Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1909)
- Date
- 1909-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der JSraelit. Ro. 2 Seite 8 14. Hanuar ISOS gemein viel zu leiden hatten. Man las auch ab und zu von den jüdischen Ha fenarbeitern, die in den türkischen Hafenstädten, die Löschung und Ausladung österreichischer Schiffe verweigert hätten. Nur Eingeweihte wiffen, wieviel sieid und Tränen sich hinter diesen Worten verbergen. Die jüdischen Hafenarbeiter weigerten sich. Warum? Hatten sie etwas gegen Oesterreich oder gegen sonst jemand im Sinne? Gewiß nicht! Aber als gute türkische Bürger, als welche sie sich jetzt mehr denn je fühlen, durften sie nicht, konnten sie nicht anders handeln, mutzten sie der allgemeinen Stimmung Rechnung tragen. Und die Kosten dieser patriotischen Opferfreudigkeit trugen natürlich die Frauen und Kinder, die daheim darbend vergebens auf den Verdienst des Familienvaters harrten. Das waren nur die ersten Opfer des unblutigen, aber darum nicht minder schrecklichen Krieges, wie er seit Monaten, besonders auf Seiten der Türkei mit größter Zähigkeit und Erbitterung geführt wurde, die Opfer, die man nicht, wie auf den Schlachtfeldern zählt, die aber denen, die sie kennen, Entsetzen auch vor dem Kriege in dieser Form einflößen. Die mit der Großmut des Machtbewußtseins nun eingenommene nachgiebige Stellung Oesterreichs, die zum Abkommen geführt hat, bedeutet in dieser Beziehung einen vollkommenen Friedensschluß. Wir haben alle Ursache uns darüber zu freuen, nicht allein im Interesse des Weltfriedens, der ja auch uns Juden, als ein Teil unseres Zukunftstraumes, besonders am Herzen liegt, sondern auch im Interesse unserer geschäftstreibenden Glaubensgenossen in beiden Ländern, noch mehr aber im Interesse der vielen tausenden Hafenarbeiter und Lastträger in der Türkei, die unsere Brüder sind, und welche nun friedliche m Zeiten entgegensetzen dürfen, in denen sie ruhig uub ungestört ihrer Arbeit und ihrem Verdienste werden nachgehen können. der amenkkinWe Sthmelofiegel. Der Schmelztiegel der Völker funktionirt in der Praxis auch in der Neuen Welt nicht gar so tadellos wie in der Dichterphantasie des Herrn Zangwill. Das muß zur Zeit der Handelsminister Oskar Strauß erfahren, und mit ihm alle, die der Meinung sind, daß Anierika, das seine heutige Größe und Macht einzig der freien Einwanderung zu verdanken hat, nicht engherzig seine Tore den Emigranten, die vor nationaler und religiöser Verfolgung dort Zuflucht suchen, schließen dürfe. Wir haben erst kürzlich den Jahresbericht des Handelsamtes bekannt gegeben, in dem sich der Minister wohl entschieden gegen die Versuche einer Verschärfung der Einwanderungs-Gesetze wendet, andererseits aber gegen die sinnlose Ueberflutung einzelner Großstädte durch die Emigranten seine warnende Stimme erhebt, und es an ernsten Mahnungen und Andeutungen über die Voraussetzungen, unter denen allein das Prinzip der freien Einwanderung eingehalten werden könnte, nicht fehlen läßt. Während nun die Anhänger der freien Einwanderung, durch Ton und Sprache dieses Berichts sehr enttäuscht, Mr. Strauß den Vorwurf machen, durch seine allzu strenge Unparteilichkeit der Sache der Einwanderung mehr geschadet als genützt zu haben, so hat sich doch der Handelsminister gerade durch diesen Bericht die bittere Feindschaft der Einwanderungsgegner zugezogen, die in ihren maßlosen Ausfällen selbst die Tatsache ausspielen, daß Mr. Strauß selbst ein eingewanderter Jude sei, und als solcher mit der Handhabung der Einwanderungsgesetze nicht betraut werden dürfe. Die Agitation gegen den Minister geht so weit, daß, nach dem Berichte des „The Boston Advocate", sein Verbleiben im Amte unter dem neuen Präsidenten mehr als in Frage gestellr ist. Die starke Opposition, die gegen Mr. Strauß in Szene gesetzt wurde, so schreibt das genannte Blatt, könne ihren Einfluß auf den neuen Präsidenten, der auch ohnedies wünscht, den Posten anderweitig besetzt zu sehen, nicht ohne Einfluß bleiben. Und daß mit diesem Personenwechsel auch ein Systemwechsel inbezug aus die Einwanderungsfrage vor sich gehen wird, ist leider nach Lage - der Dinge mit