Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1909)
- Date
- 1909-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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gelte S. Nr. 2. gegen bringen konnte, daß sie den rechten, mit den erforderlichen Gaben des Geistes und Herzens ausgerüstetem Mann wählen, der sich vor allem durch rückhaltlose Gottesfurcht und all die Vorzüge auszeichnete, die für ein so verantwortungsvolles Amt unerläßlich sind. Mochte es auch damals hie und da zu Mein ungsverschiedenheiten kommen, wie sie ja bei keinem derartigen Wahlakt ausblerben, so waren sie doch untergeordneter Natur, ohne jede nachhaltige Bedeutung. Die Chachamim einigten sich leicht wieder auf die zu erwählende Persönlichkeit, die dann, getragen von dem Vertrauen des Volkes, ausgezeichnet durch die Krone der Thora als Chacham-Baschi zur Ehre der '.Thora und zur Befriedigung aller Beteiligten aus der Wahl hervorging. Der letzte aus dem Kreis dieser Altvordern, war der allgemein anerkannte, hochverehrte Rabbi Jakob Schaul E l j a s ch a r V'ST, der als 90 jähriger Greis am 28. Tamus 5666 das Zeitliche gesegnet hat. Mit dem Tode dieses Rabbiners vollzog sich eine verhängnisvolle Wendung in den Anliegen des heiligen Landes, der Geist der Zwietracht zog ein, der alles bisherige Gute znrückdrängt und keine Befriedigung aufkommen läßt. IH. Di* Ursachen der Zwistigkeiten. In der ganzen Türkei und speziell im heiligen Lande machen sich verschiedene mächtige Strömungen und Bestrebungen geltend, die sich zum Teil gegensätzlich gegenüber stehen und sämtlich darauf bedacht sind, sich gegenseitig zu vernichten, jedenfalls aber um keinen Preis dafür zu haben sind, sich irgend welche Konzession zu machen. So strebt jede um die Oberhand, die sie nur durch völlige Unterdrückung der anderen zu erlangen glaubt. Das ist die Ouelle aller von hartnäckigem Eifer auf die Spitze getriebenen Zerwürfnisse. DieersteParteibilden die frommen,gottesfürchtigen Redlichen, die,Gott sei Dank, die Mehrheit in allen heiligen Gemeinden ausmachen. Diese, welche sich ganz in dem Rahmen bewegen, wie sie der übernommene Brauch und die heilige Sitte der Altvorderen vorschreibt, sehen, wie leider die Thora und mit ihr das Judentum durch innere und äußere Einflüsse von Tag zu Tag sinkt. Sie setzen daher ihre ganze Kraft dafür ein und konzentrieren alle ihre Bestrebungen aus die Erhaltung der Thora und der Gottesfurcht. Sie sind darauf bedacht, die Jefchibot zu vermehren, alle Bestrebungen zur Erhaltung der Thora zu fördern, sie lassen es sich angelegen sein, die Heranwachsende Jugend von jedem Weg fernzuhalten, der ihre jüdische Zukunft gefährdet, kurz sie lassen Me Söttet. Zum Wocheuabfch nitte. Es war ein Fest am Hofe Pharao's, das an Glanz und Pracht die anderen übertraf. Galt es doch, das KrönungSfest des Königs zu feiern, an dem alle Könige der Erde vor dem Throne Pharao's versammelt waren. Schon war der feierliche HuldigungSakt zu Ende, als die Diener sich tief verbeugend, noch zwei Boten meldeten, Greise, in deren Händen sich keine Festgeschenke befänden, deren Blicke weder Furcht noch Ergebenheit verrieten „Mögen sie eintreten"! befahl der König. Stolz und aufrecht standen nun Moses und Aron vor dem Mächtigen der Erde. „Wer hat Euch hierher gesandt, in wessen Namen schickt Ihr Euch an, huldigend vor mich zu treten?" fragte der König. Die Gesandten cmtworteten bescheiden, aber ficher und furchtlos: „Der Gott Israels hat uns gesandt, und seine Botschaft lautet: ,,Entlasse mein Volk, auf daß es mir diene". „Wohl kenne ich das Volk, das fich in unseren Diensten befindet, ^antwortete der Tyrann, seinen Gott aber, in dessen Der AlsraelU keinen Schritt unversucht, der nach ihrer Ansicht förderlich zur Erhaltung des Judentums ist. Diese Gottesfürchtigen kennen den großen Einfluß des Chacham-Baschi auf das Volk, sie wissen, daß er wie kein anderer in der Lage ist, die Anhänglichkeit an das Gottesgesetz zu fördern und zu steigern, immer vorausgesetzt, daß er selber allen durch seine eigene Frömmigkeit als mustergiltiges Beispiel