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Der Israelit · 1909-01-07 · Heft 1 (7.1.1909) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 1 (7.1.1909)
Date
1909-01-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Leuilleton-Beilage zu Nr. \ des „Israelit". euilleton Samuel da DagiS. Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. Zweites Auch. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Rabbenu Nissim lernte um diese Zeit den Traktat Seraim, der die genaueste Kenntnis aller Pflanzenarten voraussetzt und er wollte deshalb die Gelegenheit seines - Aufenthaltes am Fuße des granadischen Schneegebirges nicht ungenützt vorüber gehen lassen. Er machte weite Ausflüge in das Gebirge, um hier die Pflanzenwelt genau zu erforschen. Nachdem er die untere oder warme Region, die alle Ebenen und Täler umfaßt, gründlich sich angeschaut hatte, die Art der Blüte des Weinstocks, die Süßigkeit der Feigen, die Erträgniskrast der Maulbeer- und Mandelbäume, alle Obstbäume und auch die Olive einer genauen Untersuchung unterzogen hatte, schenkte er seine Aufnrerksamkeit dem in üppigster Fülle hier gedeihenden Mais und den anderen Brot- und Gartenfrüchten. Dann zog er hinauf in die Bergregion wo ausgedehnte Kieferwälder und aus vielerlei Holzarten zusammengesetzte Laubzehölze seine Aufmerksamkeit erregten. Dort beinahe an der Grenze der Schneeregion lagerte er eines Tages in dem Schatten einer Felswand, um über wichtige halachische Fragen ungestört Nachdenken zu können und gleichzeitig in den Reizen der ihn umgebenden ihm größtenteils neuen und fremdartigen Naturszenerien schwelgend. Da bot sich ihm ganz in der Nähe ein eigenartiger Anblick. Auf einer der Weidetriften. Er vernahm Lautenklänge und heiteres Gelächter von Mädchenstimmen. Eine Anzahl junger Burschen und Mädchen lagerten vor einer Hütte. Sie aber konnten den Raum, der durch die Felswand gedeckt war nicht bemerken. Einer der jungen Männer sang eine maurische Romanze, diese mit schwermütigen Akorden auf der Laute begleitend. Eine mit vier Dochten in ihren Schnäbeln brennende antik geformte Messinglampe verbreitete, obgleich es noch hell am Tage war, ein geisterhaftes Licht durch das offene Vorhaus und warf einen gespenstischen Schein auf die hier sitzenden schwarzäugigen Mädchen, die alle den kleidsamen, schwarzen kaum auf die Knöchel reichenden mit Franzen besetzten Rock, das eng anschließende Mieder mit spitzenbesetzten Aermeln trugen und sich die glänzend schwarzen Haare teils mit dunkelroten Nelken, teils mit gelben Alpenrosen geschmückt hatten. Die ebenso malerisch gekleideten Burschen trugen ein buntseidenes um den Kopf gebundenes Tuch, das in zwei Zipfeln auf dem Nacken herabfiel. Da riß der Lautenschläger plötzlich nach andalusischer Sitte mit allen fünf Fingern der rechten Hand schlagend durch die Saiten, während er mit dem Daumen der linken Hand auf dem Boden seines Instrumentes herumtrommelte. Nach einem wilden Vorspiel stimmte er eine schwermütige, mit einer langezogenen Kadenze endigende Melodie an und begann mit näselnder Stimme ein Loblied auf die herrlichen Berge zu fingen. Wie üblich antwortete darauf einer der jungen Leute mit einem anderen improvisierten Verse und so ging es fort, bis alle manchmal zwei, drei mal Verse improvisiert hatten, die sich teils auf bie heutige Gebirgspartie, teils auf die Mädchen bezogen. Als nun die Klänge der Laute immer feuriger ertönten, da erhoben sich die jungen Leute, um die graziösen Schönen, denen die Tanzlust aus den großen sammetschwarzen Augen leuchtete, zum Tanze aufzufordern. Bald stand ein Paar gegenüber, denn die andalusischen Tänze werden in der Regel nur von einem Paare getanzt, um in graziösen Stellungen oder behend sich umkreisend, aber kaum mit den Fingerspitzen berührend, jenen dezenten Tanz aufzuführen, der nichts anderes -als eine pantomimische Liebeserklärung ist. Rabbenu Nissim wunderte sich auf das höchste über den hier üblichen freien Verkehr der Geschlechter, der so wenig zu der Auffaffung der östlichen Völker über die Züchtigkeit des Weibes paßte. Doch da erinnerte er sich, daß in diesen Bergen eine Kolonie abendländischer Hirten lebte, deren Glaube und deren Sitten so sehr von denen der Mauren abwichen. Alle Anwesenden klatschten taktmäßig in die Hände und als sie die Tänzerinnen mit Zurufen zu immer feurigeren Tänzen anzuspornen suchten, da erschollen jäh ganz in der Nähe gellende Weheschreie. Atemlos stürzte ein Mädchen herbei und hinter ihm drein, ein junger Maure, der es bis hierher verfolgte. Der Zorn der Burschen, die die Mauren ohne dies mit der ganzen Glut ihrer Seelen haßten, kannte keine Grenzen. Sie exgriffen den schwarzbraunen Jüngling und rasch wie der Blitz zogen alle ihre dolchartigen Messer aus ihren Gewändern, um sie in die Brust des Jünglings zu versenken. „Verfluchte Nazarener" schrie der Jüngling, „mein Blut dürfte