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Der Israelit · 1909-01-28 · Heft 4 (28.1.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 4 (28.1.1909)
Date
1909-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 2. Nr. 4. idealen Ziele heiligend weihen, können sie für ihre Thora ohne materielle Stütze leben? Tretet Ihr mit Eurer Kraft, mit Eurem Vermögen für die Verbreitung der Thorakunde ein, für Errichtung und Erhaltung der Jeschibot und sonstiger Unterrichtsanstalten der Thora? Und verlangt die Thora für ihre Pflege etwa Allzugroßes, Unmenschliches? Daß man etwa Heere und Flotten für sie ausrüstet und sich ihretwillen in große Kriege stürze? Nichts von alledem, nichts als eine Stütze, als eine wohlwollende Berücksichtiung, nichts als die Anerkennung, daß es sich ei ihr um die jüdische Volksseele handelt, sonst nichts. Und was tut Ihr? Hört, fühlt, empfindet Ihr auch ihren Notschrei? Habt Ihr auch nur ein Ohr für sie?"- „Die Schande, es aussprechen zu müssen, kann einem das Herz brechen: Mehr als der jüdische Volkskörper durch die Verfolgungen seiner äußeren Feinde zu leiden hat, hat die jüdische Volksseele, das ist die Thora, durch ihre sogen. Freunde im eigenen Lager zu leiden. Für diese Beschuldigung wird in ausführlicher, eingehender Weise in dieser Schrift an der Hand einer Fülle von unwiderlegbaren Tatsachen der Beweis der Wahrheit erbracht. Sie hat allerdings zunächst Vorgänge und Zustände im jüdischen Rußland der Gegenwart zum Gegenstand, aber sie wirft ein so grelles Streiflicht auf die einschlägigen Verhältnisse im Westen, daß eine Übersetzung dieser Broschüre ins Deutsche, Französische und Englische in hohem Grade wünschenswert ist. Sie zeigt, zu welchen folgenschweren, den ganzen Bestand des Judentums untergrabenden Konsequenzen die Parole vom „Ausschluß des Religiösen" führt. Es ist ein hochinteressantes, ungewöhnlich reiches Materal, das die Schrift lriDTT NVLN2 nach dieser Seite hin gesammelt hat. Es ist von solch überzeugender Beweiskraft, daß es geeignet ist, selbst diejenigen stutzig zu machen, die der Losung vom „Ausschluß des Religiösen" bis jetzt gedankenlos gefolgt sind. Die Schrift schließt mit einem warmherzigen Appell an alle '2188 zur tatkräftigen Unterstützung der bestehenden Lehranstalten oer Thora, wodurch allein noch der Zerfahrenheit und Verkümmerung von Judentum und Judenheit unsererseits erfolgreich entgegengetreten werden kann. Dafür wäre aber eine Uebertragung der trefflichen Schrift in andere Sprächen erforderlich. Wenn dieser Hinweis dazu führt, das Büchelchen durch Anschaffung kennen zu lernen, so schöpft vielleicht der eine oder andere der gelehrten Leser, dem der Inhalt nahe geht, die Anregung daraus, sich dieser dankenswerten Arbeit zu unterziehen. J. Der flgtacül ochenrvnkschau. 3ur Lage in Bayern, Wir veröffentlichen an anderer Stelle Darlegungen aus der Feder eines bewährten rabbinischen Gesinnungsgenoffen in Bayern, der die von aller Welt längst als entschieden betrachtete Frage, ob das Judenedikt von 1813 überhaupt revidiert werden solle, aufs neue einer Diskussion unterwirft, und der bei der Beantwortung dieser Frage persönlich offenbar mehr zu einem „Nein" neigt, als zum „Ja". Wir vermögen diesen Standpunkt durchaus nicht zu teilen, glauben vielmehr, daß die von dem Verfasser des Artikels geltend gemachten Gegengründe durchweg auf der unzutreffenden Voraussetzung beruhen, als sei eine Revision ohne Zentralkasse mit Steuerzwang und ohne Beseitigung der religiösen Autorität des R abbin er sein Ding der Unmöglichkeit. Wäre das der Fall, stände die bayrische Orthodoxie in der Tat vor der bangen Wahl, entweder in den Großstädten, an Hänoen und Füßen geknebelt, der herrschenden Neologie dauernd ausgeliefert zu sein oder, unter Befreiung von diesem Zwang, den nicht minder schlimmen einer bevormundenden Zentralkassenverwaltung einzutauschen — dann allerdings hätte der Verfasser recht, wenn er zögernd die Verantwortung für die Entscheidung von