Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1909)
- Date
- 1909-01-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Uv. S. 21. Januar 1909. Der JSraelit. Sette 19 Gesetzesverächter fanden sich die treuen und mutigen Träger der Makkabäerfahne? Diese Fragen aufwerfen heißt sie beantworten. Den politischen Druck hatten die Makkabäer, wie alle ihre Gesinnungsgenossen vor ihnen und nach ihnen ruhig ertragen. Solange dem wahren Juden ungeschmälert die Torah zu lernen und zu beobachten gewährleistet ist, solange findet er sich in jede äußere Lage. Nicht ihn, seine Dränger schändet die Versagung des Menschen- und Bürgerrechts. Mit dem Stolz der Verachtung straft er die, die in ihrem Hochmutswahn vermeinen, ihm durch Vorenthaltung äußerer Ehrungen wehe tun zu können. Sein Gedankenflug ist zu hoch, sein Seelenleben zu erhaben, um sein Innenleben durch solche erbärmliche Fragen berühren und stören zu laffen. Wird man einer Nation von dieser Gedankenhöhe nicht gerecht, bringen die Staaten solcher Weltanschauung Verständnislosigkeit entgegen, nun so geben sie betrübender Weise den Grad ihrer Sittuchkeit selbst an, sie strafen sich selbst dadurch am härtesten, daß sie sich dem jüdischen Geist verschließen. Der Judenheit und dem Judentum ist mit solcher Stellungnahme noch kein Haar gekrümmt. Solange die Tora nicht angegriffen ward, solange hören wir nichts von Mattissjahu und nichts von seinen Söhnen. Wohl aber sahen die Makkabäer das Judentum gefährdet, als der fremde König auf Einflüsterungen der damaligen offiziellen „Vertreter der Judenheit", ja der „berufenen Diener der jüdischen Religion", dem Judentum, der Tora und der Treue zu ihr, den Vernichtungskrieg erklärte. Da war für den Greis und seine jungen Söhne die Stunde der Erhebung gekommen. Als es für den Griechen und den charakterlos kriechenden und für Ehrenst.llungen feilen jüdischen Griechling galt, die Tora vergessen zu laffen und Israel zum Abfall vom Gesetz zu verleiten, da und dieserhalb begann der Kampf. Ein Kampf, wahrhaftig nicht geführt von den antiken Gesetzesverächtern, die ihn angestiftet und sich dieses Kampfes freuten. Hofften sie doch, nun bald endlich das winzige Häuflein wahrer Juden von der erdrückenden Mehrheit der machtgewaltigen Feinde überwunden und mit ihm für alle Zeit das lästige, trennende, hinderliche, alte, überwundene Gesetz ausgemerzt zu sehen. Ein Kampf, so spontan ohne Vorbereitung entfacht, daß schon diese Tatsache allein ihn hoch über alle Verdächtigung erhebt, daß politische Ziele ihn heraufbeschworen hätten. Ein Kampf, der auf so wenig Anhänger rechnen durfte, daß wir ihn als leichtsinniges Verbrechen geißeln müßten, statt ihn zu verherrlichen, wenn er keine anderen Absichten verfolgt hätte, als Machtfaktoren zu erringen. Es war ein Ringen, das sich auf nichts anderes gründete, als auf die Reinheit seiner Absichten, die Reinheit ihrer Träger, eine Reinheit, die der Ernst des ftieleä verbürgt, des Zieles, die unverfälschte Tora, das Judentum und hiermit zugleich die Gottesidee der Menschheit zu erhalten. Mit der Reinigung des Heiligtums und dem erneuten Anzünden des Leuchters im Heiligtum'hat dieser Kampf seinen Abschluß erreicht. Daß wir nur bis dahin die Bedeutsamkeit des Gott geweihten heiligen Krieges zu. erkennen haben, das bezeugt die Einsetzung des Chanukkahfestes. Gedenktage großer Waffentaten gab es in den Zeiten dieses Makkabäerkampfes und in den äußerlich glänzenden Tagen des Makkabäerreiches genug, um sie in unfern Festkalender einreihen zu können. Daß der Tag der Lichterneuerung aber unser Gedenken an jene Zeit belebt, lehrt alle Zeiten: Der Kampf der Juden gilt der Erhaltung des Judentums. Auf ideeller Grundlage ist Israels Leben begründet. Das Ziel seines Lebens, die