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Der Israelit · 1909-01-07 · Heft 1 (7.1.1909) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 1 (7.1.1909)
Date
1909-01-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Vtc. 1. Sette 10 Der Mraeltr. Judenelend in 6ali?ien. Kra kau, 25. Dez. In Ergänzung des Artikels über das J u d e n - elend in Galizien in der Wochenrundschau der vorletzten Nummer seien hier noch folgende Daten aus dem offiziellen Berichte wiedergegeben: Wenn wir unser Augenmerk jenen Berufen zuwenden, zu welchen akademische Bildung notwendig ist, können wir nicht umhin, zu konstatieren, daß im Verhältnisse zur Gesamtziffer der Einwohner die Zahl der betreffenden Personen fast dreimal größer ist, als es den prozentuellen Verhältnissen der Juden zur Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Man kann sich leicht vorstellen, was für eine Konkurrenz unter den Juden, welche diese Berufe ausüben, herrschen muß, welche um so mehr die Existenzbedingungen der angeführten Personen erschwert, als sie durchschnittlich eine zahlreichere Familie zu ernähren haben, als ihre christlichen Kollegen und daß hingegen fast alle Sinekuren sich in christlichen Händen befinden. Die traurigste Rubrik bilden diejenigen Juden, welche von Almosen leben oder in Wohlätigkeitsanstalten untergebracht werden, sowie auch die beschäftigungslosen Juden, die sogenannten „Luftmenschen". Auf 1000 Bettler kommen in Ostgalizien 300 Juden, entsprechend der Bevölkerung sollen es nur 100 sein. Auf 1000 Beruflose kommen über 450 Juden, wiederum gar 45 statt 10°/°. Diese Tabellen sind erschreckend, denn sie umfassen beinahe 50000 Juden, die nicht wissen, ob sie imstande sein werden, sich den Bissen Brot zu verdienen, ob sie sich ein Lager für die Nacht erbetteln können. Es ist schrecklich, sich zu vergegenwärtigen, daß es in Galizien über 25 000 Juden (Luftnienschen) gibt, welche zuweilen sogar gut gekleidet, auf den Straßen herumlungern und bei welchen man kaum erfahren kann, woher sie ihr Dasein fristen, da sie selbst keine blasse Idee davon haben. Diese Scharen bilden desto größere Gefahren für die jüdische Gesellschaft, als sie, eingedenk ihres früheren, besseren, höheren „^taackarä of life“ sich schwer in ärmlichere Verhältnisse fügen, und immer am Rande des Abgrundes schweben. Und von dieser abschüssigen Bahn ist die Rückkehr schwer. Wenn solch einer sogar arbeiten möchte, ist er dazu nicht geeignet, weil er keine Fachausbildung genossen hat) weil seine Glaubensgenossen hierzulande über keine entsprechende Organisation für Arbeitsvermittlung verfügenaußer Landes bereitet ihm wieder die fremde Sprache Schwierigkeiten. In sonderbarem Kontraste mit diesem beklagenswerten ökonomischen Zustande der Juden ji^cu t>te Zistern, welche die Höhe der von den galizischen Juden entrichteten Steuern angeben. Einzig und allein die Stadt Krakau weist eine i'n Vergleich mit den Juden größere Zahl Christen auf, die eine Steuer über 100 Kronen jährlich entrichten. In anderen galizischen Städten übersteigt die Zahl der jüdischen Steuerzahler, die mehr als 100 Kronen pro Jahr entrichten, diejenige der Christen um ein zwei- und dreifaches und in Städten wie Grodek, Kolomea um ein vielfaches. Nur in den zwei untersten Kategorien des Ausmaßes der Einkommensteuer übersteigt die Zahl der Christen die der Juden, aber nur in den absoluten Ziffern, nicht aber in den prozentuellen Tabellen, welche das Verhältnis der Gesamtheit der Christen zur Gesamtheit der Juden berücksichtigen. Es ist absolut unmöglich u.d ganz ausgeschlossen, daß die Steuertabellen der Judeü den Anforderungen der Gerechtigkeit entsprechen sollten. Die Schuld daran tragen meistenteils die Juden