für die von ihnen zurückgewiesene tilfe und Bevormundung nun ein geeignetes quivalent in eigener Mitte und aus eigenen Mitteln zu schaffen. Freilich wird man sich in Galizien über die Situation, über die Wege und Ziele noch mehr als es bisher geschehen ist, klar werden müssen. Die auf der Konferenz mit Hilfe der Orthodoxen gefaßten Beschlüsse lassen es leider in manchen Punkten an Klarheit und Zielbewußtsein fehlen. Man begreift es wohl, daß sich die Gesetzestreuen am wenigsten veranlaßt fühlten, sich einer Gesamtrepräsentanz in Wien zu unterstellen. Was sollte denn auch die große jüdische Masse Galiziens noch an Vorteilen auf sozialem und politischem Gebiete von Wien zu erwarten haben? Die leitenden Kreise in der Hauptstadt bieten nicht die mindeste Gewähr dafür, daß die religiösen Interessen, die in Galizien durch die unerträglichen wirtschaftlichen Zustände am meisten gefährdet find, auch genügend gewahrt werden, das religiöse Empfinden der galizischen Juden in jeder Hinsicht berücksichtigt wird. Ein Uebel, das z. B. in Galizien dominiert, ist der Kinderraub, die Entführung jüdischer Mädchen in Klöster. Wie sollte man aber in Galizien glauben lernen, daß von Wien aus, wo so viele jährlich freiwillig zur Taufe gehen, dieses Uebel abgestellt werden könnte? Die Gesetzestreuen konnten denn auch kein Vertrauen in die Gesamtorganisation haben und lehnten sie rundweg ab. Man begreift es noch viel mehr, daß die Vertreter der Orthodoxen in dieser Versammlung auch in keine Beratungen über Gründung einer eigenen Organisation eingehen konnten, wollten sie nicht Gefahr laufen, die eben eroberte Freiheit und Selbstständigkeit auf der andern Seite preisgeben zu müssen. Umsomehr muß es doch ftappieren, daß die Gesetzestreuen gegen einen Anschluß an den Gemeindebund nichts einzuwenden wußten. Abgesehen von dem Verstoße gegen alle Logik und Konsequenz und vom krassen Widerspruche, den dieser Beschluß in seinem Verhältnis zu den beiden andern involviert, haben es doch die Juden Galiziens bereits bei der Gründung des Gemeindebundes m April v. I. erfahren, wie wenig sie von nesem Bunde nach seiner Leitung und Zuammensetzung zu erwarten haben. Daß die >amals so deutlich an den Tag getretene PerhorreS- Zjierung der Wünsche und Rechte der galizischen Judenheit jo leicht vergessen werden konnte, stellt dem Zielbewußten und der klaren Einsicht der Konferenz gerade kein ruhmvolles Zeugnis aus. Aber es waren, wie gesagt, nur wenige orthodoxe Vertreter bei der Konferenz anwesend; die Vertreter der gesamten galizischen Judenheit werden über den Gemeindebund anders denken und zu anderen Schlüffen gelangen. Es wäre aber jedenfalls an der Zeit, daß alle Gesetzestreuen in Galizien sich endlich einmal sammeln und die Schaffung einer eignen festgefügten Organisation ernstlich in die Hand nehmen. Illar r«m Gefecbt! Bon einem orthodoxen Rabbiner in Bayern. *; Mehr von Tag zu Tag drängt die Frage der Revision des bayrischen Judenedikts zur Entscheidung .Nicht die Revision selbst, sondern die Stellungnahme zu derselben im Prinzip. Was bisher einige wenige unter den bayrischen Orthodoxen beschäftigt hat, muß von der Gesamtheit derselben entschieden werden. Da halten wir es für unsere Wicht, oie Fragestellung genau zu formulieren und das pro und contra nochmals unseren Gesinnungsgenossen