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Der Israelit · 1909-01-28 · Heft 4 (28.1.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 4 (28.1.1909)
Date
1909-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(j Der Israeli Lfla]]\ Ein Centralorgan lir das orthodoxe Jndentun yj/B jjj fsssssa “ w “ dod Dr. Lehmann in Rlainz 50. Jahrgang, SS9 Sranhfurf a.m, Sen 28. Januar 1909. 6. Sdiemaf 5669. M *• Abonnement Pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, Hestausgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn L Kr., Rußland 1 Rub„ England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.« Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem Postscheck-Amt Frankfnrt a. M. Po. 344. Conto bei der K. K. Postsparkasse Wie» Po. 79 605. Conto bei dem K. Postsparkastenamt Budapest Ro. 18424. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser Rrtihel und Corretoonden?en des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um gröbere fluffäfee handelt, nur nach vorheriger Oenehmigung gehaftet. Der llnsscdluS des Religiösen. Die jüdischen Verbände, die in den jüngsten Jahrzehnten wie Pilze aus der Erde schießen, so verschieden sie auch in ihren Zielen und Bestrebungen sein mögen, in einem Punkt sind sie, bis auf ganz verschwindende Ausnahmen, sich alle gleich, im Ausschluß alles Religiösen. Ob dieser Ausschluß jüdisch, vernünftig oder auch nur möglich ist, soll hier nicht gefragt werden. Diese Frage aufwerfen, heißt sie verneinen. Jüdisch ist dieses Bestreben nicht. Denn bei den jüdischen Chebrot war bis hart an die Schwelle unserer Zeit der Einschluß des Religiösen derart die erste selbstverständliche Bestimmung, daß es keinen Verein gab, der, mochte er Wohltätigkeitszwecke oder welche Ziele sonst verfolgen, seine Mitglieder nicht wenigstens allwöchentlich, oft sogar allabendlich versammelt hätte, um das Studium der Thora gemeinsam zu pflegen. Daß es nichts weniger als vernünftig ist, wenn Juden als Juden sich versammeln, um jüdische Anliegen zu pflegen, und dasjenige gerade prinzipiell ausschließen, was sie zu Juden macht, das liegt so offeniundig da, daß es alle kluge Schönrednerei nicht aus der Welt schaffen kann. Daß dieser Ausschluß deshalb auch nicht möglich ist, das haben diejenigen, welche kiese Parole ausgeben, 'selbst bewiesen und beweisen es noch heute bei jeder paffenden und unpaffenden Gelegenheit. Sie mögen sich noch so dicht in ihren Schafspelz einhüllcn, der Wolf lugt aus allen Ecken und Enden hervor. So tief können die religiösen Differenzpunkte nicht in den innersten Schrein des Herzens verschloffen werden, daß sie nicht in einem unbewachten Moment dem Gehege der Lippen entschlüpfen. Dann ist die Bescheerung fertig, und die viel gefeierte Einheit und Einigkeit geht in die Brüche. Freilich ist dieser unjüdische, unvernünftige, unmögliche Ausschluß alles Religiösen ein Gebot der Selbsterhaltung. Ohne ihn könnte man nicht einmal den Schein eines Zusammengehens zwischen Juden im alten Sinne und jüdischen Stammesgenoffenretten. Denn es gibt auch nicht ein einziges Gebiet, auf dem die Vertreter des überlieferten Judentumsund diejenigen,welche dieses außer Kurs setzen und Religion als Privatsache erklären, zu gemeinsamem Wirken sich die Hand reichen könnten, wenn nicht zuvor das Thoragesetz als alleinige Grundlage der gemeinsamen Wirkamkeit anerkannt ist. Auch die Wohltätiakeitsbestrebungen Religiösen gestattet. Denn die jüdische Zedoko wird nicht nach den Regungen eines mildtätigen Herzens, sondern nach den Normen des Religionsgesetzes verteilt, wie sie im Kapitel 2ö1 des Schulchan Aruch Jore dea codifiziert sind. Ein Blick gerade in diese Bestimmungen zeigt, welche bedeutsame Stelle das Religiöse, oder nennen wir es ohne Umschweife einmal mit dem rechten, ehrlichen Namen, die Tchora, einnimmt, deren Jünger den ersten und höchsten Anspruch auf jede Zedoko-Unterstützung haben. — Und das ist der Punkt, bei dem die modernen jüdischen Vereine sich mit ihrem „Ausschluß des Religiösen" allerdings konsequent geblieben sind. Sie mögen materielle oder ideelle