Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1909)
- Date
- 1909-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7. Januar 1909. Der JSraelit. Nr. 1. Seite 7. Die Klagemauer ist ja bekanntlich dem Jehudin zugänglich. (Klagen läßt man ja gern — den Juden!) Wie beschaffen sind aber diese Zugänge? Durch wieviel Schmutz muß man waten, um an Ort und Stelle zu gelangen! Unmittelbar vorne und hinten sind ebenso schmutzige Häuschen angebaut, deren Insassen, lauter Arabern, es auf die Reinlichkeit gar nicht ankommt. Der ganze freie Raum vor der SjYD ,3il?orr, wo täglich soviele Mal gebetet und n^srt getan wird, ist eine schmale hohle Gasse, die häufig von Andächtigen dicht gefüllt ist, welch letztere aber von Passanten in ihrer Andacht gestört werden. Es kommt aber bisweilen nochSchlünmeres vor. Hier eine Tatsache, deren Augenzeuge ich war: Es war an einem mr*OtP - Tage, gegen 11 Uhr vorrnittags. Die Leute beteten splö/ standen also Da kam des Weges ein arabischer Bursche, ein großmächtiges Schaf an der Leine nachziehend. Daß hier Gottesdienst verrichtet wurde, das bekümmerte den Kerl wenig. Mit seinen kräftigen Armen stieß er nach rechts und links, sodaß der Fallende seinen Vordermann zu Falle brachte. Auf diese Weise ebnete sich der Wilde einen Weg durch die dichtgedrängte Menge. Derartige Roheiten sind aber nur deshalb möglich, weil das Terrain Gemeingut ist. Stände es dagegen im jüdischen Besitze, hätte ja der Bengel dort nichts zu suchen gehabt. Einmal soll nun ein jüdischer Philantrop sich bereit erkärt und auch schon die nötigen Schritte getan haben, um das die Klagemauer begrenzende Gebiet käuflich zu erwerben. Allein damals stand dem Unternehmen die Regierung hinderlich im Wege. Dagegen glaubt Herr Professor Dalmann — und er weiß doch, was er sagt — es seien etwaige Hindernisse seitens der gegenwärtigen Regierung nicht zu gewärtigen. Wie schön wäre es nun, wenn endlich mit dem Schmutz aufgeräumt und auf der Stelle meinetwegen eine Synagoge oder Lehrstube zur Pflege der hl. Tora, oder anständige jüdische Wohnhäuser gebaut würden! Einmal, zur Zeit des II, Tempels, fand sich in dieser Gegend der jüdische Gerichtssaal, p*T fi’S genannt. Aehnliches könnte ja auch heute geschehen. Wie leicht wäre es den Sitzungssaal der Böt-Din nach dort zu verlegen. Das BötDin hat überhaupt bis heute noch keinen anständigen Sitzungssaal inne. Allerdings haben Burschen aus unserem Volke, die Jerusalem auf den Kopf stellen möchten, längst den Wunsch geäußert, dort ein Theater, und wer weiß was noch sonst, zu errichten. Nun daraus wird mit Gottes Hilfe nichts werden. So ein lästerlicher Gedanke kann nur leichtsinnigen Hitzköpfen entspringen; noch ist Israel für dergleichen nicht zu haben. Wird denn aber Jemand in Israel überhaupt der Sache näher treten? — Vieleicht geben vorstehende Zeilen einen Ansporn dazu. und Nachrichten. orrespondenzen Deutsches KeUh. Frankfurt a. SD}-, 6. Jan- Nach dem Muster von Berlin und Breslau ist nunmehr auch, in Frankfurt a. M. an die Errichtung einer „P e a h" (Brockensammlung) herangeaangen worden. Die hiesige Ortsgruppe des „Verbandes der Sabbatfreunde", sowie der „Jüdische Frauenverein" E. V. sind mit einem Aufruf ilt die Oeffentlichkeit getreten, dem sich eine große Zahl Damen und Herren aus den besten jüdischen Kreisen durch ihre Unterschrift angeschloffen haben. Wie bei dem warmen sozialen Befinden unserer hiesigen jüdischen Bevölkerung nicht zu bezweifeln war, hat dieser Apell einen starken Widerhall gefunden. Da die „Peah" Jahresbeiträge nicht erhebt, sondern ihre Kosten aus ihren Erträgnissen bestreiten will, so ist sie zur Deckung der nicht unerheblichen Einrichtungsnnd Propagandakosten auf einmalige Spenden angewiesen, die auch schon entsprechend eingegangen sind. In der Hauptsache handelt es sich natürlich bei der „Peah" um die Zuwendung alles überflüssig gewordenen Hausrates, als Kleidungsstücke, Wäsche, Schuhwerk oe., Möbel, Betten, Vorhänge, Teppiche ecv Wirtschaftsgeräte, Eisenzeug, Kinderspielzeug n'., Staniolkapseln, Korke, Bücher, Flaschen?e., Papier, Zeitungen, Briefmarken, Verpackungsmaterial