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Der Israelit · 1909-01-07 · Heft 1 (7.1.1909) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 1 (7.1.1909)
Date
1909-01-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1 Der Israelit. für, daß die Juden dies in einem viel höheren Maße als die Nichtjuden tun, wurde niemqls erbracht. Gleichwohl ging man immer mit, Legende hausieren, denn es war Tatsache? die Zahl der jüdischen Rekruten nur selteli^-W»^ geforderte Höhe «erreichte. Wie das aber zu der* stichen ist, zeigt die kürzlich vorgenommene Rekrutenaushebung in Warschau. Die Zahl der ausgehobenen christlichen Soldaten hatte die vorgeschriebene Ziffer bereits erreicht, während von den Juden noch immer 231 Rekruten fehlten. Um die Zahl zu komplettieren, werden auch diejenigen herangezogen, die nach den in Rußland Eltenden Aushebebestimmungen erst in zweiter Reihe in Betracht kommen, z. B. einige Söhne von erwerbsunfähigen Eltern re. In Warschau, wo die jüdische Bevölkerung 30 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, werden nämlich 729 jüdische Rekruten gefordert, während von den Christen nur 535 gefordert wurden. Bei solcher Verteilung ist natürlich nachher sehr leicht, den Juden den Vorwurf zu machen, daß sie nicht genug Soldaten stellen, denn wie die vorstehenden Ziffern zeigen, werden die Juden fast noch einmal so stark zum Militärdienst herangezogen, als es ihrer Bevölkerungsziffer nach gerecht wäre. Bekanntlich wird in Rußland von den Eltern oder sonstigen auch noch so entfernten Anverwandten eines Juden, der sich nicht zum Militärdienst gestellt hat, eine Geldstrafe von 300 Rubeln erhoben. Da die Beamten also sehr daran interessiert sind, solche Deserteure ausfindig zu machen, so erklärt sich leicht die bisweilen verhältnismäßig hoch angegebene Ziffer jüdischer „Deserteure". Mit wie großer Sorgfallt bei diesem Herumschnüffeln in den Familienangelegenheiten der Juden behufs besserer Bereicherung des „Tschins" verfahren wird, ergibt sich aus folgender tragikomischen Geschichte: In Kamenez-Podolsk erhielt ein Jude, namens Steinberg plötzlich eine Aufforderung, eine Strafe von 300 Rubeln zu bezahlen, weil sein verstorbener Sohn, namens Henne Judiths!), der im Jahre 1906 das Alter von 21 Jahren erreichte, sich nicht zum Militärdienst gemeldet hätte. Alle Beweise, die Herr Steinberg, seine Verwandten und Bekannten den Behörden lieferten, daß Henne Judith erstens kein Sohn, sondern eine Tochter gewesen sei, was doch auch schon aus dem weiblichen Vornamen hervorginge, und zweitens, daß die Tochter bereits vor Jahren gestorben sei, hatten keinen Erfolg. Und Herr Steinberg muß die 300 Rubel bezahlen, entweder weil der zuständige Beamte wirklich nicht weiß, daß Judith ein weiblicher Vorname ist, oder weil er Herrn Steinberg gerade nicht gut gesinnt ist. oder weil er — gerade sehr nötig 300 Rubel braucht! England. Jiföildie Dßrfammlunaen. London, 3. Januar. Der Jewish Board of Deputies hatte am Sonntag vormittag, den 13. Dez., im Hotel Central seine Jahresversammlung, zu der auch dieses mal zahlreiche Delergierte aus der Provinz und aus London erschienen waren. Der Vorsitzende, Herr D. L. Alexander, King's Counsel berichtete unter anderem auch über das Fremdengesetz von 1905 und sagte, daß der Board einen Zusatz zum Gesetze und eine verbesserte Handhabung seiner Vorschriften heranstrebe, um dem Einwanderer eine sachgemäße Verhandlung seines Falles zu gewährleisten, ihm kompetente und unparteiische Richter zu stellen und ihm das Recht zu sichern, im Falle einer ungünstigen Entscheidung an ausgebildete Berufsrichter zu appellieren. Infolge des energischen Eintretens des Boards erhielt bereits eine erleichternde Bestimmung entscheidende Kraft. Auch das Sonntagruhgesetz hätte die Zeit und die Kraft des Boards sehr in Anspruch genommen, ohne daß nennenswerter Erfolg erzielt wurde. Der Board suchte zu erreichen, daß denjenigen jüdischen Geschäftsinhabern, die am Sabbat geschloffen halten, und ausschließjüdisches Personal beschäftigen, gestattet 1, ihren Laden