zu unterbreiten. I. Was spricht für die Revisio n? Das ist in erster Reihe die politische Lage. Wohl selten wird in allen deutschen Gauen die ausgesprochene Willensmeinung der Regierung, die Konstellation der parlamentarischen Verhältnisse den religiösen Interessen so günstig sein, wie jetzt in Bayern. Die Kirchengemeindeordnung basiert auf dem Gedanken der Autorität der kirchlichen Obern, die Revision des Judenedikts würde sicher demselben Grundgedanken Ausdruck geben. Mit einem Worte, die Zeitverhältnisse sind solche, wie sie unsere Alten unter dem Begriffe WP verstanden. Ferner kommt in Betracht die gesetzliche Lage; die Ministerial-Entschließung von 1863, welche zum großen Teile die sogenannten religiösen Garantien bietet, ist ihrem gesetzlichen Werte nach viel umstritten, ihr rein interpretatorischer Charakter stark angezweifelt. Man sagt, dies sei ein unhaltbarer Zustand; Präzise Klarheit könne nur durch einen neuen legislatorischen Akt geschaffen werden. Drittens: Die neologen Majoritäten hätten, im jüngsten Jahrzehnt den orthodoxen Minoritäten ihre Existenzbedingungen erschwert, eine Tatsache, die durch die München-Nürnberger Verhandlungen in den Jahren 1907/08 evident geworden sei. Es sei unverantwortlich, den vielleicht schwächeren Epigonen eine solch kritische Lage zu überantworten. Es müsse erstrebt werden, daß die Orthodoxie nicht von der Gnade neologer Majoritäten abhängig *) Siehe hierzu die Wochenrundschau. auch unterstehen, den Mann so zu beleidigen, der doch newwich selber nix wegzuwerfen hat?" „Ich. werd'," erwiderte Macholchen, ,,mich jchon au ihm rächen, wie er sich nicht soll vorstellen können." Vorläufig ging Macholchen, wenn er in die Stadt ging und zufällig Herzleib begegnete, grußlos an chm vorüber, was den Schuster stets ärgerte. Am nächsten Jahrzeit konnte Herzleib nicht zu Kewer Owaus gehen. Er war gefallen und mußte an einem Stock gehen. Einen so weiten Weg wie nach feinem Heimatdörfchen durste er nicht wagen. Die Juden im Dorfe erfuhren es ulld sagten bedauernd: „Jetzt kriegen wir den Herzleib hier nicht so bald jp-iederzusehen." «Ihr sollt ihn.hier zu. sehen kriegen, ehe sechs Ehadoschim vergehen," behauptete Macholchen mit fast tategorischer Bestimmtheit. „Dich verlangt's wiÄ>er nach einem Patsch?" frug ironisch der Jeissel aus der Obergaß. Macholchen lächelte nur verschmitzt und schwieg. Ein Jahr war vergangen. In der ganzen Zeit hatte Herzleib Niemand aus der Heimat gesehen. Ter Wochenmarkt war verlegt worden, und da zogen die fern wohnenden Juden vor, lieber nach dem Markt der größer» und nähern Stadt zu gehen. So sah denn auch Herzleib selten Jemand aus seinem Ort. Und als eines Tages der Schwager Leiser kam und Herzleib nach seiner Schwester Chawwe frug, ob sie gesund sei und wie sie aussehe, machte der Leiser ein finsteres Gesicht. Er hatte mit seiner Ehehälfte einen streit gehabt, und die Chawwe halte aus Rache keinen Kaffee gekocht, ehe er fortging, was den Leiser, der unterwegs aus Sparsamkeit nicht einkehrte, sehr wütend gemacht hatte. So war er nüchtern, matt und schrvach zu seinem Schwager gekommen uüd "war, als dieser ihn über seine Frau ßrua, wieder von Neuem in mru geraten, Herzleib vachte aber nicht weiter nach. Einige Wochen daraus kam ein Brief an, während er auf seinem Schusterschemel saß und