Sicherheit zu erwarten. An den Schmelzttegel wird man auch unwillkürlich erinnert durch die Strömungen von denen zur Zeit die innerjüdische Politik Amerikas und speziell der Gcmeindepolitik in New-Aork beherrscht wird, und wir fürchten, oder richtiger, wir hoffen, daß er, der Schmelztiegel, hier noch viel eher versagen wird. Denn liegt das Ziel einer politischen Verschmelzung nach außen noch in weiter Ferne, so ist die seit Jahr und Tag von gewissen Kreisen so sehnsüchtig erstrebte und jetzt ganz besonders eifrig betriebene Verschmelzung der einzelnen Gemeinden New-Uorks weder erreichbar, noch irgendwie wünschenswert. Es ist doch merkwürdig, wie wenig die Juden Amerikas von ihren Brüdern in der alten Welt in dieser Beziehung gelernt haben. Während in Ungarn die Orthodoxie all den Verlockungen und Pressionen der Neologie zum Trotze, es verstanden hat, die Regierung und alle Welt von der Zweckmäßigkeit einer Trennung zu überzeuge»», während im Mutterlande der Reform, in Deutschland, die Liberalen, die Notwendigkeit einer reinlichen Scheidung einsehend, sich auf separatem Boden von neuem sammelten, gibt man sich in New- Aork, von all diesen Erscheinungen ungestört, dem Einheitsdusel hin und glaubt ernstlich, all die Gemeinden der Riesenstadt, die Sefardim und die Aschkenasim, die Chasidim aus Galizien und Polen und die Sonntagsreformer, die russischen Orthodoxen und die deutschen Orgelgemeinden, all diese hetorogensten Elemente vereinigen zu können, sie unter eine Haube zu bringen und sie von einer Gemeindestube aus einheitlich verwalten z»» können. Dieser große Verbrüderungstraum mag im Lande, in dem man so lange von Freiheit und Gleichheit geträumt, etwas Verlockendes an sich haben. Seine Realisierung würde aber hier wie überall ein Unglück bedeuten für all die kleinen Gemeinden, die sich bislang ohne jede Bevormundung gut erhalten und als durchaus lebensfähig bewährt haben. Der Verschmelzung, vorausgesetzt daß sie zustande kommt, werden sie nichts Geringeres als ihre Selbständigkeit, also die erste Voraussetzung für ihre fernere Existenzfähigkeit zum Opfer bringen. So bleibt als Trost die allzu berechtigte Hoffnung übrig, daß der groß angelegte Plan auch dort an seinen inneren Widersprüchen scheitern» wird. Dann ist es jedoch tief bedauerlich, daß auch die praktischen Amerikaner, die sonst auf sozialem Gebiete ihre Zeit und ihre Kraft besser auszunutzen wiffen, erst durch eine Enttäuschung werden ler»»en müssen, daß der Schmelzttegel an den verschieden gearteten und gestalteten Gemeinden nie und nirgends mit Nutzen zu arbeiten vermag. AeMzi$mu$ und Judentum. Bon Dr. I. Wohlgemnth-Berlin. II. Die modernen geistigen Strömungen, soweit sie mit der Religion in Beziehung treten, sind von der Tendenz beherrscht, für die Religion ein Surrogat zu schaffen in dem ästhettschen Empfinden, mag es sich um die Vertiefung in die Schönheit der Natur oder um den künstlerischen Genuß oder endlich um die harmonische Durchbildung des eigenen Selbst handeln. Diese Behauptung legte»» wir unserem einleitenden Artikel zu Grunde. In Folgendem geben wir eine weitere Ausführung dieses Gedankens. Es ist nun selbstverständlich, daß die Fülle der geistigen Bewegungen, die uns umflüten, nicht alle in das enge Bett eines einzigen Stromes geleitet werde»» können. Sie wollen viel mehr geben und geben auch wohl mehr als bloße Gefühlserregungen. Es ist aber nützlich »nündlich vorgetragenen Legenden. Tie Niederschrift ist jedoch so lebendig, stellenweise so voll Plastik und Poesie, da»; man den Geist des Dichters in ihr spürt. vftii Besuch Suworins, des Herausgebers der No wo je Wremja, gab Tolstoi Anlaß, sich gegen religiöse Verfolgungen auszusprechen. Er hält diesen Ausdruck für einen Widerspruch. „Religion schließt Haß und Verfolgung aus; denn die erste seelische Regung des Menschen, in welchem das religiöse Gefühl erwachte, war das Fühlen einer höheren Macht über sich, die allem Lebendigen nur Heil wünschen kann." Religiöser Haß zwischen den Bewohnern eines Landen bedeutet nach seiner Ansicht eine Gefahr nicht nur für die verfolgte Minorität, sondern auch für die herrschende Majorität. „Rom, Aegypten