auch Sonntags zu gewissen szuhalten. andere bedeutsame jüdische Versammlung Sonntag den 10. Dez. statt, in der »erman Landau einen Vortrag über die der Gründung einer alljüdischen Organisation hielt. Seine Ansichten verdienen ernsthafte Beachtung, umsomehr, als er Mitglied des Kolonisationscomites ist. Herr Landau beschäftigte sich eingehend mit dem geplanten Unternehmen und entwickelte ein ausführliches Agrikulturprogramm, von dem er erklärte, daß nur ein solches eine radikale Besserung der Lage der Juden in Osteuropa herbeiführen könne. Sein Wunsch geht dahin,- große Farmen in Polen, Rußland, Rumänien, denVereinigten Staaten, Canada, England und andern Plätzen der Welt zu erwerben und zahlreiche Landhäuser darauf zu errichten. Jede Familie, die willens ist, Landarbeit zu verrichten, soll ein Haus zu niedrigem Mitpreis erhalten. Zunächst sollen sie für 1 oder 2 Jahre auf diesen Farmen ang siedelt und vom Ertrag der Farmen unterhalten werden. Nach Verlaus dieser Zeit sollen die Kolonisten, welche sich bewährt haben, auf Land angesiedelt werden, das in verschiedenen Teilen der Erde angekauft wird. Sie sollen in die Lage gesetzt werden, die nötigen Gebäude zu errichten, sich die erforderlichen landwirtschaftlichen Geräte anzuschaffen und wo nötig sich mit Lebensmitteln für ein Jahr zu versehen. Zur Aufbringung des Kapitals sollte ein internationales Wellcomite gebildet werden. Herr Landail glaubt, Lord Rothschild für seinen Plan zu gewinnen und hofft, daß die Jungtürken die Ansiedlung von Juden in Mesopotamien zllm Zwecke des Ackerbaues erlauben würden. Der Plan zeugt von Fleiß und gutem Willen. In der Diskussion, an der sich auch der hier als Gast anwesende Dr. Hirsch Hildesheimer beteiligte, machten sich Zlveifel und Bedenken geltend Die Mehrheit lvar der Meinung, daß der Plan zu wenig das Programm der bereits bestehenden Kolonisationsorganisationen berücksichtige und daher wenig Aussicht auf Erfolg habe. Türkei. vor ger kntsclieiSung. (Bon unserem Korrespondenten.) K o n ft a n t i n o p e l, den 3. Januar. Der Kamps unl die C h a ch a m - B a s ch i - Wahl beherrscht jetzt alle Gemüter und die verschiedenell hier erscheinenden spaniolisch-jüdischen Zeitungen werben mit einem Eifer gelesen, wie es sonst selten der Fall war. Trotz der bereits gemeldeten Aufstellung von fünf Kandidaten, schien es bis vor kurzem, als ob eine ernstliche Gegnerschaft gegen die Wahl des derzeitigen stellvertretenden Chacham- Baschi Haim Nahoum nicht vorhanden sei. W-MiMens maate sie sich nicht hervor. Eine A.mdermrg in diesem Zustande, der esHcnm vmymmr-sgestattete, in seiner jugendlich-liebenswürdigen Weise mit jedermann gut Freund zu sein, ist durch einen unerwarteten Zwischenfall eingetreten, von dem man sich zwar auf das endgültige Ergebnis keinen entscheidenden Einfluß versprechen darf, der aber bis zu einem gewissen Grade jedenfalls eine befreiende Wirkung auf die Gemüter der noch echt jüdisch Empfindenden ausgeübt hat. Es handelt sich um ein an die 20 Chachamim des Waad ruchani gerichtetes hebräisches Schriftstück, das die Unterschrift einiger der hervorragendsten Groß-Rabbinen Westeuropas trägt und das, wie verlautet, auch von «Ger Reihe russischer unterstützt worden ist. Das Schrisfftück, obgleich es zur Veröffentlichung vermutlich gar nicht bestimmt war, wurde von Nahoums Leiborgan, dem „Tiempo" sofort hebräisch und spanioliich abgedruckt und in einer bei diesem Blatte nicht ungewohnten gehässigen Sprache gehörig heruntergerissen. Es heißt in dem Briefe der Rabbinen u. a.: „Seit vier Monaten erregen die aus Konstantinopel konimenden Nachrichten die ganze Tiaspora. Unsere Brüder in der Türkei sind ja ein bedeutender und 7. Januar 1909. Seite 11 vollwichtiger Bestandteil der jüdischen Gesamtheit, und aus Konstantinopel insbesondere sind Israels Söhne als einen Ort gewohnt hinzublicken, an dem von altersher die Thora ihre Stätte aufgeschlagen hatte und von dem aus jüdische Größen wie der und der "jp'fch HitTÖ mir dem Lichte ihrer Thora die Welt erleuchteten. Mit ausrichtiger Genugtuung haben