Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1909)
- Date
- 1909-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6. 'ir. 3 Der JSraeNr. Einwillignng hiezu gegeben, daß der Mann, den die Gesetzestreuen vor zwei Jahren für den einzigen berufenen Kandidaten hielten, den aber Antebi mit den verwerflichsten Mitteln verfolgte und unmöglich machte, El ja schar diesmal gewählt werden könne. Nun lautet die Parole der Antsbi-Partei: Pauisel dars keinesfalls gewählt werden! Sie haben nun Eljaschar, den bislang Bekämpften und in den Staub Getretenen, plötzlich auf ihren Schild gehoben und machen dazu ernste Miene, sich als seine Freunde und Verehrer aufzuspielen. So leichtgläubig und vergeßlich ist man in Jerusalem denn doch nicht, wie es die Herren gern möchten. So rasch vergißt man die vielen Schmähschriften nicht, die man gegen diesen würdigen Mann unter die Massen geworfen hat! So rasch tilgen sie den schwarzen Fleck nicht aus, mit dem Herr Antebi und seine Hintermänner, die Ehre und das Ansehen Jerusalems trübten, als sie auch die Familienehre dieses Mannes in den Staub zerrten, den sie heute durch ihre Freundschaft — nur diskreditieren. Noch gellt in den Ohren aller Eingeweihten der Eid, den diese seine heutigen Lobredner geschworen haben, den Mann und seine Familie durch Abschneidung aller Ehre unmöglich zu machen. Ihre Schmähschrift: D’tfm npw: ^!p, die sie damals gegen alle ihre Feinde und speziell gegen den Rabbiner veröffentlichten, bleibt ein Denkmal trauriger Verirrung, ein Dokument, das vor den Augen ganz Jerusalems und vor dem Blick alle^' um da- Wort Gottes besorgten Gesetzestreuen offen daliegt. Nur wenn sie sich offen und entschieden von Antebi lossagen, werden die Anhänger Eljaschars den Glanben an die Reinheit ihrer Absichten im Lager der Gesetzestreuen Jerusalems und des Auslandes retten und festigen können. So stehen die Dinge jetzt unmittelbar vor der Wahl, die der Regierungskommiffar, der Wakil Chacham-Baschi Hiskia Sabatai durchführen will. Hoffen wir auf Gottes Beistand, daß er den Wünschen der Redlichen die ersehnte Erfüllung bringt. Soviel zur Klarstellung der tatsächlichen Lage, auf Grund welcher nun jeder imstande ist, sich selber ein Urteil zu bilden. Wer zur Versöhnung der Chachamim, zum Zusammenschluß der Gesetzestreuen in der heiligen Stadt, wer vor allem dazu beitragen kann, daß in Konstantinopel nicht ein Helfershelfer Antebis, sondern ein ehrwürdiger, dem Parteihaß entrückter mVO blT gewählt werde — der tue auch um Zions willen seine Pflicht. Er darf dafür der dankbaren Anerkennung aller Edlen in Jerusalem sicher sein. ovtt bD D’-ioitp THpsn “pmainSr dk v'v nn pir nr - wrv >6 Tan ,nb'bn ♦pan rnnn orrespondenzen und achrichten G Deutsthes Keirh. Liberale Kampfrufe. (Lon unserem Korrespondenten.) Berlin, 19. Jan. Die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" entfallet in den letzten Wochen hier eine rege Tätigkeit. In großer Hast wird ein von den „Berliner Mitgliedern des Vorstandes" Unterzeichneter Brief versandt, in dem unter Hinweis auf das Programm der Vereinigung zum Beitritt arfgefordert wird, damit das Ziel erreicht werde, daß Berlin, die größte jüdische Gemeinde Deutschlands, auch auf dem von uns bearbeiteten Gebiete allen anderen vorangeht! — Daß die Herren für ihre Sache agitieren, ist ihr gutes Recht, und wenn ihr Ehrgeiz nur dahin geht, hier eine ansehnliche Anzahl von Mitgliedern zu werben, so wird derselbe sicherlich nicht allzuschwer zu befriedigen sein. Man kann in Berlin für jede Sache Geld auch Mitglieder