Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1909)
- Date
- 1909-01-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 3'des „Israelit". Samurl da Nagill. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. (Fortsetzung.) euilleton. „Geh' Verblendeter", antwortete Nissim, „was Du Vergewaltigung nennest, ist nur das einfachste Gebot der Gerechtigkeit, würde Vadis die Anderen vorziehen, so Ware noch ein Schein von Recht auf Deiner Seite, aber er will alle Kinder seines Landes mit gleicher Liebe umfassen, Du wolltest aber Deine Regierung mit zwei grauenhaften Taten beginnen. Schäme Dich Bologguin, ich kann Dich nicht mehr meinen Freund nennen". Vologguin sank in die Kniee und schluchzte. „Was soll ich tun, meine Edlen". „Gehe hinaus und erkläre dem Volke, daß Du freiwillig auf die Krone verzichtest, da Du eingesehen, daß Dein Bruder Badis als der Erstgeborene und durch den Willen Deines Vaters dazu bestimmt, der rechtmäßige König sei. Fordere das Volk auf, mit Dir hinauf zu ziehen und Deinen! Bruder zu huldigen und Du sei der Erste der sich ihm zu Füßen werfe und seine Gnade erbitte". Bologguin befolgte den Rat Nissims und das Volk, froh den bevorstehenden Gefahren eines Bürgerkrieges entronnen zu sein, folgte willig dem Rate. Man zog hinauf, um dem neuen Könige zu huldigen und jubelte ihm und Samuel ebenso zu, wie man es noch vor eine Stunde Bologguin getan. In derselben Nacht aber flüchteten drei Männer mit ihren Familien in höchster Verzweiflung aus der Stadt, ihre kostbaren Schätze notdürftig zusammenraffend, es waren Nehemia, Aschkofa, Jsak ben Leon und Joseph ibn Migas. Sie fürchteten die Rache des neuen Königs und seines Veziers Samuel. Drittes Kirch. Erstes Kapitel. Badis, der neue König hielt Hof auf der al- Hambrah herrlich und in Freuden. Die schwerste Arbeit schien getan. Der Bruder hatte sich ihm ergeben, die Berber huldigten ihm, da er ja ihres Stammes, die Araber, aus denen das höhere und niedere Beamtentum sich gebildet hatte, hielt Samuel fest im Zügel und die im Fürstentum verbliebenen Juden folgten blindlinks dcm Nagid. Die Lenker der Nachbarstaaten fürchteten das mächtige Granada, nur das seither mit dem Fürstentume so befreundete Almeria hatte ihm die Freundschaft aufgekündigt, denn dessen Vezier -Jbn-Abbas, der gewaltige Hasser Samuels, hatte geschworen, daß Feindschaft aufsprossen möge, zwischen den beiden Königreichen. Die erste Handlung, die der neue König unternahm, war, daß er Samuel als Vezier des Fürstentums bestätigte und ihm noch weit umfangreichere Vollmachten gab, als diejenigen gewesen, die er bei Lebzeiten Chabbus' inne hatte. Badis überließ Samuel alle Geschäfte der Regierung und hieß alles gut, was dieser anordnete, so daß Samuel der eigentliche König von Granada war. Der Khalif regierte bereits einige Monate und er hatte seinen Vezier noch kein einziges Mal nach dem Gang der Regierungsgeschäfte gefragt. Umsomehr erstaunte dieser, als eines schönen Morgens der König ihn rufen ließ. „Nun, Samuel, bist Du zufrieden mit mir, mehr Machtvollkommenheiten giebt doch kaum ein anderer Khalife seinem Schreiber". „Ein König kann nichts Törichteres tun, als selbst die Geschäfte führen", sagte Samuel. „Führt er sie schlecht, so kann er die Verantwortung nicht auf