ee., einerlei ob in brauchbarem oder unbrauchbarem Zustande. Das Geschäftslokal der „Peah" befindet sich All erheiligen straße 40, Seiten bau links,' Telefonanschluß 5070. Daß der Betrieb an Sabbatheu und israelischen Feiertagen ruht, bedarf als selbstverständlich keiner besonderen Hervorhebung. Es ist bereits heute eine Anzahl arbeitsloser Kräfte beschäftigt, und es steht zu erwarten, daß bei weiterer Entwicklung eine recht große Zahl jüdischer Arbeitskräfte durch die „Peah" Beschäftigung findet, während durch den Verkauf der Sachen, die an Bedürftige abgegeben werden, diesen die erwünschte Gelegenheit geboten ist, ihren Bedarf zu minimalen Preisen zu decken. Wir können daher eine Unterstützung der „Peah" nur auf das Angelegentlichste empfehlen und bemerken ausdrücklich, daß Postkarte oder telephonischer Anruf unter 5070 genügen, um die schleunige kostenlose Abholung alles überflüssig gewordenen Hausrates zu bewirken. Zusendungen von auswärts, unter vorherigem Avis, mit Angabe der Gegenstände nach Art und Zahl, sind erwünscht. €in offener Brief an die Bugsburger Reformheroen. München, 24. Dezember. Die rührige Leitung der Münchener Orthodoxie richtet an die Arrangeure der Augsburger „liberalen Vereinigung" folgendes offene Schreiben : An .Herren Instizrat B a n e r und Genossen Augsburg. Geehrte Herren! Mit Ihrenr Rundschreiben voin 1 <>. November haben Sie erneu Aufruf an die Mitglieder der dortigen mui tusgemeinde behufs Gründung einer Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland gerichtet. Inwieweit die in diesem Programme niedergelegten Grundsätze geeignet sind, das dortige Gemeinde leben „vor Versumpfung zu bewahren", und denselben dre Ihiren nötig erscheinenden „neuen Impulse und Anregungen" zu verschaffen, entzieht sich uitiear Kenntnis. Wir stimmen aber mit Ihnen darin völlrg übereiir, das; die „historische Bedeutung der Augsburger Synode", über deren Wirkungslosigkeit die Gr schichte längst ihr Urtext gefällt hat, in der lat der Augsburger Gemeinde das nobile ot'tüium auferlegt, auch seht wieder, wo es sich darum handelt, im Weilte der Augsburger Synode weiter zu arbeiten und „überlebte, zeitliche Erscheinungsformen zu verändern oder abznstreisen", bahnbrechend und führend au der Spine des nengefchaffenen „liberalen" Judentums tu T ent ich land zu marschieren. Mit innigem Bedauern Haber, wir aus ihrenr Rundschreiben vom <>. November von der „außergewöhnlich hochgradigen Gleichgültigkeit" .üenntnis genommen, welche die Mehrzahl Ihrer Gemeindeangehörigen trotz alles Liberalismus uild ungeachtet aller Ihrer Bemühungen, an Stelle des positiven Judentums den Sinn für die Wissenschaft des Judentums zu pflegen, Jhrxn Bestrebungen exrtgegenbriugt, uild welche Ihren dortigen „Bereiir für jüdische Geschichte und Literatur" vor die.Gefahr einer denrnächstigen Auflösung stellt. Wir würdigen voll ständig die „unerquickliche nnd deprimierende Lage", in welche Sie eine derartige Tatsache versetzt. Es muß in der Tat ein niederdrückendes Gefühl für Sie sein, das; der Geist und die Tendenzen jener Synode, die „zur Zeit des Bölkerfrühlings" in Augsburgs Mauern tagte, die Augsburger Gemeinde nicht vorder jetzt atur gewordenen Gefahr der „Versumpfung" bewahrte, uird wir bezweifeln nicht im Mindest..'», das; die von Ihnen angebahnte „Ausgestaltung" des Judentums diese Gefahr beseitigen, neue „Begeisterung" weckeir, und neue „werbende straft" dem Augsburger Judentum zuführen wird. Hegen wir somit für diese Ihrr Bestrebungen volles Verständnis, so müssen wir doch, — und dies .ist der Zweck unseres offenen Schreibens, — ^uf das Schärfste Verwahrung einlegen gegen die Angriffe, mir welchem Sie Ihren Aufruf zur Begründung einer liberalen Renaissanceperiode innerhalb der Augsburgs" Indenschaft einleiten, und mit welchen Sie nach den uns gewordenen Mitteilungen Ihr Referat in Ihrer tonstiluierenden Versammlung vom 29. November schmückten. Sic schreiben in Ihrem Ausrufe voll einer „energischen Abwehr der in den letzten Jahren immer bedenklicher gewordenen Uebergrifse der Orthodoxen und ihrer maßlosen Ansprüche". Sa