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Der Israelit · 1909-01-14 · Heft 2 (14.1.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 2 (14.1.1909)
Date
1909-01-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IT JaWär 1909_letzter Zeit die jüdischen Gemeinden Ungarns mit der Kunde, daß die von jüdischen Gemeinden und Vereinen gesetzgemäß dem Kultusministerium behufs Genehmigung vorgelegten Statuten Monate, ja Jahre hindurch im Kultusministerium liegen müssen, bevor man sie in die Hand nimmt. Dies geschehe aus Antisemiticmus der betreffenden Beamten und — weil die ungarischen Judenheit keine „einheitliche" Organisation habe rc. Als Beweis dafür wurde in einer der letzten Nummern des neologen Unifikationspioniers, des neol. Wochenblattes, der Fall der jüdischen Gemeinde in Szegedin, die eine der größten des Landes ist, angeführt. Dieselbe hat ihre Statuten modifiziert und diese Modifikation -dem Kultusministerium vorgelegt, nun aber hat es geradezu zwei Jahre gedauert bis diese Modifikation erledigt worden war, denn so lange hat das Kultusministerium die Statuten einer der größten Gemeinden Ungarns bei sich liegen lassen! Gegen ein solches Malheur hilft bloß eine rasche „Vereinheitlichung"! Nun aber konstatiert die letzte Nummer des orthodoxen Organs „Magyar Zsido" auf Grund einer Information an zuständiger Steile, daß die Statuten der neol. Gemeinde Szegedin wohl bereits am Anfänge des Jahres 1906 dem Kultusministerium zur Genehmigung vorgelegt worden sind, dasselbe aber die Statuten gleich nach dem Einlauf bexfelben der neol Landeskanzlei behufs Begutachtung übersandte, dieselben aber erst in der Mitte des vorigen Jahres 1908, also nach ca. anderthalb Jahren, von der neologen Landeskanzlei zurückerhielt! Und so ist einzig und allein dir neologe Landeskanzlei an derVerzögerung dieser Angelegenheit schuld! Diese Kampfesmetho^e ist allerdings originell. Zuerst hält man die Statuten anderthalb Jahre lang bei sich zurück, dann aber hetzt man die Gemeinden gegen das Kultusministerium! Wenn bei solchen Methoden die betreffendeu hohen Beamten Neologen-Feinde werden, wer darf sich darüber wundern?!-— gUtJflcmZ». Petersb urg, 5. Jan. Die jüdischen Soldaten, die ihren Dienst in Wladiwostok in diesem Jahre beendet haben, erhielten kürzlich den Befehl, unverzüglich in den Ansiedlungsrayon zurückrukehren. Ein Teil von ihnen wandte sich an die Behörden mit dem Ersuchen um die Erlaubnis, sich in der Amurgegend niederzulassen. Es wurde jedoch nur denjenigen gestattet, dort zu bleiben, die während oes russisch-japanischen Krieges einen Verdienstorden für Tapferkeit erhalten haben. Die Juden dürfen also in den entferntesten Gegenden des weiten Russenreiches sich totschlagen lassen, aber nachdem sie vier Jahre oder länger dort Militärdienst getan und sich an das Land gewöhnt haben, dort zu wohnen und durch ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt zu erwerben, bleibt ihnen verwehrt. gittnlanb* Helsingfors, 10. Januar. Die Stimme die die liberale Presse aller Länder, anläßlich der von der finnischen Verwaltung verübten Gewaltakte gegen die wehrlosen Juden erhob, hat ihre Wirkung nicht versagt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird hier der Kurs doch etwas zu Gunsten der Juden geändert. Als erster Erfolg ist zu verzeichnen, daß die unglücklichen Familien, die den Befehl erhielten, binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen, nun durch eine Deputation, die beim Präsidenten des Senats vorstellig wurde, eine Verlängerung ihres Aufenthaltes bis zum kommenden Sommer erwirkt haben. Der Präsident versprach auch übrigens der Deputation, daß zum Beginn der nächsten Session der Landtag der Judenfrage näher zu treten beabsichtige, um sie endlich einer definitiven Lösung entgegenzuführen. In welchem Sinne diese Lösung sich vollAehen wird, ließe sich heute noch nicht absehen. Der JSraelit. England. 