andere Schultern abladen, führt er sie gut, so gefährdet er seine Erbfolge. Das Volk wird dann nur immer den Tüchtigen zum König haben wollen und nicht den Sohn". „Du sprichst gut, aber für Dich", lachte der König. „Ich könnte nicht anders sprechen, wenn ich auch nicht der Vezier wäre, denn es ist eine Wahrheit, von der ich überzeugt bin". „Du bist doch ein Dichter, ein Schriftsteller und ein Gelehrter, Samuel, so schildere mir doch das Ideal eines der Herrschaft würdigen Mannes". „Wessen Rat", sprach Samuel, „lauter ist gleich dem Sonnenlichte, wer rein ist von den Flecken der List, wessen Augen sich nicht dem Schlafe schließen, wessen Gedanken fest wie Türme sind : wen die Würde gleich Waffenglanz umstrahlt, wer den Willen anderer sich untertan zu machen versteht, und sich fernhält, von dem was Schande bringt, der ist der Herrschaft würdig". „So wie Du eben gesprochen", hohnlachte der König, „so mußt D u Dich führen, denn Du herrschest ja tatsächlich statt meiner. Was mich betrifft, so werde ich tun, was mir beliebt". - Ein Gemisch von Gemeinheit und Edelmut, Verrückheit und hohem Geiste — das war Badis. „Weißt Du auch", fuhr er fort, „daß die Anhänger meines Bruders noch nicht ganz beruhigt sind, sie haben Dir den Krieg bis aufs Messer geschworen, hast Du keine Furcht vor ihnen?" „Ich hoffe, die Bekenner der Wahrheit: La ilaha il-lal-lahu (da ist keine Gottheit außer Gott) sie werden vor dem Leben eines Dieners des Einig-Einzigen halt machen". „Sie sollten es, ob sie es aber auch tun? Halten denn Deine Glaubensgenossen alle Satzungen der Torah?" „Sie halten sie, sonst wäre ich die längste Zeit ihr Beschützer gewesen". In der stolzen Offenheit des Mannes, lag etwas, das der Fürst beneidete. Er hätte es gern verachtet, aber gegen seinen Willen fast ruhte sein Auge mit Wohlgefallen auf dem edlen Charakterkopfe. „Nicht die Anhänger meines Bruders sind es heute, wegen deren ich Dich habe zu mir bitten lassen, davon ein andermal. Von Almeria laß uns heute reden. Ich weiß, Du hast alles getan, um das Bündnis mit dem Fügten wieder herzustellen, auch ist mir bekannt, daß dieser endlich erklärte, daß er eine Zusammenkunft halten und dann alles in Ordnung bringen wolle". „In diesem Augenblicke", sprach Samuel, „ward mir die Nachricht, daß man unsere Grenze überschritten und Zohair sich den Toren von Granada nähert". „Wie, ohne mich zu fragen?" rief Badis im Tone der höchsten Entrüstung. Eben wollte Samuel antworten, als der Lärm des Volkes, das schon seit einiger Zeit vor dem Palaste auf und nieder flutete, plötzlich lauter und heftiger anschwoll: Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander. Bon einem zahlreichen und glänzenden Gefolge begleitet, ritt der König von Almeria vor die Baba il-mislah der al-Hambrah. Badis fühlte sich durch dieses rücksichtslose Benehmen auf das äußerste verletzt. „Den Fürsten lasse ich gefangen nehmen," schrie er, ..sein Gefolge töten." „Du wirst es nicht tun," sprach Samuel mit Ruhe. „Wie erlaubst Du Dir mit Deinem Herrn zu reden?" „Nun, vor noch nicht einer Stunde frugst Du mich, wie Du groß und bedeutend werden könntest. Nunmehr will ich Dir antworten. Du wirst die Größe nicht eher erreichen, als bis. Du Deine Seele demütigst. Denke stets an den Tag an dem weder