voranleuchtet. Sie setzen daher ihre volle Kraft und Macht dafür ein, daß der zu wählende Chacham-Baschi sich durch eine sein Wissen noch überragende Gottesfurcht auszeichnet, weil sie nur dann sicher sind, daß die große Menge vor jedem Unrecht geschützt den bisherigen heiligen Wandel auch für die Folge iunc hält. Die zweite Partei ist bieder Alliance Jsraelite Universelle. Diese Vereinigung besitzt Schulen in allen Städten der Türkei und speziell des heiligen Landes, die alle der Richtung und Gesinnung ihrer Gründerin entsprechen. Ihr Prinzip im allgemeinen besteht darin, französische Denkart immer mehr zur Entfaltung und Erstarkung zu bringen und die Herzen der zarten Kinder damit zu durchdringen. Die breite Masse der Eltern läßt sich leicht von der glänzenden Außenseite blenden und vertraut ihr Leben und das ihrer Kinder den Lehrern der Alliance an, ohne die Folgen für sich und die Kinder zu bedenken. Denn zwischen.den so erzogenen Kindern und ihren Eltern öffnet sich eine jähe Kluft, die immer weiter und tiefer klafft. Während nämlich die Eltern, auch wenn sie der geringsten Bildungsstufe angehören, doch noch immer die Regungen treuer Anhänglichkeit für das alte, Alle umschlingende Band derThora empfinden,wuchert in den Kinderherzen die ausgestreute Giftsaat zu einem Hasse auf, der sich gegen alles wendet, was den Eltern noch als teuer und heilig gilt. Die Zeit zeigt es und die tägliche Erfahrung bestätigt es, daß die große Mehrheit der in den Alliance- Schulen erzogenen Kinder alles Heilige verlacht und dem ganzen Religionsgesetze fern und fremd gegenübersteht. Sie legen keine Tefillin, sie setzen sich über die sonstigen religionsgesetzlichen Pflichten hinweg, und wie viele gibt, es unter ihnen, die sich zu richtigen Judenfeinden entwickelt haben. Mit einem, dem Thora und Mizwos die Norm seines Lebens bilden, können sie kein freundliches Wort mehr reden, ja ihren eigenen Eltern, sobald sie in schlichter Weise ein wahrhaft gottesfürchtiges jüdisches Leben führen, können sie nicht mehr ruhig ins Antlitz schauen! Für die neue Generation, die in den Alliance- Schulen herangebildet wird, ist fast jede Hoffnung ausgeschlossen, daß sie ihrem Volk und ihrer Thora erhalten bleiben. Für ein Wort von Paul de Kok oder Alexander Dumas sind sie bereit, Namen Ihr zu mir fo zu sprechen waget, kenne ich nicht. Wer ist er, auf dessen Stimme ich hören soll?" Und der König ging die endlosen Register durch, in denen die Namen der. unzähligen Götter aller Völker verzeichnet waren. Er fand den Gott Israels auf denselben nicht und triumphierend bezichtigte er die greisen Boten der falschen Vorspiegelung und des Betruges. Diese aber sprachen: „Hast Du schon jemals einen Lebenden in den Gräbern auf dem Totenfelde gefunden? Leblose Götzen find es, deren Namen die Rethen Deiner Blätte: ausfüllen! Was soll auch der Gott Israels, von dcm Kraft und Leben ausgeht, unter ihnen? Auf anderem Wege mußt Du unseren Gott suchen, nicht in Gräber-Reihen und auch nicht auf toten Blättern. § uche ihn im Sturm und im Regen, im milden Sonnenschein, der die Fluren vergoldet, Und im Orkane, der die Bäume entwurzelt, in den Wolken, die im geheimnisvollen Fluge den Horizont durchziehen, suche Ihn in Dir und um D i ch und überatl in der Natur und im Leben, und Du hast dann den ewigen und allmächtigen Gott Israels, in dessen Namen wir heule, nicht huldigend, aber mahnend und warnend zu Dir kommen. Entlasse das Volk, damit es frei und ungestört seinem Gotte diene!" (Midrasch Rabba zu „Schernaus" und Tanchuma zu „Woera") Hat der König, dessen Augen geblendet, dessen £ erz verstockt war, die Worte der Gottesboten erfaßt und beherzigt? Wir wissen es, es bedurfte noch einer langen Zeit der schweren Prüfung für ihn und die Seinen? einer Zeit der bitteren Leiden für das Gottesvolk, um dem Tyrannen das unumwundene Bekenntnis abzunötigen, „Gott ist-gereckt, ich aber und mein Volk haben gefrevelt!" Und all die Wunder und Zeichen, die in der Geschichte Pharao's die Allmacht Gottes bekundeten, haben doch nicht vermocht, an dem Gebühren, der