selbst, indem sie in blinder Konkurrenz mehr darauf bedacht sind, die Interessen der Mitkämpfer zu schädigen, als die eignen wahrzunehmen. In der geschilderten Weise bleiben die armen galizischen Juden Sklaven der „camera“, undindem sie in fortwährender Anstrengung, die ihnen sogar den Schlaf raubt, im Schweiße ihres Angesichts dem geringsten Verdienste nachjagen, der in gar keinem Verhältnis mit der geleisteten Arbeit steht, vegetieren sie ohne einen gesicherten Morgen, ja, ohne zu wissen, was die nächste Stunde bringen wird, von der Hand in den Mund, am Rande des tiefen Abgrundes, des äußersten Elends. Und dieses Elend ist etwas so Selbstverständliches geworden, daß man sich wundert, wenn es jemand für anormal hält. Unsere westlichen Brüder meinen dieses Elend zu kennen, wenn sie für Hungrige, für Abgebrannte Sammlungen einleiten — aber sie hören nicht das Stöhnen und Aechzen der Unterdrückten, sie sehen nicht die Augen, aus denen keine Träne mehr herausquillt, sie sehen nicht die ausgemergelten Ge stalten, von welchen elende Fetzen herunterfallen und nackte Gerippe zur Schau bringen. Stump wird langsam auch der einheimische Jude — der Wille zur Hilfe viel zu schwach, die Mittel fast erschöpft und wieder leidet darunter die Judenseele. Nur der unerschütterliche Glaube an Gott und die Ueberzeugung von der Unterdrückung der Gesamtheit des Judentums zeitigen eine Solidarität, die den Grundstein lieferte zur Gestaltung der jüdischen Kultusgemeinden. Ungarn. Sum neuen Lonniagsmiiegeseb. (Bon unserem Korrespondenten.) B u d a p e st, 27. Dez. Der dritte Entwurf des neuen Sonntagsruhegesetzes enthält dem vorigen gegenüber einige der gesetzestreuen Judenheit günstige Modifikationen. In § 2 ist die neue Verfügung enthalten, wonach vom Verbote der Arbeit am Sonntag eine solche gewerbliche Arbeit ausgenommen ist, welche der Gewerbetreibende in seiner eigenen Werkstätte (nicht nur in seiner Wohnung), ebenso der Eigentümer eines Unternehmens oder dessen tatsächlicher Leiter im Kanzleilokal des Unternehmens unter Ausschluß der Oeffentlichkeit und ohne Zuhilfenahme anderer Kraft verrichtet. Der erste Absatz des früheren § 11, der jetzt § 13 ist, ist auch in vielen Beziehungen gemildert worden und bestimmt, daß der Verkauf von Lebensmitteln, mit einer von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr vormittags des Arbeitsruhetages sich erstreckenden Unterbrechung, in allen Gebieten der ungarischen Krone von 9 Uhr abends des vorausgehenden Tages bis 5 Uhr morgens des Rubetages ruhen muß. Andere Geschäfte haben in Budapest und Vororten und in den Städten, welche der Handelsminister im Verordnungswege bezeichnen wird, von 9 Uhs abends des dem Ruhetage vorhergehenden Tages bis 7 Uhr morgens des dem Ruhetage folgenden Tages ohne Unterbrechung, in den anderen Städten, von 9 Uhr abends des dem Ruhetage vorhergehenden bis 7 Uhr morgens des dem Ruhetage folgenden Tages, mit einer von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr vorntittags des Ruhetages dauernden Unterbrechung, zu schließen. Der § 14, der ganz neu ist, lautet: Wenn die Mehrheit der Großhändler irgend einer Ortschaft oder Stadt, ohne Verkürzung der Dauer der Arbeitsruhe, anstatt 9 Uhr abends des dem Ruhetage vorangehenden Tages eine andere Sperrstunde und anstatt 6 Uhr früh des dem Ruhetage folgenden Tages einen anderen Zeitpunkt zur Geschäftsöffnung wünschen sollte, ebenso wenn die Majorität sämtlicher Kaufleute der betreffenden Ortschaft oder Stadt eine Aenderung der Ruhebestimmungen, sei es für das ganze Jahr oder nur für einen gewissen Zeitabschnitt des Jahres ansuchen sollte, hat die betreffende Ortschaft oder Stadt die Pflicht, im Verordnungswege entsprechend dem Wunsche der Majorität zu verfügen.