sich abzuwälzen suchte. So aber steht die Sache unseres Erachtens noch lange nicht. An der bayrischen Orthodoxie ist es, ihr Revisionsprogramm nach eigenem gewissenhaften Ermessen zu formulieren und ohne allzuviel Opportunitätsrücksichten gewisse Grundsätze dattn festzulegen, von denen sie unter keinen Umständen sich abdrängen lassen darf. Zu diesen Grundsätzen gehören 1. die Milderung des Gemeindezwangs durch ein Austrittsgesetz nach preußischem Muster, 2. die Ablehnung jeder auf st a a t l i ch e m Zwang beruhenden Landesorganisation mit zentraler Kaffenverwaltung, 3. die Aufrechterhaltung a) der rabbinischen Kompetenz und b) der wichtigsten (wenn auch nicht aller) historisch gegebenen Kri- 28. Haimar 1909 terien für den Begriff der jüdischen Gemeinde. Keiner dieser Grundsätze darf gegen den andern verhandelt oder ausgetauscht werden, und sie sind unseres Erachtens auch in der Tat geeignet, sich trefflich zu zu ergänzen. Wenn der dritte Grundsatz unter Umständen Härten für Neologie wie für Orthodoxie im Gefolge haben kann, so ist grade der erste dieser Programmpunkte, die Austrittsmöglichkeit, sehr wohl geeignet, diese Härten zu mildern, — denn der Austritt steht — dort wo in der Tat das Gewissen spricht — sowohl den Orthodoxen als auch den Liberalen frei. Aus diesem Grunde sollten auch de der rabbinischen Autorität nicht recht geneigten orthodoxen und neologen „Laien" grade nach Einführung eines Austrittsgesetzes sehr wohl mit der Aufrechterhaltung der bisherigen Stellung der Distriktsrabbiner sich befreunden und unsre These 3 a als eine conditio sine qua non in das Programm mit aufnehmen. Geschieht das, dann gibt es innerhalb des orthodoxen Lagers keine Gegner der Revision mehr und dann böten die Distriktsrabbinate vielleicht auch die geeigneten Organi sation sformen dar, mit deren Hülfe die Verteilung der den Landgemeinden zufließenden Steuerzuschläge der Großgemeinden bewirkt werden könnte. . Daß aber andererseits das Austrittsgesetz die kleinen Gemeinden ruinieren werde, das ist eine Befürchtung, die wir am allerwenigsten begreifen, denn sie ist durch eine dreißigjährige Erfahrung in Preußen so schlagend wie nur möglich widerlegt. Die Lage erfordert unbedingt die straffste Geschlossenheit der bayerischen Orthodoxie, und es wäre zu wünschen, daß die juristischen Intelligenzen, über welche die Gesetzestreuen verfügen, sich zur schleunigen Ausarbeitung eines selbständigen Gesetzentwurfs auf Grund der obigen drei Grundsätze vereinigten. Für einen solchen Entwurf wird die Zustimmung der Gesamtheit eher zu erlangen sein, als wenn die theoretische Diskussion — für die wir übrigens die Spalten des „Jsraelits" gern zur Verfügung stellen — weiter fortgesetzt wird. öalijien. Nichts tut jetzt der galizischen Judenheit so bitter not als eine enggeschwffene Organisation. Eine Unsumme gutjüdischer Kraft, die unter besser geordneten Verhältnissen dem Volke zum Wohlstände und Glücke verhelfen müßte, liegt in Galizien brach, bleibt, well zersplittert, vollständig unausgenützt. Das weiß man auch in Wien Kleines Feuilleton. Die llevrtttrrchstt. Bon Arthur Kahn. Nun sind alle an dieser Geschichte beteiligt gewesenen Personen tot. Bor einigen Wochen erfuhr ich, daß das Macholchen gestorben ist. Er hat sich noch häufig der Begebenheit erinnert, die rch miterlebt habe und hier erzählen will. Macholchen hat in den letzten Jahren seines Erdenwanderns mir oft Grüße schicken lassen; hätte mich auch gern noch einmal gesehen und gesprochen; Jugenderinnerungen mit mir ausgetauscht. Denn wir, — obgleich er um zehn Jahre älter war — hatten manchen Knabenstreich miteinander ausgeführt, der, je nachdem er entdeckt und an uns bestraft wurde oder verborgen blieb, in späteren Zeiten nqch oft von uns erwähnt ward. Da mm Macholchen tot ist, und der Streich, den er damals ausgeführt hat, nur auf das Konto seiner Jugend und Lust an Schelmenstückchen zu schreiben ist, soll meine Geschichte hier erzählt werden. In dem kleinen Städtchen