Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1909)
- Date
- 1909-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(j Der Israelit J Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum Begründet non Dr. Lehmann in lllainr 50. Jahrgang, Cr„„bfllrf. m 21. Januar 1909. iranh!urta.in., Sen 2g Teroefh ghgg M 3 Abonnement pro Vierteljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk. i.50r HestauSgabe 'Kunstdruck) Mk. 3.— Auslandspreise: Gewöhnliche AuSgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Hub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate; 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.> Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem Postscheck-Amt Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der K. K. Postsparkasse Wie« Ro. 79 805. Conto bei dem K. Postsparkaffenamt Budapest Ro. 18424. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. Dar NsckSruck 9er Hrtihel un9 Correfpon5en?en 9es „Israelit“ if! nur unter genauer Quellenangabe, un9, foroeit es fich um größere Duffäfce handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gehaftet Das Erdbeben und die „frankfurter Leitung". Der erste Eindruck, den das furchtbare Unglück, das über Italien hereingebrochen war, hervorrief, war sprachloses Entsetzen. Man konnte es nicht fassen, daß binnen weniger Minuten eine Verheerung vollendet war, wie sie nur ein langjähriger blutiger Krieg hinterlassen kann. Vergebens mühten sich die Zeitungen, den namenlosen Jammer und das grausige Elend unter Wort und Begriff zu bändigen; jede Vorstellung, die kühnste Fantasie versagte. Und nur ein Gefühl war es, das sich Bahn brach. Das Gefühl der menschlichen Schwäche und Winzigkeit gegenüber dem Walten der Naturkräfte, das Gefühl der Bedeutungslosigkeit und Unzulänglichkeit des Einzeldaseins in der Entwicklung des Ganzen, ja der völligen Abhängigkeit dieses Ganzen selbst von Waltungen, deren Ursachen nicht zu begreifen, deren Ziele nicht zu verstehen, das waren ungewohnte Töne, die selbst solche Zeitungen durchzitterten, die sonst nur von Triumphen desMenschengeistes, von der Siegeslaufbahn der als Selbstzweck aufgefaßten menschlichen Kulturentwicklung zu reden pflegten. Man ist leicht geneigt, das Gefühl der menschlicken Gebundenheit als ein schlechthin religiöses anzusprechen, und so manch einer, den das notorische Schwinden des religiösen Sinnes aus dem Bewußtsein der weiteren Volkskreise mit Bedauern und Besorgnis erfüllt, mag mit Genugtuung die Neubelebung dieses Sinnes mit unter die Errungenschaften gezählt haben, die in der Geschichte der Menschen so oft der Not und dem Unglücken danken sind. Allein wie voreilig doch ein solches Urteil ist, zeigt ein Artikel, den die „Frankfurter Zeitung" vor einigen Tagen in ihrem Abendblatte veröffentlichte. Auch die „Frankfurter Zeitung", der man sonst Sinn für religiöses Empfinden kaum zum Vorwurf machen kann, gehörte zu jenen Blättern, die unter dem Eindruck des Unglücks in fast elegisch anmutenden Sätzen von der Bedingtheit und Abhängigkeit menschlichen Schaffens sprachen. Es scheint nun, als ob diese Zeitung alsbald von der Befürchtung ergriffen wurde, man könnte glauben, sie sei zu einer Revision ihres bisherigen mehr oder minder materialistischen Standpunktes *) gekommen. Dem mußte vorge- Wir nehmen dabei e i n Mitglied der Redaktion aus, das oft mit Feuereifer feinen Kantischen Standpunkt verficht und dafür auch mancher hypermodernen Bewegung ablehnend aegenübersteht. beugt werden. Und man muß zugeben, daß ihr das durch oben erwähnten Artikel vollkommen gelungen ist. Aber sie hat noch mehr erreicht. Dieser Artikel muß nicht nur den religiös denkenden Menschen, muß vielmehr auch, ja vor allem, jeden ernsten Freund wissenschaftlichen Strebens mit Bedauern, mit tiefem Unwillen erfüllen. Der Gedankeninhalt dieses kümmerlichen Aufsatzes ist schnell wiedergegeben. Er wendet sich gegen die „Klerikalen", die aus dem Unglück für ihren Glauben Profit zu schlagen versuchten. Das werde ihnen nicht gelingen. Gerechte wie Frevler, Priester und Laien, das Haus der Freude wie der Andacht seien in gleicher Weise dem erbarmungslosen Geschick