Richtung seines Strebens, liegt auf geistigem Gebiete. Tempelweihe, Toratreue, sind die Losungsworte von Israels Kampf und Sieg. Moses 6eb«rt und erste Eebtusjabre 11| Nach»2. B. M. 2. B'1-14. Alles Sein hatte einmal sein Werden, und jedes Werden muß und kann nur im Zusammenhang mit allem Sein begriffen werden. Ein Meister fiel noch nie vom Himmel, aber er entsproßte auch noch nie plötzlich und losgelöst von seinem Heimatboden aus der Erde. Nur die Zeit bringt ihren Mann hervor, wie jeder Mann nur für seine Zeit gekommen scheint. Auch die Männer, mit deren Wirken eine allgütige Vorsehung Israel und die Menschheit begnadet hat, sind mit ihrem Denken und Fühlen aus der Notwendigkeit ihrer Zeit erwachsen, wenn anders ihre göttliche Sendung an ihre Zeitgenossen Sinn und Bedeutung haben sollte.. Auch Moses Sendung mit ihrer weitreichenden Wirkung für alle Zeiten ist in ihren Gründen und Anfängen, in ihrem Keimen und Wachsen nur als Endglied der Kette der Gedanken und Empfindungen seines Geschlechts Psychologisch zu verstehen. Nicht als wenn seine Aufgabe, die Lehre, die er zu bringen kam, fich aus der Zeit entwickelt hätte DasgöttlicheGesetz, dessen Vermittler an die Menschheit er gewesen, war ebensowenig, wie es für die Zukunft entwickelungsfähigist,inderVergangenheit aus dem Scho ße der Menschen geboren. Wohl aber muß der Mensch, der zum Träger der Gottesoffenbarung berufen wird, der Höhe seiner Aufgabe entgegenwachsen. Die Entwicklung des Menschen zu diesem Vorzug ist so intereffant und lehrreich, daß kein Zug in ihr außer Acht gelassen werden darf — Wie jedes Menschenleben beginnt sie v o r dem Leben. Denn das Leben trägt ja die Präge der Umgebung und der Verhältnisse in sich und an sich. In Sota llaf. und im Midrasch zum zweiten Kapitel des zweiten Buches Moses entwerfen uns die Weisen ein Zeiten- und Personenbild, an dessen Hand wir Moses Geburt und erste Jugend kennen lernen können, und das uns an der Hand der Thoraverse in Folgendem beschäftigen soll. 'i*? rV3ö V'n „Es ging ein Mann aus dem Hause Lewis." Die Weisen bleiben bei diesem 1^1 stehen und finden in dem Ausdruck den „ganzen großen Entschluß, der dazu gehörte", niedergelegt. Auch Jochebet, die nicht mehr junge Frau erhält Kraft einzig und allein durch den Mut, der selbst nur der festen Ueberzeugung von Jisroels Beruf zuzuschreiben war. Und wem ist die Veranlaffung zu dieser Großtat zuzuschreiben? Mirjam. Aus Mirjams Beteiligung am Ganzen scheint den Weisen dies hervorzugehen. Sie habe den Vater darauf aufmerksam gemacht, daß seine Mutlosigkeit mehr Gefahr für das Volk berge, als Pharaos Grausamkeit. Freilich verstehen wir Amrams Entschluß und damit den des ganzen Volkes. Was sollten sie Famllien gründen und Kinder unglücklich machen, deren Los nur sein könnte — nach menschlicher Voraussicht — geistig und körperlich im Sklavenstande, unter diesem unmenschlichen, unerträglichen Drucke unterzugehen. Aber die Verheißung, die Israel geworden, von der die in der ersten Periode der Ehe Amrams und Jochebets, geborenen Kinder so viel gehört, hatte in den idealen lebensfrohen und sorglosen Kinderherzen den Traum endlicher Befreiung träumen lassen. Die Geschichte vom Urgroßvater und Großonkel hatten die Kinder Aron und Mirjam erzogen und begeistert. Die an die Bestimmung der Zukunft erinnernde unbeerdigte Totenlaöe Josephs hatten sie gezeigt bekommen, und das Herz war erfüllt von dem Glücke, das die Befreiungsstunde bringen sollte. Das alles hatten sie in sich eingesogen mit der Muttermilch. Die Tat Mirjams bezeugt diese Erziehung im Geiste der jüdischen Bestimmung. Und nun, da die Eltern dem schweren GeschickHzu erliegen scheinen, da ihre Widerstandskraft zu brechen droht, werden die Kinder zu Erziehern und mahnen oie Eltern