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Der Israelit · 1909-01-14 · Heft 2 (14.1.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 2 (14.1.1909)
Date
1909-01-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«r. 2 Sette 4 14. Januar 1909 sie alle einmal unter einem Gesichtspunkt zu betrachten, das all n Gemeinsame dadurch bervorzuheben, und io den Kern, das Prinzipielle non dem Unwesentlichen zu scheiden. Wir glauben, es wird kaum bestritten werden können, daß das Wesentliche all der moderneu Bewegungen eben in der Tendenz liegt, an alle metaphysischen Fragen das Kriterium ästhetischen Empfindens zu legen. Wir betrachten zuerst die Bewegungen, die mit dem Sammelnamen „Monismus" zu bezeichnen sind. Daß es sich da nicht um eine einheitliche Welt- oder Lebensanschauung handelt, sondern um eine ganze Summe von allerlei Geistesströmungen, die in den verschiedensten Gebieten ihren Ursprung haben, ist jedem klar, der sich die Mühe gegeben hat, sie zu verfolgen. Gelehrte, Dichter, Fachleute, un Dilettanten, Allerweltswisser und gründliche Kenner eines wissenschaftlichen Einzelgebiets, ausübende Künstler, Journalisten und Politiker, sie alle nennen sich Bekenner der monistischen Weltanschauung. Die Annahme liegt von vornherein nahe, daß all diese Persönlichkeiten, die in Betätigung und Gedankenrichtnng oft n ie durch eine weite Kluft von einander geschieden sind, keine gemeinsame U e b e r z e »l g u n g verbindet. Keine Ueberzeugung wenigstens, die das Ergebnis eines streng logisch sich ausbauenden Systems philosophischer Gedankengänge wäre. So ist es es in der TaK Es wird aus den Zeitungen und populären Zeitschriften bekannt sein, was sich ein Haeckel unter dem Monismus vorstellt. Mit diesem Monismus, der Wissenschaft, Naturphilosophie und Religion sein will, vergleiche man, wie eilt anderer Vertreter des Monismus, ein hervorragender und besonnener Gelehrter sich äußert.*) „Das Bedürfnis nach einer monistischen Auffassung der Wirklichkeit ist gegenwärtig ein allgemein empfundenes und sucht ans den verschiedensten Wegen nach Ausdruck. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, daß es sich ja in aller Wissenschaft und Weltanschauung um eine B ere i n s a ch u ng der Wirklichkeit, um eine Znrücksnhrui g der gegebenen Mannigfaltigkeit und Vielheit aus ein geineinsames Pri nzip, um die Gewinnung eines letzten und höchsten Gesichts- Punktes handelt, von denl aus angesehen, die Vielheit sich zur Einheit ordnet und die verwirrende Fülle der Erscheinungen sich als ein übersichtliches G a u z e s darstellt. So hat auch Plotin, der tiefste Denker und spekulativste Kops, des Altertums, einen Gegenstand erst daun wirklich als erkannt bezeichnet, wenn er auf das Eine als seinen Grund und sein Wesen znrück- *) Arthur Drews. Der Monismus in Berti ägen seiner Vertreter. Band 1, Seite 1. Der Israel it geführt sei. Monismus in diesem Sinne ist folglich die selbstverständliche methodologische Voraus) c tz u n g aller Wissenschaft, der unbewußte leitende Gedanke ihrer Untersuchungen, das Z i e l, auf dessen Erreichrutg alle wissenschaftliche Erkemttnis hinftrebt; und keine Wissenschaft kann sich rühmen, in sich vollendet und fertig zu sein, die iticht in solcher Weise ihre Resultate au eine letzte, nicht meiter auf etwas anderes zurückführbare und höchste Einheit augeknüpft hat." Das sind