anheimgefallen. Da sei kein Raum, von Gott und sittlicher Weltordnung und strafender Gerechtigkeit zu reden. Ein blindes Naturereignis sei es, dem die Menschen Heute ebenso schutzlos preisgegeben seien, wie einst dem Blitz und dem Feuer, der Pest und den Blattern, das sie aber dermaleinst — in abermals 200 000 Jahren — nicht minder besiegt und vielleicht nutzbar gemacht haben werden, wie jene. C’est tour. — Wir können es uns nicht versagen, diesen Artikel einmal festzunageln, um an einem Beispiel, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, die schon oft heroorgehobene Tatsache zu beleuchten, welch furchtbaren geistigen Stillstand, ja Rückschritt der Materialismus bedeutet. Aus diesem Artikel erhellt mit vollkommener Klarheit, daß der Materialismus, wie ihn hier die „Frankfurter Zeitung" verkörpert, seinen Kampf nicht nur führt gegen die Religion, ja daß diese überhaupt nicht in erster Linie von ihm betroffen wird. Der eigentliche Feind, der von dem Materialismus schonungslos und bis aufs äußerste bekämpft wird, das ist das philosophische Denken überhaupt. Man mag die Philosophie definieren, wie man will, über eins herrscht Einigkeit: daß es ihre vornehmste Aufgabe ist, den erkennenden Geist aus der bloßen Reception des Seienden als eines selbstverständlich Gegebenen wachzurufen und ihm die Probleme aufzuweisen, die sich bei der logischen, ethischen und ästhetischen Würdigung des Seins ergeben. Der Materialismus hingegen stellt keine Probleme auf und löst sie auch nicht: Er verschüttet sie nur. Worüber Deutschlands grüßte Denker Jahrhunderte lang gegrübelt, wo sie, die Meister, nichts vermocht, als mit immer größerer Schärfe, mit immer eindringlicherer Tiefe die Aufgabe, die Problemstellung zu ersoffen, zu formulieren und der kommenden Generation zu übergeben, da tritt der Materialismus mit oem Lächeln eines unschuldigen Kindes hin und glaubt die Lösung gefunden zu haben, weil er noch nicht einmal die Schwierigkeit sieht. Und so bedeutet der Materialismus das Ende des philosophischen Denkens überhaupt. Nein, es ist ja gar keine Ursache, angesichts dieses gräßlichen Unglücks mit dem Sittengesetz zu kommen. Es ist ja alles so einfach, so selbstverständlich: Eine Naturkraft, deren wir leider noch nicht Herr sind. Nun, wir werden auch das noch einmal erreichen. Damit ist die Philosophie der „Frankfurter Zeitung" zu Ende. Als einst im 18. Jahrhundert das furchtbare Liffaboner Unglück die Welt mit Entsetzen erfüllte, da grübelten unsere besten Denker noch Jahrzehnte lang später, nachdem längst die frischen Spuren der Katastrophe verwischt waren, über Sinn und Deutung des Ereignisses. Und gerade die Tatsache, die die „Frankfurter Zeitung" von jeder ethischen Wertung abhält, die Tatsache, daß das Unglück in schreiendem Mißverhältnis zu allen Begriffen stand, die sich Menschen von Gerechtigkeit und Vergeltung machen, daß es den verurteilten Sträfling im Kerker neben dem Säugling in der Wiege, den lebensfrohen Jüngling wie den sterbensbereiten Greis traf, gerade diese Tatsache war es, die ihnen, unseren besten Denkern, das ethische Problem, das von der „Frankfurter Zeitung" mit kindischem Achselzucken mißachtet wird, in seiner erschütternden Gedankentiefe zu Bewußtsein brachte. Es ist ein dem selbstbewußten Geist innewohnendes Gesetz, daß ein Unterschied ist zwischen Gut und Böse wie zwischen wahr und unwahr,schön und häßlich. Warum aber meistert der erkennende und wertende Geist mit den von ihm geforderten Gesetzen der Logik und Aesthetik widerspruchslos das gesamte All, dergestalt, daß bis in die fernsten, nur mit dem Rohre erreichbaren Räume hinein sein Zahlensystem waltet, sich alle Wesen, nicht nur Menschen, seinem Begriffe der Schönheit unterwerfen, und warum findet gerade das Gesetz der Ethik, findet gerade das Sittengksetz, wiewohl ebenso Tatsache der inneren Erfahrung wie Logik und Aesthetik, allüberall im Leben der Menschen nichts als Widerspruch, als schreiende Dissonanz? Und damals geschah es, daß das Problem der Freiheit in^bisher ungeahnter Schärfe aufgegriffen und formuliert wurde, dieses Problem, das seitdem nicht mehr zur Ruhe kommen kann, ob es gleich der Ma- 1