Handel noch Freundschaft noch Fürbitte gelten werden. Empfange also den Fürsten mit derjenigen Hochachtung, die einem 'gekrönten Haupte zukommt, bewirte die Leute seines Gefolges mit lleberfluß, überhäufe sie mit Geschenken." „Ich tue, wie Du geheißen, indessen verhandle Du mit Ibn Abbüs, das was Ihr beschließet: von Euren beiden Herren soll es ausgeführt werden." Samuel begab sich in den Saal der Gesandten, bei dessen Ausschmückung der Künstler alle Eigenheiten der arabischen Dekoration mit verschwenderischer Hand ausgeschüttet hatte. Reich verzierte Nischen dienten zur Aufstellung prächtig ziselierter Basen mit kühlenden Getränken. Vom Fußboden bis zur Gürtelhöhe waren die Wände mit goldglänzenden Kacheln bedeckt, von hier bis zur Decke Kolonaden und Friese, bei deren Ornament arabische Inschriften mit geometrischen Zeichnungen, stilisierten Blättern und Blumenkränzen abwechselten. Der Grundton war rot, während Blau, Gelb und Grün dem Gemach einen heiter bunten Oberton gaben. Auch Ibn Abbas wurden hierhin geführt. Die beiden Minister standen sich gegenüber. Aus den Augen Ibn Abbas leuchtete der ganze Haß, den der Araber aus uraltem Stamme dem Juden gegenüber zu zeigen, sich berechtigt glaubte. Obgleich an Gestalt viel kleiner als Samuel, bemühte er sich von oben auf ihn herabzublicken. Dann ließ er sich auf ein Polster nieder und hieß Samuel stehen, der aber trotz dieser Schmach seine Ruhe bewahrte. Ibn Abbas setzte seine stolzeste Miene auf. „Bevor wir verhandeln," spottete er, „sage mir, welchem Adel Du angehörst, denn ich verhandle nur mit Ebenbürtigen." Samuel merkte, daß er fortgesetzt beleidigt werden sollte, das suchte er zu verhindern. „Mein Adel", sprach er, ist .der älteste der Welt und zugleich der vornehmste. Auch vornehmer wie der Eure. Wir sind die rechtmäßigen Erben Abrahams. Ihr stammet nur von deffen Magd. Unser Adel ist der vornehmste, weil er ein Geiftesadel ist. . Die Erkenntnis Gottes und seiner Einheit ist das Verdienst Abrahams. Die Jsmaeliten sind nur Söhne der Hagar, das ist der Niederlaffung. Denn wer sich nur an die weltliche Bildung hält, ist nur ein sich niederlassender Fremdling, nicht Besitzer der Weisheit. Die Abrahamiten dagegen sind die Bewahrer und Pfleger des Geistes, ihre Geschichte ist der Spiegel der Geschichte aller Völker. Einem ununterbrochenen Faden gleich zieht sie sich von den ältesten Kulturmittelpunkten Aram Naharajims und Mizrajims bis in unsere hochentwickelte andalusische Zeit, wer weiß, nach wie viel tausenden von Jahren sie noch fernen, heute nicht gekannten Ländern, die Segnungen unserer Lehre bringen wird. Ich ehre also den Adel des jüdischen Blutes höher, als jeden anderen." Der vollendete Mcnschenerforscher hatte mit dieser Rede den ahnenstolzen Gegner an seiner empfindlichsten Stelle verwundet. Wütend sprang Ibn Abbas auf. „Raach al Dschrhennen, ja Kelb,*)" schrie er, „mit diesem verfluchten Juden verhandle ich nicht." Er verließ das Gemach und lief zu seinem König. „Du darfst", sagte er ihm, „diese Bande nicht als Gleichberechtigte behandeln, sonst werden sie frech, der Jude hat mich soeben aufs schwerste beleidigt, zeige diesem Badis, daß wir tausendmal mehr sind, wie diese Barbaren und wie diese Juden." ) «chere Dich zur Hölle, Du Hund.