arbeitete. Langsam erbrach er das aus dem damals allgemein gebräuchlichen blauen Briefpapier geschriebene Schreiben. Der Brief kam von seinem Schwager Leiser. Herzleib las den Brief einmal, dann noch einmal und endlich zuni drittenmal. Dann steckte er den Brief in oie Tasche und verließ das Haus. Er ging zunächst zu Felix Schirapper, einem Manne, der als Privatlehrer sicher keinem Irrtum unterworfen war, und ließ sich auch von diesem gelehrten Manne das Schreiben vorlesen. (Fortsetzung folgt.) Berliner Plandereien. i. Wie der letzte Zensus ausweifl, umfaßt di« jüdische Großgemeinde Berlin über 140,000 Seelen. Mit Zugrundelegung dieser Zahl, die nach kompetenten Schätzungen noch um mindestens 8—10,000 Personen zu gering angeschlagen ist, darf man irnmerhin annehmen, daß es in Berlin über 75,000 Juden gibt. Tenn bekanntlich — und auch mit Recht — kann man nicht alle Leute, die vom statistischen oder Standesamt als Juden bezeichnet werden, auch als solche betrachten. Darin gleicht Berlin eben jeder andern modernen Großgemeinde und es bietet kein Charakteristikum gerade uon Berlin, wenn es innerhalb der jüdischen Steuerliste viele Leute gibt, die es für einen Peitschenhieb empfinden, wenn sie von amts- und anderswegen an ihre äußere Zugehörigkeit an das Judentum erinnert werden. Bekanntlich verteilt sich die Sekte der Gesinnungs¬ und Charakterlosen über den ganzen Erdkreis, und wir Juden dürfen mit berechtigter Genugtuung konstatieren, daß die aus dem Judentum hervorgegangenen Gesinnungslumpen meistens denn doch noch so viel Liebe für das von ihnen verratene Judentum bewahrt haben, um sich wenigstens taufen zu lassen. Ter ebemalige Moritz Wittkowsky, , momentan Maximilian Harden, bekennt sich, offen zum Christentum, als sei er es von Kindesbeinen an gewöhnt. Und selbst der unsympathischste aller modernen Renegaten, der Tr. M u g d a n, der sich seinen Sanitätsratstitel auch erst hat herbeialteru müssen, hat in einer Anwandlung von besserem Gefühl sich so stark auf sein sauer erworbenes Christentum beruf»', daß man den Gedanken nicht las werden konnte, als ob dieser nützliche Staatsbürger nichtjüdischen Glaubens in eigenster Selbsterkenntnis seines hohen sittlichen Wertes, es als eine Ehrenschuld am Judentum empfinde, der Mitwelt zu erklären: „Ich bin kein Jude; die Juden sind unschuldig an mir. Liebe Glaubensgenossen in Christo! Glaubet mir, ich bin ein guter Christ, ich bilde heute eine Zierde der christlichen Glaubensgemeinschaft!" In diesen Worten hat Mugdan allerdings sein etwas unwahrscheinliches Glaubensbekenntnis nicht ausgesprochen; wer aber in der vorjährigen Reichstagssitzung zufällig ihn sprechen hörte, als er sein christliches Empfinden im Reichstag auf den Markt brachte u'ü> allgemeine Heiterkeit hervorries, der konnte Mugdan nicht anders verstehen. Es war ein wahrer Kiddusch Haschem, wie sich dieser Renegat als Nichtjude und Niemalsjude aufspielte. Genau wie Harden einmal, nein, schon einigemal, in seiner „Zukunft" aus die Juden schimpfte, um sein Lesepublikum vergessen zu machen, daß er, weder zu seiner noch zu unserer Freude, als Jude geboren ist. Auch diese Absage bedeutet für das Judentum einen moralischen Triumph sondergleichen. Wenn doch nur auch die übrigen Konvertiten so handeln möchten!

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