deshalb alle Juden die Verkündigung begrüßt, daß auch die Brüder im ottomanischen Reiche an der Jre'kde des Landes ob der Konstitution teil hätten. Plötzlich aber wurde dieses Gefühl der Mitfrende durch die Nachricht gestört, daß eine kleine Partei es verstanden habe, das Großrabbinat in ihre Gewalt zu bringen und es in die Hand eines jungen Mannes zn legen, der von der Thorawissenschaft, von ihrer Heiligkeit und Reinheit, keine Ahnung hat und dessen Wege ferir sind von den Pfaden des historisch überlieferten Judentums. Ganz Israel weiß, daß die rabbinische Würde in Israel kein profanes Amt ist, da-? jeder ausfüllen kann, sondern daß die Rabbinen vor allem die Träger der Thora sind und die Jeuersäulen, die dem ganzen Volte voranleuchten aus den Wegen des Gottesgesetzes : ganz Israel weiß, daß die I ugenderziehung abhängig ist von den Anschauungen der Gemeinderabbinen, daß darum das rabbinische Amt heute von doppelter und dreifacher Bedeutung -st, da Israels Jugend am Scheidewege steht und es darum eine ungeheuere Gefahr bedeutet, einen Mann, der der Thora fremd gegenübersteht, auf den Rabbinatsstuhl zu setzen. Es wirb dann ausgeführt, daß es sich um das Groß-Rabbinat eines großen Landes handle, von dent allch Palästina und die heilige Stadt einen Bestandteil bilden. Dann Heißt es weiter: So sind denn die Augen ganz Israels aus die'e Wahl gerichtet, mit ihr entscheidet sich das Los ker Thora and des Judentums in allen (Gemeinden tes otlomanijchen Reiches. Nach den geltenden Vorschriften hängt es von den Mitgliedern des Waad Ruchani ab, ob sie einen Kandidaten zur Wahl zulassen oder nicht. An Euch, Ihr Brüder, also liegt es, einen Mann zu wählen, der sich wahre jüdische Weisheit erworben hat, der seine Kraft in Thora nno Gottesfurcht in einer großen Gemeinde des Orients bewährt hat und der darum fähig ist für den Posten des Großrabbiners. Haben wir nötig, treue jüdische Thoraerfüllte Männer, wie Ihres seid, za bitten, daß Ihr zu Hilfe kommen möget der bedrohten Thora und nicht zuschauen möget, wie man das Heiligste vernichtet, brauchen wir Euch anfznfordern, in die Bresche zu treten für Euer Volk und die Gefahr abznwenden ohne Rücksicht und ohne onrcht v v r irgend eine in M e n s ch e n oder v o r irgend einer g r o ß cit u n d e i n f l n ß reichen Gesellschaft, da es doch im Gottesworte heißt: „Ihr sollt n i ch t Furcht haben vor er ti e in M e n s ch e n , d e n n das Gericht i ft G o r t c s?" I n E u r e r H a n d, geehrte Brüder, liegt i n diesem Augenblicke die Ehre I s r r e l S, liegt das Schicksal der Thora u n d die Heiligkeit der jüdischen Religion. Wir veriranen auf Eure Weisheit und Gottesfurcht, dann wird Eurer Losung das ganze Volk folgen. Tie Thora trägt ihre Träger und Gott ist es, der aufrujt zum Kaiiipse um die jüdische Pflicht. In der Geschichte kes jüdischen Volkes wird es für alle Zeiten oerzeichttit werden, was Ihr in diesem historischen Momente vollbringen werdet zur Ehre Gottes und seiner Thora. .. .^cbriMückes. unter dem die glänzendsten Namen der westeuropäischen binischen Welt prangen, vor allem auch der des Londoner Oberrabbiners, Chiesrabbi D. Adler, war zunächst unbeschreiblich groß. Die Gegner Nahoums, zu denen hochangesehene aber naturgemäß recht zurückhaltende Mitglieder der jüdischen Aristokratie gehörten, fühlten sich gestärkt; denn obgleich das Schriftstück Reserve bewahrt und weder den Namen Nahoum, noch Rafael b e n Schimon nennt, ist doch der Hinweis auf den übermächtigen Einfluß der „Alliance Jsraelite Universelle" deutlich genug, um von all denen laut begrüßt zu werden, die den unheilvollen Einfluß dieser Gesellschaft aus das türkische Itldentum seit Jahren mit Schmerz beobachten. Die Taktik der Freunde Nahoums, zu denen vor allem das Laien-Konsistorium (Waad hagischmi) selbst mit seinem Präsidenten, Abraham Parchi gehört, geht nun darauf hinaus, den Brief der als eine unzulässige, gegen internationale Gepflogenheiten verstoßende „Einmischung" zu diskreditieren und es heißt, daß

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