Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1909)
- Date
- 1909-01-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Der JSraeltt. Seit 18 Nr. 3._ , men möglich. Der fehnilchste Wunsch auf dem Wege der Assimilation volle Freiheit zu erlangen, ' hatte keine Aussicht auf Erfüllung, so soll der Versuch zur Selbständigkeit Israels gemacht werden. Als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens nahm man uns nicht ernst, so sollen wir jüdische Staatsbürger — ohne Glaubensnachweis werden. Und dieses — „ohne Glaubensnachweis" ist entscheidend. Nicht erst das russische Leiden brachte auf, den Gedanken des Zionismus. Viel früher wurde schon der Gedanke bekämpft, als aus dem Osten die Notrufe erschallten. Das russische Leiden bildet nur willkommenes Agitationsmittel. Die Erwerbung Palästinas geschähe ja doch nicht zum ersten Male, sodaß der Zionismus neue Wege dazu wei eu könnte. Schon zweimal saßen wir auf dem Boden unseres Heimatlandes. Die Frage nach der Ursache des Verlustes stellt zugleich die Antwort auf die Frage nach den Mitteln der Wiedererlangung dar. Und die Tauro und die Propheten sind uns zuständig in der Beantwortung dieser Frage. Eine jüdische Bewegung von Juden für Juden kann keinesfalls das Judentum ausschalten. Tauro und Propheten sind uns sogar zuständiger als der gesetzestreue Teil innerhalb der zionistischen Bewegung, der bei aller Betonung der Forderungen der Tauro die Möglichkeit auftecht hält, mit der zionitischen Aktion zusammenzugehen, wiewohl das Dasein des Misrachi diese Unmöglichkeit beweist. Es handelt sich bei der Beurteilung der zionistischen Bewegung um die eine Frage, die uns klipp und klar vorliegt. Sind die Worte der Tauro und der Propheten für uns bindend? Wir verstehen den, der uns mit einem entschiedenen Nein antwortet und der damit das Tischtuch zwischen sich und uns zerschneidet. Wir haben nichts miteinander gemeinsam. Wir mögen Bein von seinem Beine, Fleisch von seinem Fleisch sein, aber wir sind nicht Geist von seinem Geist. Nur die Tierwelt kennt allein physische Verwandtschaft, im Menschenkreise entscheidet die Verwandtschaft der Seelen. Nur wer "]öj? ntPPtt IWIP ist, der die Pflichten des jüdischen Volkes auch als für sich verbindlich anerkennt, gilt innerhalb des jüdischen Kreises als jüdischer Bruder. Gott selbst hielt Gericht, einmal im jüdischen Lager, als der Materialismus den höchsten Grad erreicht hatte, und da kannten die Vertreter des Idealismus weder Brüder noch Söhne, wenn diese an der Wahnverirrung teilgenommen hatten. In zwei Strafreden wird uns im prophetischen Geiste in der Thora das Volksunglück vorher - sagt, und zwar als Strafe für den Abfall vom Gesetze Gottes. Ja, die nichtjüdischen Kreise erfassen bester den Zusammenhang zwischen Israel und seiner Lehre, seinem Nationalunglück und dem Anlaß. Auch deren Urteil sagt die Tauro rückgekehrt war und sich in M., seiner kleinen Universität niedergelassen hatte.' Er mußte wohl in guten Verhältnisten leben, da er mehr wistenschaftlich als praktisch arbeitete- Durch seine vielseitige Geistes- und Herzensbildung verstand er es, junge Leute an sich heranzuziehen. Seine echte tiefe Frömmigkeit, gepaart mit großem Wissen, hatte schon manchen, Jüngling über religiöse Anfechtungen hinweggeholfen, die gar leicht an die herantreten, die aus dem Schutze des Elternhauses in die blendende Freiheit des Universitätslebens kommen. Auch junge Kaufleute suchten gern den älteren Herrn auf, der alle gleich freundlich empfing. Es herrschte in seinem Hause gerade durch das Zusammentreffen junger Leute der verschiedenen Berufsfiände ein anregender munterer Verkehr. Daß Dorfzaun nervenleidend war, wußte Cahnstein, doch pflegte er sich sonst nicht sprechen zu lasten wenn sein Unwoslsem ihn plagte. Was mochte ihn also heute so ganz aus seiner Ruhe