3ur Konftanflnopeler Chacham-Bafdii-IDalil. London, 8. Jan. Die führende englisch-jüdische Zeitschrift„J ewish Chronicle" schreibt über den in Konstantinopel zur Wahl stehenden Kandidaten für das türkische Großrabbinat, Chachambaschi Raphael Benschimon aus Kairo ii einer Jerusalemer Korrespondenz folgendes: „Rabbi Raphael Aaron Benschimon, der gelehrte Chachambaschi von Kairo, der ersucht worden ist, seine Kandidatur für das Großrabbinat in Konstantinopel aufzustellen, ist in Jerusalem geboren und ungefähr 50 Jahre alt. Er ist der älteste Sohn des Rabbi David Benschimon, der lange Jahre das Oberhaupt der Marokkanischen Gemein dein Jerusalem warein Mann, der wegen seiner Frömmigkeit und Güte einen so hohen Ruf genoß, daß viele Hundert Moslems an seinem Begräbnis teilnahmen. Rabbi Benschimon aus Kairo erfreut sich außerordentsicher Popularität unter allen Klassen und Konfessionen der Aegyptischen Hauptstadt Das ergibt sich aus den sympatischen Artikeln, welche ihm häufig in der „Egy P t ian Gazette", dem bedeutendsten englischen Journal gewidmet werden. Chacham-Baschi Benschimon versteht, außer einer vollkommenen Kenntnis der orientalischen Sprachen, auch Englisch, Französi'ch, Italienisch und Spanisch. Er hat mehrere bedeutende Werke in hebräischer und arabischer Sprache geschrieben und ist durch die höchsten türkischen Orden ausgezeichnet. Wie aus den türkischen und egyptischen Zeitungen hervorgeht, wird Rabbi Raphael Ahron Benschimon als der geeignetste Kandidat für das Großrabbinat in Konstantinopel angesehen. Alle Parteien stimmen darin überein, daß er in bemerkenswertem Grade diejenigen Eigenschaften besitzt, welche für den Inhaber dieses Postens notwendig sind: ein Mann, fest in seiner religiösen Anschauung, liebenswürdig und gewandt in seinen Manieren, wohl befähigt mit den türkischen Behörden zu verkehren und doch begabt mit einer so hervorragenden Stärke des Charakters, daß er am besten befähigt wäre, Uneinigkeit im eignen jüdischere Kreise zu verhindern." Türkei. Salon ik, 8. Jan. Der hiesige Korrespondent der Kölnischen Zeitung schreibt seinem Blatte Folgendes: „Als vor einigen Tagen verlautet?, das; das türkische Boytottkomitee auch die Sperre öder ö>'it griechischen Handel verhängen wollte, kam man in maßgebenden Preisen gar bald zu der Ueberzengung, das; dieses Borhaben auf recht ernst? Schwierigkeiten stoßen müsse. Nicht allein der Umstand mutzte ins Auge gefaßt rverden, daß die Seestädte der Türkei, besonders Salönik, Smyrna, Cavalla, Konstantinopel ustv. eine starke griechische Bevölkerung besitzen, dr? entschieden für die griechische Sache Stellung genommen hätte, man mußte auch berücksichtigen, daß du' Griechen mit Leichtigkeit aus den nahen griechischen Häfen die nötigen Mittel zur Entlöschung ihrer Schiffe herbeigeschafft hätten und daß es dann jedenfalls zu recht ernsten Zusammenstößen gekommen wäre, falls mau ihnen Gewalt entgegcngestellt hätte. Für die Saloniker Verhältnisse war bei den Vorberatungen für die Einführung des Boykotts in erster Linie die Haltung der Lastträger, Auslader, Bootsleute und Fuhrmänner entscheidend, die, wie man weiß, in Salonik fast ausschließlich Juden (Sephardim) sind. Tie Haltung dieser Arbeiter im Boykott gegen Lesterreich- Üngarn hat hier den Türken erlaubt, die Sperre mit aller Strenge aufrecht zu erhalten, sie haben sich trotz alles entgangenen Verdienstes als Patrioten gezeigt und wurden zu einem Faktor, mit dem heute selbst die fremden Regierungsvertreter rechnen müssen. Hätten die Spaniolen dem Boykottkomitee rund heraus erklärt, auf seine Weisungen nicht einzugehen, so hätten die Türken bei der Minderzahl, in der sie sich hier befinden, gar nichts dagegen tun können. Da man jetzt wieder" an sie herantrat, um sie zu bewegen, den Boykott gegen .Griechenland zu ermöglichen, schienen die Arbeiter wohl damit einverstanden, sie forderten nur eine entsprechende Entschädigung für den daraus erwachsenden Verlust, eine Frag-, die sich gegebenenfalls hätte erledigen lassen; aber die Häupter der israelitischen Gemeinde waren weitsichtiger als die Arbeiter, sie dachten an ihre Glaubensgenossen Seite 9. No. 2 in Griechenland, die schon manchmal Gegenstand von Verfolgungen durch die Griechen waren, und deren Existenz durch eine derartige Haltung der hiesigen jüdischen Arbeiterschaft leicht hätte gefährdet werben können. So wurde denn beschlossen, die Bestrebungen des türkischen Sperrkoniitees in keiner Weise zu unterstützen, und daran haben die Spaniolen sehr wohk getan. Es ist nicht uninteressant, bei dieser