-— 7. Januar 1909 5 Von den Juden In Buchara. Petersb urg, 1. Januar. Die Juden in Buchara, von denen man sonst wenig hört, stehen gegenwärtig im Mittelpunkt einer aus mehreren Gründen nicht uninteressanten Diskussion. Sie wandten sich nämlich vor kurzem an den Minifterrat in Petersburg mit.dem Ersuchen, das Gesetz vom Jahre 1900 zurückzunehmen oder es einstweilen zu suspendieren bis die allgemeine jüdische Frage in Rußland geregelt werde. Das genannte Gesetz vom Jahre 1900 stellt die Juden aus Buchara den übrigen russischen Juden gleich, d. h. es unterwirft sie derselben Rechtlosigkeit und denselben Beschränkungen, denen die übrigen russischen Juden unterworfen sind. Da nun aber die Juden in Buchara hauptsächlich Kaufleute sind, und die Waren zum allergrößten Teile aus Rußland beziehen, so sind sie gezwungen, von Zeit zu Zeit in die Zentren der russischen Industrie zu reisen, um dort persönlich ihre Einkäufe zu machen. In der letzten Zeit hat man ihnen aber dabei große Schwierigkeiten bereitet. Das Gesuch der Juden aus Buchara hat nun wie gesagt, eine sehr lebhafte Diskussion hervorgerufen, weil mit dieser Frage auch die Interessen eines großen Teiles der russischen Export-Industrie eng verknüpft sind. Nach der russischen Handelsftatistik beziehen die Juden aus Buchara jährlich ungefähr für dreißig Millionen Rubel (etwa 65 Millionen Mark) russische Waren und verbreiten sie in Mittelasien, in Afghanistan und auch in Persien. Sie stellen somit die Vermittler zwischen dem europäischen Rußland und Asien dar. Die Moskauer Kaufmannschaft unterstützt deshalb das Gesuch der Bucharischen Juden, weil die große Moskauer Textilindustrie direkt auf den Absatz der Bucharischen Juden angewiesen ist. Würde man den Bucharischen Juden jetzt verbieten, in Rußland zu reisen, so würden jedenfalls die Moskauer Firmen am meisten darunter leiden, vielleicht sogar ihr Absatzgebiet gänzlich verlieren zu Gunsten der englischen oder einer anderen ausländischen Industrie. Petersburg, 3. Januar. Der bekannte Priester Johann von Kronstadt ist letzten Samstag gestorben, eine jener Persönlichkeiten, deren Geist noch lange fortleben und fortwirken wird in den Männern, die heute in der Duma eine Verschärfung der Jgnatiewschen Judengesetze heranstreben. Priester Johann war ein sonderbarer Heiliger, dessen Einfluß ein so gewaltiger war, daß sich sogar auf seinen Namen eine Sekte gebildet hat, die sog. Johaniten. Er galt in früheren Zeiten als gerechter und politisch vorurteilsfreier .Mann, doch gelang es in den letzten Jahren dem schwarzen Verband, ihn ganz in seine Macht zu bekommen und sein Name hatte da wirklich Wunder gewirkt, Wunder, an die die Juden Rußlands noch lange denken werden. Bekannt ist das geharnischte Schreiben dieses Geistlichen gegen die Mörder von Kisch in ew, das er aber bald auf Betreiben der Berbändler zurückzog und durch einen blutrünstigen Aufruf gegen die Juden ersetzte. Von da an war der Mann, auf den Millionen in Rußland schworen, ein Spielball in den Händen Kruschewans und Dubrowins. Seine letzte Leistung war ein von ihm verfaßtes Gebet, in dem er den himmlischen Schutz gegen die schädlichen Einflüsse der Juden herabflehte. Dieses Gebet wird heute in hunderten Bauerndörfern Rußlands gemurmelt, denn Agitatoren haben für seine Verbreitung schleunigst gesorgt, dieselben Männer, die jetzt auch eifrig bemüht sind, den Ruhm und den dämonischen Einfluß ihres Heiligen der Nachwelt zu erhalten. Warschau, 1. Jan. Es ist bekanntlich in Rußland ein altes antisemitisches Märchen,, daß )ie Juden sich in besonders großer Zahl vom Militärdienst zu drücken versuchen. Beweise daüd.

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