bringen? Der Hausherr schien die Gedanken seines Gastes zu erraten. „So ein Jahrzeitstag weckt immer wieder traurige Gedanken. Oft genug sagt man sich, du entbehrst den Verstorbenen doch nicht gerade an seinem Todestage, und doch w.'rden alle Erinnerungen besonders wach. Es war damals, als^mein Vater starb auch solch schlechtes verim 29. Kap. des 5. B. Nt., B. 23 u. 24 voraus: „Alle Völker werden sprechen, weshalb hat Gott dem Lande so getan, weshalb dieser große Zornesgrimm? Und sie werden antworten, weil sie verlassen haben den Bund Gottes, des Gottes ihrer Väter." Statt an alle Prophetenworte zu erinnern, die der Vergangenheit und auch der Zukunft gewidmet sind, möchten wir nur das schlichte Wort Jeremias anführen, das da lautet: „Warum ist das Land zugrunde gegangen, weil sie verließen meine Lehre." Jedes Volk hat wie jeder Mensch seine Bestimmung und weiht sich selbst feinem Untergang, sobald es ihr nicht mehr genügt. Wahrlich der Zionismus des Nachmannides und des Jehudah Halewi war ein anderer. Schlaget ihre Werke auf und werdet ihres Geistes, dann seid ihr Zionisten wie wir und wendet euch in inbrünstigem Gebet zu dessen Vaterhuld, der unserer Kindschaft nicht vergessen hat, auch im Goluß nicht, dessen Name mit und durch uns mehr im Goluß lebt, als wir selbst, der zu uns spricht mxa ’SJK 132 „mit Israel ist die Tauro im Leid". Derselbe Kampf, der vor der Zerstörung Jerusalems unter den Parteien geherrscht, das Streben Sabbatai Zewis und jedes Pseudomessias und jeder von ehrlicher Begeisterung für die materielle Wohlfahrt des jüdischen Volkes getragenen Pseudomessiasidee, jede Betonung des Nationaljudentums, jede Regung des Zionismus / all die Erscheinungen, welche Israels Autonomie ohne unbedingte alleinige Grundlage der Tauro erstrebten, alle Erscheinungen, die sich gegen die uns aufgelegte schwere Golußaufgabe, wendeten finden ihre Beantwortung und strikte Zurückweisung in dem Briefe, den Jeremias an die Vertriebenen in Babylon sandte. Er gipfelt in dem Gedanken die Verbannung zu ertragen und für das Wohl unserer Wirtsvölker zu arbeiten. Er enthält die teleologische Begründung dazu: „Denn ich kenne die Gedanken, die ich über eu.y denke, spricht Gott, Gedanken des Friedens und nicht des Unglücks, euch Zukunft und Hoffnung zu geben. Ruft mich und kommt und betet zu mir, dann werde ich auf euch hören / suchet mich und ihr werdet mich finden, wenn ihr nach mir forschet mit eurem ganzen Herzen. Ich werde mich dann finden lassen, spricht Gott, und werde zurückkehren zu euch Reuemütigen und werde euch sammeln von allen Völkern und allen Orten, an die ich euern verstoßen habe, spricht Gott und werde euch zurückführen nach dem Orte, von dem ich euch verbannt habe." Rückkehr zum Gesetz allein bedeutet Rückkehr ins Land. Was für unser Streben für die Zukunft gilt, gilt für unser Streben in der Gegenwart. kehrshinderndes Wetter, dadurch war es mir nicht möglich in seiner letzten Stunde bei chm zu sein, und er, der teuerste Vater, starb unter Fremden." Ein tiefer Seufzer schloß feine Worte/ er sank in Nachdenken. Cahnstein saß ruhig, um ihn nicht zu stören. Doch bald fing Dorfzaun wieder an: „Die Mutter lebte schon lange nicht mehr, sie starb vor meiner Barmizwoh. Ach, wäre sie uns länger erhalten geblieben, wie ganz anders hätte sich wohl unser Geschick gestaltet. Es sollte nicht sein. Der Vater und ich schlossen uns besonders innig aneinander, ich hatte während der Schulzeit keinen Freund, jede freie Stunde saß ich auf dem Büro meines Vaters und wenn das geschlossen und wir in unserem gemütlichen Wohnzimmer saßen, gab es keinen zufriedeneren Jungen als mich. Mein Vater hatte die seltene Gabe sich in die Gedankenwelt des Kindes einzuleben, er nahm meine kindlichen Schmerzen und Freuden nicht leicht und erhielt sich daher das volle Vertrauen, das sich