am Rhein, das seiner Zeit eine aus vielen angesehenen Judenfamilien bestehende Gemeinde bildete, die durch Reichtum und Jichus bekannt waren, — auch eine Jeschiwa gM eS dort über zwei Jahrhunderte hinaus — lebte unter anderen jüdischen Handwerkern auch Herzleib Partenheim. So wurde er oft genannt, wttl der letzte Name eigentlich nur wegen seiner Geburtsstätte hiuzugesetzt worden war, wie das früher allgemein Brauch war. Herzleib war seines Zeichens Schuster, ein guter, braver Kerl; ehrlich, arbeitsam, arm uno, wie ie meisten Leute vor sechs und sieben Jahrzehnten, frommgläubigen Gemüts. Schreiben konnte 2r nur sogenannt jüdischdeutsch, d. h. deutsch mit hebräischen Kurrentbuchstaben; aber auch das nur recht notdürftig. Er korrespondierte auch nicht viel. Alle Jahre einmal schrreb er an seine in dem fünf Wegstunden entfernt gelegenen Geburtsort wohnende Schwester Chawwe einen „Gasserbrief", der zugleich an seinen Schwager Leiser gerichtet war. Die Vorbereitungen zu diesem Unternehmen waren beinahe feierlich. Aus einem alten Gänseflügel, der ihn an den kulinarischen, nur einmal im Jahre wiederkehrenden Chanukabraten einer Gans erinnerte, riß Herzleib eine Feder aus, die er sich vom Lehrer zum Schreiben zurechtschneiden ließ. Dann kaufte er sich einen farbigen Bogen Papier, goß Essig auf die eingetrocknete Tinte, schloß sich in der Werkstatt ein und begann seine Epistel an die Schwester. — Herzlerb war ein Mann von herkulischer Größe, mit einem herkulischen Appetit gesegnet, und ein Freund einer überaus reichlichen und schmackhaften Mahlzeit Während er nun sich einschloß, um die schwere Arbeit des Schreibens zu bewältigen, kochte ihm seine brave Gattin eine womöglich noch reichere Mahlzeit wie sonst, denn nach dem Briefschreiben hatte Herzleib kn der Regel einen Appetit, als habe er eben eenen „Tanis" beschlossen. Alljährlich ging der Schuster zu „Kewer Owaus" nach Hause. Der Weg ins Dorf wurde dadurch beschwerlich, daß er zur Hälfte über eine langsam ansteigende Landstraße führte, die nur zu einem kleinen Teil von einer Pappelallee dürftig beschattet wurde. Uird gerade im heißesten Monat hatte er Jahrzeit. Doch das focht den starken Mann nur wenig an. Die kindliche Pietät kannte damals noch keine Behinderung in Erfüllung einer Liebespflicht gegen die Toten. Als nun Herzleib das letztemal „zu Haus" war, und gegen Abend, als die Dorfjuden nach ihren Wohnungen zurückkehrten und sich bei Leiser dann versammelten, damit der Jahrzeitmann Minjan bekam und Kaddisch sagen konnte, auf den zehnten Mann lange Zeit warten inußte, erschien endlich Macholchen, der erst seit kurzem Barmizwa war. Jetzt war endlich das Minjan vollzählig, und Herzleib sagte inbrünstig sein Kaooisch. Dem Macholchen hatte er einen Kreuzer versprochen, ivenn er pünktlich zu Minjan komme. Weil er «wer erst so spät kam, daß die Leute schon nicht mehr ans Zustandekommen des Minjan dachten, gab Herzleib dem säumigen Buben auch nicht den versprochenen Kreuzer. Das trug der Knabe dem kargen Herzleib lauge nach. Ms Herzleib einige Jahre später wieder in seinem Heimatdorf des Abends mit Minjan heten und Kaddisch sagen wollte, kam Macholchen nur sehr unwillig und äußerte, lodaß es der Schuster hörte, solche Killeleute, die noch nicht einmal ein paar Groschen zu Jahrzeit im Ort ueßen, sollten lieber im Mokem bleiben und.dort ihr Jachrzeit halten. Ehe Herzleib dem frechen Buben antwortete, verrichtete er zuvor sein Gebet für den toten Bater und gab dann Macholchen eine derbe Ohrfeige. „So, jetzt Hab' ich dir auch was mitgebracht, nimm's mit heim!" Die Leute lachten, außer Macholchen. Es war aber auch wirklich nicht pm Lachen, von Herzleib eine Ohrfeige einftecken zu müssen. „Du kannst Gaumcl benschen, daß dir der Kopf nicht weggefahren ist," tröstete Simon Pappenheim den ganz fassungslosen Burschen. „Gott soll mazzil nefesch fein, von Herzleib geschlagen zu werden. Wie kannst du Lauchefez dich aber

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