Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1909)
- Date
- 1909-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 3. «r. 3. Der AOrarltt terialismus der „Frankfurter Zeitung" noch nie verstanden hat, das von Generation zu Generation vererbt wird und bestimmt ist, die Brücke zu bilden zwischen Philosophie und Religion. Denn mit Nachdruck muß darauf hingewiefen werden, daß gerade das, was die Philosophie vom Materialismus trennt, sie mit der Religion gemeinsam hat: Die Problemstellung. Verschieden ist die Beantwortung, insbesondere die Methode der Beantwortung. Aber gerade die Beantwortung ist das zeitlich Bedingte in der Philosophie. Der Kampf gegen den Materialismus, diese Weltanschauung, die sich parasitenhaft von den großen Triumphen der Naturwissenschaft nährt, die seit Jahr und Tag von Köpfen, die niemals Kant gelesen, geschweige denn verstanden haben, gepredigt und von einer minderwertigen Tagesliteratur unters Volk geworfen, von gewissen Zeitungen, insbesondere der „Frankfurter Zeitung", mit wahrem Feuereifer kolportiert wird, dieser Kampf, meinen wir, ist kein Kampf, den allein die Religion, oder gar nur allein das gesetzestreue Judentum zu führen hätte, es ist vielmehr ein Kampf, der uns Seite an Seite findet neben Kant und all seinen Nachfolgern, uns mit all denen verbindet, die es aus tiefster Ueberzeugung ablehnen, daß Welt- und Lebensanschauung anhangsweise zu einem Grundriß der Physik oder der Chemie gelehrt werde, denen vielmehr die Gewinnung einer Weltanschauung Gegenstand eigener Wissenschaft mit eigener Methode ist — wir brauchen uns dieser Gemeinschaft nicht zu schämen: Es sind die tiefsten Köpfe Deutschlands. Möge der oben erwähnte Artikel dazu beitragen, in seiner unsäglichen Armseligkeit all denen die Augen zu öffnen, die noch immer überzeugt sind, daß ein auf politischem und handelspolitischem Gebiete hervorragendes Blatt notwendig auch das beste Lehrbuch der Philosophie oder der Ethik sein müsse. Dann wird das furchtbare Unglück nicht nur den „Klerikalen" zugute kommen, sondern der Wissenschaft überhaupt. I. 8. vie Habbineroersammlung in warsäiau. Man bekam in letzter Zeit nur wenig Erbauliches aus dem Zarenreiche zu hören. Die Kleines Feuilleton. Jüdische Botels und Restaurants. Bon Großh. Landrabbiner Dr. Mannheimer in Oldenburg. - Als ich vor einigen Tagen in Hamburg meinen Freund Samson besuchte, empsing mich dieser mit einer Begrüßungrede, die^olgendermaßen begann: „Ach, Herr Rabbiner, 21W — es ist gut, daß Sie kommen, es freut mich sehr, da kann ich mir dach mal Lust machen. Sehen Sie, Herr Rabbiner, was tun denn die Herren Rabhiner? Man liest von Sitzungen und Versammlungen, von Kommissionen und Resolutionen, sie debattieren über die Ethik im Chrnukkohlichte des Judentums, über Zionismus und Misvachismus, über alles mögliche, — aber daß man unterwegs überall losch er essen kann, darum kümmern sie sich nicht. Wissen Sie, Herr Rabbiner, daß Eine gute jüdische Restauration mehr zur Erhaltung der jüdischen Speisegesetze beiträgt, als zehn Predigten über dieses Thema? Wissen Sie, Herr Rabbiner, daß Ein jüdischer Restaurateur mehr Leute zum Trefohessen bringen rann, wie zwanzig Hochzeitsreisen?" Und so ging ^as weiter. Wer die Ergüsse meines Freundes Samson kennt, weiß, daß man vor der ersten halben Stunde nicht »u Worte kommt, und daß wahrend dieser Zeit an sämtlichen Telephons der Nachbarschaft kein Wort verstanden wird, — ich hörte also geduldig zu. Und je äußere Lage der Juden gestaltete sich dort immer schwieriger und kritischer und die inneren Zustände boten des Tröstlichen nicht viel. Die Bewegung der Gesetzestreuen, die im vorigen Jahre so verheißungsvoll einsetzte, schien in einer bedenklichen Stagnation zu münden, während die antireligiösen Elemente immer mehr in den Besitz von Macht und Einstuß gelangten ui b Erfolg auf Erfolg einheimsten. So erscheint uns wie ein neuer Hoffnungsstrahl die Kunde, daß sich in diesen Tagen die ges etz es treuen Rabbiner Russisch-Polens zur Beratung der vitalen Angelegenheiten der russisch-polnischen Judenheit