und Babylon stürzten wegen ihres Hasses gegen die Völker, die ihr Land bewohnten. Tenn »me das Eis, kann der Haß nicht als Zement dienen." Für Tolstoi gibt cs nur eine Lösung der Judenfrage: die Zerstreuung der Juden auf dem slacüen Lande, wo sie sich dem Ackerbau, einem Leben der reinen physischen Arbeit »Biöinen könnten. Er ist überzeugt, daß die jüdische»» Massen >elbst nach dem Dvrflebeu sich schon sehnen. Dieser Gesichtspunkt beftimmt auch Tolstois Stellung zum Zionismus, dem er eine längere, interessante Betrachtung widmet. Er weist den politischen Zionismus zurück, während er der wirtschaftlichen Kvlonisationsbewegung warm das Wort redet. Mehrere Fahre lang studierte Tolstoi leidenschaftlich die jüdische Literatur. Besonders entzückte ihn die zauberhafte Welt der talmudischen Agada. „Es gibt in diesen Erzählungen," sagte er, „etwas außerordentlich Weiches und Rührend-Malestättsches toie die rosige Dämmerung eines stillen Morgens." Er las m den verschiedensten UeberjtztzWigen und i'.nprvvifi-rle Gesicht bekamen, trotzten, so sie ihnen ihrer Einbildung nach nicht zu Willen waren. Der Ruf M o s t s hat sich aber durch der Zetten und Erscheinungen Flucht in seiner ganzen Stärke und Reinheit erhalten. Er tönte durch die Jahrtausende und übertrug sich von Generation auf Generation. Und da er laut und dröhnend in die Götzenwelt hineinschallte zerbrachen sie, diese toten Götzenbilder, und zerstoben. Die Götzenwelt war zerstört, aber bas Gottesreich noch nicht ganz errichtet, noch nicht ganz von den neuen Menschen begriffen, denn auch innerhalb dieses Reiches verloren gar viele bald den Pfad und schlugen, dem mahnenden Mosesworte zun Trotze, andere Wege ein, die weitab von Gott liegen und Verirrung und Verwirrung, Leid und Ungemach im Gefolge habe»». -L"N 2'v -npo nrr '7,1X1 Den sprudelnden Quell des jüdischen Lebens haben lie verlaffen, um loten Götzen nachzugehen, diejenigen, die auch heute es verlernt haben, nach alter Bäterweise ihren Gott zu suchen, der „so nahe ist allen, die Ihn in Wahrheit und Treue anrufen." Da ragt aus dem Häusermeer eine ynagogenkuppel hervor, ein Prachtbau, der der Straf e zur Zierde gerreuht uno mitten im siutetenden Großstadtgetriebe den Namen Gottes verkündet. Die aber darin zum Gebete versammelt sind, haben jenen Ton, der sich der jüdischen Brust mtringt und die Himmelstore öffnet, längst verloren. Es find fremde Töne, Orgelkiang und Damenchöre durch die ihnen die Andacht abgerungen werden muß. Mitten im wilden Hasten und Treiben besinnt sich auch der „moderne" Jude auf se ne Pflicht — seine Pflicht, den toten Eltern gegenüber und geht ins Gotteshaus h um daS Kaddischgebet zu verrichten, oder an der Seelen frier teilzunehmen. E war im Gotteshause, wo er aber Gott nicht gesund»n hat, nicht finden konnte, da er Ihn nicht im Leben, sondern, gleich Pharao, ei den Toten gesucht hat. Unbefriedigt, mit leerem. kaltem Herzen kehrt er heim, ohne Gott, ohne Glück, ohne Freude, ohne Trost und Halt im vorwärtstreibenden, alles dahin reißenden Leben. Tenn bas was er Religion nennt, ist im Grunde nichts weiteres als ein Totenkultus, der zu den lichten Höhen Gottes nicht führt. Moses aber ruft durch alle Zeiten: „Der Gott Israels ist es, in deffen Namen wir zu Euch reden. Der Gott des Lebens, auf deffen Stimme Ihr hören sollt!" eines euilleton. Coistoi über die Juden. Mehrfach waren schon vereinzelte Aussprüche des Plstivsopheu von Jasnaja Poljanr über die Juden »iiid die von ihnen geschassene religiöse Literatur betarint geworden. Bei dem Umstande, daß in Rußland der überwiegende Teil deS jüdischen Volkes levt und daß Tolstoi seit dem Umschwung in feiner Lebensanschauung sich eifrig mit der Bibel befaßt, ist das Interesse des großen Russen an der Fudenfrage erklärlich. Neu ist es jedoch, daß Graf Leo Tolstoi, wie wir aus einer eben erscheinenden Schrift ersehen, über die wichtigsten Momente dieser Frage eingehend sich ausgesprochen und sogar jüdische Sujets zur Grundlage seiner Dichtungen oft gewählt hat. Das Buch ist nicht von Tolstoi selbst verfaßt, soridern von seinen Anhängern und enthält mehrere bedeutsame Auslassungen Tolstois und die von ihm