Augsburg nur wenig orthodoxe Glaubensgenossen zählt, und zum Mindesten seitens derselben „Uebergrifse" schwerlich bisher vorgekommen sein dürsten, so kann sich Ihr Hinweis aus die „bedenk1iche,r lichen Uebergrifse und maßlosen Ansprüche" der bösen Orthodoxen mu auf die Aktion beziehen, die die orthodoxen Vereinigungen in München und Nürnberg im Vorjahre zum Schutze ihrer Existenzbedingungen unternehmen mußten. Wir beklagen es auf das Tiefste, daß Sie sich dazu hinreißen ließen, eine derart unberechtigte und den Tatsachen nicht entsprechend.; stritik an diesem unseren Vorgehen, das der Verteidigung unserer heiligsten Güter gewidmet war, zu üben. Angesichts der voll Ihnen konstatierten „(Gleichgültigkeit" Ihrer dortigen Glaubensgenossen erachten wir eS aber als lrotwerrdig, den von Ihnen in der Bersammlüng vom 29. November unrichtig iriGrncherren Mitgliedern der dortigen stultusgemeinde hiermit stenntnis von den Forderungen zu geben, die wir in Tenklchrift vom 29. August 1907 dem bayerischen stut tusministerium zur Wahrung unserer religiösen lieberzeugung uird zum Schutze der Gewissensfreiheit unter Inviteton, und deren beide Hauptpunkte sich mit fene,l Forderungen decken, die der hervorragendste politische Iührer der Vereinigung für das liberale Judentum in Seutschland, Herr Instizrat Sr. Blau in Iran!- surr, tu Ar. 2 der Mitteilungen für das liberale 31,teutum als Pflicht und Aufgabe aller jener Großgemeinden be,zeichnete, die Anhänger verschiedener Rrckitriiigen zu ihren Mitgliedern zählen. Wir baten damals das Ministerium 1. Um Schaffung eines Rechtsbodens für unsere o rrhodoxen Gotteshäuser. 2. Um Sicherung einer bescheidenen Beitragslristuno seitens der in ihrer Mehrheit neologen stultnSgemeinden für den Unterhalt der traditionellen Gotteshäuser. 0. Um Revision des 95» Jahre alten Iudenedikts von IS 13. l. Um Einführung der Proportionalwahl in den israelitischen Großgemeinden. Wir erlauben uns nun an sämtliche verchrlichc Mitglieder der Augsburger Gemeind« die Anfrage zu richten: Sind diese Iorderungen „maßlose Ansprüche" oder gar „Uebergrifse" der Orthodoxen, oder sind c s nicht viel m e h r Postulat«, die jeder iv i r k l i ch L i b e r a l e f r e « ö i g nute r schreib e n w i r b V Saß unsere Iordernngen keine „maßlosen Und^ bedenklichen" sind, sondern dem Geiste der Gerechtigkeit und (Gewissensfreiheit entsprechen, wurde überdies von einer Instanz anerkannt, vor deren Autorität sich ivohl auch die Begründer der Augsburger Ortsgruppe für das „liberale" Judentum beugen dürften. Wir verweisen in dieser Beziehung aus den in Rr. 193 der „Augsburger Abendzeitung" abgedruckten. Bericht über die Iinanzausschußsitzung des bayerischen Landtags vom 11. Juli v. I., auf die einschlägigen Erklär ringen der Iührer der Liberalen Bayerns, der Herren Abgeordneten Dr. Eafselmann und Professrr Sr. Günther, sowie auf die Darlegungen des Referenten für den bayerischen stultusetat, Domkapitular Dr. Schaedler, in der Landtagssitzung vom 3. August. Bergl. Stenogr. Bericht der Verhandlungen der Kämmer der Abgeordneten Seite 0-11—543). Es erschien uns als ein Akt der Notwehr, Ihre Gemeindemitglieder über diese tatsächlichen Verhältnisse arrfzuklären. Im Uebrigen überlassen wir es gerne der Augsburger Gemeinde, die in Ihrer tonstiluierenden ' Versammlung vom 28. November ausgestellten Programmpunkte in die Tat umzusetzen. mit dem „Gerümpel" der veralteten Satzungen nnd des veralteten Gottesdienstes völlig „anfzuräuir.cn", wie wir auch Ihrem Herrn Seelsorger die Verantwortung vor sich, vor seiner Gemeinde und vor sernen Ämtsgenossen überlassen, seine Ausführungen in Ihrer jüngsten Versgmmlung mit den in seinem Lehrbrxche der israelitischen Religion (Dr. heiur. Groß, Verlag I. stauchmann, Frankfurt a. M. 1904) inedergelegten Anschauungen über Begriff und Wesen unserer Religion, über die Offenbarung und über den jüdischen Gottesdienst in Einklang zu bringen. Mit vorzüglicher Hochachtung! Die Vorstandschaft des orthodoxen Shnagogenverep.rS „Ohel Jakob": Sigmund I r a e n k e t, Sigmund F e un ch t w a n r, 1. Vorsitzender. 1. Schriftführer.