Erwachsene so leicht verscherzen. Als ich zur Universität ging, trennten wir uns zum ersten Male. Mein Vater bestand darauf, daß ich eine ziemlich entfernte aufsuchte und auch während des ersten Semesters nicht nach Hause komme. Nun war ich gezwungen, 21. Januar 1900. Die Betonung des Namens Jude ist heute häufig nur eine andere Form — so paradox das auch klingen mag — für die Verheimlichung des jüdischen Namens, wie es vor wenigen Jahren noch üblich war. Früher wollte man, entnationalisiert, den anderen gleichstehen, heute als §ude Nation unter den Nationen sein. Mit udentum, mit Tauro und Awaudo hat dieser Name nichts zu tun. Der Zusammenschluß in Massen, das materielle Gewicht in jeder Form, die Forderungen uns versagter Rechte, solange dieses Streben nach Gleichstellung der einzige Inhalt dieses neuen Judentums bildet, die Organisationsbestrebungen mit ihrer Gefahr für das wahre Judentum: alles das müssen 'wir uns klar als nationalistische Bestrebungen in der Judenheit der Gegenwart vor Augen führen, unk den Gegensatz zu dem Idealismus zu erkennen, der das Wesen des Judentums, des überlieferten nämlich, ausmacht. Es kommt das Mißverhältnis der als Juden lebenden Mitglieder der jüdischen Gemeinden zu den das Judentum verneinenden hinzu und die Leitung der jüdischen Verhältnisse durch die letzteren sowohl in den Gemeinden als in den Verbänden, um uns anzufeuern zur Rettung und Erhaltung der Tauroh und ihrer Ideale, mit aller Macht den Idealismus zu betonen und ihm die Opfer zn bringen, deren er bedarf. Wir kennen kaum ein anderes Fest, das diesen Idealismus so sehr unterstreicht als Chanukkah. Wir kennen aber auch kaum ein anderes geschichtliches Ereignis, dessen Gedenken wir noch heute festlich begehen, dessen Auffassung den Prüfstein bilden könnte für die Gesinnung. Was bei diesem Feste betont wird, entweder Schwert und Sieg, Schlacht und Ruhm, die politische Seite und ihre Ausdrucksform, oder die Idee selbst und ihr sittlichreligiöser Inhalt, das kennzeichnet die Stellung der Gegenwart zum jüdischen Ideal. Es spricht sich aber auch gerade dieses Fest selbst sehr klar darüber aus, warum jedes materielle Streben unseres Volkes und für unser Volk, sei es der Zionismus, oder eine andere Bestrebung, uns völlig unannehmbar erscheint. Dabei gilt es von keiner Bedeutung, ob z B. der Zionismus religiös abgerundet, wie im Misrachi oder direkt religionslos wie im Zionismus 8av8 xbrase uns. entgegentritt, i ~ Was wollen denn die Weisen csts Lehrer dieser bedeutungsschweren Tage uns für das Leben erhalten wissen, worin bestand denn der Anlaß zu den Makkabäerkämpfen, was war des Kampfes Ziel, was des Krieges Bedeutung? Wer waren denn die mutigen Streiter, in welchem Lager, in dem der Gesetzestreuen, oder dem der mich an Kollegen anzuschließen/ ich fand auch bald angenehmen Verkehr. In eine Verbindung trat ich natürlich nicht ein. Der heute so segensreich wirkende Bund jüdischer Akademiker existierte damals noch nicht, und in eine der Verbindungen, die das vom Judentum verbotene Duell gestatten, ja sogar teilweise fördern, wollte ich natürlich nicht gehen." „Wohl Ihnen, daß Sie über jede Anfechtung erhaben ins Leben traten," rief Cahnstein lebhaft. „Glauben Sie das nicht, lieber junger Freund," antwortete Dorfzaun, „wohl niemand, der ins Studentenleben kommt, besonders der, wie ich, Naturwissenschaft studiert, bleibt vor Zweifel sicher. Mir ging es aber wie Joseph, von dem der Midrasch erzählt, daß ihm immer sein Vater erschien, wenn die ägyptische Sittenlosigkeit versuchend an ihn herantrat; ich. überlegte jeden neuen Gedanken zweimal, mein Vater stand voll im geistigen Leben der Neuzeit und blieb dabei fester Jehudi, da konnten mich blendende Worte nicht gewinnen, ich war und bin durchdrungen von der Heiligkeit unserer Überlieferungen. ^Fortsetzung folgt.)