Euch teuer zu stehen kommen". „Halt, Halt", schrie nunmehr eine Donnerstimme, „wer es wagt diesem Jüngling auch nur ein Haar zu krümmen, dessen Blut komme über sein Haupt". Als wenn die Hölle sich aufgetan und ihre scklimmsten Geister über die Erde verbreitet hätte, so erschraken die jungen Leute, als sie die würdige Gestalt Rabbi Nissims, denn dieser war es, so 'urplötzlich in dieser einsamen Gebirgshöhe vor sich auftauchen sahen. Das abergläubige Hirtenvolk hielt ihn für einen Erdgeist, der gekommen war, um den Jüngling in seinen Schutz zu nehmen. Nicht fähig irgend einer Aeußerung, ließen sie langsam ihre Messer sinken. Der Rabbi aber nahm den Jüngling unter den Arm und entfernte sich mit ihm. „Wer bist Du Jüngling", sprach er in ernstem Vorwurfe, aber mit trotzdem sanfter Stimme, „der den traurigen Mut hat, ein schutzloses Mädchen wie eine Gemse von Berg zu Trift und von Fels zu Tal zu hetzen?" „Ich bin Bologguin, der Bruder des Königs und wer bist Du o ehrwürdiger Greis, Du Retter meines Lebens". „Ich bin ein Jude, Nissim, nennt man mich". „Der berühmte Rabbenu Nissim, Du seiest ein Mann der Wunder, sagt man und verstündestdie Sprache der Tiere." .... Ein Schwarm von Krähen, flog hinter einem Felsschroffen auf und ihr heiseres Rah, Rah, unterbrach das Gespräch der Beiden. „Sage mir, Rabbi", sprach Bologguin, „was rufen die Vögel?" „Sie sprechen das Gebot des heiligsten Mannes, den das Judentum hervorgebracht, des Rabbi Meir, einfach Rabbi genannt." „Und wie lautet dies?" Tazileni me-odom rah, mechower rah, mischochen rah, mi-pega rah! „Erettet mich vor schlechten Menscheu, schlechten Genoffen, schlechtem Nachbar, schlechtem Begegnis." Ein Hund sprang hervor und bellte die Beiden an. „Und was sagt der Hund?" frug Bologguin. Rabbenu Nissim antwortete: „Der Hund sagt: „Biel müffen wir Hunde uns von Euch gefallen lassen, daß Ihr aber Eure Schlechtigkeiten und Schamlosigkeiten als „Zynismus" bezeichnet, das ist die allerschlimmste Beleidigung, die Ihr uns antut". Die jungen Leute aber im Gebirge schienen sich gar bald wieder beruhigt zu haben, denn von ferne hörten die Wanderer den Gesang: „O und immer ist Granadas Tal noch meiner Sehnsucht Ziel, Immer fließen meine Tränen um den lieblichen Jenil, Wo der Mann sein helles Schwert zückt, sanft das Schilf, das ihn umringt, Hin und her schwankt, die Gazelle anmutvoll am Ufer springt." Achtes Kapitel. Am Abend nach Chabus Tode erschien Badis, dessen ältester Sohn im Hause Samuels. Er umarmte und küßte den Minister und weinte lange an dessen Brust. „Dir ward das Glück zuteil," sprach er, „noch die letzte Stunde meines Vaters mit ihm zu verbringen, während ich selbst sogar bis zu diesen: Zeitpunkte von ihm fern gehalten wurde. Sage, wie verbrachte der König die letzten Augenblicke seines Lebens?" „Er ging," sprach Samuel, „mit klarem Verstände, mit vollem Bewußtsein in die andere Welt, ja man könnte von einem geschärften Geiste von einem Seherblick, der ihn im Momente des Scheidens überkam, reden." „Ich bitte Dich berichte", sprach Badis gespannt. „Der König," sprach Samuel, „litt in furchtbarer Weise an der Not des Atmens, nur wenig konnte er mehr reden. Aber als er mich, den sehnsüchtig Erwarteten erblickte, schien er zu neuem Leben zu erwachen. Er richtete sich auf und redete mich an": „Samuel, mein Freund, ich bin gekommen an den Tag, an dem jede Seele findet, was sie Gutes oder Böses getan. Möge Allah mir vergeben. Neige Dein Ohr und höre, vernimm, damit ich spreche. Dir ha-Levi, will ichs sagen und Dir, Sohn Josephs will ichs künden, Waich fühle, was ich denke. Wohl üben wir in diesem Reiche die Künste des Friedens aus, pflegen Gesang und Poesie, unterstützen Handel und Kunst, aber wir vernachlässigen das rauhe Kriegshandwerk. Vielleicht sind wir darum eher zu loben, als zu tadeln. Aber Feinde finden sich ringsherum, Feinde, die sich um die Künste des Friedens nicht kümmern, die vielmehr die höchste Ehre und den größten Ruhm auf dem Schlachtfelde suchen. Die arabische Kultur auf dieser Halbinsel wird untergehen, denn von Norden zieht herauf das Böse. Du aber und Deine Volksgenossen, Ihr werdet in fernen Zeiten den Männern des Nordens gerade so beistehen, ihre Kultur fördern, wie Ihr es uns getan, ob mit derselben Anerkennung? Ich zweifle. Ich bitte Dich, sei meinem Erstgeborenen eine ebensolche Stütze und Stab wie Du mir gewesen. Mein zweiter Sohn soll nicht König werden, obgleich er es wünscht. Auch Dein Glaube heißt Dich, den Erstgeborenen zu bevorzugen." . . . „Schaue, o Herr," antwortete ich, in tiefster Seele erschüttert von dem Anblick des sterbenden Fürsten, „schaue o Herr, nicht so trübe in die Zukunft. Du wirst leben und auch Dein Reich wird blühen, bis ans Ende aller Zeiten." „Ich weiß es besser," erwiderte er, „Babylonier und Persen, Griechen und Makedonen hatten

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