bekommen, zumal wenn Namen von Klang hinter derselben stehen und ein Paar Leute es sich angelegen sein lassen, für dieselbe die Werbetrommel zu rühren. Nach diesem Rezept wird denn auch hier gearbeitet und das mehr als dürftige, kaum 30 Zeilen füllende „Programm" durch eine drei Quartseiten umfassende Namensliste unterstütztdaneben aber auch noch — ein recht geschickter Trik — ein weiteres Namensverzeichnis der „aus Ihren! Berufskreise in Berlin der Vereinigung beigetretenen Herren" angefügt. Es sollte uns daher nicht wundern, wenn die Herren sehr bald in die Lage kämen, berichten zu können, daß der „Liberalen Vereinigung" hier mehrere Hundert Mitglieder beigetreten sind. Wir würden ihnen den Erfolg nicht neiden und darob auch kein Zähneklappern verspürendenn wir kennen das diesen Bestrebungen zugängliche Mitgliedermaterial gut genug, um zu wissen, daß ihm an allem Andern mehr gelegen ist, als daran, mit dem Beitritt zu der Vereinigung seine religiöse Auffassung zu dokumentieren und Bekennermut für die „Anerkennung der fortschreitenden Entwicklung des Judentums" zu prässieren. Man könnte darum die Sache sich selbst überlassen und brauchte keine Notiz davon zu nehmen, wenn nicht ein Passus in dem Begleitschreiben der „Berliner Mitglieder des' Vorstandes" zu einer Entgegnung und Richtigstellung zwänge. Es heißt da nämlich: „Es ist ihnen bekannt, daß seit längerer Zeit nicht nur inBerlin, sondern auch auswärts die Orthodoxie, kühn gemacht durch die Zurückh?al tun g der Liberalen, ihr Haupt erhoben hat und sich bemüht, die Herrschaftinden Gemeinden zu erlangen. Um dies zu hindern usw." Man scheint sich gefürchtet zu haben, den schönen Satz mit „Bekannl'ch" beginnen zu lassen, weil die Meinung geht, daß dieses Wort sehr geeignet für den Zweck ist, unwahre Behauptungen beweislos als wahr zu unterstellen. Man hat dafür als weniger verfänglich „es ist Ihnen bekannt" gewähltaber die Behauptung .ist darum nicht wahrer geworden - ja, es ist in dem Satze kaum ein Wort, das der Prüfung auf seine geschichtliche Wahrheit auch nur in einem Punkte Stich hält. „Die Orthodoxie hat seit längerer Zeit ihr Haupt erhoben". Wäre der Satz so wie er steht, wahr, es gäbe kein vernichtenderes Verdikt über den „Liberalismus" des „liberalen Judentums" als dieses Urteil, das er sich selbst gesprochen. Daß das „liberale Judentum" seine Macht selbst geniißbraucht hat, um die Orthodoxie, die sich durch seine Gründe wahrlich nicht überzeugen konnte, mit Gewalt niederzudrücken, daß es vor den letzten Mitteln brutalster Vergewaltigung, vor Denunziation ihrer Vaterlandsliebe und staatsbürgerlichen Trvue usw. nicht zurückschreckte, das Alles wissen wir nicht nur aus der Geschichte, sondern haben wir z. T. noch am eigenen Leibe erfahren. Daß also, wenn es nach den „liberalen" Wünschen und Praktiken gegangen wäre, die Orthodoxie in der Tat ihr Haupt nicht mebr hätte erheben sollen, dieses Zugeständnis unterstellen wir als wahr und nehmen davon die gebührende Kenntnis. Aber das schöne Calcul hatte ein großes Loch - es war ohne und gegen den naitP 7>KT2' gemacht! Er hat Seine Hand schirmend über uns gehalten, so daß die vergifteten Waffen unserer Feinde uns nichts anzuhaben ver- 21. Januar 1909 mochten-Er hat uns in JsraelHi ldesheimer S. R. Hirsch T'ST, M. Lehmann Van u. s. w. u. s. w. Männer erstehen lassen, die den Kampf mit den Reformhelden nicht zu fürchten brauchten und auch nicht gefürchtet haben! Wann, Ihr Herren, hat die Orthodoxie ihr Haupt vor Euch gebeugt, wann ist es Euch gelungen sie so zu ducken, daß