Gelegenheit einen Blick auf die Fortschritte zu werfen, welche die Griechen in den letzten orei Jahren in Salonik und in Mazedonien auf wirtschaftlichem Gebiete zum Nachteile der Israeliten errungen haben, ein Umstand, der in den Verhältnissen und in der Haltung zwischen Griechen und Israeliten eine immer größere Rolle spielt. Die Spaniolen hielten noch bis vor kurzem den gesamten Handel in den Händen, obgleich das Hinterland vvn Salonik doch eine sehr starke christliche Bevölkerung aufzuweisen hat. Die Griechen konnten früher nur schwer Fuß fassen, man brachte ihrer Geschäftsgebarung wenig Vertrauen entgegen, es fehlte ihnen an Kredit, und infolgedessen blieb die Anzahl der griechischen Firmen immer recht gering, seit der Entfaltung der griechischen Propaganda in Mazedonien haben sich aber die Dinge anders gestaltet^ nrau ist planmäßig vorgegangen unter Berüchichtigung aller Umstände. Zunächst mußte dem griechischen Kapital in Mazedonien Geltung verschafft werden: 5ieS gelang vollständig durch die Errichtung einiger Bankniederlassungen in Saloni und andern größern Plätze« des Inlandes, wie Monastir, Cavalla u. a. m. Die ISanque d'Athenes, die Banque d’Orient sind Anstalten, die es sich zur besonderen Aufgabe gemacht haben, deu griechischen Handel zu heben und die griechischen Kaufleute von der bisher durch die bestehenden Banken befolgten Monopolisierung des Kredits zugunsten der - Spaniolen zu befreien und sie unabhängiger zu machen. Dies ist nun gelungen, und die Folgen sind in der Errichtung zahlreicher griechischer Handlungshäuser zu bemerken, die immer wachsend an Zahl und Umfang, den israelitischen Geschäftsleuten einen recht empfindlichen Wettbewerb machen und eifrig bestrebt bleiben, das Jnlandgeschäst mehr und mehr an sich zu reißen Die aus dem Inland zum Einkauf hier eintreffenden Händler werden immer mehr beeinflußt, ihre Geschäfte durch die Vermittlung griechischer Zwischenhändler abzuwickeln, und die Spaniolen sehen recht gut ein, daß sie sich ihrer Haut wehren müssen. Sie hielten darum sehr zu den Türken, um sich ihnen als Patrioten und ergebene Freunde zu zeigen, da sie recht wohl begreifen, daß sie besonders unter den neuen Verhältnissen die Christen recht bald zi Feinden haben würden. Man wird auch in dem Schluß nicht irren, daß die Israeliten unter der verfassungsmäßigen Regierung nie mehr j?ne Freiheiten und jene begünstigte Sonderstellung einnehmen werden, wie dies »mter den alten Zuständen der Fall gewesen ist. Trotzdem konnten sic in diesem Frll nicht den Türken zu Willen sein, was das Boykottkomitee übrigens einzusehen scheint." Nach dieser Darstellung verdient die Haltung der jüdischen Gemeindeleitung in Salonik umso größere Anerkennung, denn es erhellt daraus, daß es ausschließlich ideale Rücksichten waren, welche die Saloniker jüdischen Kausieute zur Hintansetzung ihrer eigenen geschäftlichen Interessen bestimmt haben. Ualaftiria. Liberias, 1. Januar. Die Rabbiner und Vorsteher der hiesigen Gemeinde erlassen einen Aufruf um Beiträge zur Errichtung einer Umfassungsmauer für den alten Friedhof. Der hiesigen TVH2 pH JT2 dürfte wohl zu den ältesten gehören, auf dem unzählige große Lehrer schon inden Zeiten des Sanhedrin und der Weisen des Talmuds ihre Ruhestätte fanden. Umsomehr muß die Verwahrlosung dieses heiligen Ortes der aus Mangel an einer entsprechenden Umzäunung oft ein Tummelplatz für wilde arabische Gesellen und ihre Tiere bietet, den Juden mit bittrem Schmerz erfüllen. Die Gemeinde ist aber so arm, daß sie nicht imstande ist, aus eigenen Mitteln hier im mindesten Wandel zu schaffen. Es ist daher zu begrüßen, daß sich die berufenen Führer der Gemeinde endlich aufrafften und es mit einem warmen Appell an die Oeffentlichkeit versuchten, der zweifellos bei den Juden der ganzen Diaspora, die Liebe zum heiligen Boden und Pietät für die Großen, die dort ruhen, bewahrt haben, volle Berücksichtigung findet. llermizcbtes. Krankfnrt n. M., 13. Januar. Unsere Thoralehreranstalt Jeschiba erfreute sich am 12. d. Mts. oes Besukbes des städtischen Schulrates Herrn Dr. Lungen, welcher einem Talmud-Vortrage des Herrn Rabbiner Dr. Breuer mit sichtlichem Interesse beiwohnte.

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