an die Lehre, die sie sie gelehrt, verlangen von ihnen den Tatbeweis ihrer Lehren und ermuntern sie mit ihrer noch ungeschwächten Jugendkraft, auch ihrerseits auszuharren und gerade jetzt im Augenblick der höchsten Not den Entscheidungskampf nicht verloren zu geben, bevor er gewagt ist. Nur noch ein Mal — der Sieg ist sicher unser, Und Amram ging. Die ganze Kraft, die ganze Schwere des Weges, die ganze Hast des Schrittes, aber auch die volle Freudigveit der Hoffnung, die sichere Ueberzeugungstreue, die Energie des Entschlusses nach langer Erwägung, ein ganzer Lebenskampf liegt in dem Worte Und die mit der jugendlichen Tochter jung gewordene Greisin genaß eines Sohnes „und sie sah ihn, daß er gut war". Wie es nicht heißt, „Gott sah, daß das Licht gut war, sondern „Gott sah das Licht, daß es gut war, so auch hier nicht „sie sah, daß er gut war", vielmehr „sie sah ihn, daß er gut war". Solange es Finsternis ist, vermag man nicht zu beurteilen, welcher Segen in einem anderen Zustand gelegen ist. Und vor allem ist die Zeit, in welcher das Licht mit der Dunkelheit ringt, die Dämmerung, unheimlich und beängstigend. Mit Beklemmung blicken wir dem kommenden Tag entgegen, nicht wissend, wie er fich gestalten wird. Ist aber einmal erst der erleuchtende Strahl der Sonne zum Durchbruch gelangt und erglänzt der Lichtball in voller Pracht auf der Zenithöhe des Tagesmittags, dann sieht man das Licht und sieht wie gut es ist. — Die Monde, während deren Jochebeth die Frucht ihres wiedergefundenen Muttermutes unter dem Herzen trug, mögen Zeugen gewesen sein manch banger Stunde eines sorgenden Mutterherzens. Mancher Augenblick mag von bitterer Reue und wehmutsvollem Ausblick auf die trostlose Zukunft erfüllt gewesen sein, die das Kind, dem sie das Leben schenken sollte, entgegengehen würde. Mit dem Augenblick aber, mit dem dies Kind das Licht der Welt erbickte, sah sie es, daß es gut war und es hörte Zagen auf und Zweifel. Da galt es, alle Kräfte froh und freudig einzusetzen, um — wenn möglich — es doch dem Leben zu erhalten, es dem Späherauge des wütenden Kindermörders zu verbergen-denn wer weiß — vielleicht doch — ach, man wagte die Hoffnung sich nicht einzugestehen, geschweige denn sie auszusprechen, das Kind, das die Mutter sorglich in den Armen wiegte-o, wenn es Israels Retter würde?! Nicht umsonst meinen die Weisen, daß die Hoffnungssonne jedes Antlitz in Amrams Hause von heller Freude widerstrahlen ließ. Sie meinen, Amram habe eingesehen, was Mirjam ihm im Sinne des Verses Job. 22, 18 ermunternd vorgehalten: „Ein Pflichtgerechter braucht nur zu wollen, dann vermag er und seines Lebensweg erstrahlt in hellem Glanze." Rührende Szenen sind es,die das psychologische und gemütvolle Verständnis der Weisen für die Vorgänge in der Seelentiefe des Menschen phantasievoll ausmalt. Dankerfüllt habe Amram in seligem Baterstolz die Tochter, fromm und mutvoll auf die Stirn geküßt und gesprochen: „Kind Deine Prophetie ist wahr geworden." Es gelang Jochebeth, die ersten drei Monate der Schwangerschaft zu verheimlicheninfolgedessen konnte sie das Kind drei Monate lang nach der Geburt im Hause halten. Als dann das Kind doch scheinbar dem Tode übergeben werden mußte, da brach Amrams Herz, er machte sich Borwürfe darüber, daß er der „unverständigen" Tochter mit ihrer „idealen Phantasterei" und der „jugendlichen Ueberstürzung" und „Voreiligkeit" gefolgt war. Hätte er doch seinem „erfahrenen Verstände", der die „nackten Tatsachen" „vom prakttschen Gesichtspunkt" „kühl" erwägt, gefolgt, er hätte sich nicht dazu bestimmen laffen, ein Lebewesen dem Arm des Henkers zu übergeben. Die Mutter schlug ihr ärgerlich ins Gesicht.. Sie hätte dem Vater folgen sollen, dem. „erfahrenen", „Kinder haben sich um solche üüiüüü