in Warschau versammelt haben. Denn schon der Umstand, daß die Führer der Gemeinden, als welche die Rabbiner in Rußland immer noch gelten, sich, beseelt von dem Wunsche, dem geistigen und materiellen Notstand abzuhelfen, zusammenfinden, die Tatsache, daß die Vertreter der Thora, die Gl. immer noch in den breitesten Schichten des Volkes souverain ist, mutig und arbeitsfroh allen Schwierigkeiten und Hindernissen trotzend mit gemeinsamer Kraft an das große Werk Herangehen, diese Tatsache allein müßte schon genügen, denjenigen, die an der Lage verzweifelten, den Glauben an eine Besserung beinahe verloren haben, von neuem frischem Mut einzustößen und sie mit neuen Hoffnungen zu erfüllen. In diesem Sinne dürfen auch wir die Versammlung freudig begrüßen, ob sie auch bezüglich ihrer Geschäftsführung und Verhandlungen uns nicht in allen Teilen zu befriedigen vermag. Es ist leider nicht zu leugnen, daß viele der dort nach eifriger Arbeit gefaßten Beschlüsse nach Lage der Dinge vorerst ftomme Wünsche bleiben werden. Es ist indeß von Vorteil, wenn auch Wünsche die zunächst keinen praktischen Erfolg versprechen, offen und nachdrücklich ausgesprochen werden. Vielleicht gelingt es im Laufe der Verhandlungen, die, wie an anderer Stelle ausführlich berichtet wird, mit großem Ernst und sachlicher Gründlichkeit geführt werden, die Quelle der Not ganz bloßzulegen. Denn es wird in erster Reihe darauf ankommen, den Uebelständen auf den Grund zu gehen und da helfende Hand anzulegen, wo die Wurzel der Krankheit sitzt. Davon allein wird es abhängen, ob die Arbeit der um ihr Volk besorgten Männer Früchte trägt oder, wie leider schon so oft, verlorene Liebesmühe bleibt. Die Rabbiner besprachen u. A. auch ihre soziale Stellung inner- und außerhalb ihrer Gemeinden. Sie sehen, wie die Machtmittel, deren sie in ihrer Eigenschaft als Leiter ihrer Gemeinden nicht entbehren können, immet mehr aus ihrer Hand gleiten und sinNen auf Abhilfe. Da ist aber guter Rat teuer und jede Mühe länger ich zuhörte, desto lauter vernahm ich die Stimme meines Gewissens: „Er hat recht, ja er hat recht." Aber noch schwieg ich wohlweislich. Zwar sollte ich erwidern: „Und ist die Resolution in Marburg über den Misrachi nicht eine große denkwürdige Tat, die mit Einem Schlage das Judentum gerettet bat und das Hervorragendste bedeutet, was an Resolutionen seit Jahrzehnten geleimt worden ist?" Doch nein, ich schwieg, — der Mann hatte recht, er hat ja zwar immer recht, aber diesmal besonders. In Nr. 1 des „Israelit" vom 7. Januar 1909 beklagt sich ein jüdischer Reisender übet die Vernachlässigung der jüdischen Hotels bezüglich des Wohnens von seiten der jüdischen Reisenden. Hiermit bat der Verfasser jenes Artikels in dankenswerter Werse eine Frage angeschnitten, die wichtig genüg ist, wieder einmal näher ins Auge gefaßt zu werden, zumal jener Artikel mit dem mir in Hamburg zuteil gewordenen Empfang zweifellos in Verbindung steht. Ich stimme mit dem Verfasser überein, daß es eine Ehrenpflicht eines jeden jüdischen Reisenden ist, in solchen jüdischen Hotels zu wohnen, wx hie Grundbedingungen eines jeden Hotels erfüllt sind: „Ordnung und Reinlichkeit". Und gerade in den letzten Jahren sind in dieser Hinsicht im jüdischen Hotelwesen große Fortschritte zu verzeichnen. Wir haben in einigen Städten jüdische Hotels, die in jeder Beziehung — in allem Komfort selbst den besten christlichen Hotels nicht nachstehen, und wo selbst der anspruchsvollste Reisende sich wohl fühlen wird. Leider ziemt es sich nicht, Namen zu nennen, da auch andere noch vorhanden sein könnten, die mir unbekannt sind. Ich kenne aber auch jüdische Hotels, die sowohl am Tische, wie in den Zimmern, in den Betten usw. ein Aussehen haben, daß ein frommer Jehuvi sich schämt, daß solche mit dem Ehrentitel "^2 bedacht 31. Aarmar 13M» Von vornherein verloren, so lange der ganz unnatürliche, eines gesunden Gemeinwesens unwürdige Zustand der doppelten Rabbinatsverwaltungen diese Zwittergestalt des heutigen „Rabbonus" in Rußland andauert. Die Herren, die heute im Kvllegenkreise so schöne Reden über