Zwecke verfolgen, sie mögen das körperliche Wohl oder die soziale Besserstellung der Judenheit zum Gegenstand haben, die Thora, ihre Jünger, ihre Lehrer, ihre Schulen, und vor allem ihre eigentlichen Pflanzstätten, die Jeschibot, gehen meist vollkommen leer bei ihnen aus. Sie mögen für alle und alles Rat und Tat, pekuniäre und moralische Unterstützung zur Verfügung haben, für den Quell unseres Lebens, für die Seele des Bolkskörpers, für Thora und Talmud-Thora haben sie nicht einmal die kärglichsten Brosamen, haben sie nichts als ein bedauerndes Achselzucken übrig. Die Thora ist ja etwas Religiöses, sogar etwas eminent Religiöses, und sie stehen ja alle im Zeichen des Ausschluffes alles Religiösen, damit haben sie ihr Gewissen salviert. Das Ungeheuerliche, gerade dasjenige von jeder Fürsorge auszuschließen, was nach dem Gesetz der Thora die allererste Stelle einnimmt, wird seit Jahrzehnten mit solcher Selbstverständl chkeit geübt, daß man sich daran gewöhnt hat, und dagegen abgestumpft ist. Der Erfahrungssatz jüdischer Weisheit, daß die fortgesetzte Wiederholung eines Unrechtes ihm eine gewiffe Legalität verleiht, beschränkt sich ja nicht auf den Gesetzübertreter, sondern gilt auch für seine Umgebung. Dieser Mangel an Interesse, an Fürsorge und opferwilliger Hingebung für die Thora und ihr Studium hat in Deutschland bereits dazu geführt, daß die Jeschiboth bis auf eine kleine, die Regel bestätigende Ausnahme gänzlich geschwunden sind. Im Osten kämpfen diese Pflanzstätten der Thora einen so schweren Kampf ums Dasein, daß sie vor einer Krise stehen, die jeden Tag die schlimmste Katastrophe fürchten läßt. Der schwere Ernst der dortigen Lage, die Gefahr, nicht des Niedergangs, sondern des vollständigen Untergangs der russischen Jeschibot, die dyrch dse schwienge soziale rmd politische Stellung der russischen Judenheit am ersten und schwersten gefährdet sind, hat den besorgten Freunden der Thora einen Notschschrei entlockt, der in Form einer Broschüre über die Grenzen des russischen Reichs bis zu uns herüber dringt. Sie führt den Titel i3'3-n nrsn: ibd limin bv rninm o^ann sbo a^rpn unan ■vpnSi dw mpa^T roi^rro rourn nn“rpn Tan1? npn nxi '2 Shop'1 ^iök 'ßbv msb. “w* mwn bv pnS dt bxb vn dtmi dösep irmpn bv nm tix3n isovp td 1133 ro pn nnnn - n«ö - nnoiom nTann "maiSi und kann durch Herrn Notel Lipfchitz in Kowno (Rußland) bezogen werden. Die Schrift hält in klassischer hebräischer Sprache Abrechnung mit allen jüdischen Bestrebungen, die nur das materielle Wohl der Jndenheit im Auge haben, aber ihren Lebensnerv, ihren Herzpunkt, die Thora und ihre Pflege geflissentlich ignorieren, ja geradezu mit kränkender Mißachtung behandeln. Sie weist auf die großen Männer hin, die Gott zu allen' Zeiten als Wortführer, Sachwalter und Fürsprecher erstehen ließ, auf R. Samuel Hanagid, den Fürsten R. Chisdai, den Granden Don Jzchak Abarbanel, Rabbi Bermaun, Rabbi Joselmann von Rosenheim, R. Mordechai Meisel und viele andere, die das gebeugte Recht ihres Volkes vor Fürsten, Königen und Kaisern vertraten, die ihr Verniögen, ihre Weisheit, ihren ganzen Einfluß für das materielle Wohl ihres Volkes einsetzten, aber gleichzeitig, und zwar in noch viel höherem Grade sich die geistige und moralische Hebung der jüdischen Zerstreuten durch Pflege und Förderung der Thora sich angelegen sein ließen. „Aber was habt Ihr, Begüterte, Notabeln Israels im jüngsten Jahrhundert für die Erhaltung unseres Judentums gethan, das wie an das Licht die Flamme, an die Gottesflamme des Feuergesetzes der Thora geknüpft ist?" frägt diese Abrechnung in flammender Entrüstung. „Was tut Ihr noch jetzt in der frisch pulsierenden Gegenwart für das Seelenleben Israels? Der Talmud und seine tiefe, uferlose Wiffenschaft, welche unablässige Tätigkeit und restlose Hingebung mit Aufgebot aller Geistesgaben fordern, die auf den lebendigen Verkehr der Gelehrten, auf die Regsamkeit der Genossen und die entsagungsvolle Lerntätigkeit der Schüler angewiesen firw, die alle ihre Zöt und ganze Kraft dir' 5811 1

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