sie es Eurer stolzen Großmut zu danken hätte, daß sie „seit längerer Zeit" wieder ihr Haupt zu erheben wagt?! Ihr hättet sie „kühn gemacht durch Eure Zurückhaltung?" Man traut seinen Augen nicht, wenn man diese Worte liest! Was da so weihevoll „Zurückhaltung" benannt wird, ist in Wahrheit nichts Anderes, als der senile Verfall, als die tötliche, jedes religiöse Empfinden, jedes religiöse Interesse ertötende Gleichgiltigkeit der Kreise, welche die Reform zwar der Orthodoxie abspenstig zu machen, aber nimmermehr an ihre fadenscheinigen Fähnchen zu fesseln verstand, und weiter unwahr ist es, daß sie der Orthodoxie zu gute kamdenn, so unfähig zum Aufbau das „liberale Judentum" sich erwiesen hat, zur Drangsalierung der Gewissen der orthodoxen Judenheit hat sie sich nie als zu schwach erwiesen. Wer hat den Gottesfrieden in Cöln und anderwärts gebrochen? Wer die Orgelfrage in der Rykestraßen'ynagoge, wer den Sonntagsgottesdienst, wer die Sabbathentweihung durch jüdische Organisten aufs Tapet gebracht und nicht zur Ruhe kommen lassen? Wer hat die Zwangsorganisation als Zankapfel in den Verband deutscher Juden, gegen dessen Statut und gegen die bündigsten Versicherungen hineingeschleudertwer durch den Gebetbuchstreit ein ganzes Land in fieberhafte Aufregung versetzt - wer in München durch Polizeimaßregeln den Orthodoxen die Ausübung der allerelementarsten religiösen Pflichten und Rechte unmöglich zu machen gewußt? War es die Orthodoxie die „nicht nur in Berlin, sondern auch anderwärts" den Frieden störte? S o sieht die vornehme Zurückhaltung der Liberalen in richtiger Zeichnung aus! Ja, sie hat die Orthodoxen „kühn gemacht" - denn ihre selbstherrliche Rücksichtslosigkeit hat das unmöglich Erscheinende bewirkt, die unselige Geduld der Orthodoxie endlich doch zu erschöpfen und sie zur Schließung ihrer Reihen zu bewegen! Und auf derselben Höhe geschichtlicher Wahrheit wie die andern, steht schließlich auch die Behauptung, daß die Orthodoxen „sich bemühen, die Herrschaft in den Gemeinden zu erlangen." Ach nein! Die Orthodoxie ist, leider allzu bescheiden, um solche Pläne zu hegen- und sie kennt die Realität der Verhältnisse, denen sie, weil sie mit dem Herzen engagiert ist, nicht so fremd wie der Liberalismus gegenübersteht, zu genau, um solchen Ambitionen Raum ru gewähren. Was sie will ist Gewissens- und Ellbogenfreiheit, ist Gleichberechtigung und Beachtung ihrer Empfindungen, ist Gerechtigkeit in der Behandlung ihrer Wünsche. Daß der Liberalismus zu diesem Standpunkte die richtige Distanz zu finden nicht vermag, soll ihm nicht allzusehr verdacht werden. Nur der vermag sich in die Gewissensnot eines Anderen so recht hineinzudenken, dem auch selbst die Religion Mittelpunkt und Ausgangspunkt des ganzen Menschendaseins istwas sonst im Namen der Toleranz und der liberalen Weltanschauung gewährt wird, ist des Aufhebens nicht wert, das davon überall gemacht wird. Aber kann der Liberalismus unser Wesen auch nicht gerecht beurteilen, so sollte er sich doch vor einer Gruppierung der Tatsachen hüten, die die Parteibrille nur allzu deutlich erkennen läßt. Seine geschichtliche Treue könnte sonst in den wenig beneidenswerten Ruf kommen, den man im Ältertum an das Carrhagervolk knüpfte. Karlsruhe, 14. Januar 1909. Der Großh. Oberrat der Israeliten hat am 13. Januar aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Landessynagoge am Karl Friedrich-Denkmal auf dem Schloßplatz, sowie an verschiedenen anderen Gräbern und Denkmälern, Kränze niedergelegt. Am Vormittag des Jubiläumstags ein-