Worte, die Jeder von uns unterschreiben wird. Wäre ja demnach der Monismus nichts anderes als eilt methodologisches Prinzip, dessen Richtigkeit zu bezweifeln keinem wissenschaftlich Denkenden in freit Sinn fönte. Und wie Drews so rücken fast alle Wissenschaft licheu Vertreter des Monismus von Haeckel, oft mit geradezu beleidigender Deutlichkeit ab. Ebensowenig aber ist aus allen theoretischeit Erörterungen eine klare Auffassung vom Wesen des Monismus zu gewinnen. Das alleit Vertretern Gemeinsame ist auf eine klare Formel nicht zu bringen, es sei denn jene obenerwähnte Darstellung von Drews, die aber so loenig neu und so lvenig charakteristisch für den int Kampf des Tages sich betätigenden Monismus ist, daß wir mit ihr nichts ansangen können. Was einigt nun den deutschen Moniftenbnnd? Es haben sich doch da Männer zusammengetan, die gewöhnt sind, ttach festen Prinzipien ihre Weltanschauung zu formen und nach bestimmten Normen zu handelit. Es ist die N eg a t i o n, die alle einigt. Wissenschaftler, die über die exakten Ergebnisse aus ihrem Wissensgebiete hinaus mit rein philosophischen Gedankengängen zu einem abgeschlossenen Weltbilde gelangen wollen, sehett in der positiven Religion und ihren Lehren ein Hindernis aus ihrem Wege. Politiker, denen der zufällige Bund zwischen den reaktionären und kirchlichen Parteien das Trugbild vorgankelt, die Anhänger der religiösen Wahrheiten seien vielleicht Vorkämpfer für ultrakonservative und freiheitsseindliche Gesinnung, machen den „Dualismus der alten Religion" dafür verantwortlich, daß die Menschen sich durch den Hinweis aus ein transeendentes Wesen und ein jenseitiges Reich ihres Bürgerrechts und ihres Anteils hinieden berauben lassen. Künstler, die von allen Traditionen sich lösen, in voller Ungebundenheit schaffen wollen und neben der aefthetischen darum auch eine neue ethische Wertung herbeigeführt sehen möchten, laufen Sturm gegen eine schon durch ihr Alter als heilig empfundene Ueber lieserung, in der die allgemeiic noch herrschende Wertung seit Jahrtausenden verankert ist. Es wäre eine reizvolle Aufgabe, diese Aufzählung zu vervollständigen und ins Einzelne gehend, bei allen Vertretern des Monismus die letzten Motive aufzudecken. Das würde aber hier zu weit führen. Wir verwahren uns ausdrücklich dagegen, als ob wir den Monisten unlautere Motive unterschieben wollten. Wir konstatieren nur die Tatsache, daß sie letzten Endes die gemeinsame Abneigung gegen das Alte zusammengeführt. Von der Negation allein kann eine geistige Bewegung aber nicht leben, ihr fehlt dann vor allem die Stoßkraft, die sie entfalten muß, will sie sich werbend betätigen.- Da tritt nun rettend das Gefühl ein, das immer ein willkommenes Sammelbecken ist für die heterogensten subjektiven Empfindungen. In der Tat, wo immer wir in Aufsätzen und Abhandlungen, in großen Werken von Vorkämpfern des Monismus auf eine positive Darstellung der Weltanschauung stoßen, da finden wir Emanationen eines mehr oder minder mystisch gefärbten Denkens, schwärmerische Gefühlsausbrüche, die sich mühen, das Unfaßbare, das an sich Ueberweltliche in die Formen unserer Vorstellungen zu zwängen. Wir wollen nicht eitleren, denn mit Citaten täte man den Verfassern Unrecht. In wenigen Worten können Ideen, die den letzten Urgrund aller Dinge widerspiegeln sollen, nicht wiedergegeben werden. Und die Abhandlungen im