Tyrannen, die die Ehrfurcht vor Gott und somit die 14 Januartitbst die ganze heilige Schrift und - die gesamte talmudische Wissenschaft, Halacha und Midrasch hinzugeben! Sie haben mit einem Wort für die mütterliche Erziehung und die Ueberlieferung der Väter nur Hohn und Spott ührig und es lockert allmählich sich das letzte Band, das sie noch mit ihrem Volke zusammen hält. *) Auch diese Partei kennt den großen Einfluß des Chacham-Baschi auf alle Schichten der Bevölkerung. Sie weiß, daß, wenn er mit ihr eines Sinnes ist, ihr Sieg ein vollkommener und die Niederlage der Gottesfürchtigen vollständig sein wird.' Deshalb ist ihnen kein Geld zuviel und kein Preis zu hoch, um nur die Wahl eines Chacham-Baschi ihrer Richtung durchzusetzcn. (Schluß folgt.) IHK 12^ 'ocherrrunöschau. ver Sriedensfchlug Wie eine Friedens- und Freudenbotschaft zieht durch die Lande die Kunde von der in den letzten Tagen he« beigeführten friedlichen Verständigung zwischen Oesterrei ch-Nngarn undderTürkei. Die Wolken, die bislang den politischen Himmel drohend bedeckten, lichten sich und sie werden sich nun hoffentlich gänzlich verziehen. Man wird wieder fiei und erleichtert aufatmen in den Kabinetten und Parlamenten Europas und in allen Kreisen, die bereits mit den Schrecken eines scheinbar unvermeidlichen Krieges gerechnet haben. Ein Seufzer der Erleichterung entringt sich auch der Brust der Juden in den beteiligten Ländern. Denn der gefürchtete K.ieg, er hat in der Tatbereits verheerend gewütet, der wirtschaftliche Krieg, der wohl unblutig, aber darum nicht weniger tätlich und existenzvernichtend wirkt. Boykott — ein Wort, das in der jüdischen Leidensgeschichte der Gegenwart kein Fremdwort mehr ist Und tatsächlich weiß man, daß unter dem Boykottverl-ältnisse, das seit Monaten zwischen Oesterreich und der Türkei herrscht, oie jüdischen Kanfleute in beiden Ländern un- *) Es braucht nich t erst gesagt zu werten, daß es auch vereinzelte, die Regel bestätigende Ausnahmen gibt. Es gibt vereinzelte Fälle, in welchen Kinder, Dank einer sorgfältigen Erziehung, die fie im frommen elterlichen Hause genossen haben, ihrem frommen L benswandel auch treu geblieben, nachdem sie die Alltance-Schulrn absolviert hatten. Lieoe zu den Menschen verlernt haben, das Mindeste zu ändern. Ihre höhnische Frage, mit der fie die Stimme ihres Gewissens zu übertonen suchen, lautet noch heute in allen Fällen: „Wer ist Gott, auf dessen Stimme ich hören soll?" Erst wenn das Leben mit eherner Gewalt cingreist, mit seiner über i ältigenden Kraft auf fie einstmmt und ihr Werk, das i e für die Ewigkeit errichtet zu haben wähnen, spurlos zerstört, dann erst gelangen fie, oft zu spät, zur Erkenntnis und vollen Anerkennung de-' göttlichen Weltengeistes, der allein in der Geschichte herrscht und dem hochmütigen Treiben des Menschen ein furchtbares Halt entgegenruft. Jahrtausende verstrichen, Völker kamen und gingen und unaufhörlich drehte fich das Rad der Geschichte, immer neue Generationen schaffend und neue Erscheinungen zeitigend. Doch nie fehlte es an Gottessuchern, die, wie dazumal Pharao, durch äußere Eindrücke veranlaßt oder einem inneren Drange gehorchend das Ewige und Allumfassmde zu erschauen suchten) sie suchten und forschten aber vergebens, da fie auf falschem Wege suchten, auf verödeten Wegen, die zum Totenfelde führen, wo der Gott des Lebens für den Menschen nicht zu finden ist. -Erst der Moses-Ruf konnte so Manchen noch zeitig auf den rechten Weg bringen, der zum lebenschaffendcn und lebenerhaltenden Gott Israels führt. Pharao hatte seinen Gott, es war der Nil, über den er, der von seinen Nebenmenschen durch die Krone ausgezeichnete Mensch, fich erhaben fühlte. 2S3 Hifil TJKVT (Siehe Raschi zur Stelle.) von dem er sagen durfte: 'Jfi'tW? '2X1 m«' 'S „Mein ist der Fluß, dessen Lauf rcy nach Belieben lenken und hemmen kann". Und er hatte recht. Tot war sein Waffergott und der Lebende behält immer Recht, auch seinen leblosen Göttern gegenüber. Auch die Griechen und Römer hatten recht, wenn fie ihren Göttern, die fie nur als kalte Marmorbilöer„zu