die Stellung der Rabbiner halten, wissen sehr wohl, daß sie zu Hause ihr Amt noch mit einem anderen Rabbiner zu teilen haben, der wohl der Gemeinde nichts, aber der Regierung alles ist Der Kronrabbiner, der in der Regel weder seinerBorbildung nach noch vermögeseinerLebensfiihrung etwas R a b bi n is ch es an sich hat, führt das große Wort und vertritt die Gemeinde auch in religiösen Dingen, bei den Behörden. Er beherrscht die Sprache und die Allüren seiner christlichen Umgebung und benutzt dieses probate Mittel (das geschieht übrigens nicht allein in Rußland) zur Beherrschung und, wenn nötig, zur Vergewaltigung der öffentlichen Meinung. Diese Herren Kronrabbiner, die lange nicht mehr an der Matrikelführung Genüge finden und in jüngster Zeit sogar Stellung zu Frager nahmen, diese Herren lachen heute über die schöne Rhetorik und die hchen Pläne ihrer „paiven Kollegen". Ein Federstrich, ein kräftiges Wort zu dem lokalen Machthaber am Bier- oder Spieltisch, un d das ganze rabbinische Gebäude stürzt zusammen, zerfällt wie. ein Kartenhaus. Natürlich ist die Frage des Kronrabbinats auch von der Versammlung gestreift worden. Nur gestreift, aber nach unserem Dafürhalten nicht als Quelle so vieler tiefsitzender Uebel genügend beachtet und behandelt worden. Nicht etwa, als ob die Rabbiner das Standesregister gleich an sich hätten reißen sollen. Sie hatten bis jetzt, die im Thorastudium ergrauten Lehrer, wahrlich etwas besseres zu tun als Register zu führen und Geburtsscheine auszustellen, und sie überließen gern und ohne Neid Anderen diese Arbeit. Daß sie dadurch ein gut Teil Einfluß aus der Hand ließen und so ihrerseits die heute herrschende heillose Verwirrung in den jüdischen Gemeinden mit verschuldet haben, sehen sie heute ein — zu spät für die Alten, aber noch keineswegs zu spät für die jüngeren Rabbiner, die zum Teil heute schon das zur Verwaltung des Kronrabbinats nötige profane Wissen besitzen oder sich dasselbe noch mit Leichtigkeit aneignen können. Vvr allem aber sollte man darauf öedächk sein, die bitteren Erfahrungen der Väter den Kindern zu ersparen und der kommenden Generation auf der Basis vonr^rr BP iTYlfl eine Erziehung angedeihen lassen, die, fern von jeder Einseitigkeit, sie befähigt, ihre Interessen, die sind, weil gerade solche Hotels es sind» die dem Wörrs das Vorurteil schaffen» das man allzu häüsi-f hören innß. Es tut Mir wieder leih, keine Namen nennen zü dürfen. Wenn solche Hotels von jüdischen Reisenden gemieden werden, so ist dies ein Segen für das JudentüM, und für die Ehrenrettung der guten jüdischen Hotels. Mer umsomehr ist es Pflicht, gerade denjenigen jüdischen Hotels unsere besondere Förderung und Unterstützung zu weihen, wo wir ias ernstliche Streben erkennen, auf der Höhe zu sein; wo solche Opfer gebracht werden von seiten jüdischer Wirte ,da muh es jeder Jude sich zur Ehrensache machen, nicht nur selbst hört Wohnung zu nehmen, sonder»! auch durch Empfehlung und Propaganda zur Erhaltung solcher Hotels beizutragen und 'ihre Entwickelung zu fördern. Es gibt aber auch eine große Anzahl ritueller jüdischer Speisehäuser ohne Hotelbetrieb, und hier finden die nämlichen Voraussetzungen Anwendung wie bei den Hotels. Die Restaurationsfrage ist für die Erhaltung des frommen Judentums eine überaus wichtige, weil es leider eine große Anzahl sogen. Halojuden gibt, die sehr gerne koscher essen, wenn ihnen günsttge Gelegenheit geboten wird, die aber sonst auch trefoh essen, wenn es an Gelegenheit oder an guter Gelegenheit, koscher zu leben, mangelt. Welchen großen Dank das Judentum dem Hamburger Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser /„Ächilleion" genanntschuldet, das kann nur derjenige ermessen, der selbst am eigenen Leibe das „Einst und jetzt" erfahren hat. Diesem unentbehrlichen Vereine volle Unterstützung angedeihen zu lassen, ist eine Pflicht unserer Gemeinden und besonders der Rabbiner, deren Arbeit jener Verein eigentlich übernommen hat. Leider kann der Verein nur für. „Kaschrus" sorgen, doch die Qualität des Essens, die Aufmachung, die Reinlichkeit, das G--