Ganzen, können wir hier nicht ab drucken. So mag hier die Versicherung genügen, daß man nach der Lektüre dieser Schriften so klug ist wie zuvor. Man fühlt sich durch den Schwung der Darstellung erhoben, aber man weiß wirklich nicht, welch neue Erkenntnis man gewonnen. Am besten fährt man noch bei denen, die die Weltseele im spinozistisch-pantheistischen Sinne nehmen. Dabei kann man sich doch etwas denken. Freilich teilt diese „Weltseele^ alle Schwächen des Systems Spinozas. Sie erweist sich als völlig unfähig, Subjekt einer für den Menschen verpflichtenden Gesetzgebung und Objekt seiner hingebenden Verehrung zu werden, Forderungen, die jede Religion, und sei es auch die modernste, an ihren Gottesbegriff stellen muß. Was nun die monistische Literatur an klaren und befriedigenden Gedankengängen vermissen läßt, das ersetzt sie reichlich durch die Fülle von Poesie, die über ihre Darstellungen ausgegosien ist. Der Zauber der Sprache und die dichterische Verklärung von Vorgängen in der Natur ist es denn auch, was dem Monismus so viele Nachbeter zuführt. Wir brauchen nur zu erinnern an Bölsche. Die Erhabenheit und Schönheit der Natur, all die Lieblichkeit und Anmut, die über das Tier- und Pflanzenleben sich vor unseren Augen ausbreitet, könnte nicht ergreifender und. herzerquickender geschildert werden, als es von diesem Manne geschieht, der in seltener Weise eine umfassende Kenntnis der Dinge und Erbann, die Angen ans das Lach geheftet, Paraphrasen. Hier eine Probe dieser Tolstoischen Nachdichtungen: Bericht von dem vergossenen B l u t. ".Als König Nebuiadiiezar. Jerusalem eingenommen hatte und in den Tempel eingedrungen war, prallte er erschrocken zurück. Aus oem Boden lochte, gleich siedendem Wasser im Kessel, Blut und zischte und sprühte rosigen Schaum. _ „Das ist das Opferblut der Stiere, Lchase und Lämmer!" erklärten verwirrt die Priester. Der König ließ aus dem großen Opfergefäß einen Krug Blut schöpfen. .Trs Blut sah aber dem aus dem Boden kochenden nicht gleich. Nebnkadnezar ergrimmte. Ta erschraken die Priester: „Erbarme dich, König! Wir werden dir die volle Wahrheil sagen. Es lebte unter uns der Priester Zacharias — ein Mann der Wahrheit war es. MU einer Stimme gleich der Brandung des Meeres rief er die Menschen znm Gottesdienst. Aber die Menschen waren ihm böse und erschlugen ihn hier vor sein Altar. Bon jener Zeit an kocht sein Blut und verklagt die Mörder vor dem Throne Gottes." „Wenn es jo ist," ries der König, „so werde ich Sühne bringen und das Blut beruhigen." lind er ließ alle Priester über dem lochenden Blute des Propheten ermorden. Aber das Blut kochte weirer und beruhigte sich nicht. Von Wut erfaßt, ließ der König Tausende von herrlichen Jünglingen und Jungfrauen herbn schleppen und sie aus demselben Opfersteine bjnschlachten. .Aber das Blut kochte weiter und beruhigte sich nicht. „Weh mir!" ries der Tyrann. „Wenn für das Blut eines einzigen Menschen so viele sterben mußten, ohne daß der Himmel versöhnt ward, was erwart er denn mich, der ich Hunderttansende von Menschenleben vernichtet, habe?" Und er weinte und schlag sich aus die Brust. Kaum aber war die erste Träne von seiner Wange auf die Erde gefallen, und kaum hatte sie sich mit dem Blute des Propheten vermischt — da hörte das Blut zu kochen auf und beruhigte sich." <Tie Juden in Afghanistans Die älteste Gemeinde des Landes, vielleicht der. ganzen Welt ist die unter dem Namen „Lebilat Bne Jaakob" bestehenoc jüdische Gemeinde in Balkh (Afghanistan). Nach der ältesten vorhandenen .persischen Urkunde von Iba Gasweni ans dem zweiten Jahrtausend der Hegira, also oem 7. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung, soll die Gemeinde ans der Zeit von Bal-Assar (Tiglat-Pilesar) datierten, der hier an der äußersten Grenze seines Reiches als Bollwerk gegen die nomadischen Horden vom jenseitigen Ufer des Amu-Darja eine starke Festung mit Namen Balech anlegen Ueß. Um die Stadt zu bevölkern, versetzt: er eine Anzahl der durch ihn aus ihrem Vaterlande vertriebenen Juden nach derselben und wies ihnen den südlichen Teil der Stadt als ihr Quartier an. Sie lieferten später dem El-Karnajim (dem „Doppeltgehörnten", d. i. Alexander dem Großen nach Daniel 8, 21) auf seinem Zuge nach Indien eine Anzahl Fahrzeuge, um verschiedene .jenseits des Stromes wohnende Völterschaften seiner Botmäßigkeit zu unterwerfen. Mündlichen Ueberliefernngen zufolge begaben sich von hier in der Blütezeit des zweiten Tempels mehrmals Gesandtschaften mit reichen Geschenken nach Jerusalem, um dort zu opfern 'und zum Unterhalt des Heiligtums beizutragen, da eine allgemeine Pilgerfahrt nach der heiligen Stadt unmöglich war. Die Straße „Llebaleebt el-Luäs" (Straße nach oer heil. Staot) Aält die Erinnerung hieran bis aus den heutigen Täg Mendtg. Nach dem Jode Muhammed's trat in der bisher günstigen Lage der hier wohnenden Juden ein? sehr ungünstige Veränderung ein. In jener Epoche waren nicht weniger als 12,000 Juden, welche sich im Besitz von 16 Bethäusern befanden, in Balkh ansässig, und als die Araber über .Herat und Kabul bis Indien vvrdrangen, war es Emir Walid, der nicht allein den Israeliten in den genannten beiden Städten, sondern auch denen in Balkh ein bedeutendes Kopfgeld aüferlegte, eine drückende Maßnahme, welche ihrem Wesen nach bis heute nicht abgeschafft ist. Noch trauriger gestaltete .sich ihr Los, als die Perser in Afghanistan zur Herrschaft gelangten. Es begann eine Zeit der Leiden und Verfolgung, welche die Juden veranlaßte, die Stadt zu verlassen und eine gastlichere Heimat zu suchen. Doch wohnen heute noch etwa 500 in Balkh, die sich hauptsächlich eines persischen Idioms bedienen, das mit einer Anzahl von Worten hebräischen, chaldäischen und assyrischen Ursprungs verquickt ist; in diesem Idiom werden auch die Vorträge in der Synagoge gehalten. In Bezug aus ihre religiösen Bedürfnisse haben sie sich von dem Rabbinat von Bakyara, dem Zentralpunkt der mittelasiatischen Juden, abhängig gemacht. Ihr Mari (Rabbiner), ihr Vorsänger, der Schochet — kurz Alles, was für das jüdische Leben notwendig ist, wird von dieser Stadt bezogen. Trotz der sehr bedeutendenden Entfernung zwischen beiden Orten reist doch Derjenige, welcher sich gottesdienstlicher Zwecke wegen für seine ^Gemeinde unierwegs befinde!, mit einer Ruhe und Sicherheit, die mehrfach bereits die staunende Bewunderung europäischer Reisender erweckt hat. Sobald er eine jüdische Gemeinde erreicht hat, begibt er sich nach dem Beth Hamidrasch, bindet sein Pferd oder Kkmeel an einen Baum und stellt sich dem Muallun (Lehrer) vor. Dieser empfängt ihn sehr zuvorkommend, sorgt für ein Fußbad, bietet ihin nach der herrschenden Sitte das Schul-

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